Die Klinik – Teil 2

Die Fortsetzung meines Berichts über den Aufenthalt in einer Rehaklinik

Hier geht es zum ersten Teil dieser Geschichte

Beobachtungen (4)

Ich habe einen Duschvorhang in meinem Bad. Ich dachte eigentlich, Duschvorhänge wären ausgestorben, seit sie von der UN-Menschenrechtskonvention als seelische Folter geächtet wurden. Immer wenn ich heiß dusche, wird der nasse Kunststoffvorhang durch einen Kamineffekt nach innen gezogen und klebt großflächig an meiner Haut fest. Ich identifiziere das Basisgefühl „Ekel“. Trotz Vorhang steht das ganze Badezimmer nach dem Duschen unter Wasser – heute lief ein Bächlein bis in den Wohnzimmerteppich, der seitdem schmatzende Geräusche macht.

Die Zimmereinrichtung

Mein Zimmer ist eigentlich ganz gut, modern und funktional, zwar ohne Fernseher und ohne WLAN, aber immerhin mit Fußbodenheizung. Mobilfunknetz gibt es an wolkenfreien Tagen auch, nämlich in der Ecke rechts hinter dem Betonpfosten, wenn man auf die Zehenspitzen steht. Nur die Beleuchtung ist so schwach, dass ich Abends nicht lesen kann.

Wie so oft kommen mir auf dem Klo wegweisende Eingebungen. Genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um mein Schicksal aktiv selbst in die Hand zu nehmen. Ich werde die Energiespar-Funzel gegen eine kräftige 100-Watt-Birne austauschen, die ich mir am Wochenende mitbringen ließ. Ich ziehe an der Kordel für die Lüftung im Klo, spüle und mache mich an die Arbeit. Mein Haustelefon klingelt, aber dafür habe ich jetzt keine Zeit. Ich werde zurückrufen, wenn ich fertig bin.

Ich stelle einen Stuhl unter die Deckenlampe und entferne die Abdeckung. Dann lockere ich vorsichtig das Kabel, um an die Fassung zu kommen. Ich stecke mir die Glühbirne in den Mund, um beide Hände frei zu haben. In diesem Moment klopft es an meiner Tür. Ich kann wegen der Glühbirne in meinem Mund nur ein undeutliches Mmpf von mir geben.

Dann öffnet sich meine Zimmertür (ich war mir sicher, dass ich von innen abgeschlossen hatte) und Oberschwester Ratched stürmt mit einem Erste-Hilfe-Köfferchen herein. Wir starren uns für drei sehr lange Sekunden gegenseitig in die Augen, ich mit der Glühbirne im Mund auf meinem Stuhl stehend, das Stromkabel in meinen Händen über dem Kopf. Sie mit ihrem Köfferchen in einer Pfütze, die aus dem nassen Teppich quillt, schwer atmend.

Dann sagt Oberschwester Ratched in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldet: “Was auch immer sie vorhaben, es ist keine Lösung für ihre Probleme. Sie steigen jetzt sofort da runter!“

Eine Stunde später führe ich ein Gespräch mit dem leitenden Ober-Psychiater.

„Nun“, eröffnet er das Gespräch. „wir kennen uns ja schon von meinem Vortrag über Persönlichkeitsstile, den Sie so trefflich durch ihre Unpünktlichkeit unterbrochen haben, nicht wahr? Hrrmmh, in meinem Vortrag hatte ich den Typ des Querulanten nicht erwähnt. Hrrmmh, dieser Typ zeichnet sich dadurch aus, dass er lieber anderen Menschen Probleme bereitet, als sich selbst. Hrrmmh, leider führt aber genau das dann doch wieder zu Problemen für ihn selbst, nicht wahr?“

Ich schlucke und warte ab.

„Nun“, nimmt er den Faden wieder auf. „das Wohlergehen unserer Patienten und ihre Sicherheit haben für uns oberste Priorität. Hrrmmh, wir sind stolz darauf, dass wir seit über zwanzig Jahren keinen Patienten verloren haben. Hrrmmh, und das soll auch so bleiben, nicht wahr?“

Ich äußere mein Verständnis und nicke zustimmend.

