Unsere Wohnmobilreise in den Südwesten Frankreichs hätte eigentlich eine Fortsetzung im Nordwesten Spaniens haben sollen. Eigentlich. Aber zwei Dinge sprachen dagegen. Einerseits waren in den bergigen Küstenregionen von San Sebastian und Bilbao trotz Nebensaison mehr Wohnmobile unterwegs, als es Stellplätze gab. Und außerdem braute sich über der Biscaya eine eklige Schlechtwetterfront zusammen. So beschlossen wir kurzerhand, südlich der Pyrenäen durch das spanische Hinterland an die sonnige Mittelmeerküste zu wechseln.
Pamplona
Die Hauptstadt der autonomen Region Navarra steht ganz im Zeichen der Stiere. Schon bei der Anreise häufen sich am Straßenrand die Warnungen.

Und wir reden hier nicht einfach nur von Stieren als der männlichen Ausprägung von Kühen. Hier werden seit Jahrhunderten Stiere als Kampfmaschinen gezüchtet.

Die stolzen Kolosse werden mehrere Jahre lang streng behütet und mit Adrenalin und Testosteron gefüttert. Dann bekommen sie eine Woche Urlaub. Da sieht man wieder mal, wie wichtig eine gute Gewerkschaft für faire Bedingungen wäre. „Feria del Toro“ nennt sich das Spektakel, bei dem die Stiere schon seit dem Jahr 1324 in der Altstadt von Pamplona Party machen.
Das Besondere am Stierlauf von Pamplona ist, dass sechs Kampfstiere mit Menschen gemeinsam durch die engen Gassen stürmen. Die Tiere haben ja keine Wahl, deshalb ist mein Mitgefühl mit ihnen. Aber man darf sich schon fragen, was im Gehirn eines Menschen schief gelaufen ist, dass er sich freiwillig vor eine Herde wilder Stiere begibt.


Das Ziel der irren Encierro ist die Stierkampfarena von Pamplona und dort kommt es dann zum Showdown zwischen Torero und Stier, in 99,9 Prozent der Fälle mit ganz üblem Ausgang für die Stiere. Man kann die Arena mit Audioguide besichtigen, einschließlich der Ställe und der Quartiere der Toreros.

Die Toreros werden in Spanien als Helden gefeiert, denn sie sind mutig, edel, geschickt und risikobereit, echte Männer mit Nerven aus Drahtseilen, die dem Tod unerschrocken ins Gesicht lachen. Alles Eigenschaften, die auch meinen Charakter prägen. Nur dass ich das niemals nach außen zeigen würde. Das verbietet mir meine Bescheidenheit.

Ich könnte mich eigentlich auf die nächste frei werdende Stelle als Torero bewerben, als zweites Standbein in der Rente, wenn mir nur nicht immer beim Anblick von Blut so schlecht werden würde. Als hinter mir ein aggressives Schnauben ertönte, wurde mir allerdings schnell klar, dass meine berufliche Zukunft nicht im Stierkampf liegt. Die SinnlosReisende verdrehte wieder mal die Augen und murmelte etwas von „maßloser Selbst-Überschätzung“.

Mein Puls beruhigte sich erst wieder, als mir klar wurde, dass es kein lebender Stier war, sondern eine täuschend echte Audiosequenz aus dem Lautsprecher.
Bei dem Gedanken, dass diese stolzen Tiere nur aus dem einzigen Grund gezüchtet werden, um sie vor einem johlenden Publikum grausam und quälend langsam abzuschlachten, wird mir ganz schlecht. Während ich diesen Beitrag schreibe, hat Kolumbien mit dem Gesetz „No más olé“ den Stierkampf verboten. Begründung: „Wir können der Welt nicht erzählen, dass das Töten von lebenden und fühlenden Wesen zur Unterhaltung Kultur ist.“ Das trifft es ziemlich genau auf den Punkt. Und wenn jetzt Jemand meint, das sei doch eine schützenswerte Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht: man hat im Mittelalter auch Menschen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Manche Praktiken sind einfach nicht mehr zeitgemäß.
Das Beste an der ganzen Ausstellung sind die zahllosen Plakate, die den jeweiligen Zeitgeist widerspiegeln. Hast du Lust auf eine kleine Zeitreise?





