Musiktherapie
Gleich morgens um Acht steht die erste Stunde Musiktherapie auf dem Plan. Ich freue mich darauf, mal einfach so nach Herzenslust die vielen Instrumente auszuprobieren, die ich im Vorbeilaufen schon im Musikraum entdeckt hatte. Zu Beginn der Stunde erklärt der Musiktherapeut die Regeln. Wir gehen wertschätzend miteinander um, es geht nicht um Leistung, alles ist freiwillig, kein Druck, wer sich emotional überfordert fühlt, darf den Raum verlassen, bla bla bla kenn ich schon. Ich frage mich, was an Musik so kompliziert sein soll und harre voller Tatendrang der Dinge, die da kommen.
Dann darf sich Jeder ein Lied wünschen, das wir gemeinsam anhören. Ich enthalte mich, denn meine Lieblingslieder kann ich auch im Zimmer mit dem Kopfhörer in aller Ruhe anhören. Die Musikwünsche der anderen Teilnehmer sind alle in Moll gehalten:
„Nimm dir das Leben“ von Udo Lindenberg
„Eve of Destruction“ von The Chemical Brothers
„Join me in Death“ von Him
„Streets of Philadelphia“ von Bruce Springsteen
„The End“ von den Doors
Beim dritten Lied muss Sabine als Erste aus unserer Gruppe weinend den Raum verlassen. Als die Doors dran sind, wird die Schachtel mit Papiertaschentüchern reihum gereicht. Dann reden wir über die Gefühle, die die Lieder ausgelöst haben (natürlich nur schlechte Gefühle, welch Überraschung bei dieser Auswahl) und wünschen uns einen schönen deprimierten Tag. Die Instrumente verstauben derweil in ihren Halterungen und rufen mir beim Hinausgehen zu: „Schade, es wäre schön gewesen, mit dir zu spielen.“
Beim zweiten Termin übernehme ich die Initiative. Ich wünsche mir „Always look on the bright side of life“ von Monthy Python. Dann schlage ich eine Runde aktives Spielen mit den Instrumenten vor, was von den anderen Teilnehmern zögerlich bis unsicher ängstlich aufgenommen wird. Aber immerhin bekomme ich im Gegensatz zu Boris Johnson auf Anhieb eine Mehrheit im Parlament. Ich schnappe mir ein Cajon (so heißen die Sitzkisten, auf denen man trommeln kann) und gebe den Takt vor:
Bumm Bumm Tschak,
Bumm Bumm Tschak,
We will, we will rock you!
Bumm Bumm Tschak,
Bumm Bumm Tschak.
Nach und nach steigen die Anderen in der Runde mit ein. Nur Sabine traut sich nicht, sie hat Angst sich zu blamieren. Das sei völlig in Ordnung, meint der Musiktherapeut. Blödsinn, meine ich und stelle ihr eine Trommel vor die Beine. „Da sind deine Probleme drin, und jetzt hau drauf!“
Sabine haut drauf und sie hat eine Menge Probleme. Und dann geht im Musikraum U066 die Luzi ab, dass der Putz von den Wänden bröckelt.
In der Abschlussrunde sind alle ganz euphorisch. Sabine hat schon wieder Tränen in den Augen, diesmal vor Freude. So was Schönes habe sie schon lange nicht mehr erlebt, meint sie. Sie habe sich vorgestellt, dass die blöde Visage von ihrem Ex auf der Trommel fest getackert sei. Auf die Frage, wie sich das angefühlt habe, lächelt Sabine nur. Der Musiktherapeut ist positiv überrascht, dass in der Gruppe so viel Rhythmusgefühl und Energie steckt. Läuft.
