Das Jahr 1983 brachte für mich zwei einschneidende Veränderungen: erstens war endlich der lästige Stress mit der Schule vorbei. Im Rückblick musste ich erkennen, dass ich nie wieder so eine stressfreie Zeit erleben durfte, aber das merkt man ja oft erst hinterher. Und zweitens wurde ich zum Grundwehrdienst eingezogen. Fünfzehn Monate in Sonthofen im Allgäu. Ein verlorenes Lebensjahr.
Das alles ist schon eine ganze Weile her und ich habe nur bruchstückhafte Erinnerungen an diese Zeit. Insbesondere zum Ort Sonthofen finde ich in meinem Gedächtnis nur ein gähnendes schwarzes Loch. Tiefschwarz. Höchste Zeit, um die Erinnerungen aufzufrischen. Auf ins Allgäu, denkt sich der SinnlosReisende.

Mein Besuch in Sonthofen erklärt die Gedächtnislücke ziemlich schnell: es gibt dort nichts, an das sich eine Erinnerung lohnen würde.
Die Stadt Sonthofen im Allgäu
Das meistbesuchte Gebäude im Ort ist der Bräumarkt, in dem man sich Getränke frisch ab Brauerei besorgen kann. Bier, um es beim Namen zu nennen. Wir sind schließlich in Bayern.

Im Stadtkern feiert man am Sonthofer Tag den Ausbruch des Bauernkrieges (nicht das Ende!) und man ist stolz darauf, dass von hier nach München ein privilegiertes Fuhrwerk im Einsatz war.


Ach ja, dann gibt es noch ein Fachgeschäft für Menschen, die für einen Seitensprung unauffällige, farblose Kleidung suchen.

Das war’s dann aber auch schon. In der ganzen Stadt gibt es keine einzige Bowlingbahn, weil die Einheimischen bis heute um die Kugeln streiten.

Etwas Auffälliges gibt es dann aber doch. Auf einem Hügel thront ein monumentales Gebäude drohend über dem Ort: die Burg.

Und bei deren Anblick kommen bei mir dann doch einige Erinnerungen hoch. Denn da drin habe ich ein ganzes Jahr meines Lebens verbracht. Wehrpflicht.
Krieg spielen für Anfänger
In einer sechswöchigen Grundausbildung versuchten zwei zunehmend verzweifelte Ausbilder, unserer Kompanie aus vergeistigten Abiturienten die Grundlagen des Soldatenlebens beizubringen. Das gelang nur sehr bedingt. Wir hätten in einem richtigen Krieg keine Woche überlebt.
Das Marschieren im Gleichschritt (Links-Zwo-Drei-Vier, Links-Zwo-Drei-Vier) scheiterte schon daran, dass in der ersten Reihe Axel lief, der mit seiner Größe von 2,10 m eine Schrittlänge vorgab, die der 1,60 m kleine Tillmann in der hintersten Reihe nur durch hektische Zwischenhüpfer einigermaßen bewältigen konnte. Begleitet wurden unsere Gruppen-Gehversuche von wütend gebellten Kommandos, die über den Kasernenhof schallten:
„Tillmann! Laufen Sie normal!“
„Tillmann!! – – – Links! – – – Links! – – – Links! – – -!!!“
„Das gibt’s doch nicht, Tiiilllmaaaaahnn!!!!“
Wendemanöver endeten regelmäßig im Chaos, weil zwei Links-Rechts-Verwechsler zu unserer Truppe gehörten. Aber das größte Problem war wohl einfach die Tatsache, dass wir der Aufgabe nicht mit dem gebührenden Ernst begegneten. Unser mühsam unterdrücktes Gelächter brachte die Ausbilder immer wieder zur Weißglut.

Es gibt bei der Bundeswehr eine eigene Dienstvorschrift mit einer detaillierten Beschreibung des militärischen Grußes, den wir stundenlang üben durften. Jeder Soldat muss nämlich immer alle höheren Dienstgrade grüßen, indem er seine Hacken zackig zusammen schlägt, die linke Hand seitlich an den Oberschenkel legt und die ausgestreckte rechte Hand mit abgewinkeltem Ellbogen an die Stirn führt. Es gibt nur eine einzige Ausnahme: am Pissoir beschäftigte Soldaten grüßen nicht. Aus naheliegenden Gründen.
Der Sommer 1983 war ein Jahrhundertsommer. Das bedeutet, er war bis dahin der heißeste Sommer des 20. Jahrhunderts. Genau richtig, um fröhlich durch die schöne Natur zu wandern. Da im Allgäu fast nichts eben ist, waren die Manöver ziemlich schweißtreibend.