Und hier noch eine kleine Auswahl an Plakaten, die mich beeindruckt haben:












Olite
Manchmal kommt das Gute, wenn man am wenigsten damit rechnet. Die hartnäckige Regenfront trieb uns immer noch vor sich her und wir suchten entnervt nach einem Zwischenhalt. Von der kleinen Ortschaft Olite hatten wir noch nie gehört, aber sie versprach einen kostenlosen Stellplatz. Der Regen hörte kurze Zeit später auf, und da wir nun schon mal hier waren, schlenderten wir ziellos durch die menschenleeren Gässchen. Und als wir um eine Ecke bogen, was soll ich sagen? Es haute uns fast aus den Sandalen vor lauter Burg.


Es stellte sich heraus, dass hier schon im 12. Jahrhundert eine Festung gebaut wurde, die dann von König Carlos III, „Karl der Noble“ zu einem wirklich noblen Schloß erweitert wurde.


Dass wir keine Menschenseele antrafen, hatte einen guten Grund: die waren alle auf dem Festplatz. Die Einwohner von Olite kleiden sich nämlich jedes Jahr Mitte September ganz in weiß, mit rotem Halstuch und feiern die Fiestas Patronales. Eine ganze Woche lang. Beeindruckend!


Saragossa
In Saragossa checkten wir auf dem städtischen Campingplatz ein und fuhren mit dem Bus in die Stadt. Hier gibt es leckere Tapas und erstaunlich viele Sehenswürdigkeiten.



Palacio de la Aljaferia
Der Palacio de la Aljaferia wurde im 11. Jahrhundert von den Mauren erbaut, die dem treuen Leser aus meinen Berichten über Córdoba und die Alhambra schon bekannt sind. In diesem Weltkulturerbe tagt heute das Regionalparlament der Provinz Aragon, man kann die Räume aber trotzdem gegen geringe Gebühr besichtigen.





Die Kirche mit dem heiligen Pfosten
Die Basilica de Nuestra Señora del Pilar im Zentrum Saragossas ist die größte Barockkirche Spaniens und besitzt elf Türme, die nur mit sanfter Gewalt auf ein Foto passen.


Im Inneren bietet diese Basilika einige Besonderheiten, beispielsweise Fresken des alten Pinselschrubbers Francisco de Goya, den Maler des bekanntesten Pornos von ganz Spanien. Sein Gemälde „Die bekleidete Maja“ konnte man an einem Scharnier umklappen und zum Vorschein kam „Die nackte Maja“, das erste Bild Spaniens, auf dem Schamhaar zu sehen war. Huuuiiii.

Aber die absolute Sensation dieser Basilika ist eine 35 cm kleine Marien-Statuette an einem Pfosten. Und hier wird es mal wieder Zeit für eine kleine Geschichtslektion. Grundwissen für jeden, der sich schon einmal überlegt hat, den Jakobsweg zu laufen:
Angeblich erschien dem heiligen Jakob (der damals noch gar nicht heilig war, sondern einfach nur einer der zwölf Jünger, aber immerhin, das ist ja auch schon was, das kann schließlich nicht Jeder von sich behaupten), also jedenfalls erschien dem Jakob am 2. Januar im Jahr 40 nach Christus die Jungfrau Maria auf einem Pfeiler. Ich vermute Restalkohol von der Silvesterparty. Jakob war ganz euphorisch und baute sofort um den Pfeiler herum eine Kirche. Vor lauter religiösem Eifer vergaß er, wichtige Fragen zu klären: was machte die Jungfrau auf dem Pfeiler? Wie kam sie da rauf? Und wenn ja, warum?
Wie auch immer, jedenfalls pilgern jedes Jahr zehntausende Gläubige zu diesem Pfosten, um den Schutz der Jungfrau Maria und das eine oder andere Wunder zu erbitten. Du glaubst nicht an Wunder? Dann nimm dies: im 17. Jahrhundert betete ein Bettler mit amputiertem Bein monatelang vor der Mariensäule – bis eines Tages sein Bein auf wundersame Weise wiederhergestellt war. Warum runzelst du die Stirn? Bei Eidechsen wächst der Schwanz doch auch nach!
Du bist immer noch skeptisch? Im spanischen Bürgerkrieg fielen zwei Fliegerbomben auf die Basilika und beide detonierten wie durch ein Wunder nicht. Die Blindgänger sind in der Kirche als Beweis ausgestellt, wie stark der Schutz der Jungfrau Maria noch heute ist. Jetzt fällt dir nichts mehr ein, nicht wahr?

