Zusatzkunst 3D
Heute freue ich mich auf meine erste Stunde in „Zusatzkunst 3D“. Ich stelle mir etwas mit Computerspielen und dreidimensionalen Geometrien vor. Vielleicht 3D-Puzzles machen, am 3D-Drucker MC Eschers unmögliche Welten ausdrucken oder Tetris spielen. Es entpuppt sich dann aber als Töpferkurs. Ich hasse Töpfern.
Die erste Stunde verbringe ich im Vermeidungsmodus mit dem Ausmalen eines Mandalas. Das erinnert mich an unbeschwerte Kindergartenzeiten. Die Stunde geht vorbei, aber so richtig befriedigend ist das auf Dauer dann doch nicht.

Als mir bewusst wird, dass ich mich soeben eine Stunde lang auf dem geistigen Niveau eines Dreijährigen bewegt habe, beschließe ich, dass es Zeit für eine Richtungskorrektur ist. Also freunde ich mich wohl oder übel doch mit dem Lehmeimer an.
Man hat die Wahl zwischen rotem, weißem und schwarzem Lehm. Ich entscheide mich nach reiflicher Überlegung für den roten, was die Ergotherapeutin als gute Wahl einstuft. Warum, wird mir nicht klar.
Dann soll ich den Klumpen Lehm in irgendeine Form bringen, die mir gefällt. Ich drücke lange unentschlossen auf meinem Lehmklumpen herum. Kreativität war noch nie meine Stärke. Wenn ich eine gerade Silikonfuge ziehen soll, ziehe ich eine gerade Silikonfuge und wenn ich nach Anleitung ein Gartenhaus bauen will, dann baue ich das Gartenhaus. Aber einfach so aus dem Nichts heraus irgendetwas zu formen? Schwierig.
Mir gegenüber sitzt Renzo, ein Schrank von Mann mit Schultern so breit, dass er sich seitwärts drehen muss, um durch die Tür zu kommen. Sein ganzer Körper ist bedeckt mit Tattoos, sein Haar hat er zu einem Zopf gebunden. Renzo hatte als Türsteher und Raußschmeißer für diverse Clubs gearbeitet, bis die Sache mit dem „verfickten Arschloch“ passierte. Was genau passierte, erfahre ich nicht, auch nicht, wie es dem „verfickten Arschloch“ jetzt geht. Aber seit Renzo aus dem Knast entlassen wurde, findet er keine Arbeit mehr und die Reha soll ihn nun wieder für das Arbeitsleben fit machen. Renzo arbeitet hingebungsvoll an zwei niedlichen Ton-Herzen, die ineinander verschlungen sind und in seinen mächtigen Pranken sehr zerbrechlich wirken.
Rechts neben mir malt eine ältere Frau mit einem winzigen Pinsel hochkonzentriert einen Ton-Engel an, der ein Herz in seinen Händen hält. Links neben mir arbeitet eine andere Frau an einem filigranen mehrfarbigen Ton-Ensemble aus zwei spielenden Katzen und einem Schwan, der in einem Teich mit Seerosen schwimmt.
„Bei mir war es am Anfang auch schwer, aber jetzt hab ich meine Erfüllung gefunden“, tröstet sie mich. „Seit fünf Wochen arbeite ich daran, das wird ein Geschenk für meine Tochter. Morgen muss ich es brennen lassen, weil ich nächste Woche nach Hause gehe.“
Sie strahlt mich glücklich an. Ich beglückwünsche sie zu ihrem Glück, aber bei meiner eigenen Aufgabe hilft mir das auch nicht weiter.
Die Therapeutin erkennt wohl meine missliche Lage und gibt mir Hilfestellung: „Wenn das in ihrer momentanen Situation für Sie passt, dann können Sie einfach mal hören, ob der Lehm zu Ihnen spricht. Seine Form steckt schon in ihm, Sie müssen nur herausfinden, was er sagt. Wenn sich das für Sie jetzt gerade nicht stimmig anfühlt, können Sie auch einfach weiter das tun, wozu Sie gerade Lust haben.“
Ich höre nichts. Entweder ist mein Lehmklumpen stumm oder ich verstehe seine Sprache nicht. Ein klassisches Sender-Empfängerproblem der Kommunikation, wobei es wie immer nicht klar ist, ob das Problem eher beim Sender oder beim Empfänger liegt. Ich persönlich hätte mir eher Sorgen gemacht, wenn mein Klumpen plötzlich mit mir gesprochen hätte.
„Hallo Marco, hier spricht dein Klumpen!“
„Hallo Klumpen, was geht?“
Die geschlossene Psychiatrie ist hier nur wenige Schritte entfernt im Nebengebäude.
