Mumbai

Der Abschluss unserer Indienreise führt uns nach Mumbai. Nach zwei Wochen wird es Zeit für ein Fazit zu Indien, zum indischen Essen und zum Umgang mit Trinkgeld.

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Nachdem wir uns von der Hochzeitsfeier erholt hatten, besuchten wir Mumbai, die zweitgrößte Stadt Indiens. Hier findet man prunkvolle Architektur mit deutlichen Einflüssen aus der englischen Kolonialzeit. Und direkt neben dem Luxus wird man von der nackten Armut auf den Straßen erschlagen.

Luxushotel in Mumbai
Ein Hotel in Mumbai
Apartmenthaus in Mumbai
Ein Wohnhaus in Mumbai
Villa in Mumbai
Eine Villa in Mumbai
Obdachloser in Mumbai
Ein Obdachloser in Mumbai
Strand in Mumbai
Der Strand von Mumbai

Die Slums von Mumbai

Satellitenbild eines Slums
Von oben

Auf Satellitenbildern erkennt man die Slums an ihren bläulichen Blechdächern und der dichten unstrukturierten Bebauung. Wir fragten einen Taxifahrer, wie gefährlich es denn in diesen Gegenden sei. Der verstand den Sinn der Frage gar nicht, denn er lebte selbst mit seiner Familie in einem Slum. Und tatsächlich war ich positiv überrascht. Klar ist das Leben dort mehr als bescheiden, aber gefährlich schien es mir nicht. Zumindest nicht tagsüber und mit ortskundiger Begleitung.

Enge Gasse im Slum von Mumbai
In einer der Gassen

In den Slums von Mumbai gibt es die größten Waschsalons der Welt. Tausende Männer waschen hier die Wäsche der Metropole, ohne jegliche Maschinen. Die sogenannten Dhobis haben ein faszinierendes Hol- und Bring-System entwickelt. Es grenzt an ein Wunder, wenn eine Jeanshose in dieses endlose Gassengewirr eintaucht und nach einem Tag wieder sauber und gebügelt zu ihrem Besitzer zurückfindet.

Über Arbeitsbedingungen und gerechte Entlohnung möchte ich hier gar nicht nachdenken. Aber die SinnlosReisende hat es auf den Punkt gebracht: „Jeder, der in Deutschland lautstark darüber jammert, dass er wegen der gestiegenen Preise bald seine Socken auskochen muss, um wenigstens noch etwas Suppe essen zu können, der soll hier einfach mal eine Woche Praktikum machen.“

Wäscherei in Mumbai
Wäscherei in Mumbai
Männer waschen Wäsche im Slum von Mumbai
Männerarbeit

Rache ist süß

Die Briten haben während ihrer Kolonialzeit in Indien etliche Merkwürdigkeiten verbreitet, unter anderem eine halbe Zeitverschiebung. Denn als es noch keine Uhren mit automatischer Zeitumstellung gab, führten die Engländer einen bequemen Trick ein: sie stellten einfach ihre Taschenuhren auf den Kopf. Aus 12:00 (beide Zeiger oben) wurde dadurch 17:30 (beide Zeiger unten). Und damit hat man dann 5,5 Stunden Zeitunterschied zwischen London und Delhi, ohne an der Uhr die Zeiger verstellen zu müssen.

Als späte Rache an den ungeliebten Kolonialherren verpassen die Inder nun den ehemaligen britischen Prestigebauten neue Namen, die für Engländer nahezu unaussprechlich sind.

Victoria Terminus
Der ehemalige Victoria Terminus…
Chatrapati Shivaji Maharaj Terminus
…wurde umbenannt in Chatrapati Shivaji Maharaj Terminus

Das indische Essen

Natürlich kenne ich indisches Essen. Schließlich bleibt in vielen Urlaubsorten für Vegetarier als letzte Option „dann gehen wir halt wieder zum Inder“. Ich mochte indisches Essen sehr und war daher gespannt, wie das Original schmeckt. Nach zwei Wochen steht mein Urteil fest: das Essen in Indien ist einfach nicht gut. Sorry für die klaren Worte, aber das muss einfach mal gesagt werden. Egal, wo wir zum Essen waren, im Hotel, im Schnellimbiss, im Restaurant, an der Garküche auf der Straße, es war kein einziges Mal gut. Es schmeckte jedes Mal fantastisch, sensationell, unbeschreiblich lecker.

