Die Klinik

Volleyball

Beim Abendessen verbreitet sich die Info, dass um 19:30 Uhr ein Grüppchen zum Volleyball spielen in die klinikeigene Sporthalle geht. Ich halte das für einen gute Idee, zumal der Tag nicht gerade anstrengend war. Also finde ich mich pünktlich um 19:30 Uhr in der Sporthalle ein, wo sich herausstellt, dass alle anderen bereits seit einer halben Stunde spielen. Aber kein Problem, ich darf sofort aufs Feld und dann geht es auch schon los. Ich habe seit etwa 35 Jahren keinen Volleyball mehr berührt, aber Fahrradfahren verlernt man ja auch nicht.

In meiner Mannschaft sind wir sechs mehr oder weniger sportliche Männer, auf der anderen Seite stehen drei zierliche Frauen und drei Männer auf dem Feld. Ich nehme mir vor, nicht so hart zu spielen, damit alle ihren Spaß haben. Außerdem kann man ja die Mannschaften durchmischen, wenn es zu einseitig wird. Denke ich still vor mich hin.

Auf der anderen Seite macht sich ein schlankes unscheinbares Mädchen zum Aufschlag bereit. Sie wirft den Ball lässig aus dem Handgelenk nach oben und im nächsten Moment schlägt rechts neben meinen Füßen der Ball mit einem lauten Klatschen auf dem Boden ein. 1:0 verkündet ein selbst ernannter Schiedsrichter von der Bank. Ich blinzle und schaue irritiert zu meinem Nachbarn. Der zuckt nur die Schultern. Die nächste Bombe schlägt links neben mir ein. 2:0. „Das war dein Ball“, flüstert neben mir ein Mitspieler und markiert mit seinen Händen den Bereich, den ich abdecken soll.

So geht das aber nicht, denke ich mir und mache mich innerlich zur Höchstleistung bereit. Ich gehe leicht in die Knie und tänzle von einem Bein auf das andere, um meine Position zu verschleiern. Der nächste Aufschlag kommt direkt auf mich zu. „Den hab ich!“, rufe ich laut, denn Kommunikation ist im Sport die halbe Miete. Danach sage ich fünf Minuten lang nichts mehr, denn der Ball bohrt sich mit einem dumpfen Whump in meine Bauchhöhle und bleibt dort stecken. Meine Mitspieler stöhnen mitfühlend auf. 3:0. Wir nehmen einen Time out.

Danach schießt das Mädchen meinem Mitspieler die Brille vom Kopf und dann räumt sie das halbe Spielfeld wie beim Kegeln leer. Wie ich später erfahre, spielt die junge Dame in der Regionalliga und ist hier wegen einem Aggressionsproblem in Behandlung. Wir spielen noch weitere zwei Stunden und ich versuche, möglichst in der gleichen Mannschaft wie die Bomberlady zu spielen. Als ich mich am nächsten Morgen zum Frühstück in den Speisesaal schleppe, werde ich gefragt, ob ich von der Treppe gestürzt sei. Ich bedecke meine Schürfwunden und versuche, nicht mehr so stark zu humpeln.

Beobachtungen (2)

Hier trifft man jede Menge Leute mit extremen Persönlichkeitsstilen, aber heute habe ich Jemanden kennen gelernt, das glaubt mir keiner. Hier gibt es eine Frau, die keine Schokolade mag! Und der absolute Oberhammer ist: die glaubt, sie wäre ganz normal. Pervers!

Tischgespräche (3) – ungekürzter Mitschrieb vom Frühstück

Ich komme als Letzter an den inzwischen berüchtigten Tisch 14. Ich wurde schon mehrmals von Anderen angesprochen, was denn das für komische Vögel an meinem Tisch seien. Pokerface nagt in sich gekehrt an einem Vollkornbrot. Horst rührt versonnen lächelnd in seinem Kaffee. Gestern Abend wurde er von mehreren Frauen dabei beobachtet, wie er ganz ungeniert am öffentlichen PC in der Cafeteria pornografische Nacktfotos angeschaut hat. Dabei soll er ständig vor sich hin gemurmelt haben: „Aha, wie Gott sie erschaffen hat“, und „Oha, die ist auch nicht von schlechten Eltern“, oder „Hui hui, die würde ich aber auch nicht von der Bettkante schubsen“. Es bestehen erhebliche Zweifel, dass sich überhaupt schon jemals eine Frau auf die Bettkante von Horst verirrt haben könnte. Infra hat vier Brötchen, fünf Packungen Butter, zwei Schälchen Honig, zwei Schälchen Marmelade, acht Scheiben Käse und acht Scheiben Frischwurstaufschnitt, sowie vier Tomatenhälften auf ihrem Teller aufgestapelt und vermengt alles zu einem matschigen Brei.

07:15 Uhr

Ich: „Morgen.“

Infra (kaut mit vollem Mund): „Hmpff.“

Pokerface: „Morgen.“

Horst: „Morgen … hat die DDR siebzigsten Geburtstag.“

07:16 Uhr

Ich: „-“

Infra: „-“

Pokerface: „-“

Horst: „-“

07:17 Uhr

Horst: „Hätte siebzigsten Geburtstag, muss man korrekterweise sagen.“

Ich: „-“

Pokerface: „-“

Infra: „-“

07:18 Uhr

Ich: „-“

Infra: „Huaa“ (Ein Stück Frischwurstaufschnitt mit Honig fällt aus ihrem Mund und verschwindet in den unergründlichen Tiefen ihres Dekolletees)