Nach einer halben Stunde hat der Klumpen immer noch die Form eines Klumpens, also eher keine Form. Die Therapeutin springt mir wieder mit nützlichen Ratschlägen bei: „Wenn Sie den Lehm berühren, berührt er auch Sie. Hören Sie tief in sich hinein und finden Sie heraus, welche Gefühle der Lehm in Ihnen auslöst.“
Ich horche.
Mit Gefühlen kenne ich mich dank TKS inzwischen hervorragend aus. Und tatsächlich, ganz hinten in einer verstaubten Ecke meiner Seele rührt sich etwas. Etwas Dunkles bewegt sich im Schatten. Es fühlt sich an wie Unzufriedenheit darüber, dass ich für einen Töpferkurs angemeldet wurde, obwohl ich Töpfern hasse. Ein wenig Frustration schwingt aber auch noch mit, weil ich offenbar der Einzige im Raum bin, der nicht mal einen Hauch von Kreativität besitzt. Dann beginnt das dunkle Gefühl, rot zu leuchten. Da entsteht Ärger über diese ganze Situation und grüner Neid auf die anderen Teilnehmer, die hier wahre Meisterwerke auf den Tisch töpfern, als ob es das Normalste auf der ganzen Welt wäre. Schließlich moduliert der Ärger in dunkelrote Wut, die in blanken, hellgelb lodernden Hass umschlägt. Mordlüsterner, zerstörerischer Hass auf diesen bescheuerten, fiesen Matschbollen, der mir seine Form einfach nicht verraten will!
„Spüren Sie schon etwas?“, erkundigt sich die Therapeutin in freudiger Erwartung.
„Hm, Na ja. Ich spüre da schon etwas, aber…“, beginne ich.
„Stop, nichts sagen“, unterbricht sie mich. “Jetzt geben Sie sich ganz diesem Gefühl hin und geben ihm eine passende Form. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Machen Sie einfach das, was ihre Gefühle Ihnen sagen.“
Ich gebe mich meinem Gefühl hin. Ich klatsche den Bollen mit Wucht auf den Tisch und brülle: „Nimm dies und verrecke, du verfluchter Dreckbollen!“
Die Frau rechts neben mir zuckt heftig zusammen und stöhnt auf. Ihr Engel hat jetzt einen blauen Streifen quer über seinem Gesicht.
Renzo hält schützend eine Hand über seine Herzchen und zeigt drohend mit dem Zeigefinger der anderen Hand zu mir rüber. „Alter, du solltest dringend an deinem Aggressionsproblem arbeiten, sonst nimmt das ein übles Ende!“, ermahnt er mich.
Die Ergotherapeutin ist der Meinung, dass ich auf einem guten Weg bin. Nun sei es an der Zeit, mich auf die Suche nach den positiven Gefühlen zu machen, meint sie. Dazu soll ich mir eine Schüssel mit Wasser holen und den Lehm ordentlich anfeuchten. Dann soll ich den Rest der Stunde einfach die schmeichlerische Konsistenz des nassen Lehms erfühlen, ihn streicheln und beobachten, was das in mir auslöst. Das klingt machbar.
Nach zehn Minuten intensivem Lehmstreichelns löst der Geruch des Schmodders tatsächlich etwas in mir aus: einen unwiderstehlichen Niesreiz. Da beide Hände mit dem nassen Lehm verschmiert sind, drehe ich mich um und niese einen Orkan in ein Regal voller Origami, die daraufhin wild durcheinander purzeln. Die Niesattacke ist so heftig, dass ich rückwärts gegen meinen Tisch katapultiert werde. Dabei kippt die Schüssel mit dem Wasser um, das auf den Schwan meiner Nachbarin schwappt. Als ich mich wieder umdrehe, bricht gerade der Hals des Schwans ab und stürzt auf die Seerosen, die sich nun in einer Wasserpfütze langsam auflösen.
Ich werde schnell mit der Therapeutin einig, dass ich keine weiteren Termine in Zusatzkunst 3D besuchen werde – eine Lösung, von der alle Seiten nur profitieren können. Beim Rausgehen höre ich das hysterische Heulen meiner Nachbarin, die sich in Tränen auflöst, genau wie ihre Tonfiguren.
„Fünf Wochen…“, schluchzt sie.
„Tief in den Bauch atmen!“, höre ich die Stimme der Therapeutin. Ich schaue, dass ich schnell Raum gewinne und verlasse das Gebäude, bevor Renzo seine Hände abgetrocknet hat.