Und das Beste waren die Süßigkeiten. Hätte ich doch nur vor der Abreise meine Diabetes-Impfung *) aufgefrischt!

Indische Süßigkeiten
Der direkte Weg ins Zuckerkoma

Trinkgeld in Indien

Indien ist ein wundervolles Land! Das Einzige, das mich auf unserer Reise wirklich gestört hat (außer dem Lärm, dem Dreck, dem Müll, dem Gestank, der Armut, dem Verkehr, dem ständigen Gehupe, den unzuverlässigen Taxifahrern, dem allgegenwärtigen Chaos, der Unpünktlichkeit, den überteuerten Hotels, den skrupellosen Betrügern, den Toiletten ohne Klopapier, den überfüllten Städten, dem penetranten Anstarren und den aufdringlichen Händlern) ist der Umgang mit Trinkgeld. Klar gibt man ein Trinkgeld. Etwas mehr, wenn der Service gut war, etwas weniger, wenn er schlecht war und wenn er grottenschlecht war, auch mal gar nichts. Aber in Indien gibt es an vielen Stellen diese aggressive Erwartungshaltung, dass man für jeden noch so winzigen Mikrodienst ein Tip verdient hat.

Im Taj Mahal werden den Besuchern mit einer Taschenlampe die Glitzersteine am Grab gezeigt. Vor der Tür steht auf einem Schild, dass es sich hier um gut bezahlte Regierungsangestellte handelt und man kein Trinkgeld geben soll. Trotzdem hält der Taschenlampen-Beamte nach 30 Sekunden Vorführung die Hand auf. Ich bin noch so doof und gebe ihm ein paar Rupien, worauf er mich grob anschnauzt, dass das ja wohl viel zu wenig sei.

In einem Sikh-Tempel bekamen wir ungefragt von einem Priester eine interessante Führung. Da der Tempel wohltätige Einrichtungen für Obdachlose betrieb, steckte ich am Ende einen Schein in den Spendenschlitz. „No, no, give the donation to me!“, brüllte der Geistliche. Aber zu spät, meine Gabe purzelte schon in den offiziellen Opferstock. Ich will ja niemanden verdächtigen, aber mir fällt einfach kein seriöser Grund ein, warum er unbedingt die Spende persönlich entgegennehmen müsste.

In einem Hotel in Agra sorgten wir beim Checkout für einen kleinen Eklat. Der Etagenpage merkte zu spät, dass wir unser Zimmer verliessen. In letzter Sekunde hechtete er zu uns in die Aufzugskabine, und fuhr mit uns nach unten. Als sich die Türen öffneten, zog ich meinen Rollkoffer selbst die drei Meter bis zur Rezeption. Der Hotelpage sprang aufgeregt hinter mir her und quiekte verzweifelt: „Please, Sir, it‘s my duty! Let me help you!“. Der arme Junge platzte fast, weil er offensichtlich mit der Situation überfordert war. Als wir dann auch noch auf das überteuerte Hoteltaxi verzichteten und ein Uber bestellten, war das Entsetzen groß.

Wie Charly aus unserer Reisegruppe treffend bemerkte: „so ist es in Indien halt üblich“. Gefallen muss mir das trotzdem nicht. Ich will immer noch selber entscheiden, welchen Service ich in Anspruch nehme und welchen eben nicht. Und wenn ich mich dauernd gegen Dienstleistungen wehren muss, die ich nicht brauche, dann ist das einfach nur nervig. Und es führt zu einer inneren Abwehrhaltung, mit der man dann auch solche Menschen abwimmelt, die vielleicht einfach nur helfen wollen. Sehr schade. Immerhin gibt es Lichtblicke: in Delhi werden erste „Non Vending Zones“ ausgewiesen, in denen man sich einfach nur ungestört aufhalten kann.

Wie sinnlos ist nun eine Reise nach Indien?

Noch nie tat ich mich so schwer, nach einem Urlaub ein Fazit zu ziehen. Indien ist derart vielfältig, dass es sich einem abschließenden Urteil hartnäckig widersetzt. Neben den ganzen Schattenseiten gibt es so viele beeindruckende Sehenswürdigkeiten, kulturelle Highlights und interessante Menschen, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt. Und dabei haben wir nur einen winzigen Bruchteil des Landes gesehen.