In der nächsten Stunde dürfen wir uns aus einer kleinen exklusiven Auswahl von Instrumenten bedienen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben und ich komme zu spät. Es bleibt nur noch eine japanische Harfe übrig. Nun ist die Harfe das wohl mit Abstand unmännlichste Instrument, das man sich nur vorstellen kann. Ich schaue den Musiktherapeuten vorwurfsvoll an und denke: „Wenn Sie mich hier zur Lachnummer machen, bring ich Sie um!“
An der gerunzelten Stirn des Therapeuten lese ich seine besorgte Frage ab: „Können wir definieren, was genau Sie unter Lachnummer verstehen?“
„Was ist daran nicht zu verstehen?“, entgegne ich in Gedanken. „Wenn Sie mich zur Lachnummer machen, bring ich Sie um. Ganz einfach.“
In einer der nächsten Stunden darf ich an einer wunderschönen Erfahrung teilhaben, von der ich nicht gedacht hätte, dass so etwas überhaupt möglich wäre. Wir musizieren die ganze Stunde frei, aber in einer angeleiteten Struktur. Wir sollen anfangs zu sphärischen Klängen aus einer Schrutibox mitsummen und dann zu einem Lallen übergehen. Danach sollen die Rhythmusinstrumente einsetzen und wir schauen, was sich daraus ergibt.
Ich bin nach dieser Einführung zunächst skeptisch, denn das klingt doch etwas merkwürdig, aber unauffällig mitsummen bekomme ich hin. Mit Lallen durfte ich in meiner alkoholgetränkten Jugendzeit schon einige Erfahrungen sammeln und so bringe ich auch diesen Teil unbeschadet hinter mich. Dann kommt der Rhythmusteil. Ich sitze zum ersten Mal in meinem Leben an einem Schlagzeug und habe keine Ahnung, was ich machen soll. Nach einem etwas holprigen Beginn kommt die ganze Gruppe in einen Flow. Auch ich spiele, als ob ich seit Jahren nichts anderes gemacht habe. Es ist ein unbeschreibliches Erlebnis, wie diese Gruppe aus lauter „unmusikalischen“ Laien spielt und ohne Worte Rhythmus und Tempo fließend variiert. Einfach nur geil!
Beobachtungen (5)
Eine der jungen Psychotherapeutinnen macht so ein mitfühlendes, leidendes Gesicht, dass ich sie am liebsten in den Arm nehmen würde und ihr sagen würde, dass alles wieder gut wird. Ich kämpfe diesen Impuls aber nieder, denn so ein Rollenwechsel könnte Irritationen auslösen.
Hi, du schreibst verdammt gut! Hab mich grad gekringelt vor Lachen! 😉
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Oh Danke für die Blumen. Wenn das mein Deutschlehrer lesen würde, der mich von der fünften Klasse bis zum Abitur als unterdurchschnittlich eingestuft hatte. 😁
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Auch Lehrer sind nur Menschen. Gerade in Deutsch braucht man den, dem der Stil zu schreiben gefällt. Ich hatte jahrelang eine Deutschlehrerin, die meinen Stil liebte und dann kam so einer im Trachtenanzug, da war ich ganz schnell von 1 auf 4…😉
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Hi Marco,
sehr lustige Geschichte, ich hatte viel Spaß beim Lesen.
Schön, dass Du in dieser Klinik auch irgendwie Deinen Spaß hattest.
Liebe Grüße,
Petra
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Ja, manchmal muss man sich den Spaß einfach nehmen. Freut mich, wenn es dir gefallen hat.
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Sehr schön, dolle Geschichte. Ich werde dir in ein paar Wochen eine Linzertorte backen (lassen).
Gruß
Joe
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Da freu ich mich jetzt schon darauf.
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So, eben habe ich deine Geschichte fertig gelesen. Die beste therapeutische Maßnahme, da belustigend (lachen ist gesund…) und abschreckend zugleich. Da überlegt man sich das zweimal mit dem Burnout… 😉
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Ja, das stimmt wohl. Aber einen Effekt hatte der Aufenthalt: Ich habe gemerkt, dass ich eigentlich ziemlich normal bin. Ist ja immer relativ…😏
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Das stimmt, das war aber vergleichsweise nicht schwer, selbst wenn die Erzählung etwas ausgeschmückt war 😉
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Nun ja, ein bißchen redaktionelle Freiheit hab ich mir erlaubt, aber wirklich übertrieben hab ich in der Erzählung nicht.