Der heilige Jakob reiste nach Fertigstellung seiner Pfeilerkirche nach Jerusalem, wo Maria zu dieser Zeit noch lebte. Vermutlich kam ihm in nüchternem Zustand seine Vision selbst etwas wirr vor und er suchte Klarheit. Dazu kam es aber nicht, denn er wurde direkt von König Herodes enthauptet und ohne Kopf nach Spanien zurückgeschickt. Jakob wurde dann in Santiago de Compostela beerdigt, was bis heute zahllose Menschen dazu animiert, Klarheit auf dem Jakobsweg zu suchen.

Der Heilige Jakob ist also keineswegs im Schweiße seines Angesichts auf seinen eigenen Beinen nach Santiago de Compostela gewandert, wie man meinen könnte. Er reiste ganz bequem im Leichenwagen. Und manchmal, wenn man nur lange genug gewandert ist, sieht man ihn heute noch am Wegesrand stehen.

So, jetzt weißt du Bescheid. Bis bald.
Schicke rote Hose, steht dir. Mitte der Woche werden wir auch dort sein, nur andere Richtung 😉
LG aus Barcelona
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Danke! Dann viel Spaß
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Da habt ihr viel Interessantes gesehen. Die Mittelalterburg in Olite finde ich besonders toll, so gut erhalten, und erinnert mich an meinen Eindruck als ich zum ersten Mal Carcassonne sah. Das vorkam mir auch wie im Märchen.
Ich habe mal irgendwo gelesen, dass die Stierkämpfe auch für die Armen veranstaltet wurden, die dann hinterher das Fleisch von dem toten Stier zu essen bekamen. Aber das könnte man natürlich auch ohne all die Qual vorher machen. Ich denke mal, das war nur so eine Erklärung um dem Ganzen einen positiven Anstrich zu geben.
Soso, der Jakob ist gar nicht gepilgert … aber der Weg ist anscheinend wunderschön. Eine Bloggerin ist den von Portugal aus gegangen und hat es in ihrem Blog dokumentiert.
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Ja, das spanische Hinterland bietet wahnsinnig viele schöne Städte und Natur, die sich absolut lohnen zu besuchen.
Das Fleisch der Stiere wird heute teuer verkauft. Bin gespannt, wie lange man das noch erlaubt mit dem Stierkampf in Spanien.
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Die Gegend ist so packend voll von Historie und Histörchen… Schöne Bildreportage. Also ich jage am Liebsten den Osborne-Stier – als Aperitif vor einem Steak, rare!
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Ja, und vieles ist sehr gut erhalten, bzw. gut restauriert. Wenn man bei Spanien nur an Pauschalurlaub am Strand denkt, springt man zu kurz.
Und Getränke gibt es auch Gute.😉
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Schade, dass das Wetter und der Grad der Auslastung auf den Campingplätzen in Nordspanien nicht mitgespielt haben. Denn Bilbao und San Sebastián sind total schöne Städte. Aber ihr seid ja noch jung und könnt das später mal nachholen 😁. Und außerdem habt ihr ja mehr als würdige Ersatzziele gefunden.
Ja, Spanien und der Stierkampf: ein leidiges Thema. Längst überfällig, dass der abgeschafft bzw. verboten wird. Von mir aus können davon gerne nur die Schilder und die einschlägigen Kunstwerke in der Landschaft bleiben. Und natürlich du in der passenden Aufmachung! Na gut, die Plakate dann meinetwegen aus historischen Gründen auch. Aber sonst wirklich nix.