Deshalb ist meine klare Empfehlung: Indien musst du einfach selber erleben. Da hilft kein Reiseführer und kein sinnloser Blog. Fahr hin und mach dir dein eigenes Bild. Die Erlebnisse werden auf jeden Fall eindrucksvoll und bereichernd sein, egal ob es dir dann gefällt oder nicht. Unsere selbst organisierte Individualreise fanden wir ziemlich anstrengend. Aber es gibt ja auch noch andere Möglichkeiten, beispielsweise ein gechilltes Ayurveda-Retreat mit Yoga und Meditation, ein entspannter Badeurlaub in einem All-inclusive-Resort in Goa oder eine geführte Luxusreise. Für eine gute Vorbereitung kannst du bei Irene den ultimativen Indientest machen.

Wir haben uns jedenfalls nach zwei Wochen Indien entschieden, zur Erholung nach Bangkok zu fliegen.

*) Das war natürlich ein Witz; es gibt keine Diabetes-Impfung. Leider. Man muss sich durch hartes Training an den Zucker gewöhnen. Have fun!

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Autor: sinnlosreisen

Geschichten über die lustige Seite des Urlaubs

27 Kommentare zu „Mumbai“

  1. Krass, ich mag mir das gar nicht vorstellen, die ständige Erwartungshaltung. Schade, denn dann bleiben auch mal echte Freundlichkeiten unbemerkt. Da geht es weniger um die paar Rupien, mehr noch geht es um den Stress, den ein solches „sich ständig wehren müssen“ verursacht. Seltsames Land. Ich kann mir schon vorstellen, dass man da kaum ein richtiges Fazit ziehen kann, habe das auch bei vielen gelesen. Irgendwo schrieb mal jemand, dass es weniger wird mit der Erwartungshaltung, je individueller man unterwegs ist. Ob das war ist, kann ich nicht beurteilen, ich war noch nie in Indien. Aber ich denke, nach Indien ist man bereit für alles 🙂

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  2. Ich bin in und mit Indien groß und alt geworden 🙂 Und es hält mich jung. Wie es so schön heißt: „Nach drei Wochen Indien schreibst Du ein Buch, nach 30 Jahren Indien schreibst Du Deine Memoiren.“ Danke, Marco, für Deine Eindrücke. Übrigens, aus Dir bekannten Gründen werde ich mit Indien auch jenseits meines eigenen kurzen Daseins auf diesem Planeten auf ewig verbunden sein. Wenn das nicht ein tolles karma ist …

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    1. Hallo Reiner, ich hatte beim Lesen deines Blogs schon den Eindruck, dass du sehr eng mit Indien verbunden bist. Ich glaube, das kann sehr bereichernd sein, wenn man sich wirklich darauf einlässt. Wir kamen ja über die Phase des staunenden Touristen kaum hinaus.
      Für Memoiren reicht es bei mir nicht, aber jetzt hab ich ja schon mal ein paar Beiträge verfasst.
      Vielleicht kommt man mit dem Trubel besser klar, wenn man jünger ist. Ich merke ja auch sonst, dass mich große Menschenansammlungen immer mehr stressen.

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      1. Wohl wahr, geht mir auch so. Indien, vor allem die Metropolen, ist ein Challenge im Alter. Deshalb ziehe ich auch Südostasien als „Winter refuge“ vor – derzeit voll in Planung. Dies Jahr mindestens zwei Monate…

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  3. Ja, es ist nicht ganz einfach, zu Indien ein Fazit zu ziehen. Ich habe da auch ewig dran herum gekaut. Anstrengend und faszinierend zugleich! Und nach ein paar Jahren Abstand zu meiner ersten Indienreise in 2019 bin ich jetzt fast schon wieder soweit, an die Fortsetzung zu denken. Nicht nur Mumbai fehlt mir noch in meiner Sammlung.

    Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie anstrengend es für euch gewesen sein muss, individuell organisiert in Indien unterwegs gewesen zu sein. Ich werde wohl beim nächsten Mal trotz meiner ausgeprägten Sozialphobie wieder auf eine organisierte Kleingruppenreise zurückgreifen. Danke für deine Eindrücke, an denen du uns in gewohnt lakonisch-humorvoller Weise hast teilhaben lassen. Es war mir wieder ein Fest! Und danke auch für den Link zu Irenes ultimativem Indientest. Es kam heraus, was herauskommen musste …

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          1. Thailand ist extrem empfehlenswert, gerade für Alleinreisende. Man darf halt nicht nach Phuket oder Pattaya, wo sich der Pauschaltourismus tummelt. Aber sonst sehr entspannt, abwechslungsreich und schön.

