Der unmusikalische Sambaspieler

Man glaubt es kaum: Der SinnlosReisende schüttelt sein musikalisches Unvermögen ab und tritt in einer Sambaband auf

„Musikalisch absolut talentfrei!“ So lautete das Motto, unter dem meine Kindheit stand. Diese Prägung begann schon in jungen Jahren im engsten Kreis der Familie, als am Heiligen Abend meine Oma in einem tragischen Anflug von Realitätsverlust auf dem Singen von Weihnachtsliedern bestand. Andernfalls drohte sie die Bescherung ausfallen zu lassen. Ein Fiasko! Nach dem zweiten Versuch legte mein Vater eine Schallplatte auf. Das waren damals diese schwarzen Scheiben, von denen man Musik streamen konnte.

Aus der Grundschulzeit erinnere ich mich nur noch an ein völlig katastrophales Intermezzo mit einer Blockflöte, das mein Vater nach kurzer Zeit mit einem Machtwort beendete. „Schluss jetzt mit diesem jämmerlichen Gedüdel!“, blaffte er und es war Schluss. Die genervten Nachbarn atmeten dankbar auf. Dann hatte ich noch einen kurzen Auftritt an der Triangel in der zweiten Klasse, bis ich durch einen Mitschüler ersetzt wurde, der den Einsatz nicht ständig verpasste.

Der letzte Rest an eventuell noch vorhandenem Interesse an Musik wurde mir im Karl-Maybach-Gymnasium ausgetrieben. Die Notengebung im Fach Musik basierte auf dem Vorsingen eines Volksliedes, alleine bloßgestellt auf dem erhöhten Podest des Musikraums, am Klavier begleitet vom Musiklehrer Gehrke, vor der versammelten Klasse. Eine peinlichere Situation war nicht vorstellbar.

Für einen 13-jährigen Jungen gab es nur zwei Optionen: Entweder sich Mühe zu geben und sich dabei vor den anderen Jungs bis auf die Knochen zu blamieren. Oder auf die Noten zu pfeifen und eine coole Socke zu mimen. Ich intonierte ein paar schiefe Töne aus „Hänschen klein, ging allein, in die weite Welt hinein…“, machte ein paar Faxen und kassierte eine Fünf, die bis ans Ende meiner Schulzeit an mir haften blieb. Das Urteil von Herr Gehrke war knapp, unmissverständlich und endgültig: „Marco ist hoffnungslos unmusikalisch“.

Das Karl Maybach Gymnasium in Friedrichshafen
Das Karl-Maybach-Gymnasium – Ort der musikalischen Ab-Erziehung

Bei Herrn Gehrke begann jede Musikstunde mit dem gleichen Ritual. Während er in militärischem Stechschritt das Musikzimmer betrat, brüllte er: „KLASSE, AUFSTEHEN!!!“

Sobald alle Schüler stramm standen, baute er sich breitbeinig vor der Tafel auf und holte tief Luft. Dann brüllte er: „GUTEN MORGEN, KLASSE!!!“ und die Klasse brüllte im Chor zurück: „GUTEN MORGEN, HERR GEHRKE!!!“

Daraufhin rief er: „KLASSE, SETZEN!!!“ und der Unterricht begann.

Damals war mir das nicht bewusst, aber mit ein wenig Kopfrechnen kommt man schnell darauf, dass ein Lehrer, der in den Siebzigerjahren kurz vor der Pensionierung stand, seine Ausbildung in der giftigen Blütezeit des Nationalsozialismus erhalten hatte. Das erklärt vielleicht das martialische Ritual, das er Jahr für Jahr, Tag für Tag unverändert durchzog. Bis zu jenem Tag im Herbst 1977, an dem die Klasse 8B eine Zeitenwende einläutete.

Herr Gehrke brüllte wie immer seinen Standup-Befehl. Als der kleine Möchtegern-Diktator bemerkte, dass die komplette Klasse sitzen geblieben war, nahm er eine dunkelrote Gesichtsfarbe an und wiederholte sein Kommando mit doppelter Lautstärke und mit erregt zitterndem Schnauzer.

Ohne Erfolg. Als ihm nach einigen Sekunden seine Hilflosigkeit bewusst wurde, schnappte er sich das Klassenbuch, verließ im Stechschritt den Musikraum und murmelte irgendetwas von unerhörter Impertinenz und dass das Konsequenzen haben werde. Die Konsequenz war, dass wir nie wieder aufstehen mussten. Und während draußen die RAF Deutschland mit blutigem Terror überzog, hatten wir gelernt, dass man mit gewaltfreiem Widerstand eine ganze Menge erreichen kann. Man musste sich nur einig sein.