„Nun“, fährt der Seelendoktor mit einem Stirnrunzeln fort. “die Pflegedienstleitung hat mir von gewissen Vorkommnissen in ihrem Zimmer berichtet. Hrrmmh, darüber möchte ich mich mit Ihnen jetzt ausführlich unterhalten.“

Es kostet mich zwanzig Minuten, ihn davon zu überzeugen, dass es mir gut geht, dass ich keine dunklen Gedanken hege, dass ich keine Medikamente brauche und dass ich nur die Lampe auswechseln wollte.

„Nun gut, aber eines verstehe ich trotzdem nicht“, hakt der Psychiater nach. „Hrrmmh, warum haben Sie den Notruf betätigt, wenn Sie nur eine Lampe auswechseln wollten?“

„Notruf?“, frage ich. „Ich habe keinen Notruf betätigt, ich habe nur die Lüftung im Klo eingeschaltet.“

Notruf auf einer Toilette
Toilettentechnik

„Hrrmmh, und dann haben Sie auch noch unseren Kontrollanruf auf ihrem Zimmertelefon ignoriert, nicht wahr?“ Das ist aber mehr eine Feststellung, als eine Frage. Wir beenden das Gespräch im Wissen, dass es gegen diese Art von Problemen keine Medikamente gibt. Schließlich bekomme ich Gürtel, Schnürsenkel und mein Taschenmesser zurück. Beim Hinausgehen meine ich ein mühsam unterdrücktes Lachen im Gesicht des Psychiaters zu erkennen. Vermutlich hat er hier in der Klinik schon so Manches erlebt.

Musiktherapie

Gleich morgens um acht Uhr steht die erste Stunde Musiktherapie auf dem Plan. Ich liebe Musik. In meinem bisherigen Leben habe ich allerdings wiederholt bewiesen, dass ich absolut unfähig bin, irgendein Instrument zu bedienen. Trotzdem freue ich mich darauf, mal einfach so nach Herzenslust die vielen Instrumente auszuprobieren, die ich im Vorbeilaufen schon im Musikraum entdeckt hatte.

Zu Beginn der Stunde erklärt der Musiktherapeut die Regeln. Wir gehen wertschätzend miteinander um, es geht nicht um Leistung, alles ist freiwillig, kein Druck, wer sich emotional überfordert fühlt, darf den Raum verlassen, bla bla bla, kenn ich schon. Ich frage mich, was an Musik so kompliziert sein soll und harre voller Tatendrang der Dinge, die da kommen.

Dann darf sich Jeder ein Lied wünschen, das wir gemeinsam anhören. Ich enthalte mich, denn meine Lieblingslieder kann ich auch im Zimmer mit dem Kopfhörer in aller Ruhe anhören. Die Musikwünsche der anderen Teilnehmer sind alle in Moll gehalten:

„Nimm dir das Leben“ von Udo Lindenberg

„Eve of Destruction“ von The Chemical Brothers

„Join me in Death“ von Him

„Streets of Philadelphia“ von Bruce Springsteen

„The End“ von den Doors

Beim dritten Lied muss Sabine als Erste aus unserer Gruppe weinend den Raum verlassen. Als die Doors dran sind, wird die Schachtel mit Papiertaschentüchern reihum gereicht. Dann reden wir über die Gefühle, die die Lieder ausgelöst haben (natürlich nur schlechte Gefühle, welch Überraschung bei dieser Auswahl) und wünschen uns einen schönen deprimierten Tag. Die Instrumente verstauben derweil in ihren Halterungen und rufen mir beim Hinausgehen zu: „Schade, es wäre schön gewesen, mit dir zu spielen.“

Beim zweiten Termin übernehme ich die Initiative. Ich wünsche mir „Always look on the bright side of life“ von Monthy Python. Dann schlage ich eine Runde aktives Spielen mit den Instrumenten vor, was von den anderen Teilnehmern zögerlich oder ängstlich aufgenommen wird. Aber immerhin bekomme ich im Gegensatz zu Boris Johnson auf Anhieb eine Mehrheit im Parlament. Ich schnappe mir ein Cajon (so heißen die Sitzkisten, auf denen man trommeln kann) und gebe den Takt vor:

Bumm Bumm Tschak,

Bumm Bumm Tschak,

We will, we will rock you!