Von Olite hatte ich ehrlich gesagt bisher noch nie was gehört. Aber nachdem ich nun in diesem Beitrag diese tolle Burg gesehen habe, steht das Örtchen auf der Liste. Danke für den Tipp!
Saragossa reizt mich ja auch noch, wenn auch nicht unbedingt wegen der lecker, lecker Tapas 🤣. Und den Turm muss ich nun ja auch nicht mehr gerade rücken. Das hast du dankenswerterweise ja gleich erledigt. Der Palacio würde mir auch gefallen. Ich stehe ja total auf maurische Baukunst.
Bevor ich jedoch mit einem zu ausführlichen Kommentar die Grenzen von WordPress sprenge, fasse ich den Rest meiner Gedanken kurz zusammen: Porno in der Kunst, Wunder, Sagen und Pilgerlatein hast du uns in bewährter unterhaltsamer und witziger Art nahegebracht. Dieser Beitrag war wie immer ein großes Lesevergnügen 😎.
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Danke für die Blumen😀!
Ja, schade, dass wir Bilbao verpasst haben. Nicht zuletzt durch deine Beiträge waren wir darauf sehr neugierig gewesen. Aber es war sicher nicht unser letzter Besuch in Spanien, wenn das Alter und lässt 😉.
@Stierkampf: genau ! Vielleicht bringt das Vorbild Kolumbien eine Lawine ins Rollen.
Olite war einer dieser Zufallstreffer, die man nicht planen kann. Und Saragossa ist echt sehenswert. Voll gepackt mit Museen und Sehenswürdigkeiten und einer durchaus attraktiven Altstadt. Wir hatten nur einen Tag, das war fast zu wenig.
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Hoffentlich detonieren die Bomben nicht noch nachträglich und rennen die Stiere nicht los… Aber haben die ebenso fest- wie gewaltaffinen Spanier daraus gelernt? Man kann nur hoffen. Wenn sogar Kolumbien Schritte unternimmt. Na gut, die könnten die Neozoen, die Drogenboß – Nilpferde für die nächsten Stierkämpfe nehmen. Könnte lustig werden.
Bei manchen Szenen denkt man unwillkürlich an das Asterix- Heft zum Thema. Ein Umzug, denn es ist ein Festtag. Dass das Gehen auf dem Jakobsweg sehr ersprießlich (Blasen) und erbaulich sein soll bestätigen viele, allerdings auch, dass er stellen- und zeitweise arg überlaufen ist. Man besuche ein stilleres Wallfahrtsörtchen irgendwo im Hinterland (doch, ehrlich, das hat was. Wir haben uns das Kirchlein in Seeg (Allgäu, Nähe Forggensee) angeschaut. Ist nicht so weit weg. Ist nicht so überlaufen und kommerzialisiert wie die ebenfalls nahe Wieskirche und gleicher Stil, Rokoko. Mit dem verspielten Schnickschnack dieser Zeit muß man sich halt anfreunden. Es ist, wenn nichts los ist, wunderbar still an solchen Orten. Man muß nur die kirchlichen Festtage meiden!)
Schade, dass der Weg nicht weiter die französische Küste hinauf geführt hat. Aber ja, Spanien ist auch schön. Leider knapp an Wasser und das dürfte noch schlimmer werden.
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Stimmt, das Wasser war letzten Herbst schon arg niedrig in den Reservoirs. Und dieses Jahr soll es noch schlimmer sein. Vielleicht weniger Avocado und Mango anbauen.
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Und mehr Oliven, auch für den Eigenbedarf…
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