Die Klinik

Bildinterpretation

Therapeut: „Was sehen Sie in diesem Bild?“

bildinterpretation
Das Bild

Ich: „Da gibt es nichts zu sehen. Das ist ein abstraktes Bild mit Farben. Bunt.“

Therapeut: „Oft sind unsere Gefühle tief im Unbewussten verborgen. Wenn Sie sich etwas mehr Mühe geben, können wir spielerisch einen Zugang schaffen.“

Ich (lautlos in Gedanken): „So so, du psychosomatisches Therapeuten-Bürschchen willst spielen? Also gut, spielen wir ein Spiel!“

Ich (laut): „Rechts stürzt sich das letzte blaue Fischlein in den brodelnden Höllenschlund, verzweifelt und von der Einsamkeit gebrochen, weil alle anderen seiner Art an Maul- und Flossenseuche gestorben sind.“

Therapeut: „Was noch?“

Ich: „In der Mitte versucht ein verhungernder weißer Hai, das Fischlein zu erwischen. Auf dem Rücken des Hais trommelt die irre Hexe ihren Todestanz.“

Therapeut: „Sehen Sie noch mehr?“

Ich: „Links sieht man noch den Schatten einer Ente, die vom Blitz einer Atombombe pulverisiert wurde.“

Therapeut: „Was macht das mit Ihnen?“

Ich: „Das macht mich richtig fertig! Das ist alles so sinnlos.“

Therapeut: „Haben Sie schon mal daran gedacht, sich selbst etwas anzutun?“

Ich: „Bisher noch nicht, aber das ist eigentlich gar keine so schlechte Idee. Ich denke mal drüber nach.“

Der Therapeut macht sich mit hochgezogenen Augenbrauen Notizen und beendet das Gespräch. Abends kann ich in der Raucherecke eine Tagesration Stimmungsaufheller gegen Schokolade eintauschen.

Entspannung

In der Entspannungsrunde liegen alle Teilnehmer einfach nur auf einer Matte und hören der beruhigenden Stimme der Therapeutin zu, die eine Phantasiegeschichte erzählt. Es geht um einen karibischen Strand mit Sonne und Wellen. Eine einfache Übung, könnte man meinen. Wenn nur diese Gedanken nicht wären. Nach fünf Minuten beginnen die ersten Schnarchgeräusche. Ich bin dankbar für die Geräuschkulisse, denn in meinem Darm fordern die Bohnen vom Mittagessen ihren Tribut.

Tischgespräche (6)

Horst: „Guten Morgen, meine Damen und Herren, und herzlich willkommen bei der jährlichen Hauptversammlung der kommunistischen Einheitspartei. Ich möchte die Genossinnen und Genossen darauf hinweisen, dass die Fünf-Jahres-Pläne unbedingt über zu erfüllen sind!“

Pokerface: „Morgen.“

Ich: „Morgen.“

Infra (kommt mit zwei voll beladenen Tellern vom Frühstücksbuffet): „Es gibt kaum noch Honig! Hoffentlich ham die noch was in der Küche.“

Horst: „-“

Pokerface: „-“

Infra (schiebt sich schnaufend das erste von vier Brötchen in den Mund): „-“

Ich: „Horst, wie alt bist du eigentlich?“

Horst: „Ich werde bald fünf Jahre alt.“

Pokerface: „?“

Infra (mit vollem Mund): „Häh, spinnsch du jetschd?“

Ich: „Jetzt mal echt! Wie alt bist du wirklich?“

Horst: „Ja, ich werde tatsächlich bald fünf Jupiterjahre alt. Der Jupiter dreht sich nämlich viel langsamer um die Sonne als die Erde.“

Pokerface: „-“

Ich: „-“

Infra: „Die Planeten drehen sich sowieso alle immer schneller um die Erde. Des isch ein sicheres Zeichen dafür, dass die Welt bald untergeht. Steht im Koran.“

Horst: „Auf der Erde vergehen etwa zwölf Jahre, bis der Jupiter sich einmal um die Sonne gedreht hat.“

Pokerface: „-“

Ich: „Also wirst du bald Sechzig, oder wie?“

Infra: „Deshalb ess ich auch immer so viel, weil nicht mehr viel Zeit übrig bleibt, bevor die Welt untergehn tut.“

Horst: „Dafür dauert ein Tag auf dem Jupiter nur zehn Stunden.“

Pokerface: „-“

Ich: „Bist du Hobbyastronom oder woher weißt du das alles?“

Infra: „Und dann kommen alle Menschen ins Fegefeuer. Und dann kommsch du entweder ins Paradies oder in die Hölle.“