Bumm Bumm Tschak,

Bumm Bumm Tschak.

Nach und nach steigen die Anderen in der Runde mit ein. Nur Sabine traut sich nicht, sie hat Angst sich zu blamieren. Das sei völlig in Ordnung, meint der Musiktherapeut. Blödsinn, meine ich und stelle ihr eine Trommel vor die Beine. „Da sind deine Probleme drin, und jetzt hau drauf!“

Sabine haut drauf und sie hat eine Menge Probleme. Und dann geht im Musikraum U066 die Luzie ab, dass der Putz von den Wänden bröckelt. Nach einem holprigen Anfang kommt die Gruppe bald in einen Flow und es groovt richtig gut.

In der Abschlussrunde sind alle ganz euphorisch. Sabine hat schon wieder Tränen in den Augen, diesmal vor Freude. Sie habe sich vorgestellt, dass die blöde Visage von ihrem Ex auf der Trommel fest getackert sei. Auf die Frage, wie sich das angefühlt habe, lächelt Sabine nur. Der Musiktherapeut ist positiv überrascht, dass in der Gruppe so viel Energie steckt. Läuft.

Eines Abends mache ich an einem Drum Circle für Kurgäste mit. Ich bin ganz überrascht von meinem Rhythmusgefühl und beschließe, dass dies nicht mein letzter Kontakt mit Trommeln sein wird. Aber das ist eine andere Geschichte.

Beobachtungen (5)

Eine der jungen Psychotherapeutinnen macht so ein mitfühlendes, leidendes Gesicht, dass ich sie am liebsten in den Arm nehmen würde und ihr sagen würde, dass alles wieder gut wird. Ich kämpfe diesen Impuls aber nieder, denn so ein Rollenwechsel könnte Irritationen auslösen.

Zusatzkunst 3D

Heute freue ich mich auf meine erste Stunde in „Zusatzkunst 3D“. Ich stelle mir etwas mit Computerspielen und dreidimensionalen Geometrien vor. Vielleicht 3D-Puzzles machen, am 3D-Drucker MC Eschers unmögliche Welten ausdrucken oder Tetris spielen. Es entpuppt sich dann aber als Töpferkurs. Ich hasse Töpfern.

Die erste Stunde verbringe ich im Vermeidungsmodus mit dem Ausmalen eines Mandalas. Das erinnert mich an unbeschwerte Kindergartenzeiten. Die Stunde geht vorbei, aber so richtig befriedigend ist das auf Dauer dann doch nicht.

ausgemalte Ballons
Das Ergebnis einer Stunde Arbeit

Als mir bewusst wird, dass ich mich soeben eine Stunde lang auf dem geistigen Niveau eines Dreijährigen bewegt habe, beschließe ich, dass es Zeit für eine Richtungskorrektur ist. Also freunde ich mich wohl oder übel doch mit dem Lehmeimer an.

Man hat die Wahl zwischen rotem, weißem und schwarzem Lehm. Ich entscheide mich nach reiflicher Überlegung für den roten, was die Ergotherapeutin als gute Wahl einstuft. Warum, wird mir nicht klar.

Dann soll ich den Klumpen Lehm in irgendeine Form bringen, die mir gefällt. Ich drücke lange unentschlossen auf meinem Lehmklumpen herum. Kreativität war noch nie meine Stärke. Wenn ich eine gerade Silikonfuge ziehen soll, ziehe ich eine gerade Silikonfuge und wenn ich nach Anleitung ein Gartenhaus bauen will, dann baue ich das Gartenhaus. Aber einfach so aus dem Nichts heraus irgendetwas zu formen? Schwierig.

