Italien, mal wieder

Was wäre Italien ohne die Toskana? Die SinnlosReisenden erkunden einen unbekannten See und ein sehr bekanntes Thermalbad.

Nachdem wir ausgiebig die arabische Kultur in Österreich bewundert hatten, zogen wir weiter nach Italien. In die Toskana, das Ziel der deutschen Sehnsucht, wo die Sonnenuntergänge schöner und die Strände länger sind. So lang, dass der Eisverkäufer sich ein dieselbetriebenes Kettenfahrzeug mit Kaffemaschine zugelegt hat. Mit quietschenden Ketten und wummernder Reggaemusik zerfetzte er die ruhige Idylle.

Eisverkäufer mit Kettenfahrzeug
Wer stört?

Nach so einem anstrengenden Strandtag reicht die Energie höchstens noch für einen Besuch in der Bar im nächsten Ort. Mit dem Fahrrad kann man sich dann auch mal ein paar Drinks gönnen, allerdings sollte man den Rückweg dann auf unbefahrene Nebenstraßen verlegen. Denn der Italiener nimmt gerne auch mal ein paar Drinks und fährt dann unbeirrt mit dem Auto nach Hause.

Longdrinks
In der Bar
SinnlosReisende mit Fahrrad vor Sonnenuntergang
Der Heimweg: immer der untergehenden Sonne nach

Die Campingplätze am Meer waren Ende September noch randvoll mit überwiegend deutschen Rentnern. Deshalb entschieden wir uns, einfach mal ganz unkonventionell ins Landesinnere zu wechseln. Dorthin, wo garantiert keine Landsleute anzutreffen sind, wo das authentische italienische Landleben tobt, an einen mir bis dahin völlig unbekannten Ort – den Lago di Bolsena.

Lago di Bolsena

Wir hatten auf dem städtischen Campingplatz noch nicht einmal die Markise ausgefahren, da wurden wir schon auf Schwäbisch angesprochen. Schnell stellte sich heraus, dass dieser Platz fest in Ravensburger Hand war. Die meisten Schwaben waren Stammgäste und trafen sich hier seit Jahrzehnten, um gemeinsam das authentische „Dolldschä Wiedda“ zu genießen.

Vom selbsternannten Platzwart Roland bekamen wir eine Kurzeinweisung in die Platzordnung für Neulinge:

  • Mittagsruhe von 13 bis 15 Uhr mit strengstem Fahr-, Sprech-, Spül- und Duschverbot mit angedrohter Exkommunikation bei Zuwiderhandlung
  • Abgabe von vorsortiertem, sortenreinem Müll täglich zwischen 20 und 21 Uhr unter den kritischen Blicken des Chefs
  • Kehrwoche erfolgt durch das Platzpersonal, darf aber freiwillig auf der eigenen Parzelle durchgeführt werden, wenn die eigenen Ansprüche an Sauberkeit nicht erfüllt werden.

Außerdem erfuhren wir die besten Insider-Tipps: wo es das beste Olivenöl mit Rabatt gibt, wo sich die günstigste Pizzeria befindet und in welchem Lokal das Personal Deutsch spricht und samstags die Sportschau übertragen wird. Nix Dolce Vita, aber immerhin bekamen wir einen Stellplatz mit unverbaubarer Seesicht.

Stellplatz am Lago di Bolsena
Stellplatz am See
Restaurantpersonal sitzt in der Gasse
Schichtbeginn: das Personal büffelt schwäbische Vokabeln

Am nächsten Tag erkundeten wir die Gegend, um dem schwäbischen Einfluss zu entgehen. Es gibt hier einen Strand, an dem aus unerfindlichen Gründen Luftballons verboten sind. Schade eigentlich, denn das ist doch das erste, was jeder Besucher an einem italienischen Strand immer macht. Hä?

Schild am Spiaggia delle rose
Der Rosenstrand

Das Blutwunder von Bolsena

In Bolsena ist das auffälligste Gebäude eine mittelalterliche Burg, die beste Aussichten bietet. Bei der Besichtigung traf ich zufällig zwei ehemalige Kollegen. Offensichtlich war ich der einzige Mensch in Süddeutschland, der diese Gegend noch nicht kannte.

Rocca Monaldeschi della Cervara
Rocca Monaldeschi della Cervara
Aussicht vom Rocca Monaldeschi della Cervara
Beste Aussichten

Nicht weit von hier, in der Basilica di Santa Christina, ereignete sich im Jahr 1263 das Blutwunder von Bolsena. Ein böhmischer Priester hatte damals ernsthafte Zweifel an der Eucharistie. Ehrlich gesagt bin ich auch skeptisch, ob man wirklich eine Weizenmehl-Oblate und ein Glas Rotwein mit Beschwörungsformeln in den Leib und das Blut eines Verstorbenen verwandeln kann. Aber mich sollte man besser nicht fragen, denn ich kenne mich mit solchen Sachen überhaupt nicht aus.