Nur wenig später festigte die 8B endgültig ihren Ruf als brandgefährliche Revoluzzerklasse. Unser Geschichtslehrer Sendele hatte gerade seine übliche Ohrfeige an Andi verabreicht, der wieder einmal durch konsequentes Nichtwissen an der Tafel glänzte. Also eigentlich alles ganz normal. Nur schlug Andi diesmal reflexartig zurück. Die Situation erinnerte an die Duelle in den damals so beliebten Westernfilmen; man konnte gar nicht so schnell schauen, wie der Doppelschlag durchs Klassenzimmer knallte. In den folgenden Wochen schlugen am KMG die Wellen hoch; insbesondere Herr Sendele wollte lange nicht verstehen, wie man denn bitteschön ohne Ohrfeigen einen anständigen Unterricht halten solle. Das Tauziehen endete mit seiner Frühpensionierung.

Aber ich schweife ab, zurück zum Thema. Ich wuchs also mit der Gewissheit auf, unheilbar unmusikalisch zu sein. Zwei unglückliche Tanzkurse zementierten die Gewissheit zu einem unumstößlichen Naturgesetz, denn welcher 14-Jährige kann schon auf den Takt der Musik hören, die Beine dazu bewegen, eine Tanzpartnerin aus dem mysteriösen Universum der Mädchen führen, den anderen Paaren auf der Tanzfläche ausweichen und einem Gespräch folgen. Gleichzeitig! Mit nur einem Gehirn! Dieses Projekt war von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Die einzige Irritation war, dass ich so wahnsinnig gerne Musik hörte. Ich kannte jede Textzeile von Pink Floyd auswendig und konnte beim ersten Ton die Gitarre von Eric Clapton oder Jeff Beck erkennen. Aber man kann ja auch Kuchen mögen ohne backen zu können.

Es dauerte über 50 Jahre, bis mein Weltbild erste Risse bekam. In einer Rehaklinik war mir so langweilig, dass ich abends an einem Drum Circle teilnahm. Dort stellte ich fest, dass Trommeln richtig Spaß macht und dass ich gar nicht so oft daneben schlug wie befürchtet. Ich nahm danach Cajon-Unterricht und irgendwann bekam ich zufällig mit, dass es in der Musikschule auch eine Sambagruppe gab.

Vor meinem geistigen Auge erschienen Bilder vom Karneval in Rio, brasilianische Tänzerinnen mit freizügigen Glitzerkostümen und Federboas und endlosen Beinen vom Bauch bis zum Boden. Ich meldete mich sofort an.

Die erste Probe war eine herbe Enttäuschung, denn Tänzerinnen gab es in dieser Gruppe nicht, hier wurde getrommelt. Also musste ich wohl oder übel selbst für passende Bekleidung sorgen.

Der SinnlosReisende spielt verkleidet Samba
Der SinnlosReisende trommelt Samba

Dann holte ich fünfzig Jahre fehlende Musikausbildung nach und kämpfte mit Sechzehntelnoten, Triolen und Paradinhas. Lernte den Carioca und die Brasil Clave, versuchte mein Glück an der Surdo, an der Snare und mit dem Shaker.

Und was soll ich sagen? Es machte einfach irre Spaß! Die einzelnen Instrumente sind gar nicht so schwierig zu spielen und gemeinsam kommt ein verblüffend fetter Sound heraus. Und das Beste: wenn man mal daneben haut, ist das total egal, denn der brasilianische Straßensamba nennt das dann Improvisation. Na ja, manchmal ist es einfach ein Patzer, aber das stört auch Niemanden.

Dann kamen die Auftritte. Beim KulturCampus in der Caserne war die Stimmung mangels Publikum noch etwas gebremst, aber auf der Fastnacht in Konstanz und Überlingen steppte der Bär.