Mir gegenüber sitzt Renzo, ein Schrank von Mann mit Schultern so breit, dass er sich seitwärts drehen muss, um durch die Tür zu kommen. Sein ganzer Körper ist bedeckt mit Tattoos, sein Haar hat er zu einem Zopf gebunden. Renzo hatte als Türsteher und Raußschmeißer für diverse Clubs gearbeitet, bis die Sache mit dem „verfickten Arschloch“ passierte. Was genau passierte, erfahre ich nicht, auch nicht, wie es dem „verfickten Arschloch“ jetzt geht. Aber seit Renzo aus dem Knast entlassen wurde, findet er keine Arbeit mehr und die Reha soll ihn nun wieder für das Arbeitsleben fit machen. Renzo arbeitet hingebungsvoll an zwei niedlichen Ton-Herzen, die ineinander verschlungen sind und in seinen mächtigen Pranken sehr zerbrechlich wirken.

Rechts neben mir malt eine ältere Frau mit einem winzigen Pinsel hochkonzentriert einen Ton-Engel an, der ein Herz in seinen Händen hält. Links neben mir arbeitet eine andere Frau an einem filigranen mehrfarbigen Ton-Ensemble aus zwei spielenden Katzen und einem Schwan, der in einem Teich mit Seerosen schwimmt.

„Bei mir war es am Anfang auch schwer, aber jetzt hab ich meine Erfüllung gefunden“, tröstet sie mich. „Seit fünf Wochen arbeite ich daran, das wird ein Geschenk für meine Tochter. Morgen muss ich es brennen lassen, weil ich nächste Woche nach Hause gehe.“

Sie strahlt mich glücklich an. Ich beglückwünsche sie zu ihrem Werk, aber bei meiner eigenen Aufgabe hilft mir das auch nicht weiter.

Die Therapeutin erkennt wohl meine missliche Lage und gibt mir Hilfestellung: „Wenn das in ihrer momentanen Situation für Sie passt, dann können Sie einfach mal hören, ob der Lehm zu Ihnen spricht. Seine Form steckt schon in ihm, Sie müssen nur herausfinden, was er sagt. Wenn sich das für Sie jetzt gerade nicht stimmig anfühlt, können Sie auch einfach weiter das tun, wozu Sie gerade Lust haben.“

Ich höre nichts. Entweder ist mein Lehmklumpen stumm oder ich verstehe seine Sprache nicht. Ein klassisches Sender-Empfängerproblem der Kommunikation, wobei es wie immer nicht klar ist, ob das Problem eher beim Sender oder beim Empfänger liegt. Ich persönlich hätte mir eher Sorgen gemacht, wenn mein Klumpen plötzlich mit mir gesprochen hätte.

„Hallo Marco, hier spricht dein Klumpen!“

„Hallo Klumpen, was geht?“

Die geschlossene Psychiatrie ist hier nur wenige Schritte entfernt im Nebengebäude.

Nach einer halben Stunde hat der Klumpen immer noch die Form eines Klumpens, also eher keine Form. Die Therapeutin springt mir wieder mit nützlichen Ratschlägen bei: „Wenn Sie den Lehm berühren, berührt er auch Sie. Hören Sie tief in sich hinein und finden Sie heraus, welche Gefühle der Lehm in Ihnen auslöst.“

Ich horche.

Mit Gefühlen kenne ich mich dank TKS inzwischen hervorragend aus. Und tatsächlich, ganz hinten in einer verstaubten Ecke meiner Seele rührt sich etwas. Etwas Dunkles bewegt sich im Schatten. Es fühlt sich an wie Unzufriedenheit darüber, dass ich für einen Töpferkurs angemeldet wurde, obwohl ich Töpfern hasse. Ein wenig Frustration schwingt aber auch noch mit, weil ich offenbar der Einzige im Raum bin, der nicht mal einen Hauch von Kreativität besitzt. Dann beginnt das dunkle Gefühl, rot zu leuchten. Da entsteht Ärger über diese ganze Situation und grüner Neid auf die anderen Teilnehmer, die hier wahre Meisterwerke auf den Tisch töpfern, als ob es das Normalste auf der ganzen Welt wäre. Schließlich moduliert der Ärger in dunkelrote Wut, die in blanken, hellgelb lodernden Hass umschlägt. Mordlüsterner, zerstörerischer Hass auf diesen bescheuerten, fiesen Matschbollen, der mir seine Form einfach nicht verraten will!

