Meine Oma hatte zwei Universal-Sprüche im Repertoire, die sie bei zahlreichen Gelegenheiten anbrachte. Der eine lautete: „Wir sind doch nicht bei den Hottentotten!“ Das war natürlich sachlich richtig, wir waren wirklich nicht bei den Hottentotten. Aber der herablassende, leicht verächtliche Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass es sich hier um eine versteckte Botschaft handelte, um eine Botschaft mit deutlicher Kritik. Kritik an meiner jugendlichen Vorliebe für Rockmusik (grausig, und wie die alle aussehen!), Kritik an meiner Frisur (viel zu lang, man weiß ja heute gar nicht mehr, wer Junge und wer Mädchen ist!) oder Kritik am Ordnungssystem in meinem Jugendzimmer (als ob eine Bombe eingeschlagen hätte!). Erst viele Jahre später konnte ich bei einem Besuch bei den Hottentotten feststellen, dass es dort gar nicht so übel ist. Aber da lebte meine Oma schon lange nicht mehr.
Der zweite Spruch lautete: „Du wirst noch dein blaues Wunder erleben!“ Manchmal warf sie diese Ankündigung einfach so als unumstößliche Tatsache in den Raum, quasi als logische Konsequenz meines grundsätzlich missratenen Charakters. Meist war aber eine Bedingung damit verknüpft. „Wenn du jetzt nicht lernst, wirst du noch dein blaues Wunder erleben!“ Konkreter wurde sie nie, aber diese diffuse Prophezeiung warf dunklere Schatten über meine Kindheit als die Androhung von Hausarrest oder Fernsehverbot. Wenn das blaue Wunder ausblieb, kommentierte meine Oma mit: „Na, da bist du nochmal mit einem blauen Auge davon gekommen.“
Inzwischen habe ich tatsächlich so manches blaue Wunder erlebt, zum Beispiel die wundersame Blaufärbung des Rio Celeste in Costa Rica.

Und auch mit blauen Augen habe ich auf meinen Reisen schon Bekanntschaft gemacht, nämlich in Albanien.

Ein wahrhaft gigantisches blaues Wunder sind die Plitvicer Seen in Kroatien. Ein Geheimtipp, den jährlich über eine Million Menschen besuchen. Man sollte seine Tickets vorab online buchen, denn sonst riskiert man eine Abweisung wegen Überfüllung, so geheim ist dieser Nationalpark. Aber es lohnt sich trotzdem.




Die Mutter der blauen Wunder befindet sich in der Nähe von Ulm in Blaubeuren. Hier befindet sich ein Kloster, das von außen eher unspektakulär aussieht. Aber das Innenleben bietet erstaunliche Einblicke in das Leben der Mönche.


Kloster Blaubeuren ist weltbekannt für seinen gotischen Klappaltar aus dem 15. Jahrhundert. Da ich als unverbesserlicher Kunstbanause diese historische Perle der Kirchenkultur niemals angemessen würdigen könnte, zitiere ich eine Infotafel: „Es handelt sich um ein zweifach wandelbares Retabel aus Figurenschrein mit doppelt reliefierten Flügeln, Predella, Auszug und Gesprenge, das sich auf einer steinernen Mensa über dreistufigem Unterbau erhebt und Szenen der Passion Christi (geschlossener Zustand) und die Vita Johannes des Täufers (1. Wandlung) darstellt. Erst nach dem zweiten Öffnen der Flügelpaare offenbart sich die ganze goldfarbene Pracht des skulptierten Schreins mit der Mondsichelmadonna.“
Alles klar? Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können.

Die Mönche in diesem Kloster standen unter ständiger Beobachtung und führten ein eher spartanisches Leben mit strengen Regeln.


Immerhin hatten sie ein Badehaus, aber auch das macht einen bescheidenen Eindruck und ist in der Ausstattung weit entfernt von heutigen Wellness-Tempeln.


Vor lauter Langeweile kritzelten die Mönche die Wände voll und versuchten sich an Schnitzereien.

Ein Glanzstück der Schnitzkunst ist ein nur wenige Zentimeter großes Ensemble aus Elfenbein, das Schneewittchen und die sieben Zwerge darstellt. Bei genauer Betrachtung und nach mehreren Kontrollzählungen kommt der SinnlosReisende allerdings auf acht Zwerge. Vermutlich hat sich der Künstler selbst in die Runde hineingeträumt.

Um das Gedächtnis der Mönche war es offenbar nicht gut bestellt. Damit Jeder seinen Platz bei der Messe findet, mussten die Sitze wie im Kindergarten mit Tiermotiven gekennzeichnet werden.


Ein heikles Thema war die Ernährung. Obwohl das Kloster für die damalige Zeit sicher besser ausgestattet war als die durchschnittliche Bevölkerung, waren nicht alle Bewohner vom Speiseplan begeistert. Das belegen auch einige Fundstücke aus den ursprünglichen Fresken.



Meine Oma hätte für die Situation die passenden Sprüche gehabt: „Hier geht’s ja zu wie bei den Hottentotten!“ und „Die werden noch ihr blaues Wunder erleben!“ Dabei haben die Mönche im Kloster Blaubeuren ihr blaues Wunder direkt vor der Haustür: den Blautopf.