Tischgespräche (5)
Infra: „Glaubsch du an Gschbenschder?“
Pokerface: „?!“
Ich: „?!“
Horst: „Wie bitte, ich habe deine Frage wohl nicht verstanden?“
Infra: „Ob du an GE – SCHPENSCH – DER glaubsch? Geischder, Untote und so, weisch du was ich meine?“
Pokerface: „-“
Ich: „-“
Horst: „Nun ja, in einem Edgar Wallace Krimi, der auf einem englischen Schloss spielt, mögen Gespenster ja ganz putzig aussehen, aber im echten Leben gibt es keine Gespenster.“
Infra: „Doch, doch, doch, die gibt es. Wirklich. Hab ich im Fernsehen gesehen.“
Pokerface (zeigt auf den Salzstreuer): „-“
Ich (reiche den Salzstreuer zu Pokerface rüber): „-“
Horst: „Ich weiß ja nicht, was du für Sender schaust, aber…“
Infra: „Die ham in lauter so leer stehende Häuser heimlich gefilmt, also ohne dass die Geschpenschder davon was mitgekriegt ham. Die schlafe nämlich am Tag. Und da waren auch Zeugenaussagen, von Leute, die des alles genau gesehen haben. Die ham des alles bezeugt.“
Pokerface: „-“
Ich: „-“
Horst: „-“
Infra: „Des sind halt so Seelen von Verstorbene, die sind irgendwie hänge geblieben. In so ner Zwischenwelt. Verstehsch du, was ich meine?“
Horst: „Aha, und was machen diese sogenannten Gespenster deiner Meinung nach in dieser angeblichen Zwischenwelt?“
Pokerface: „-“
Ich (leise murmelnd): „Jetzt bin ich aber mal gespannt.“
Infra: „Na, die wohnen in verlassene Häuser, weil da viel Platz gibt. Und dann geischtern die halt so rum, also die können ja auch durch Wand geischtern, ohne dass die sich aufschürfen tun. Die ham ja auch kein Blut mehr, da macht des denen überhaupt nix aus, auch wenn in der Wand ein rostiger Nagel isch, den wo man von außen gar net sieht, weil so tief in der Wand steckt. Aber esse könne die nix, deshalb isch dene immer langweilig. Und weil da ja sonst keiner wohnt, in dem verlassenes Haus. Deshalb isch des ja ein verlassenes Haus. Isch ja logisch, verstehsch du?“
Horst (mit wild hin und her zuckenden Pupillen): „Ähm.“
Pokerface (mit zuckendem rechten Mundwinkel): „-“
Ich (mit mühsam unterdrücktem Grinsen): „Klingt irgendwie logisch.“
Infra: „Und deshalb erschrecken die immer Mensche, weil dene immer so langweilig isch. Des ham die im Fernseher gesagt, und die Augenzeuge ham des bestätigt. Voll krass, gell?“
Horst: „Also, man soll ja Jedem seine eigene Meinung lassen, sagt meine Therapeutin…“
Pokerface: „-“
Ich: „-“
Infra: „Was meint ihr denn dazu, jetzt sagt ihr halt auch mal was!“
Pokerface (steht kopfschüttelnd auf): „Ich hol mir noch ein Brot.“
Ich (stehe ebenfalls auf): „Will noch Jemand Tee? Ich muss eh grad zum Buffet.“
Am Buffet treffe ich Renzo aus dem Töpferkurs, der mich wortlos mit stechendem Blick fixiert.
Hi, du schreibst verdammt gut! Hab mich grad gekringelt vor Lachen! 😉
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Oh Danke für die Blumen. Wenn das mein Deutschlehrer lesen würde, der mich von der fünften Klasse bis zum Abitur als unterdurchschnittlich eingestuft hatte. 😁
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Auch Lehrer sind nur Menschen. Gerade in Deutsch braucht man den, dem der Stil zu schreiben gefällt. Ich hatte jahrelang eine Deutschlehrerin, die meinen Stil liebte und dann kam so einer im Trachtenanzug, da war ich ganz schnell von 1 auf 4…😉
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Hi Marco,
sehr lustige Geschichte, ich hatte viel Spaß beim Lesen.
Schön, dass Du in dieser Klinik auch irgendwie Deinen Spaß hattest.
Liebe Grüße,
Petra
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Ja, manchmal muss man sich den Spaß einfach nehmen. Freut mich, wenn es dir gefallen hat.
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Sehr schön, dolle Geschichte. Ich werde dir in ein paar Wochen eine Linzertorte backen (lassen).
Gruß
Joe
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Da freu ich mich jetzt schon darauf.
