Die Klinik

Gesundheitsseminar

Da das Wetter sich heute mit grauem Nieselregen auf den November vorbereitet und mir der Abschied von einigen lieb gewonnenen Gesprächspartnern auf das Gemüt schlägt, wende ich meine neue Strategie zur Selbstfürsorge an. Ich identifiziere das Gefühl „Melancholie“ und frage mich, was ich brauche, um mich besser zu fühlen. Die Antwort ist schnell gefunden. Ich hole mir in der Cafeteria ein Stück Linzertorte und mache mich auf den Weg ins Gesundheitsseminar.

Es geht dieses Mal um Ernährung. Die Referentin wirft einen kritischen Blick auf meine Torte und stellt uns die Ernährungspyramide vor. Ich bin hervorragend aufgestellt, denn Nutella, Mandel- und Linzertorte drängeln sich genau wie Schokolade in der obersten Spitze der Pyramide. Dort wo sich in unserer Firmenpyramide die wichtigen Vorstandsmitglieder und Geschäftsführer tummeln. Ich lehne mich entspannt zurück. Alles richtig gemacht. Nur der kritische Blick der Referentin stört ein wenig. Wahrscheinlich spürt sie das Gefühl „Neid“.

Beobachtungen (8)

Heute treffe ich zufällig Infra im Speisesaal. Sie hat sich gerade an der Warteschlange vorbei die letzten vier Desserts unter den Nagel gerissen und bringt ihre Beute in Sicherheit.

Infra: „Schnuckel, komm doch zurück an meine Tisch! Die reden hier alle schlecht über mich. Ich merk das, vor allem die Fraue reden hinter meinem Rücken über mich.“

Ich: „Bestimmt sind die nur neidisch auf dich, weil du so viel essen kannst.“

Infra: „Meinst du? Des könnte schon sein.“

Ich: „Oder hast du eine andere Erklärung? An deinem Verhalten kann es nicht liegen, oder?“

Infra: „Da hast du recht! Ich bin die einzige Normale hier. Die komme alle in die Hölle!“

Erkenntnisse

Burnout kann auch den größten Kasper treffen! Auf Körpersprache achten!

rigoletti. clown mit hängenden schultern
Körpersprache

Aber jetzt mal ausnahmsweise ernsthaft. Falls du über längere Zeit immer wieder Symptome wie Herzrasen, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen oder Spannungen verspürst, dann geh zum Hausarzt und lass das abchecken. Es ist tausendmal besser, eine Prophylaxe zu machen, als von einem Burnout viele Monate lang umgehauen zu werden. Wenn du regelmässig zum Zahnarzt zur Vorsorge gehst, dann beantworte dir doch mal selber die Frage, was dir wichtiger ist: ein verlorener Zahn oder deine seelische Gesundheit und damit deine Arbeitsfähigkeit.

Nachtrag

Nun bin ich seit zwei Wochen zurück in der „Zivilisation“. Meine Leser stellen mir vor allem zwei Fragen, zu denen ich hier Stellung nehmen möchte. Am häufigsten werde ich gefragt, wie mir so etwas Komisches wie die Tischgespräche eingefallen ist. Nun, ich habe einiges in meiner Geschichte erfunden, aber die Tischgespräche haben tatsächlich ziemlich genau so stattgefunden. Ehrlich!

Und die zweite Frage dreht sich um das Thema mit den Kurschatten. Deshalb öffne ich nun mein geheimes Tagebuch und ergänze meinen Bericht um ein weiteres Kapitel.

Kurschatten

Es war Liebe auf den ersten Blick. Als ich dich zum ersten Mal im Lidl bei den Sonderangeboten stehen sah, war es um mich geschehen. Mein Herz schlug auf einmal schneller und mein Mund war vollkommen ausgetrocknet. Ich wollte meine Blicke von dir abwenden, aber ich konnte deiner Anziehungskraft nicht widerstehen. Wie eine fremdgesteuerte Marionette legte ich meine Hand auf deine perfekten Rundungen und ab diesem Moment war ich dir mit Leib und Seele verfallen.

Ich nahm dich mit auf mein Zimmer und ab dieser ersten Nacht waren wir unzertrennlich. Von Anfang an war mir klar, dass diese Beziehung nicht von Dauer war. Umso leidenschaftlicher genossen wir die kostbare gemeinsame Zeit. Vier Wochen im Paradies vergingen wie im Flug.

Ich trug dich morgens in den Speisesaal, unbeirrt von den neidischen Blicken der Anderen. Ich sehe es noch heute vor meinem inneren Auge, wie du hemmungslos hingebettet auf dem Tisch auf meine Zunge gewartet hast. Oh, wie ich dich vermisse, mein geliebtes Nutellaglas!

Nach drei Wochen zogen die ersten dunklen Wolken über unserem Glück auf. Zum ersten Mal stieß mein Messer auf den Boden des Glases. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis unsere Beziehung sich dem unausweichlichen bitteren Ende näherte.