Dom Santa Christina in Bolsena
Der Ort des Wunders: Santa Christina

Jedenfalls begann die Hostie während der Messe angeblich auf das Altartuch zu bluten, was die Zweifel des Priesters spontan heilte, meine Skepsis jedoch noch verstärkt. Der zufällig in der Nähe weilende Papst Urban IV. erkannte die Zeichen, rief „Ein Wunder!“ und ordnete für die gesamte katholische Kirche einen Feiertag an: Fronleichnam.

Möglicherweise wollte der Priester nur vertuschen, dass er mit seinem Nasenbluten das kostbare Tuch versaut hatte. Aber vielleicht war es auch ein Wunder, denn ein Papst irrt eigentlich nie. Entscheide einfach selbst!

Ein echtes Wunder ist allerdings unbestreitbar die Eisdiele Oasi, denn der Geschmack der Eissorten ist definitiv nicht von dieser Welt.

Eisdiele
Gelateria Oasi

So langsam komme ich in ein Alter, in dem man auf sein bisheriges Leben zurückblickt und sich fragt, welche Entscheidungen man heute anders treffen würde. Ich bereue nicht vieles in meinem Leben, aber eines würde ich definitiv anders machen, könnte ich die Zeit zurückdrehen: ich würde noch eine zweite Kugel Schokoladeneis nehmen. Denn nach einem legendären Sonnenuntergang verließen wir den Lago di Bolsena und das Zeitfenster für eine Wiederholung des göttlichen Genusses verstrich ungenutzt.

Sonnenuntergang Lago di Bolsena
Da kann man nicht meckern (Schwäbisches Lob)

Die heißen Quellen von Saturnia

Auf dem Weg nach Saturnia kamen wir in Pitiglione vorbei, einem Ort, der wie ein Schwalbennest an den Fels gebaut wurde. Neben der gewagten Architektur glänzt der Ort mit einer Haarnadelkurve, die so eng ist, dass nur ein Fiat 500 auf Anhieb den Radius bewältigt. Wohnmobile müssen zur Freude der einheimischen Fahrer zweimal zurücksetzen.

Viadukt in Pitiglione
Pitiglione
Pitiglione
An die Kante gebaut

Die heißen Quellen von Saturnia sind bei Italienern und Touristen gleichermaßen beliebt. Nichts geht über ein Bad im heißen Wasser, wenn draußen das Thermometer auf über 30 Grad im Schatten klettert. Man kann hier in der Therme ab 400 € eine Übernachtung mit allem Schnick Schnack buchen. Oder kostenlos die Cascate del Mulino di Saturnia besuchen.

Als wir den überfüllten Parkplatz sahen, schwante uns Übles. Entsprechend überfüllt waren am späten Nachmittag nämlich auch die Quellen. Wegen ihrer heilenden Wirkung ziehen die natürlichen Thermalbecken vor allem Kranke und Alte an.

Quellen von Saturnia
Heilbad gegen Fußpilz und andere Beschwerden
Notfallset
Notfallset

Zum Glück gibt es in der Nähe einen großzügigen Stellplatz für Wohnmobile. Am nächsten Morgen spazierten wir noch einmal zu den Quellen, die diesmal deutlich ruhiger waren.

Quellen von Saturnia
Die Quellen von Saturnia im Morgenlicht

Experten sagen, ihre eigenartige milchig-bläuliche Färbung haben die Felsen vom gelösten Kalk. Ha! Die Realität sieht anders aus: schon seit der Antike hängen Kranke und Siechende ihre Käsefüße und ihre eitrig nässenden Wunden in das warme Wasser. Daraus hat sich mit der Zeit eine einzigartige Flora und Fauna entwickelt. Beispielsweise Milliarden roter Würmer, die im Wasser wimmeln. Es handelt sich um Larven der Zuckmücke, die für Menschen völlig unbedenklich sind. Sagt die Tourismusbehörde von Saturnia. Ouaaaah!

Und dann immer wieder diese Sonnenuntergänge am Meer, die so schön sind, dass man sie fast nur mit Alkohol ertragen kann.

Sonnenuntergang mit Spritz

An dieser Stelle muss ich meinen Bericht unterbrechen, denn mit Florenz und Siena stehen zwei absolute Schwergewichte der Kultur auf meiner Liste. Und da muss ich erst noch eine Weile drüber nachdenken.

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Autor: sinnlosreisen

Geschichten über die lustige Seite des Urlaubs

17 Kommentare zu „Italien, mal wieder“

  1. Na gut, jetzt weiß ich wo wir mit dem Womo in Italien nicht hinfahren. Zu Zell am See; Ich habe viele Jahre Burkafrei dort gelebt. Was Kitzbühel geschafft hat, wird Zell niemals schaffen. Die verkaufen ihre Seele zu Gunsten des Tourismus nicht. LGLore

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  2. Vom Schwabenland immer gerade aus nach Sueden, dann durch die Tunnel der Schweiz und schon ist man in Bella Italia.Die Toskana scheint dann nicht mehr weit zu sein. Bei mir sind es meistens 3 Tage von Malta bis die Toskana erreicht ist. Das letzte Mal hat mich Moby in Livorno ueberzeugt doch mal nach Korsika zu schiffen. Das naechste Mal denke ich daran die heiligen Quellen von Saturnia zu besuchen. Ob die wohl besser sind als die von Lamezia Terme? Das ist in Calabria und nur zwei Faehren weit entfernt.