Pistole schießen für Dummies
Ein Höhepunkt dieser Zeit war die Ausbildung an der Pistole. Unser Ausbilder brachte zwei blitzblank geputzte Pistolen in einem Hartschalenkoffer auf den Exerzierplatz und demonstrierte uns, wie man das Magazin einlegt und wie man die Waffe mit verbundenen Augen zerlegt und zusammenbaut. Zum Schluss ermahnte er uns, immer schön behutsam mit diesen empfindlichen Präzisionsgeräten umzugehen. Dann sollten wir das Gelernte wiederholen.
Als erster wurde Tillman nach vorne gerufen. Er hantierte unbeholfen an der Pistole herum, bis sich plötzlich der Schlitten löste und mit einem uneleganten Scheppern in den staubigen Kies fiel. Der Ausbilder holte tief Luft. „Tillllllmaaaannnnn!!!! Sind Sie denn zu allem zu blöd???!!!!„
Der Gescholtene ging erschrocken in die Grundstellung, in der man sich üblicherweise einen Anschiss abholte, schlug seine Hacken zusammen und stampfte dabei militärisch korrekt auf den Deckel des offenen Waffenkoffers, der die zweite Pistole und das komplette Reinigungsset in hohem Bogen in den Dreck schleuderte. Die Adern auf der Stirn des Ausbilders fingen bedenklich an zu pochen.
Am nächsten Tag begann der praktische Teil auf dem Schießstand. Zuerst erhielten wir eine ausführliche Sicherheitsunterweisung: niemals, niemals, niemals mit der Pistole auf lebende Menschen zielen (außer der lebende Mensch spricht Russisch und ist ebenfalls im Besitz einer Waffe)! Dann setzten wir uns Kopfhörer (um korrekt zu sein: Kapselgehörschützer) auf und schossen mit scharfer Munition auf eine Zielscheibe.
Das verlief einigermaßen unspektakulär, bis Schütze Tillmann an die Reihe kam. Er hatte so viel Angst vor dem Rückschlag, dass er beim ersten Schuss total verkrampfte und den Putz von der Deckenverkleidung ballerte. Der Ausbilder rief ihm eine Haltungskorrektur zu, aber wegen dem Kopfhörer verstand Tillmann ihn nicht. Mit der geladenen, entsicherten Pistole in den ausgestreckten Armen drehte er sich zu dem Ausbilder und den hinter ihm Wartenden um und schrie: „Was?“
Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell sich Menschen aus dem Stand auf den Boden werfen können. Die Schießübung endete mit zwei Wochenenddiensten für Tillmann.
Weitere Highlights der Grundausbildung waren ein Hindernisparcour mit Gasmaske im Tränengasnebel und ein Überlebenstraining nach der Explosion einer Atombombe.
Atombombe? War das nicht ein bisschen übertrieben? Für die jüngeren Leser muss ich an dieser Stelle vielleicht etwas erklären:
Die Lage in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1983
1983 war das Jahr, in dem der kalte Krieg in seiner wohl heißesten Phase war. Ronald Reagan hatte die Sowjetunion als „Reich des Bösen“ bezeichnet und die Amerikaner begannen Mitte des Jahres trotz lautstarker Proteste, in West-Deutschland Mittelstreckenraketen mit atomaren Sprengköpfen zu stationieren, die alle nach Osten zeigten. Und die eiserne Grenze zwischen Ost und West verlief mitten durch Deutschland. Der böse Klassenfeind stand damals nur 10 Kilometer von Wolfsburg entfernt.
Die Sowjetunion war ihrerseits fest davon überzeugt, dass die Reagan-Regierung einen atomaren Erstschlag plante und war dementsprechend nervös. Im September 1983 meldete das sowjetische Satelliten-Frühwarnsystem den Start von mehreren amerikanischen Interkontinentalraketen. Wäre in diesem Moment ein Soldat vor dem Überwachungsmonitor gesessen, hätte der vorschriftsmäßig dem Kreml einen Angriff gemeldet und den Gegenangriff nach Protokoll eingeleitet. An diesem Abend hatte aber als Krankheitsvertretung ein Ingenieur den Nachtdienst übernommen. Und Ingenieure wissen ganz genau, wie fehleranfällig die von Ihnen gebauten Systeme sind. Er stufte die Meldung als Fehlalarm ein, weil die Amis ja sicher nicht so blöd wären, mit nur einigen wenigen Raketen anzugreifen und damit einen Gegenschlag zu riskieren.
Dieser Fehlalarm hätte um ein Haar einen Atomkrieg auslösen können, der das Ende der Menschheit bedeutet hätte. In dieser explosiven Stimmungslage versuchte der SinnlosReisende durch konsequente Abschreckung den Weltuntergang zu verhindern.