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Auch nicht bei „Irma“ mit dem Essen im Gesicht?? Ich glaube, das fand ich irgendwie am seltsamsten…
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Auch wenn es dich schockt, aber die Essensszenen sind ziemlich nah an der erlebten Realität.🤪
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Oh manoman. Ja, es schockt. Dezent…
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Ich kenne derlei Kliniken durchaus auch von innen. Wobei mir eingangs auffiel: Reha(bilitation)sklinik zur (Irgendwas, hier Burnout)Prophylaxe? Da hat sich ein gewisser Widerspruch eingeschlichen. Absicht des Autors oder Fehler der Rentenversicherungsträger?
Und ja, man erlebt allerlei. Mit Patienten, mit Personal, mit dem bekannten Alltagsgespenst, das sich strikt nach Herrn Murphys Gesetzgebung ausrichtet, dabei aber oft eine schräge Art von Humor entwickelt. In dem Fall schon das verfallende Gemäuer nebenan. Das Stöhnen im Keller wird ja vermutlich von einst dort vergessenen Patienten kommen. Aber inzwischen werden die sich ja dran gewöhnt haben, besser nicht nachschauen.
In „Als ich in jenem Dorfe lebte“ (Warnung vorangestellt, das ist sehr lang) darf der Arzt irgendwelche Chakren suchen. Bei mir war das anders. Die lernte ich in einer solchen Klinik kennen und benannte der, freilich in ganz anderem Ambiente, ausübenden altindischer Körperweisheiten meine diesbezüglichen, schulmedizisch – nüchtern -europäischen BEdenken. Es wurde dann noch ganz lustig, genauso mit dem Nadelmann, der unbedingt meinte, er müsse mir irgendwelche Piekser versetzen und mich aussehen lassen wie eine weitere Figur in so einem amerikansichen Horrorfilm.
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Dann kannst du meine Erlebnisse ja gut einordnen, wenn du auch die andere Seite kennst 😁. Das Fachpersonal war jedenfalls ganz begeistert von meinem Bericht. Der vermeintliche Widerspruch mit der Prophylaxe in einer Reha-Klinik war übrigens kein Fehler sondern eine Innovation. Sich helfen lassen, bevor es einen völlig umhaut, ist sehr sinnvoll.
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Absolut sinnvoll! Bloß müßte man die Kliniken umbenennen. Prophylaxe hat in unserer Welt ohnehin zu wenig Stellenwert, egal ob Klimawandel, Abrüstung (ich weiß, das ist derzeit ein bäh-Wort), Umweltschutz, Gesundheit… Wie wär’s mit Prophylaxitionsklinikum? Prophylaxation klingt noch blöder, Noch mal nachdenken…
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Neue Erfahrung, wenn auch diesmal nicht die Eigene: Wer krank wird, wird aus der RehaKLINIK rausgeschmissen. Schon so ein kleiner, allgemein bekannter (außer bei denen, die ihm grundsätzlich die Existenz absprechen und auch sonst meist in einer selbst zusammengezimmerten Welt leben) Virus genügt… Womit begründen die eigentlich den Begriff Klinikum?
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Ahh, ich habe Volleyball immer gehasst und musste bei deiner Spielbeschreibung so lachen, dass mein Mann sich schon anfing, Sorgen zu machen. Dann wollte ich ihm das vorlesen, ging nicht, weil ich so lachen musste. Solltest du irgendwann ein Buch rausgeben, sag Bescheid. Ich kauf‘s.
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Oh danke, danke. Wenn ich deine Lachmuskeln ein wenig trainieren konnte, dann hat sich das Schreiben gelohnt. Ein Buch hab ich bisher nicht geplant, aber es gibt auf meinem Blog ja noch jede Menge andere Geschichten.
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Vortrefflich geschrieben! Ich erkenne gewisse Ähnlichkeiten zu meiner Kur 😉
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Danke. Das kann man nur mit Humor ertragen 😉
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