Pokerface: „-“

Horst: „-“

07:20 Uhr

Horst: „Die wurde nämlich am siebten Oktober 1949 gegründet…“

Pokerface: „-“

Ich: „-“

Infra: „-“

07:21 Uhr

Horst: „… die DDR.“

Infra: „Was?“

Pokerface: „-“

Ich: „-“

07:22 Uhr

Ich: „-“

Infra: „-“

Pokerface: „-“

Horst: „-“

7:23 Uhr

Horst: „Also im gleichen Jahr, wie Tante Erna in Halle geboren wurde.“

Ich: „-“

Infra: „-“

Pokerface: „-“

07:24 Uhr

Horst: „Aber so alt wie Tante Erna wurde die DDR dann doch nicht.“

Pokerface: „-“

Ich: „-“

Infra: „-“

07:25 Uhr

Ich: „-“

Infra: „-“

Pokerface: „-

Horst: „-“

07:27 Uhr

Ich: „Also dann. War wieder nett mit euch. Ich wünsche euch einen schönen Tag!“

Pokerface: „Danke ebenso!“

Horst: „Die Tante Erna starb nämlich am 03. Mai 2009 mit 60 Jahren an Herzversagen.“

Infra: „Was gibt heute zu Mittag?“

07:28 Uhr

Horst: „Und die DDR gab ja bekanntlich schon mit vierzig Jahren den Geist auf.“

Pokerface (Abgang): „-“

Ich (Abgang): „-“

Infra: „Hoffentlich nicht wieder Fisch!“

22 Kommentare zu „Die Klinik“

      1. Auch Lehrer sind nur Menschen. Gerade in Deutsch braucht man den, dem der Stil zu schreiben gefällt. Ich hatte jahrelang eine Deutschlehrerin, die meinen Stil liebte und dann kam so einer im Trachtenanzug, da war ich ganz schnell von 1 auf 4…😉

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  1. Hi Marco,
    sehr lustige Geschichte, ich hatte viel Spaß beim Lesen.
    Schön, dass Du in dieser Klinik auch irgendwie Deinen Spaß hattest.
    Liebe Grüße,
    Petra

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  2. So, eben habe ich deine Geschichte fertig gelesen. Die beste therapeutische Maßnahme, da belustigend (lachen ist gesund…) und abschreckend zugleich. Da überlegt man sich das zweimal mit dem Burnout… 😉

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  3. Ich kenne derlei Kliniken durchaus auch von innen. Wobei mir eingangs auffiel: Reha(bilitation)sklinik zur (Irgendwas, hier Burnout)Prophylaxe? Da hat sich ein gewisser Widerspruch eingeschlichen. Absicht des Autors oder Fehler der Rentenversicherungsträger?
    Und ja, man erlebt allerlei. Mit Patienten, mit Personal, mit dem bekannten Alltagsgespenst, das sich strikt nach Herrn Murphys Gesetzgebung ausrichtet, dabei aber oft eine schräge Art von Humor entwickelt. In dem Fall schon das verfallende Gemäuer nebenan. Das Stöhnen im Keller wird ja vermutlich von einst dort vergessenen Patienten kommen. Aber inzwischen werden die sich ja dran gewöhnt haben, besser nicht nachschauen.
    In „Als ich in jenem Dorfe lebte“ (Warnung vorangestellt, das ist sehr lang) darf der Arzt irgendwelche Chakren suchen. Bei mir war das anders. Die lernte ich in einer solchen Klinik kennen und benannte der, freilich in ganz anderem Ambiente, ausübenden altindischer Körperweisheiten meine diesbezüglichen, schulmedizisch – nüchtern -europäischen BEdenken. Es wurde dann noch ganz lustig, genauso mit dem Nadelmann, der unbedingt meinte, er müsse mir irgendwelche Piekser versetzen und mich aussehen lassen wie eine weitere Figur in so einem amerikansichen Horrorfilm.

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    1. Dann kannst du meine Erlebnisse ja gut einordnen, wenn du auch die andere Seite kennst 😁. Das Fachpersonal war jedenfalls ganz begeistert von meinem Bericht. Der vermeintliche Widerspruch mit der Prophylaxe in einer Reha-Klinik war übrigens kein Fehler sondern eine Innovation. Sich helfen lassen, bevor es einen völlig umhaut, ist sehr sinnvoll.

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      1. Absolut sinnvoll! Bloß müßte man die Kliniken umbenennen. Prophylaxe hat in unserer Welt ohnehin zu wenig Stellenwert, egal ob Klimawandel, Abrüstung (ich weiß, das ist derzeit ein bäh-Wort), Umweltschutz, Gesundheit… Wie wär’s mit Prophylaxitionsklinikum? Prophylaxation klingt noch blöder, Noch mal nachdenken…

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  4. Neue Erfahrung, wenn auch diesmal nicht die Eigene: Wer krank wird, wird aus der RehaKLINIK rausgeschmissen. Schon so ein kleiner, allgemein bekannter (außer bei denen, die ihm grundsätzlich die Existenz absprechen und auch sonst meist in einer selbst zusammengezimmerten Welt leben) Virus genügt… Womit begründen die eigentlich den Begriff Klinikum?

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  5. Ahh, ich habe Volleyball immer gehasst und musste bei deiner Spielbeschreibung so lachen, dass mein Mann sich schon anfing, Sorgen zu machen. Dann wollte ich ihm das vorlesen, ging nicht, weil ich so lachen musste. Solltest du irgendwann ein Buch rausgeben, sag Bescheid. Ich kauf‘s.

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    1. Oh danke, danke. Wenn ich deine Lachmuskeln ein wenig trainieren konnte, dann hat sich das Schreiben gelohnt. Ein Buch hab ich bisher nicht geplant, aber es gibt auf meinem Blog ja noch jede Menge andere Geschichten.

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