MaSambary beim Auftritt in der Caserne Friedrichshafen
Coole Gruppe: Auftritt in der Caserne
MaSambary auf der Fähre zum Fasching nach Konstanz
Auf der Fähre nach Konstanz
MaSambary beim Hänselejuck in Überlingen
Beim Hänselejuck in Überlingen

Die Resonanz in den Medien war verblüffend: Am nächsten Tag fanden wir uns auf der Instagram-Startseite in der Gesellschaft von Olaf Schubert, Torsten Sträter und Rod Stewart. Ich weiß, ich weiß, das liegt an den Algorithmen, die einem genau den Inhalt der eigenen Filterblase solange wieder vorsetzen, bis man glaubt, man sei der Nabel der Welt. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen…

Instagram Screenshot mit MaSambary und anderen Berühmtheiten
Instagram-Berühmtheiten unter sich

Dann kam der Auftritt bei der Festa Brasileira in Meckenbeuren. Die Nervosität war dieses Mal ziemlich hoch, denn im Publikum waren zahlreiche Brasilianer, die den Samba schon vor der ersten Zellteilung im Bauch der Mutter tanzen können. Und die Generalprobe trug auch nicht gerade zur Beruhigung bei; es lief so schlecht, dass ich mir schon eine Exitstrategie überlegte. Migräne, oder ein familiärer Notfall.

Aber dann begann die Show und es gab kein Zurück mehr. Hier klappte es dann endlich auch mit den TänzerInnen, die dem Publikum derart einheizten, dass die Stimmung in kürzester Zeit den Siedepunkt erreichte. Ich muss gestehen, dass ich anfangs etwas Mühe hatte, mich auf den Rhythmus zu konzentrieren. Wegen der bunten Kostüme. Und den brasilianischen Bewegungen. Oder so ähnlich.

Sambagruppe Masambary mit Tänzerinnen Mar Brasil beim Festa Brasileira in Meckenbeuren 2023
Auftritt bei der Festa Brasileira: MaSambary und Sam Brasil
Lebensfreude pur: Samba

Jedenfalls gehört dieser Abend zu den schönsten Erlebnissen meines kurzen Lebens und deshalb: lass dir von Niemandem einreden, dass du irgendetwas nicht kannst, auch nicht von Eltern oder Lehrern!

Und wenn du jetzt Bock hast, in unserer coolen Truppe mitzumachen, dann melde dich einfach bei Mary von der Musikschule RhythmusRaum.

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Autor: sinnlosreisen

Geschichten über die lustige Seite des Urlaubs

30 Kommentare zu „Der unmusikalische Sambaspieler“

  1. Haha,
    Gehrke und Sendele ….
    Und Andi
    Da werden viele Erinnerungen wach.
    Ach ja, nächstes Mal muss ich wohl den Weg auf mich nehmen und zu so einem legendären Konzert kommen….

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    1. Tja, beim letzten Abitreffen sind tatsächlich bei mir einige Erinnerungen geweckt worden. Und du bist natürlich herzlich eingeladen zum nächsten Auftritt. Ich werde rechtzeitig vorher informieren.

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  2. Wow! Was für ein Outing. Toll, Deine Konversion zum Trommler im Team samt eindrucksvollem Kostüm. Nenn uns die nächsten Termine (im schwäbischen Fasching?) – wir kommen 🙂 Nebenbei: unser Musikunterricht am Jung-Stilling-Gymnasium Hilchenbach war auch nicht viel fortschrittlicher. Ich mochte immer, wenn der Lehrer, Herr Prinz, Mozarts „Türkischen Marsch“ im Stil von Lieschen Müller oder Oberst Schmidt spielte. Gruß von einem unmusikalisch Sozialisierten.

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    1. Danke. Noch stehen keine Termine fest. Erstaunlich, wie viele Leute damals vom Schulunterricht lebenslange Blessuren davongetragen haben. Und noch erstaunlicher, dass trotzdem so viele Menschen erfolgreich wurden. Zähes Volk, diese Schüler.. .

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  3. Super, dass du deine Traumata 😉 endlich mal aufgearbeitet hast und wir einen vergnüglichen Text lesen durften. Aber am allerbesten ist natürlich der Ausgang der Geschichte, ein echter Paukenschlag!
    Bei uns ging es zum Unterrichtsbeginn alles andere als militärisch zu, man rief sich mehr oder weniger enthusiastisch „Freundschaft“ zu. Aber in der ersten Stunde wurde immer ein Lied gesungen.