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    1. Stimmt, in Süddeutschland haben wir den Vorteil, dass wir in guten drei Stunden am Lago Maggiore sind. Und von dort steht einem ganz Italien offen.

      Die Quellen von Saturnia sind glaube ich nicht heilig, höchstens heilend. Aber auch das ist nicht sicher. Zumindest sind sie warm.
      Lamezia kenne ich nicht, daher kann ich keinen Vergleich machen. Ich persönlich würde sagen, Saturnia lohnt sich nur, wenn man eh in der Gegend ist.

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  3. Ich war noch nie ein Fan irgendwelcher Therme, nach der erquicklichen Lektüre hier wird sich da nichts ändern, fürchte ich. 😉 Ohne Fußbadende aber ein schöner Anblick!

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  4. Das Personal büffelt Schwäbisch, köstlich! Wenn du authentisch suchst findest du das wohl eher in den Abruzzen oder so. Schwaben wissen immer, wo alles am billigsten ist, hehe.

    Welchen Geschmack hat denn die Eissorte Vipera? Das hört sich nicht ganz ungefährlich an.

    Der glutrote Sonnenuntergang ist so was von fantastisch, wunderschön!

    Das an die Kante gebaute Pitiglione sieht ziemlich abenteuerlich aus. Da sind ja gar keine Lücken zwischen den Häusern. Wahrscheinlich halten sie sich gegenseitig aufrecht. Das ist jedenfalls eine Stadt, die ich gerne mal heimsuchen würde.

    Aber den „Geschmack“ an den Heilquellen hast du mir mit deiner Beschreibung irgendwie verdorben. 😉

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    1. Mich hat vor allem überrascht, dass ich noch nie vom Lago di Bolsena gehört habe, aber alle anderen Ravensburger schon zig mal dort waren. Ist ja auch schön dort, aber wenn ich Schwaben treffen will, fahre ich nicht nach Italien 😉.

      Vipera klingt giftig. Leider konnte ich nicht alle Sorten probieren, aber die wenigen, die ich hatte, waren alle genial.

      Pitiglione ist tatsächlich sehenswert, hat auch diese typischen verwinkelten Gässchen. Überhaupt gibt es dort jede Menge tolle Städte. Dagegen ist Saturnia total überbewertet. Obwohl es auch schön ist, nur ziemlich überlaufen.

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    1. Ah, dann ist das nicht spezifisch schwäbisch, wieder was gelernt.

      Als man uns die schönsten Sonnenuntergänge Italiens versprochen hat, haben wir erst nur milde gelächelt. Aber hat schon was.

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  5. Die Thermalquellen käme meiner derzeitigen Lebenssituation sehr entgegen: Man müsste mich hineinlegen – ich würde nie wieder raus wollen 🙂

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  6. Das Kettenfahrzeug des Eisverkäufers! Kannste dir nicht ausdenken! Ebensowenig die Schwaben-Enklave am Lago di Bolsena. Ja, um Landsleute zu treffen, müsste man nicht ganz so weit fahren. Dem Roland hätte ich persönlich wohl einen couragierten A….tritt verpasst 😁. Die Lage des Stellplatzes indes war durchaus entschädigend für die erlittene seelische Pein. Unschlagbar übrigens auch der Outdoor-Intensivkurs Schwäbisch 🎉.

    @Religiöses: Deine Nasenbluttheorie hat mich übrigens restlos überzeugt. Anders kann es wirklich nicht gewesen sein. @Sonnenuntergang: echt jetzt? Nicht technisch nachgefärbt am PC? Ist ja unglaublich! Sieht ja so aus wie durch die Drogenbrille betrachtet. @heiße Quellen: diese Zuckmückenbrutstätte würde ich vermutlich auslassen.

    Unterm Strich hat dein Bericht allerdings bewirkt, dass ich dringend mal wieder in Bella Italia vorbeischauen sollte.

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    1. Der Roland hat uns gleich seine Visitenkarte übergeben, damit wir ihn in Ravensburg besuchen können. Was wir nicht gemacht haben 😎. Wir stehen halt auch nicht so auf engste Nähe beim Campen.
      Den schönsten Sonnenuntergang Italiens hat man uns versprochen. Wir waren skeptisch, aber das war tatsächlich bombastisch. Kein Fake!

      Ich bin froh, dass du trotz meines Berichtes Lust auf einen weiteren Besuch in Italien bekommen hast. Denn manche Kommentatoren waren doch abgeschreckt und das wollte ich eigentlich nicht. Ist doch schön in Italien, auch wenn manches halt ziemlich klischeehaft übertrieben ist.

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