Alltag als Teilzeit-Soldat
Nach der Grundausbildung wurde ich aufgrund meiner hohen Qualifikation einem Büro zugeordnet, das Offiziers-Lehrgänge für Reservisten betreute. Die Verantwortung für das Büro trug ein Oberstleutnant, die Arbeit wurde von einem Spieß organisiert. Und ich war dafür da, die ganze Arbeit zu erledigen. Arbeitsteilung in militärischer Perfektion.
Zu meinen Aufgaben gehörte der Wechsel der Bettwäsche für die Lehrgangsteilnehmer, Botengänge zur Poststelle und zur Druckerei, das Leeren der Mülleimer und Kaffee in den Lehrsaal zu bringen. Gut, dass ich Abitur hatte, sonst hätte ich mich echt schwer getan.
Nach durchschnittlich drei Stunden waren meine Aufgaben erledigt und ich verbrachte den Rest des Tages damit, mit geschäftiger Miene durch die Kaserne zu laufen und meine Kollegen zu besuchen oder das eine oder andere Nickerchen auf der Stube abzuhalten. Erhaltung der Wehrfähigkeit.

Die Befehlshierarchie
Ausgerechnet in meiner ersten Woche hatte ich etwas Stress, weil drei Lehrgänge gleichzeitig stattfanden. Als der Oberstleutnant sich zum Lehrgang Richtung Keller verabschiedete, drückte ich ihm deshalb die Kaffeekanne in die Hand, und meinte, die könne er ja gleich mitnehmen, wenn er doch sowieso gerade runter ginge. Er stutzte kurz, dann salutierte er mit einem Grinsen vor mir und machte sich auf den Weg.
In der Stube war es totenstill geworden und der Spieß starrte mich mit offenem Mund an. Dann fragte er mich entsetzt: „Herr Schütze, haben Sie gerade tatsächlich den Oberstleutnant zum Milchmann degradiert? Na, Sie haben Nerven. Wenn das mal kein böses Ende nimmt!“
Man muss dazu wissen, dass die Bundeswehr wie alle Armeen streng hierarchisch organisiert ist. Dort wurde quasi die Hierarchie erfunden. Es gibt Hunderte verschiedener Dienstgrade, und jeder Höhere darf dem Niedrigeren Befehle erteilen. Nur umgekehrt war das eben gar nicht vorgesehen. Ich hatte also einem Offizier unter Missachtung von zwölf Hierarchiestufen den Auftrag erteilt, Kaffee in den Keller zu bringen.
Am Nachmittag wurde ich unter vielsagenden Blicken des Spießes ins Zimmer des Oberstleutnants bestellt. Ich rechnete mit mindestens einem Wochenenddienst. Zu meinem Erstaunen zeigte sich der Offizier ganz begeistert von meinem Führungstalent und bot mir eine Laufbahn als Berufssoldat an. Ich lehnte dankend ab, denn meine Lebensplanung ging nicht in Richtung Alkoholiker.
Der Grünten
Eines Abends im Herbst war uns so langweilig, dass Wolfgang, Yeti und ich bei einigen Bierchen darüber spekulierten, wie lange man wohl für eine Besteigung des Sonthofener Hausbergs Grünten brauche.