Früher glaubte man, hier sprudeln die Tränen einer Wassernixe, die von ihrem Mann, einem griesgrämigen Donaunix, an den Boden der Quelle verbannt wurde. Mit fadenscheinigen Begründungen: lacht zu wenig, gebiert keine Kinder, kann nicht kochen. Kurz gesagt: Nixe taugt nix, Nixe taucht!
Forscher haben inzwischen herausgefunden, dass es sich um eine Karstquelle handelt, die über ein weit verzweigtes Höhlensystem aus dem Regenwasser der Schwäbischen Alb gespeist wird. Die blaue Farbe entsteht durch den physikalischen Effekt der Rayleigh-Streuung des Sonnenlichts an den nanoskaligen Kalkpartikeln, die im Wasser dispergiert sind. Kurz gesagt: Nix Nixe, Physix!
Ich habe mich schlapp gelacht über die Nixe, arme Nixe, gut dass das nix war!
„Klappaltar“ kling ein wenig respektlos für dieses „ausladende“ Kunstwerk 😉 wenn man nur wüsste, was Predella und Gesprenge sind. Was die Ernährung der Mönche angeht, sehe ich nur Suppe, Suppe und Suppe. Besonders Wassersuppe und gebrannte Suppe hören sich nicht besonders interessant an.
Das mit dem blauen Wunder hatte meine Oma auch im Repertoir; vielleicht generationsspezifisch?
Jedenfalls sind deine Bilder mit blau sehr schön.
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Tja, das war dann wohl meine blaue Phase 😉.
Der Erklärtext zum Klappaltar hat mich erst auch geplättet. Bin wirklich quasi das Gegenteil von einem Kirchenexperten.
Und bei Wassersuppe hätte ich mich vielleicht auch an einem Huhn vergriffen, wer weiß…
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Die arme Nixe. Dabei hatte man ihr sogar ein Denkmal aufgestellt, und dann wird ihre Existenz infrage gestellt. Deswegen schmollt sie jetzt, die arme, und kommt nicht mehr an die Oberfläche. Nixe nix da! 😉
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Tja, so ist das halt im Leben: hart, aber ungerecht 😉
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Das Blaue Wunder in Dresden hätte ich mir aber auch erwartet. Na, vielleicht gehen deine Reisen ins Blaue noch irgendwann weiter?
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In Dresden war ich tatsächlich bisher noch nicht. Aber kommt vielleicht noch.
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Das fiel mir als erstes ein 😁
Da kann man sogar drüber gehen… 😊
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Ah ok, dann ist es ein stabiles Wunder 😃
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Bei Hempels unterm Sofa sah es manchmal auch aus wie bei den Hottentotten. 😉
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Stimmt! Die guten Hempels.😂😂😂
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ganz toll Deine blaue Wunder😀👍muss ich auch noch hin
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Mach das. Manche sind ja gar nicht so weit weg.
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Erinnert auch bissel an das Meerauge in Kärnten:
https://www.google.com/search?&q=Meerauge&tbm=isch
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Tatsächlich, das sieht auch schön aus. Danke für den Tip!
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So viele blaue Wunder erlebte ich noch nie😉
Sehr schöne Fotos, die Lust auf Reisen machen!!
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Danke! Ja, es lohnt sich. Ich persönlich finde ja blau immer sehr angenehm als Farbe, egal ob im Wasser oder am Himmel.
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… auf als Zustand kann es hilfreich sein, zumindest manchmal🙃
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auch😉
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😂😂😂
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Manchmal liegt das Gute so nah. Man kann doch in den Blautopf eintauchen und kommt irgendwo anders wieder raus (ich erinnere mich an einen Fernsehbeitrag). Ich finde, man könnte mit einem Blaubeer-Muffin in Blaubeuren einen blauen Montag machen. Gruß aus Taiwan mit einem sommerlich blauen Januarhimmel.
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Man kommt schon irgendwo raus; ich vermute in der Donau. Die Frage ist nur, in welchem Zustand. Ich empfehle Taucherausrüstung und Kompass. Es gibt dort unten wohl noch ziemlich lange unerforschte Tunnelsysteme.
Möge der Himmel in Taiwan immer blau sein!
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Danke, schöne Geschichte
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Verdammt, das sag ich auch immer …
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😂😂
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Tatsächlich dachte ich bei der Überschrift sofort an den Blautopf. Weniger an Costa Rica, da war ich noch nie, soll sehr schön dort sein. Und ja, die Seen in Kroatien sind auch ganz wundervoll und immerhin, als ich vor doch etlichen Jahrzehnten dort war hatten die dort noch keine Landminen versteckt, was das Ambiente eindeutig verbessert!
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Der das Huhn verspeisende Mönch erinnert stark an Gollum (my preciousss)
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Stimmt. Wobei der Mönch vermutlich zuerst war. Wer weiß, wo Tolkien sich inspirieren liess….
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So ein schöner Artikel! Danke dafür.
Was auch gar nicht weit weg ist, ist die „Blaue Lagune“, ein streng geschütztes Naturschutzgebiet bei Beckum.
Unglaublich schön – einfach traumhaft.
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danke für den Tip. Das nehme ich auf unsere Liste.
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👍
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