Das blaue Wunder

Katja Ebstein wusste es schon 1970: mit dem Lied „Wunder gibt es immer wieder“ belegte sie den dritten Platz beim Eurovision Song Contest. Um ein blaues Wunder zu erleben, muss man gar nicht so weit reisen.

Meine Oma hatte zwei Universal-Sprüche im Repertoire, die sie bei zahlreichen Gelegenheiten anbrachte. Der eine lautete: „Wir sind doch nicht bei den Hottentotten!“ Das war natürlich sachlich richtig, wir waren wirklich nicht bei den Hottentotten. Aber der herablassende, leicht verächtliche Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass es sich hier um eine versteckte Botschaft handelte, um eine Botschaft mit deutlicher Kritik. Kritik an meiner jugendlichen Vorliebe für Rockmusik (grausig, und wie die alle aussehen!), Kritik an meiner Frisur (viel zu lang, man weiß ja heute gar nicht mehr, wer Junge und wer Mädchen ist!) oder Kritik am Ordnungssystem in meinem Jugendzimmer (als ob eine Bombe eingeschlagen hätte!). Erst viele Jahre später konnte ich bei einem Besuch bei den Hottentotten feststellen, dass es dort gar nicht so übel ist. Aber da lebte meine Oma schon lange nicht mehr.

Der zweite Spruch lautete: „Du wirst noch dein blaues Wunder erleben!“ Manchmal warf sie diese Ankündigung einfach so als unumstößliche Tatsache in den Raum, quasi als logische Konsequenz meines grundsätzlich missratenen Charakters. Meist war aber eine Bedingung damit verknüpft. „Wenn du jetzt nicht lernst, wirst du noch dein blaues Wunder erleben!“ Konkreter wurde sie nie, aber diese diffuse Prophezeiung warf dunklere Schatten über meine Kindheit als die Androhung von Hausarrest oder Fernsehverbot. Wenn das blaue Wunder ausblieb, kommentierte meine Oma mit: „Na, da bist du nochmal mit einem blauen Auge davon gekommen.“

Inzwischen habe ich tatsächlich so manches blaue Wunder erlebt, zum Beispiel die wundersame Blaufärbung des Rio Celeste in Costa Rica.

Rio Celeste in Costa Rica
Das blaue Wunder von Costa Rica: Rio Celeste

Und auch mit blauen Augen habe ich auf meinen Reisen schon Bekanntschaft gemacht, nämlich in Albanien.

Das blaue Auge Albaniens
Das blaue Auge von Albanien heißt Syri i Kaltër

Ein wahrhaft gigantisches blaues Wunder sind die Plitvicer Seen in Kroatien. Ein Geheimtipp, den jährlich über eine Million Menschen besuchen. Man sollte seine Tickets vorab online buchen, denn sonst riskiert man eine Abweisung wegen Überfüllung, so geheim ist dieser Nationalpark. Aber es lohnt sich trotzdem.

Plitvicer Seen
Die Plitvicer Seen
Plitvicer Seen
Spiegelglatt
Plitvicer Seen
Reines Blau
Plitvicer Seen
Glasklar

Die Mutter der blauen Wunder befindet sich in der Nähe von Ulm in Blaubeuren. Hier befindet sich ein Kloster, das von außen eher unspektakulär aussieht. Aber das Innenleben bietet erstaunliche Einblicke in das Leben der Mönche.

Kloster Blaubeuren
Das Kloster von Blaubeuren
Kreuzgang im Kloster Blaubeuren
Abgestützt

Kloster Blaubeuren ist weltbekannt für seinen gotischen Klappaltar aus dem 15. Jahrhundert. Da ich als unverbesserlicher Kunstbanause diese historische Perle der Kirchenkultur niemals angemessen würdigen könnte, zitiere ich eine Infotafel: „Es handelt sich um ein zweifach wandelbares Retabel aus Figurenschrein mit doppelt reliefierten Flügeln, Predella, Auszug und Gesprenge, das sich auf einer steinernen Mensa über dreistufigem Unterbau erhebt und Szenen der Passion Christi (geschlossener Zustand) und die Vita Johannes des Täufers (1. Wandlung) darstellt. Erst nach dem zweiten Öffnen der Flügelpaare offenbart sich die ganze goldfarbene Pracht des skulptierten Schreins mit der Mondsichelmadonna.“

Alles klar? Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können.

Faltbarer Hochaltar Blaubeuren
Faltbarer Hochaltar

Die Mönche in diesem Kloster standen unter ständiger Beobachtung und führten ein eher spartanisches Leben mit strengen Regeln.

Stube im Kloster Blaubeuren
Du bist nie allein…
Gemälde mit Auge
I always feel like somebody’s watching me

Immerhin hatten sie ein Badehaus, aber auch das macht einen bescheidenen Eindruck und ist in der Ausstattung weit entfernt von heutigen Wellness-Tempeln.

Badehaus Kloster Blaubeuren
Das Badehaus der Mönche
Badewanne mit verschimmelten Wänden
Stockflecken – Luxus sieht anders aus

Vor lauter Langeweile kritzelten die Mönche die Wände voll und versuchten sich an Schnitzereien.

Wandmalereien im Kloster Blaubeuren
Wandmalereien

Ein Glanzstück der Schnitzkunst ist ein nur wenige Zentimeter großes Ensemble aus Elfenbein, das Schneewittchen und die sieben Zwerge darstellt. Bei genauer Betrachtung und nach mehreren Kontrollzählungen kommt der SinnlosReisende allerdings auf acht Zwerge. Vermutlich hat sich der Künstler selbst in die Runde hineingeträumt.