Während Wolfgang mehrere Stunden veranschlagte, legte Yeti die Latte höher: das wäre ja wohl noch vor der Morgendämmerung in einer Stunde machbar. Also brachen wir um 4 Uhr morgens auf und stürmten in stockfinsterer Nacht querfeldein auf den Berg.
Bei näherer Betrachtung wirkte der Berg gar nicht mehr so einladend und in der Rückschau empfinde ich demütige Dankbarkeit, dass mein Leben in dieser Nacht nicht an einem Felsabbruch endete. Aber junge Männer haben ja oft mehr Glück als Hirn und wir waren zum Morgenappell um 7 Uhr zurück in der Kaserne, erschöpft aber unversehrt.

Beim täglichen Morgen-Appell wurden immer die Briefe von Zuhause verteilt und die Anwesenheit überprüft. Als eines Tages im Herbst bei der Verlesung des Namens „Ochsenhuber, Franz“ keine Antwort kam, meldete sich sein Zimmernachbar mit einem Wortschwall in tiefstem Allgäuer Dialekt. Unser Vertrauensmann Sepp musste wie immer übersetzen, denn der Spieß stammte aus Flensburg und verstand den lokalen Dialekt nicht mal ansatzweise. Strafversetzung.
Es stellte sich nach mehreren Nachfragen heraus, dass der Ochsenhuber Franz nicht rechtzeitig zum Morgen-Appell kommen konnte, weil seine Lieblingskuh Franzi in der Nacht mit Komplikationen gekalbt hatte, während der Vater, also der Ochsenhuber Joseph, einen schweren Rausch ausschlafen musste, und weil der erste Schneefall den Fahrer des einzigen Schneepflugs bei einer Geburtstagsfeier am Stammtisch überrascht hatte, weswegen er den Schneepflug kurz nach Dienstantritt in den Wildbach versenkt hatte, und deshalb bei ungeräumter Straße der Tierarzt nicht kommen konnte und daher der Franz die ganze Nacht im ungeheizten Stall verbringen musste und die Kälte nur durch ausgiebigen Konsum von Mirabellenschnaps bekämpfen konnte und er darum jetzt temporär dienstunfähig war. Ein unverschuldeter Notfall.
Nach dem Antreten verteilten wir uns auf unsere Arbeitsplätze und wünschten uns „gemäßigten Frust“, denn „viel Spaß“ oder einen „schönen Tag“ zu wünschen, wäre der blanke Hohn gewesen.
Im November durfte ich dann die Effizienz des Beschaffungsprozesses der Bundeswehr miterleben. Die Amtsstube bestellte zum Jahresende größere Mengen Büromaterial, das ich in die Außenschränke verräumen musste. Eine kurze Überschlagsrechnung ergab, dass dort Schreibmaschinenpapier und Ordner für die kommenden 12.500 Jahre gelagert waren. Auf meine Rückfrage bemerkte der Spieß, dass man ja auch auf Krisen vorbereitet sein müsse und wer weiß schon, wie lange der nächste Krieg dauere. Außerdem müsse zum Jahresende das Budget ausgegeben werden, weil es sonst im Folgejahr eine Kürzung gäbe. Das wäre fatal, denn dann könnte man im nächsten Jahr den Vorrat an Büromaterial nicht auf weitere Jahrtausende aufstocken.
Es war wie gesagt ein verlorenes Jahr, in dem ich nur eine Sache lernte: wie man sich vor Arbeit drückt. Auf jeden Fall Blickkontakt vermeiden, wenn Aufgaben verteilt werden. Und wenn Sonderdienste anstehen, immer eine passende Krankheit aus dem Ärmel schütteln.
Es ist übrigens ein Mythos, dass man vom Essen einer Tube Zahnpasta als Sofortmaßnahme Fieber bekommt. Die einzigen Effekte sind Bauchweh und Seifenblasen beim Sprechen. Die Goldmedaille in der Disziplin Drückebergerei bekam Oliver, der 5 Wochen lang kein Wort sprach und dann wegen Depressionen entlassen wurde. Er verabschiedete sich mit einem fröhlichen „Macht’s gut, Jungs, ich bin raus!“
Nachtrag
Es war mir in den Achtzigerjahren nicht bewusst, aber ich weiß noch, dass der gigantomanische Baustil der Burg mich damals schon unterschwellig irgendwie bedrückte. Heute weiß ich, dass dieses historische Gemäuer von den Nazis gebaut wurde.