Und nun sitze ich vor dem leeren Glas und denke mit Tränen an dich. Wie wird es dir ergehen auf deiner letzten Reise in den Altglas-Container? Hast du Angst vor den Scherben? Ekelt es dich vor den Rollmopsgläsern und den Alkoholflaschen? Gräme dich nicht! Ich glaube fest an ein Wiedersehen im nächsten Leben – wenn du wieder bis zum Rand gefüllt mit Nutella im Regal stehst.

Ich werde da sein – auf ewig Dein.

leeres Nutellaglas
Wahre Liebe

22 Kommentare zu „Die Klinik“

      1. Auch Lehrer sind nur Menschen. Gerade in Deutsch braucht man den, dem der Stil zu schreiben gefällt. Ich hatte jahrelang eine Deutschlehrerin, die meinen Stil liebte und dann kam so einer im Trachtenanzug, da war ich ganz schnell von 1 auf 4…😉

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  1. Hi Marco,
    sehr lustige Geschichte, ich hatte viel Spaß beim Lesen.
    Schön, dass Du in dieser Klinik auch irgendwie Deinen Spaß hattest.
    Liebe Grüße,
    Petra

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  2. So, eben habe ich deine Geschichte fertig gelesen. Die beste therapeutische Maßnahme, da belustigend (lachen ist gesund…) und abschreckend zugleich. Da überlegt man sich das zweimal mit dem Burnout… 😉

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  3. Ich kenne derlei Kliniken durchaus auch von innen. Wobei mir eingangs auffiel: Reha(bilitation)sklinik zur (Irgendwas, hier Burnout)Prophylaxe? Da hat sich ein gewisser Widerspruch eingeschlichen. Absicht des Autors oder Fehler der Rentenversicherungsträger?
    Und ja, man erlebt allerlei. Mit Patienten, mit Personal, mit dem bekannten Alltagsgespenst, das sich strikt nach Herrn Murphys Gesetzgebung ausrichtet, dabei aber oft eine schräge Art von Humor entwickelt. In dem Fall schon das verfallende Gemäuer nebenan. Das Stöhnen im Keller wird ja vermutlich von einst dort vergessenen Patienten kommen. Aber inzwischen werden die sich ja dran gewöhnt haben, besser nicht nachschauen.
    In „Als ich in jenem Dorfe lebte“ (Warnung vorangestellt, das ist sehr lang) darf der Arzt irgendwelche Chakren suchen. Bei mir war das anders. Die lernte ich in einer solchen Klinik kennen und benannte der, freilich in ganz anderem Ambiente, ausübenden altindischer Körperweisheiten meine diesbezüglichen, schulmedizisch – nüchtern -europäischen BEdenken. Es wurde dann noch ganz lustig, genauso mit dem Nadelmann, der unbedingt meinte, er müsse mir irgendwelche Piekser versetzen und mich aussehen lassen wie eine weitere Figur in so einem amerikansichen Horrorfilm.

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    1. Dann kannst du meine Erlebnisse ja gut einordnen, wenn du auch die andere Seite kennst 😁. Das Fachpersonal war jedenfalls ganz begeistert von meinem Bericht. Der vermeintliche Widerspruch mit der Prophylaxe in einer Reha-Klinik war übrigens kein Fehler sondern eine Innovation. Sich helfen lassen, bevor es einen völlig umhaut, ist sehr sinnvoll.

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      1. Absolut sinnvoll! Bloß müßte man die Kliniken umbenennen. Prophylaxe hat in unserer Welt ohnehin zu wenig Stellenwert, egal ob Klimawandel, Abrüstung (ich weiß, das ist derzeit ein bäh-Wort), Umweltschutz, Gesundheit… Wie wär’s mit Prophylaxitionsklinikum? Prophylaxation klingt noch blöder, Noch mal nachdenken…

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  4. Neue Erfahrung, wenn auch diesmal nicht die Eigene: Wer krank wird, wird aus der RehaKLINIK rausgeschmissen. Schon so ein kleiner, allgemein bekannter (außer bei denen, die ihm grundsätzlich die Existenz absprechen und auch sonst meist in einer selbst zusammengezimmerten Welt leben) Virus genügt… Womit begründen die eigentlich den Begriff Klinikum?

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  5. Ahh, ich habe Volleyball immer gehasst und musste bei deiner Spielbeschreibung so lachen, dass mein Mann sich schon anfing, Sorgen zu machen. Dann wollte ich ihm das vorlesen, ging nicht, weil ich so lachen musste. Solltest du irgendwann ein Buch rausgeben, sag Bescheid. Ich kauf‘s.

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    1. Oh danke, danke. Wenn ich deine Lachmuskeln ein wenig trainieren konnte, dann hat sich das Schreiben gelohnt. Ein Buch hab ich bisher nicht geplant, aber es gibt auf meinem Blog ja noch jede Menge andere Geschichten.

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