„Spüren Sie schon etwas?“, erkundigt sich die Therapeutin in freudiger Erwartung.

„Hm, Na ja. Ich spüre da schon etwas, aber…“, beginne ich.

„Stop, nichts sagen“, unterbricht sie mich. “Jetzt geben Sie sich ganz diesem Gefühl hin und geben ihm eine passende Form. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Machen Sie einfach das, was ihre Gefühle Ihnen sagen!“

Ich gebe mich meinem Gefühl hin. Ich klatsche den Bollen mit Wucht auf den Tisch und brülle: „Nimm dies und verrecke, du verfluchter Dreckbollen!“

Die Frau neben mir zuckt heftig zusammen und stöhnt auf. Ihr Engel hat jetzt einen blauen Streifen quer über seinem Gesicht.

Renzo hält schützend eine Hand über seine Herzchen und zeigt drohend mit dem Zeigefinger der anderen Hand zu mir rüber. „Alter, du solltest dringend an deinem Aggressionsproblem arbeiten, sonst nimmt das ein übles Ende!“, ermahnt er mich.

Die Ergotherapeutin ist der Meinung, dass ich auf einem guten Weg bin. Nun sei es an der Zeit, mich auf die Suche nach den positiven Gefühlen zu machen, meint sie. Dazu soll ich mir eine Schüssel mit Wasser holen und den Lehm ordentlich anfeuchten. Dann soll ich den Rest der Stunde einfach die schmeichlerische Konsistenz des nassen Lehms erfühlen, ihn streicheln und beobachten, was das in mir auslöst. Das klingt machbar.

Nach zehn Minuten intensivem Lehmstreichelns löst der Geruch des Schmodders tatsächlich etwas in mir aus: einen unwiderstehlichen Niesreiz. Da beide Hände mit dem nassen Lehm verschmiert sind, drehe ich mich um und niese einen Orkan in ein Regal voller Origami, die daraufhin wild durcheinander purzeln. Die Niesattacke ist so heftig, dass ich rückwärts gegen meinen Tisch katapultiert werde. Dabei kippt die Schüssel mit dem Wasser um, das auf den Schwan meiner Nachbarin schwappt. Als ich mich wieder umdrehe, bricht gerade der Hals des Schwans ab und stürzt auf die Seerosen, die sich nun in einer Wasserpfütze langsam auflösen.

Ich werde schnell mit der Therapeutin einig, dass ich keine weiteren Termine in Zusatzkunst 3D besuchen werde – eine Lösung, von der alle Seiten nur profitieren können. Beim Rausgehen höre ich das hysterische Heulen meiner Nachbarin, die sich in Tränen auflöst, genau wie ihre Tonfiguren.

„Fünf Wochen Arbeit…“, schluchzt sie.

„Tief in den Bauch atmen!“, höre ich die Stimme der Therapeutin. Ich schaue, dass ich schnell Raum gewinne und verlasse das Gebäude, bevor Renzo seine Hände abgetrocknet hat.

Tischgespräche (5)

Infra: „Glaubsch du an Gschbenschder?“

Pokerface: „?!“

Ich: „?!“

Horst: „Wie bitte, ich habe deine Frage nicht verstanden?“

Infra: „Ob du an GE – SCHBENSCH – DER glaubsch? Geischder, Untote und so, weisch du was ich meine?“

Pokerface: „-“

Ich: „-“

Horst: „Nun ja, in einem Edgar Wallace Krimi, der auf einem englischen Schloss spielt, mögen Gespenster ja ganz putzig aussehen, aber im echten Leben gibt es keine Gespenster.“

Infra: „Doch, doch, doch, die gibt! Wirklich. Hab ich im Fernsehe gesehe.“

Pokerface (zeigt auf den Salzstreuer): „-“

Ich (reiche den Salzstreuer zu Pokerface rüber): „-“

Horst: „Ich weiß ja nicht, was du für Sender schaust, aber…“

Infra: „Die ham in lauter so leer stehende Häuser heimlich gefilmt, also ohne dass die Gschbenschder davon mitgekriegt ham. Die schlafe nämlich am Tag. Und da ware auch Zeugeaussage, von Leute, die des alles genau gesehe habe. Die ham des alles bezeugt.“