Horst: „Der Saturn braucht noch länger für einen Sonnenumlauf als der Jupiter.“

Pokerface: „-“

Ich: „Kann ich mal den Zucker haben?“

Infra (belegt ein fünftes Brötchen mit zwei Packungen Butter, drei Scheiben Käse, Honig und Gurken, wickelt es in eine Papierserviette ein und steckt es in ihre Jackentasche. Der Honig tropft über ihre Jacke): „Aber ins Paradies kommen nur die Menschen, die wo nicht böse sind, weil die Bösen kommen nämlich in die Hölle.“

Horst: „Das dauert dann etwa 29,5 Erdenjahre bis auf dem Saturn ein Jahr vergeht.“

Pokerface (reicht mir den Zuckerspender): „-“

Ich (wische mir die Hand an der Serviette ab, weil der Zuckerspender mit Honig verklebt ist): „Danke.“

Infra: „Des entscheidet sich im jüngschte Gericht, ob du ins Paradies darfsch oder in die Hölle musch. Da werden nämlich deine Organe befragt, die sprechen dann für sich. Deine Leber weiß ganz genau, wann du heimlich Alkohol getrunken hasch, obwohl des im Koran verboten isch. Und wenn du ein böses Herz hasch, dann kommt des da raus, egal wie oft du beten tusch.“

Horst: „Ein Tag auf dem Saturn dauert aber nur 11 Stunden.“

Pokerface: „-“

Ich: „-“

Infra: „Im Paradies isch alles schön. Da sind nur die Guten. Und es gibt kein Klo. Die Menschen im Paradies müssen auch nie auf Klo, die dünsten des alles durch ihre Haut aus.“

Horst: „Auf dem Mond dauert ja bekanntlich ein Tag so lange wie 29,5 Erdentage.“

Pokerface (wieder mit leicht zuckendem rechten Mundwinkel): „-“

Ich: „-“

Infra: „Deshalb mussten ja auch Adam und Eva aus dem Paradies raus. Weil die einen Apfel gegessen ham, wo sie nicht durften, und dann mussten sie auf Klo. Wahrscheinlich war der gespritzt und die hatten dann Durchfall.“

Horst: „-“

Pokerface: „-“

Ich: „-“

Infra: „Ich wär froh, ich hätte Durchfall. Dann könnt ich mehr esse und würd trotzdem nicht fetter werden.“

Horst: „-“

Pokerface: „-“

Infra: „-“

Ich: „-“

Horst: „-“

Pokerface: „-“

Ich: „Und in der Hölle, wie ist es da so?“

Infra: „In der Hölle gibt es auch kein Klo. Da scheißen die bösen Menschen einfach in die Ecke, darum stinkt des dort fürchterlich. Und es gibt nur warmes Wasser zum Trinken. Und zum Essen gibt es Eiter.“

Horst: „Mahlzeit!“

Pokerface: „-“

Ich: „Ich bin satt. Will Jemand meinen Vanillequark?“

Infra (nimmt meinen Vanillequark, kippt ihn auf ihren Teller und schlabbert ihn weg): „Du tusch immer so wenig esse! Ich war heute wieder beim Doktor, dass der mir Abführmittel und Appetithemmer verschreibt. Aber der sagt bloß, ich soll halt weniger esse. Dabei seht ihr ja selbst wieviel ich esse. Und ich war noch nicht auf Klo, seit ich hier bin. Ich weiß gar nicht wo des alles hin isch.“

Horst: „-“

Pokerface: „-“

Ich: „vielleicht ausgedünstet?“

Infra (wischt mit den Händen die Reste von Butter, Vanillequark und Honig von ihrem Teller und verteilt die süße Pampe in ihrem Gesicht und auf ihrem Dekolletee): „Ich hab schon drei Kilo zugenommen seit ich hier bin, bloß weil der mir nix verschreibt. Aber des isch mir egal, dann werd ich eben noch fetter.“

Horst: „-“

Pokerface: „-“

Ich: „Was machst du da?“

Infra: „Des isch gut für die Haut. Müsst ihr auch mache!“

Horst (starrt mit offenem Mund ins honigverschmierte Dekolletee von Infra, das nur unzureichend ihre wassermelonenförmigen Brüste verhüllt): „-“

Infra: “Was glozsch du so blöd? Schau erstmal in den Spiegel!“

Pokerface (mit zwei heftig zuckenden Mundwinkeln): „-“

Ich (fassungslos): „-“

Infra verlässt den Speisesaal. An ihrem Nasenflügel bahnt sich ein glitschiger Tomatenkern seinen Weg durch die Honig-Butter-Vanillequark-Pampe. Ihre Haare kleben wirr im Gesicht. Aus ihrer Jackentasche tropft der Honig und hinterlässt eine Spur auf dem Boden.

In diesem Moment beschließe ich, das Küchenpersonal zu bestechen, um eine Versetzung an einen anderen Tisch zu bekommen. Zur Not gebe ich mich auch mit einem Einzeltisch zufrieden. Vielleicht versuche ich die Kommunikation mit meinem Lehmklumpen zu reaktivieren; das scheint mir immer noch geistreicher als die Konversation an Tisch 14. Daher kann ich leider keine weiteren Berichte über die Tischgespräche liefern. Schade eigentlich, aber meine Therapeutin sagt, ich müsse mich um meine eigenen Bedürfnisse kümmern.