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  4. Ich mag deine Reiseberichte besonders, wenn man viel Wertschätzung für die Menschen und die Kultur herauslesen kann. Ich denke das ist hier der Fall. Und was die ungewollten und nervigen Dienstleistungen angeht: Das ist diese scheiss Armut. Die Armut in einem Land der krassen Gegensätze. In einem Land das von der Herrschaft durch Potentaten in die Ausbeutung durch die Briten geraten ist. Nach der Gnadenlosen Plünderung der Kolonialherrn ist Indien nun eine junge Demokratie mit massiv viele Menschen und – wie bei uns – mit Populisten, die diese Demokratie gefährden. Herzliche Grüsse aus der Schweiz 🇨🇭

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    1. Danke, Wertschätzung und Respekt sind mir tatsächlich sehr wichtig. Mit deiner Analyse könntest du recht haben. Wenn man täglich ums Überleben kämpft, ist dezente Rücksichtnahme auf das Befinden eines Touristen vielleicht nicht die allererste Priorität.

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  5. Oh cool, da war ich schon mal „lange her“ da hieß es noch Bombay und war um einiges „angenehmer“ als Delhi und dann noch mal in 2018. Verrückte Stadt … abgefahren. Crazy

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  6. Vielen lieben Dank für die Verlinkung von meinem Indien-Test.
    Ich denke, dass Indien für Touristen tatsächlich eine große Herausforderung ist. An Touristen-Orten ist dies nochmals deutlicher zu spüren.

    Aber ich muss die Inder auch etwas in Schutz nehmen, denn diese unsagbaren Erwartungshaltungen sind natürlich hausgemacht. Viele Touristen geben einfach für alles und jedes viel zu hohe Trinkgelder. Da versucht mal verständlicherweise bei jedem Touristen sein Gehalt aufzubessern.

    Liebe Grüße aus Chennai Irène

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    1. Sehr gerne geschehen, ich finde deinen Test sehr gut.
      Und ja, ich kann auch die Inder gut verstehen. Es ist dann halt mitunter ziemlich anstrengend. Aber ähnlich aufdringliche Leute hab ich auch schon in Griechenland und im arabischen Raum erlebt.

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  7. Ein wunderbarer Bericht mit herrlichen Bildern! Besonders gut gefällt mir, wie du die Gegensätze im Leben der Inder aufzeigst, wie auch die Armut einen Platz bekommt, ohne anzuklagen, ohne Ekel, einfach nur hingeschaut und akzeptiert. Was will man schließlich anderes machen? Doch dadurch wird das Reisen aus seiner Sinnlosigkeit herausgehoben.

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    1. Oh, danke!
      Ja, man kann nicht die ganze Welt retten, vielleicht will die Welt auch gar nicht immer gerettet werden. Aber man kommt demütiger, bescheidener und zufriedener von so einer Reise zurück. Denn man weiß dann, dass unsere Sorgen und Aufreger manchmal ziemlich unbedeutend sind.

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  8. Ja, den Reisetest hab ich dann auch mal gemacht. Ich wußte aber vorher schon was ich für ein Land wie Indien und ein erstes Mal nötig haben würde: das dann doch lieber gut organisiert! Doch führen die Reisen, die ich bisher entdeckt habe, nicht zu den Orten, die mich interessieren würden. Eine kleine Wanderung durch die Sundarbans. Oder die Suche nach den letzten Panzernashörnern, Zwergwildschweinen, wilden Wasserbüffeln (nein, nicht die zahmen, da muß ich bloß hier um ein paar Ecken. Wobei ich mich z.B. bei Wasserbüffeln auf der Alb frage, ob man da nicht einen Planungsfehler machte. Das Tier heißt Wasserbüffel, und wo, bitte, gibt es dort ausreichend davon geschweige denn Reisfelder?).
    Aber auch wenn ich dafür einen guten Guide vorziehen würde, noch mehr läge mir bei den Städten daran. Dieses Gewimmel, dieses Gewirr und dann Leute, die allen Ernstes nahe an mich ranwollen… da kann ich ja gleich in einen Freizeitpark fahren, da gibt es das alles in nachgemacht, bis auf die Leute! Nein, das ist dann nicht so meins.

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