Pokerface: „-“

Ich: „-“

Horst: „-“

Infra: „Des sind halt so Seele von Verstorbene, die sind irgendwie hänge gebliebe. In so eine Zwischenwelt. Verstehsch du, was ich meine?“

Horst: „Aha, und was machen diese sogenannten Gespenster deiner Meinung nach in dieser angeblichen Zwischenwelt?“

Pokerface: „-“

Ich (leise murmelnd): „Jetzt bin ich aber mal gespannt.“

Infra: „Na, die wohne in verlassene Häuser, weil da viel Platz gibt. Und dann geischdern die halt so rum, also die könne ja auch durch Wand geischdern, ohne dass die sich aufschürfe tun. Die ham ja auch kein Blut mehr, da macht des dene überhaupt nix aus, auch wenn in die Wand ein roschdige Nagel isch, den wo man von auße gar net sieht, weil so tief in die Wand stecke tut. Aber esse könne die nix, deshalb isch dene immer langweilig. Und weil da ja sonscht keiner wohnt, in dem verlassenes Haus. Deshalb isch des ja ein verlassenes Haus. Isch ja logisch, verstehsch du?“

Horst (mit wild hin und her zuckenden Pupillen): „Ähm.“

Pokerface (mit zuckendem rechten Mundwinkel): „-“

Ich (mit mühsam unterdrücktem Grinsen): „Klingt irgendwie logisch.“

Infra: „Und deshalb erschrecke die immer Mensche, weil dene immer so langweilig isch. Des ham die im Fernsehe gesagt, und die Augezeuge ham des bestätigt. Voll krass, gell?“

Horst: „Also, man soll ja Jedem seine eigene Meinung lassen, sagt meine Therapeutin…“

Pokerface: „-“

Ich: „-“

Infra: „Was meint ihr denn dazu, jezz sagt ihr halt auch mal was!“

Pokerface (steht kopfschüttelnd auf): „Ich hol mir noch ein Brot.“

Ich (stehe ebenfalls auf): „Will noch Jemand Tee? Ich muss eh grad zum Buffet.“

Am Buffet treffe ich Renzo aus dem Töpferkurs, der mich wortlos mit stechendem Blick fixiert.

Bildinterpretation

Therapeut: „Was sehen Sie in diesem Bild?“

Abstraktes Bild
Das Bild

Ich: „Da gibt es nichts zu sehen. Das ist ein abstraktes Bild mit Farben. Bunt.“

Therapeut: „Oft sind unsere Gefühle tief im Unterbewussten verborgen. Wenn Sie sich etwas mehr Mühe geben, können wir spielerisch einen Zugang schaffen.“

Ich (lautlos in Gedanken): „So so, du psychosomatisches Therapeuten-Bürschchen willst spielen? Also gut, spielen wir ein Spiel!“

Ich (laut): „Rechts stürzt sich das letzte blaue Fischlein in den brodelnden Höllenschlund, verzweifelt und von der Einsamkeit gebrochen, weil alle anderen seiner Art an Maul- und Flossenseuche gestorben sind.“

Therapeut: „Was noch?“

Ich: „In der Mitte versucht ein verhungernder weißer Hai, das Fischlein zu erwischen. Es ist seine letzte Chance zu überleben, aber er wird wieder einmal versagen. Auf dem Rücken des Hais trommelt die irre Hexe ihren Todestanz.“

Therapeut: „Sehen Sie noch mehr?“

Ich: „Links sieht man noch den Schatten einer Ente, die vom Blitz einer Atombombe pulverisiert wurde.“

Therapeut: „Was macht das mit Ihnen?“

Ich: „Das macht mich richtig fertig! Das Leben ist so sinnlos.“

Therapeut: „Haben Sie schon mal daran gedacht, sich selbst etwas anzutun?“

Ich: „Bisher noch nicht, aber das ist eigentlich gar keine so schlechte Idee. Ich denke mal drüber nach.“

Der Therapeut macht sich mit hochgezogenen Augenbrauen Notizen und beendet das Gespräch. Abends kann ich in der Raucherecke eine Tagesration Stimmungsaufheller gegen Schokolade eintauschen.