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    1. Ja, ein Happy-End, ein Punktsieg für die Musik. Mal sehen wohin das noch führt. Mit manchen Lehrern hätte ich sehr ungern Freundschaft gepflegt. Dann schon lieber eine ehrliche, von Herzen kommende Feindschaft 😄

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  4. Eines steht fest, Übung und Hartnäckigkeit wiegen mehr als Talent alleine. Jeder kann alles lernen, mit ausreichend Training und Wiederholungseinheiten. Und das hat uns der Sinnlosreisende hier bewiesen. Hübsches Kostüm übrigens 😉

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  5. Recht hast du, man soll sich nicht irre machen lassen. Meine Kusine war sehr musikalisch was Instrumente anging, aber ihr hat man immer eingeredet, dass sie nicht tanzen kann. Zum Glück hat sie noch herausgefunden, dass das Quatsch war.
    Eine ähnliche Lehrersituation hatten wir an unserer Schule mit einem Religionslehrer, den haben wir total zum Ausflippen gebracht, auch so ein Möchtegerndespot.

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    1. Ich bin davon überzeugt, dass man ziemlich viel erreichen kann, wenn man nur dafür brennt.
      Und despotische Religionslehrer kommen eh alle in die Hölle. Da ist es doch nett, wenn die Schüler sie schon mal vorbereiten 🤭😉

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      1. Ich fand das auch sehr seltsam, dass ausgerechnet ein Religionslehrer sich so unmöglich aufführt. Er hat uns auf unsere Antwortverweigerung tatsächlich auf das gröbste beschimpft. Und dann fingen einige von uns auch noch an zu kichern …

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  6. An meine musikalischen Erlebnisse zu Schulzeiten erinnern ich mich ebenfalls nicht besonders gerne. Der Musikunterricht hat mir, wie viele andere Schulfächer, das Interesse an vielen Themen verleidet. Umso schöner, dass hier nun so etwas Tolles entstanden ist. Von schulischen Erinnerungen sollte man sich wahrlich nicht leiten lassen. 🙂

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  7. bei uns gab es im musikunterricht für die jungen zwischen 11 und 14 eine singpause, da vorsingen dank stimmbruch oft ohnehin in unsäglichem quietschen endete. das wollte man den jungs und den anderen ersparen.
    erstaunt bin ich, wie lange es bei euch noch prügelnde lehrer gab. die letzte schulische ohrfeige griff meine große schwester (jg.45) ab. es endete damit, dass meine mutter in der kittelschürze zur schule rannte und klar stellte: „meine kinder schlage, wenn überhaupt, nur ich.“ muss wohl anfang der 60er gewesen sein und ging für den lehrer nicht gut aus.

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    1. Das waren bei uns natürlich auch nur vereinzelte Relikte, keinesfalls die Regel. Prügelnde Mütter gab es auch bei uns wesentlich länger. Meine gab diese Erziehungsmethode auf, als ich größer und stärker war als sie. Ich glaube, sie gab dann die Erziehung komplett auf. 😅

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  8. Wieder ein großartiger Beitrag! Ich schaffte noch nicht mal den ersten Absatz, ohne in schallendes Gelächter auszubrechen. Schuld daran war deine treffsichere Definition einer Schallplatte 🤣. Deine späte Karriere als Samba-Trommler ist wirklich beeindruckend. Auch eure Kostüme überzeugen restlos. An dieser Stelle möchte ich anregen, dass du die gelbe Krone auch in dein Alltags-Outfit integrierst. Du würdest staunen, wieviel mehr Respekt und Demut dir damit entgegengebracht wird. Was eure illustre Gesellschaft auf der Startseite von Instagram betrifft: auch sehr beeindruckend! Die Wucht der Wirkung wird auch nur unwesentlich dadurch beeinträchtigt, dass es auch Jimi Blue Ochsenknecht in die Promi- Riege geschafft hat. Sollte ich zur einschlägigen Jahreszeit einmal in eurer Gegend weilen, komme ich gerne zu einem eurer Auftritte. Es wäre mir ein Fest!

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    1. Hahaha. Das mit der Krone überlege ich mir noch. In meinem Alter hat man ja nicht mehr viel zu verlieren, außer der Würde😉.
      Jimi Blue Ochsenknecht kannte ich gar nicht; ich bin in B-Promi-kunde nicht sehr bewandert. Danke für den Hinweis.
      Klar bist du herzlich willkommen bei unseren Auftritten. Die weiblichen Bandmitglieder werden sicher wieder angemessene Kostüme (er)finden.

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  9. Stark. Ein dickes Lob. An die Klasse von damals und an den, an jeden, der seine eigene Schwäche überwand! Den Kelch, der einfach nicht an einem vorübergehen will, den muß man eben austrinken, und manchmal ist es ja kein Schierlingsbecher, keine öffentliche Kreuzigung, sondern viel harmloser und vielleicht sogar, wie hier, toll!

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