Schnitzwerk Schneewittchen und die acht Zwerge
Schneewittchen und die sieben acht Zwerge.

Um das Gedächtnis der Mönche war es offenbar nicht gut bestellt. Damit Jeder seinen Platz bei der Messe findet, mussten die Sitze wie im Kindergarten mit Tiermotiven gekennzeichnet werden.

Chorgestühl Blaubeuren
Chorgestühl im Kindergartenstil
Souffleur unter der Kanzel Blaubeuren
Souffleur für vergessliche Prediger

Ein heikles Thema war die Ernährung. Obwohl das Kloster für die damalige Zeit sicher besser ausgestattet war als die durchschnittliche Bevölkerung, waren nicht alle Bewohner vom Speiseplan begeistert. Das belegen auch einige Fundstücke aus den ursprünglichen Fresken.

Speiseplan Seminar Blaubeuren
Speisekarte
Gemälde Kloster Blaubeuren
Schon wieder Wassersuppe…
Fresken Bruchstücke aus Kloster Blaubeuren
Ein hungriger Mönch vergreift sich an einem Huhn

Meine Oma hätte für die Situation die passenden Sprüche gehabt: „Hier geht’s ja zu wie bei den Hottentotten!“ und „Die werden noch ihr blaues Wunder erleben!“ Dabei haben die Mönche im Kloster Blaubeuren ihr blaues Wunder direkt vor der Haustür: den Blautopf.

Blautopf mit Kirche Blaubeuren
Erstklassige Lage
Blautopf in Blaubeuren
Der Blautopf von Blaubeuren
Blautopf in Blaubeuren
Märchenhafte Farben

Früher glaubte man, hier sprudeln die Tränen einer Wassernixe, die von ihrem Mann, einem griesgrämigen Donaunix, an den Boden der Quelle verbannt wurde. Mit fadenscheinigen Begründungen: lacht zu wenig, gebiert keine Kinder, kann nicht kochen. Kurz gesagt: Nixe taugt nix, Nixe taucht!

Forscher haben inzwischen herausgefunden, dass es sich um eine Karstquelle handelt, die über ein weit verzweigtes Höhlensystem aus dem Regenwasser der Schwäbischen Alb gespeist wird. Die blaue Farbe entsteht durch den physikalischen Effekt der Rayleigh-Streuung des Sonnenlichts an den nanoskaligen Kalkpartikeln, die im Wasser dispergiert sind. Kurz gesagt: Nix Nixe, Physix!

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Autor: sinnlosreisen

Geschichten über die lustige Seite des Urlaubs

30 Kommentare zu „Das blaue Wunder“

  1. Ich habe mich schlapp gelacht über die Nixe, arme Nixe, gut dass das nix war!

    „Klappaltar“ kling ein wenig respektlos für dieses „ausladende“ Kunstwerk 😉 wenn man nur wüsste, was Predella und Gesprenge sind. Was die Ernährung der Mönche angeht, sehe ich nur Suppe, Suppe und Suppe. Besonders Wassersuppe und gebrannte Suppe hören sich nicht besonders interessant an.

    Das mit dem blauen Wunder hatte meine Oma auch im Repertoir; vielleicht generationsspezifisch?

    Jedenfalls sind deine Bilder mit blau sehr schön.

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    1. Tja, das war dann wohl meine blaue Phase 😉.
      Der Erklärtext zum Klappaltar hat mich erst auch geplättet. Bin wirklich quasi das Gegenteil von einem Kirchenexperten.
      Und bei Wassersuppe hätte ich mich vielleicht auch an einem Huhn vergriffen, wer weiß…

      Gefällt 4 Personen

  2. Die arme Nixe. Dabei hatte man ihr sogar ein Denkmal aufgestellt, und dann wird ihre Existenz infrage gestellt. Deswegen schmollt sie jetzt, die arme, und kommt nicht mehr an die Oberfläche. Nixe nix da! 😉

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  3. Manchmal liegt das Gute so nah. Man kann doch in den Blautopf eintauchen und kommt irgendwo anders wieder raus (ich erinnere mich an einen Fernsehbeitrag). Ich finde, man könnte mit einem Blaubeer-Muffin in Blaubeuren einen blauen Montag machen. Gruß aus Taiwan mit einem sommerlich blauen Januarhimmel.

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    1. Man kommt schon irgendwo raus; ich vermute in der Donau. Die Frage ist nur, in welchem Zustand. Ich empfehle Taucherausrüstung und Kompass. Es gibt dort unten wohl noch ziemlich lange unerforschte Tunnelsysteme.

      Möge der Himmel in Taiwan immer blau sein!

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  4. Tatsächlich dachte ich bei der Überschrift sofort an den Blautopf. Weniger an Costa Rica, da war ich noch nie, soll sehr schön dort sein. Und ja, die Seen in Kroatien sind auch ganz wundervoll und immerhin, als ich vor doch etlichen Jahrzehnten dort war hatten die dort noch keine Landminen versteckt, was das Ambiente eindeutig verbessert!

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  5. So ein schöner Artikel! Danke dafür.

    Was auch gar nicht weit weg ist, ist die „Blaue Lagune“, ein streng geschütztes Naturschutzgebiet bei Beckum.

    Unglaublich schön – einfach traumhaft.

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