Es handelt sich um eine von drei NS-Ordensburgen, in denen Führungskader der NSDAP ausgebildet wurden. Die historischen Hintergründe hat mein geschätzter Kollege Andreas Moser beschrieben. Wenn ich daran denke, welche Gräuel sich die Nazis an diesem Ort ausgedacht haben, gruselt es mich noch im Nachhinein.
Danke für die Erwähnung und Verlinkung!
Diese Gebäude sind schon irgendwie spukig in ihrer Monumentalität.
Die Landschaft um Sonthofen scheint ja ganz schön zu sein, aber wenn man zwangsweise dort ist, kann man das wohl nicht so schätzen. Ich habe auch so Orte im Lebenslauf, wo ich eine Weile verbracht habe, aber weil man sich nur auf Studium/Praktikum/Arbeit konzentriert hat, hat man fast keine Erinnerungen, sondern wie du sagst „ein gähnendes schwarzes Loch“. Ich habe vier Jahre in Regensburg studiert und habe fast gar keine Erinnerungen an die Stadt, weil ich von früh bis spät nur in der Uni war.
Danke auch für deinen heldenhaften Einsatz zur Landes- und Bündnisverteidigung! Und für den Hinweis, wie delikat die Lage 1983 war. (Ich war damals erst 8 Jahre alt und habe das erst nachträglich erfahren.) Falls du sie noch nicht gesehen hast, kann ich mir vorstellen, dass dir Serie „Deutschland 83“ gefallen könnte.
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Sonthofen selbst ist eher langweilig, aber die Umgebung bietet einiges an Landschaft. Wenn man gegen ein paar Höhenmeter nichts einzuwenden hat.
Das mit dem Studium kenne ich auch, ist schon ein hartes Los 😉.
So heldenhaft haben wir uns damals gar nicht gefühlt. Wir wussten ja nicht, dass damals alles auf dem Spiel stand. Sonst hätten wir uns bestimmt in die Hose gemacht.
Die Serie klingt interessant, werde ich mir mal reinziehen.
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Ich war 1983 Fahnenjunker der Luftwaffe und mit jeder Beförderung in Richtung Offizier begann der Westen den kalten Krieg ein Stückchen zu gewinnen (davon ein Teil zu sein macht mich heute noch etwas stolz).
Nach Sonthofen wollte ich nie, denn dort fanden spezielle Lehrgänge zur atomaren, biologischen und chemischen Kriegsführung statt, ein Fachgebiet, das mir überhaupt nicht lag. Gut, dass ich auch nie hin musste.
Vielleicht wäre es ja doch nicht das schlechteste gewesen, denn wenn ich meine Ironie-Lesebrille aufsetze, liest sich das alles ja gar nicht so schlecht.
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Die ABC-Kurse waren zu Deiner Zeit unten im Ort, in der Burg wurden alle Feldjäger ausgebildet. Persönlich waren mir in einer noch so ehemaligen Nazischule, zumal mit der Optik, ausgebildete Soldaten ja immer irgendwie suspekt.
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Ja, mir war damals schon unwohl beim Anblick dieser Architektur, aber im Nachhinein gruselt es mich wirklich. Ich denke, es ist aber nichts hängen geblieben.
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In Sonthofen gab es damals mehrere Kasernen; dort wo ich war, gab es keine solchen Lehrgänge. Oder ich habe sie nicht bemerkt, weil sie so toptoptop secret waren.
Na ja, es kommt halt wie immer drauf an, was man draus macht. Die Wehrdienstzeit und der Ort Sonthofen waren reine Zeitverschwendung, aber mit den richtigen Leuten hält man einiges aus…
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Mindestens 2 Kasernen sind zu, Feldjäger- und Spiessschule nach Hannover und die ABCler in die Burg (und nach Stetten am kalten Markt) gezogen.
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“ Dann setzten wir uns Kopfhörer auf “ Kapselgehörschützer. Kopfhörer hatten seinerzeit noch Kabel. Und Musik drin.
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Du hast natürlich recht! Diese „Micky Mäuse“ hatten ja das Ziel, eben möglichst nichts zu hören. War eine sprachliche Ungenauigkeit, die ich sehr bedaure.