Tischgespräche (6)

Horst: „Guten Morgen, meine Damen und Herren, und herzlich willkommen bei der jährlichen Hauptversammlung der kommunistischen Einheitspartei. Ich möchte die Genossinnen und Genossen darauf hinweisen, dass die Fünf-Jahres-Pläne unbedingt über zu erfüllen sind!“

Pokerface: „Morgen.“

Ich: „Morgen.“

Infra (kommt mit zwei voll beladenen Tellern vom Frühstücksbuffet): „Es gibt kaum noch Honig! Hoffentlich ham die noch was in Küche.“

Horst: „-“

Pokerface: „-“

Infra (schiebt sich schnaufend das erste von fünf Brötchen in den Mund): „-“

Ich: „Horst, wie alt bist du eigentlich?“

Horst: „Ich werde bald fünf Jahre alt.“

Pokerface: „?“

Infra (mit vollem Mund): „Häh, spinnsch du jetschd?“

Ich: „Jetzt mal echt! Wie alt bist du wirklich?“

Horst: „Ja, ich werde tatsächlich bald fünf Jupiterjahre alt. Der Jupiter dreht sich nämlich viel langsamer um die Sonne als die Erde.“

Pokerface: „-“

Ich: „-“

Infra: „Die Planete drehe sich sowieso alle immer schneller um Erde. Des isch sicheres Zeiche dafür, dass die Welt bald untergehn tut. Steht im Koran.“

Horst: „Auf der Erde vergehen etwa zwölf Jahre, bis der Jupiter sich einmal um die Sonne gedreht hat.“

Pokerface: „-“

Ich: „Also wirst du bald Sechzig, oder wie?“

Infra: „Deshalb ess ich auch immer so viel, weil nich mehr viel Zeit übrig bleibt, bevor ganze Welt untergehn tut.“

Horst: „Dafür dauert ein Tag auf dem Jupiter nur zehn Stunden.“

Pokerface: „-“

Ich: „Bist du Hobbyastronom oder woher weißt du das alles?“

Infra: „Und dann komme alle Mensche in Fegefeuer. Und dann kommsch du entweder in Paradies oder in Hölle.“

Horst: „Der Saturn braucht noch länger für einen Sonnenumlauf als der Jupiter.“

Pokerface: „-“

Ich: „Kann ich mal den Zucker haben?“

Infra (belegt ein sechstes Brötchen mit zwei Packungen Butter, drei Scheiben Käse, Honig und Gurken, wickelt es in eine Papierserviette ein und steckt es in ihre Jackentasche. Der Honig tropft über ihre Jacke): „Aber in Paradies komme nur Mensche, die wo nich böse sind, weil die Böse komme nämlich in Hölle.“

Horst: „Das dauert dann etwa 29,5 Erdenjahre bis auf dem Saturn ein Jahr vergeht.“

Pokerface (reicht mir den Zuckerspender): „-“

Ich (wische mir die Hand an der Serviette ab, weil der Zuckerspender mit Honig verklebt ist): „Danke.“

Infra: „Des entscheidet sich in jüngschte Gericht, ob du in Paradies darfsch oder in Hölle musch. Da werde nämlich deine Organe befragt, die spreche dann für sich. Deine Leber weiß ganz genau, wann du heimlich Alkohol getrunke hasch, obwohl im Koran verbote isch. Und wenn du böse Herz hasch, dann kommt des da raus, egal wie oft du bete tusch.“

Horst: „Ein Tag auf dem Saturn dauert aber nur 11 Stunden.“

Pokerface: „-“

Ich: „-“

Infra: „In Paradies isch alles schön. Da sind nur die Gute. Und gibt kein Klo. Die Mensche im Paradies müsse nie auf Klo, die dünschte des alles durch Haut aus.“