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So, eben habe ich deine Geschichte fertig gelesen. Die beste therapeutische Maßnahme, da belustigend (lachen ist gesund…) und abschreckend zugleich. Da überlegt man sich das zweimal mit dem Burnout… 😉
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Ja, das stimmt wohl. Aber einen Effekt hatte der Aufenthalt: Ich habe gemerkt, dass ich eigentlich ziemlich normal bin. Ist ja immer relativ…😏
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Das stimmt, das war aber vergleichsweise nicht schwer, selbst wenn die Erzählung etwas ausgeschmückt war 😉
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Nun ja, ein bißchen redaktionelle Freiheit hab ich mir erlaubt, aber wirklich übertrieben hab ich in der Erzählung nicht.
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Auch nicht bei „Irma“ mit dem Essen im Gesicht?? Ich glaube, das fand ich irgendwie am seltsamsten…
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Auch wenn es dich schockt, aber die Essensszenen sind ziemlich nah an der erlebten Realität.🤪
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Oh manoman. Ja, es schockt. Dezent…
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Ich kenne derlei Kliniken durchaus auch von innen. Wobei mir eingangs auffiel: Reha(bilitation)sklinik zur (Irgendwas, hier Burnout)Prophylaxe? Da hat sich ein gewisser Widerspruch eingeschlichen. Absicht des Autors oder Fehler der Rentenversicherungsträger?
Und ja, man erlebt allerlei. Mit Patienten, mit Personal, mit dem bekannten Alltagsgespenst, das sich strikt nach Herrn Murphys Gesetzgebung ausrichtet, dabei aber oft eine schräge Art von Humor entwickelt. In dem Fall schon das verfallende Gemäuer nebenan. Das Stöhnen im Keller wird ja vermutlich von einst dort vergessenen Patienten kommen. Aber inzwischen werden die sich ja dran gewöhnt haben, besser nicht nachschauen.
In „Als ich in jenem Dorfe lebte“ (Warnung vorangestellt, das ist sehr lang) darf der Arzt irgendwelche Chakren suchen. Bei mir war das anders. Die lernte ich in einer solchen Klinik kennen und benannte der, freilich in ganz anderem Ambiente, ausübenden altindischer Körperweisheiten meine diesbezüglichen, schulmedizisch – nüchtern -europäischen BEdenken. Es wurde dann noch ganz lustig, genauso mit dem Nadelmann, der unbedingt meinte, er müsse mir irgendwelche Piekser versetzen und mich aussehen lassen wie eine weitere Figur in so einem amerikansichen Horrorfilm.
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Dann kannst du meine Erlebnisse ja gut einordnen, wenn du auch die andere Seite kennst 😁. Das Fachpersonal war jedenfalls ganz begeistert von meinem Bericht. Der vermeintliche Widerspruch mit der Prophylaxe in einer Reha-Klinik war übrigens kein Fehler sondern eine Innovation. Sich helfen lassen, bevor es einen völlig umhaut, ist sehr sinnvoll.
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Absolut sinnvoll! Bloß müßte man die Kliniken umbenennen. Prophylaxe hat in unserer Welt ohnehin zu wenig Stellenwert, egal ob Klimawandel, Abrüstung (ich weiß, das ist derzeit ein bäh-Wort), Umweltschutz, Gesundheit… Wie wär’s mit Prophylaxitionsklinikum? Prophylaxation klingt noch blöder, Noch mal nachdenken…
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Neue Erfahrung, wenn auch diesmal nicht die Eigene: Wer krank wird, wird aus der RehaKLINIK rausgeschmissen. Schon so ein kleiner, allgemein bekannter (außer bei denen, die ihm grundsätzlich die Existenz absprechen und auch sonst meist in einer selbst zusammengezimmerten Welt leben) Virus genügt… Womit begründen die eigentlich den Begriff Klinikum?
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Ahh, ich habe Volleyball immer gehasst und musste bei deiner Spielbeschreibung so lachen, dass mein Mann sich schon anfing, Sorgen zu machen. Dann wollte ich ihm das vorlesen, ging nicht, weil ich so lachen musste. Solltest du irgendwann ein Buch rausgeben, sag Bescheid. Ich kauf‘s.
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Oh danke, danke. Wenn ich deine Lachmuskeln ein wenig trainieren konnte, dann hat sich das Schreiben gelohnt. Ein Buch hab ich bisher nicht geplant, aber es gibt auf meinem Blog ja noch jede Menge andere Geschichten.
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Vortrefflich geschrieben! Ich erkenne gewisse Ähnlichkeiten zu meiner Kur 😉
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Danke. Das kann man nur mit Humor ertragen 😉
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