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Warum kann ich mich da nur so gut rein versetzen? 1973 gab es noch keine Nachrüstung. Wir waren im Entspannungsmodus. Sonst vieles ähnlich wie zehn Jahre früher. Unsere Panzer waren fürs Museum. Super, dass du das mal zu Papier gebracht hast.
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Ich glaube, die Bundeswehr ist ziemlich veränderungsresistent. Zumindest damals, wie es heute aussieht, kann ich nicht beurteilen…
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Mir fällt noch ein, dass ich als Kind in Niedersonthofen zum Urlaub war. „NIEDER!“, das hätte es mit Söder nicht gegeben.
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Dabei hat Nieder-Sonthofen im Gegensatz zu Sonthofen einen See und einen Wasserfall. Zumindest, wenn es keine Trockenzeit wie gerade jetzt gibt.
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Nach Sonthofen wollte ich immer weil man dort eine Ausbildung zum Feldjaeger bekommen kann. Als ich 1968 zur BW eingezogen wurde musste ich jedoch nach Augustdorf und danach nach Hoexter. Das sind eigentlich Orte die niemand freiwillig aufsucht es sei denn man wohnt dort und vertritt diese Orte im deutschen Bundestag. Meine Wehrdienstzeit betrug damals 18 Monate und ein Feindbild hatten wir auch. Zu Anfang meiner Dienstzeit wollte unser Hauptmann wissen welche Kenntnise wir ueber die BW hatten. ER fragte wie lange gibt es die Bundeswehr. Ich antwortete seit ungefaehr 1940 Jahren. Wir kommen Sie darauf fragte Hauptmann Kirchhoff ?
Ich antworte das ich beim Apostel Mathaus gelesen habe es gebe Leute die haben seltsame Gewaender an und ziehen planlos umher. Nach meiner Meinung handelt es sich hier um einen eindeutigen Hinweis auf die Bundeswehr. Hauptmann KIrchhoff widersprach und sagte die Bundeswehr gibt es seit 1956 und Leute wie Sie sollten beim Religionsuntericht besser aufpassen. Seit dieser Zeit wurde ich ein besondeer Freund von Hauptmann Kirchhoff. Ich musste einen Fragebogen ausfuellen und angeben welche Taetigkeiten ich gerne bei der BW verrichten moechte. Alles was ich angekreuzt hatte wurde abgelehnt und ich durfte Lehrgaenge besuchen fuer die ich mich nie gemeldet hatte. Auch mit der Befoerderung gab es Probleme. Hauptmann KIrchhoff sagte er sei angehalten die Einheit wirtschaftlich zu fuehren. Als Panzerpionier bekam ich 90DM pro Monat. Als Gefreiter waeren das 120DM gewesen. Das war nach Meinung von Hauptmann KIrchhoff eine hohe Summe und meine Befoerderung zum Gefreiten erfolgte erst am Ende meiner Dienstzeit. Andererseits erfuhr ich von Hauptman Kirchhoff wie schlecht doch die Besoldung der Berufssoldaten ist. Eines Tages sagte er: „stellen Sie sich vor als Hauptmann habe ich Verantwortung ueber mehr als 80 Leute und werde nach A11 bezahlt. Eine Lehrerin die 25 Kinder in ihrer Klasse hat wird jedoch nach A13 bezahlt.“
So entschied ich mich auch dagegen Berufssoldat zu werden. Da mir jedoch eine Befoerderung zum Obergefreiter bei meiner naechsten Wehruebung in Aussicht gestellt wurde stellte ich nach meinem Ausscheiden bei der Bundeswehr einen Antrag auf Wehrdienstverweigerung aus moralischen Gruenden. Dieser Antag wurde zwar in erster Instanz abgelehnt und ich legte Berufung ein. Auf den Berufungstermin warte ich noch immer und zu einer Wehruebung mit anschliessender Befoerderung zum Obergefreiten wurde ich auch nicht einberufen.
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Dieser Hauptmann Kirchhoff scheint ein sonniges Gemüt zu haben 😉. Vermutlich wollte er deinen Charakter stärken, indem er dir Steine in den Weg legte, an deren Überwindung du wachsen konntest. Oder er war einfach nur ein frustrierter Sadist, die es damals reichlich bei der Bundeswehr gab.
Bedenke: die 30 Mark Solderhöhung wären pro Monat gewesen. Da kann man schon verstehen, dass ein Hauptmann sparen will. Schließlich musste er sich seine eigene Erhöhung sicher stellen.
War unterm Strich eine schräge Truppe und eine komische Zeit, aber so war es halt.