22 Kommentare zu „Die Klinik“

      1. Auch Lehrer sind nur Menschen. Gerade in Deutsch braucht man den, dem der Stil zu schreiben gefällt. Ich hatte jahrelang eine Deutschlehrerin, die meinen Stil liebte und dann kam so einer im Trachtenanzug, da war ich ganz schnell von 1 auf 4…😉

        Gefällt 1 Person

  1. Hi Marco,
    sehr lustige Geschichte, ich hatte viel Spaß beim Lesen.
    Schön, dass Du in dieser Klinik auch irgendwie Deinen Spaß hattest.
    Liebe Grüße,
    Petra

    Gefällt 1 Person

  2. So, eben habe ich deine Geschichte fertig gelesen. Die beste therapeutische Maßnahme, da belustigend (lachen ist gesund…) und abschreckend zugleich. Da überlegt man sich das zweimal mit dem Burnout… 😉

    Gefällt 1 Person

  3. Ich kenne derlei Kliniken durchaus auch von innen. Wobei mir eingangs auffiel: Reha(bilitation)sklinik zur (Irgendwas, hier Burnout)Prophylaxe? Da hat sich ein gewisser Widerspruch eingeschlichen. Absicht des Autors oder Fehler der Rentenversicherungsträger?
    Und ja, man erlebt allerlei. Mit Patienten, mit Personal, mit dem bekannten Alltagsgespenst, das sich strikt nach Herrn Murphys Gesetzgebung ausrichtet, dabei aber oft eine schräge Art von Humor entwickelt. In dem Fall schon das verfallende Gemäuer nebenan. Das Stöhnen im Keller wird ja vermutlich von einst dort vergessenen Patienten kommen. Aber inzwischen werden die sich ja dran gewöhnt haben, besser nicht nachschauen.
    In „Als ich in jenem Dorfe lebte“ (Warnung vorangestellt, das ist sehr lang) darf der Arzt irgendwelche Chakren suchen. Bei mir war das anders. Die lernte ich in einer solchen Klinik kennen und benannte der, freilich in ganz anderem Ambiente, ausübenden altindischer Körperweisheiten meine diesbezüglichen, schulmedizisch – nüchtern -europäischen BEdenken. Es wurde dann noch ganz lustig, genauso mit dem Nadelmann, der unbedingt meinte, er müsse mir irgendwelche Piekser versetzen und mich aussehen lassen wie eine weitere Figur in so einem amerikansichen Horrorfilm.

    Gefällt 1 Person

    1. Dann kannst du meine Erlebnisse ja gut einordnen, wenn du auch die andere Seite kennst 😁. Das Fachpersonal war jedenfalls ganz begeistert von meinem Bericht. Der vermeintliche Widerspruch mit der Prophylaxe in einer Reha-Klinik war übrigens kein Fehler sondern eine Innovation. Sich helfen lassen, bevor es einen völlig umhaut, ist sehr sinnvoll.

      Like

      1. Absolut sinnvoll! Bloß müßte man die Kliniken umbenennen. Prophylaxe hat in unserer Welt ohnehin zu wenig Stellenwert, egal ob Klimawandel, Abrüstung (ich weiß, das ist derzeit ein bäh-Wort), Umweltschutz, Gesundheit… Wie wär’s mit Prophylaxitionsklinikum? Prophylaxation klingt noch blöder, Noch mal nachdenken…

        Gefällt 1 Person

  4. Neue Erfahrung, wenn auch diesmal nicht die Eigene: Wer krank wird, wird aus der RehaKLINIK rausgeschmissen. Schon so ein kleiner, allgemein bekannter (außer bei denen, die ihm grundsätzlich die Existenz absprechen und auch sonst meist in einer selbst zusammengezimmerten Welt leben) Virus genügt… Womit begründen die eigentlich den Begriff Klinikum?

    Gefällt 1 Person

  5. Ahh, ich habe Volleyball immer gehasst und musste bei deiner Spielbeschreibung so lachen, dass mein Mann sich schon anfing, Sorgen zu machen. Dann wollte ich ihm das vorlesen, ging nicht, weil ich so lachen musste. Solltest du irgendwann ein Buch rausgeben, sag Bescheid. Ich kauf‘s.

    Gefällt 1 Person

    1. Oh danke, danke. Wenn ich deine Lachmuskeln ein wenig trainieren konnte, dann hat sich das Schreiben gelohnt. Ein Buch hab ich bisher nicht geplant, aber es gibt auf meinem Blog ja noch jede Menge andere Geschichten.

      Like

Hinterlasse einen Kommentar