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Na, da wurde es ja höchste Zeit, dass du dich deinen Dämonen von damals gestellt hast und wieder nach Sonthofen gefahren bist. Auch wenn es dich offensichtlich weiterhin nicht wirklich überzeugt hat 😂.
Zum Thema Bundeswehr kann ich in Ermangelung eigener Erfahrungen nichts Qualifiziertes beitragen, bin aber ziemlich beeindruckt darüber, wie umfangreich und detailliert du dich an diese mehr als 4 Jahrzehnte zurückliegende Zeit erinnern kannst. Auch wenn man bei dir immer im Hinterkopf behalten sollte, dass du an der einen oder anderen Stelle dramaturgische Korrekturen vorgenommen haben könntest …
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Ja, nicht wahr, nun weiß ich wenigstens, dass ich nichts weiß und niemals wusste. Oder so.
Ich weiß, ich bin manchmal etwas locker im Umgang mit der Wahrheit, aber in diesem Bericht ist alles so beschrieben, wie es passiert ist. Ich hab nur die Namen etwas geändert. Datenschutz. Das war damals eine unvorstellbar schräge Show, man kann sich das gar nicht ausdenken.
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Eine Naziburg, das erklärt ja das schreckliche Aussehen. Über die Geschichte mit Franzis Lieblingskuh und allem Drumherum, habe ich mich köstlich amüsiert. Fünf Wochen nicht zu sprechen kommt mir hart vor, aber Oliver hat sich dadurch ja viele Monate Idiotie erspart.
Das mit dem Budget scheint überall bei den Staatsdiensten dasselbe zu sein. Mein Vater berichtete dasselbe von der Post. Was nicht ausgegeben wurde, ging verloren und im darauffolgenden Jahr gab es weniger Geld. Aber immerhin hatte die Deusche Bundespost genügend Geld um ein Kunstwerk im Treppenhaus des Hamburger Fernsehturms aufzustellen, dass dann von Besuchern als Pissoir benutzt wurde. (Sinnlos planen, passt doch.)
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Oliver dachte sich vielleicht „Idiotie bekämpft man am besten mit Idiotie“ 😅. Hat ja auch funktioniert, erforderte aber viel Disziplin.
Ein Kunstwerk als Pissoir ist aber auch eine extrem sinnlose Investition. Obwohl es natürlich ein Grundbedürfnis näher an die Kultur rückt. 😇 Man könnte ja sagen, jeder kann mit seinem Geld machen, was er will. Aber wir reden hier von Steuergeldern; da hört der Spaß dann auf.
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Ein gewisser Prozentsatz MUSS(te?) für Kunst ausgegeben werden; Turm einfach pink malen hätte nicht genügt, obwohl ich das ja sogar gut fände.
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Meine Güte ist das alles gruselig, ich musste zwar auch noch Dienst am Land leisten, das war als KatSchützer und Sani aber inhaltlich gehaltvoller.
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Gehaltvoller war das sicher! Sonthofen war örtlich und inhaltlich sinnlos.
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Der Russe hat sich da immerhin nicht hingetraut. Meine an sich zutiefst auch sinnlose Fernmeldetätigkeit konnte ich dann zumindest hinterher bei der Freiwilligen Feuerwehr teilweise wiederbeleben.
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Eine Gegend, die sich nicht lohnt, zu erobern 😂😂😂
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Welch seltenes Zusammentreffen: Auch ich besuchte Sonthofen, auf den Spuren jahrzehntealter Erinnerungen.Fürr Wehrdienst war ich noch zu jung, aber die Kaserne habe ich dennoch (in einem Bericht vor oder hinter diesem, Sonthofen reichte für gleich vier) verewigt.Grünten-Bezwingung natürlich auch irgendwo dabei, nää, nicht um vier Uhr früh, igitt!
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Das ist ja wirklich erstaunlich. Die Gegend scheint nostalgische Anwandlungen bei früheren Besuchern auszulösen. Deine Erinnerungen waren deutlich positiver als meine. Aber auch für mich war es eine prägende Zeit, so zwischen Schule und Studium.
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