Horst: „Auf dem Mond dauert ja bekanntlich ein Tag so lange wie 29,5 Erdentage.“

Pokerface (wieder mit nervös zuckendem rechten Mundwinkel): „-“

Ich: „-“

Infra: „Deshalb musste ja auch Adam und Eva aus Paradies raus. Weil die eine Apfel gegesse ham, wo sie nich durftet, und dann musstet sie auf Klo. Wahrscheinlich war der gespritzt und die hattet dann Durchfall.“

Horst: „-“

Pokerface: „-“

Ich: „-“

Infra: „Ich wär froh, ich hätt Durchfall. Dann könnt ich mehr esse und würd trotzdem nich fetter werde.“

Horst: „-“

Pokerface: „-“

Infra: „-“

Ich: „-“

Horst: „-“

Pokerface: „-“

Ich: „Und in der Hölle, wie ist es da so?“

Infra: „In Hölle gibt auch kein Klo. Da scheiße die böse Mensche einfach in Ecke, darum stinkt des dort fürchterlich. Und gibt nur warme Wasser zum trinke. Und zum esse gibt es Eiter.“

Horst: „Mahlzeit!“

Pokerface: „-“

Ich: „Bäh, ich bin satt. Will Jemand meinen Vanillequark?“

Infra (nimmt meinen Vanillequark, kippt ihn auf ihren Teller und schlabbert ihn weg): „Du tusch immer so wenig esse! Ich war heute wieder bei Doktor, dass der mir Abführmittel und Appetithemmer verschreibt. Aber der sagt bloß, ich soll halt weniger esse. Dabei seht ihr ja selbst wieviel ich esse. Und ich war noch nich auf Klo, seit ich hier bin. Ich weiß gar nicht wo des alles hin isch.“

Horst: „-“

Pokerface: „-“

Ich: „vielleicht ausgedünstet?“

Infra (wischt mit den Händen die Reste von Butter, Vanillequark und Honig von ihrem Teller und verteilt die süße Pampe in ihrem Gesicht und auf ihrem Dekolletee): „Ich hab schon drei Kilo zugenomme seit ich hier bin, bloß weil der mir nix verschreibt. Aber des isch mir egal, dann werd ich eben noch fetter.“

Horst: „-“

Pokerface: „-“

Ich: „Warum schmierst du dir das Essen ins Gesicht?“

Infra: „Des isch gut für Haut. Müsst ihr auch mache!“

Horst (starrt mit offenem Mund ins honigverschmierte Dekolletee von Infra, das nur unzureichend ihre wassermelonenförmigen Brüste verhüllt): „-“

Infra: “Was glozsch du so blöd? Schau erschmal in Spiegel!“

Pokerface (mit zwei heftig zuckenden Mundwinkeln): „-“

Ich (fassungslos): „-“

Infra verlässt den Speisesaal. An ihrem Nasenflügel bahnt sich ein glitschiger Tomatenkern seinen Weg durch die Honig-Butter-Vanillequark-Pampe. Ihre Haare kleben wirr im Gesicht. Aus ihrer Jackentasche tropft der Honig und hinterlässt eine Spur auf dem Boden.

In diesem Moment beschließe ich, das Küchenpersonal zu bestechen, um eine Versetzung an einen anderen Tisch zu bekommen. Zur Not gebe ich mich auch mit einem Einzeltisch zufrieden. Vielleicht versuche ich die Kommunikation mit meinem Lehmklumpen zu reaktivieren; das scheint mir immer noch geistreicher als die Konversation an Tisch 14. Daher kann ich leider keine weiteren Berichte über die Tischgespräche liefern. Schade eigentlich, aber meine Therapeutin sagt, ich müsse mich um meine eigenen Bedürfnisse kümmern.

Genussgruppe

In der Genussgruppe sollen wir (wieder) lernen, uns selbst das Genießen zu erlauben. Wir werden gefragt, was für einen Genuss wir uns denn ganz arg wünschen würden. Ich denke kurz an Sex, verwerfe diesen Gedanken aber nach einem kurzen Blick in die Runde. Dann benenne ich spontan meinen unerfüllten Lebenswunsch: „Ich wollte schon immer einen See aus Nutella ganz für mich alleine haben.“

Kurz darauf schwimme ich in einem Tretboot auf einem Nutellasee. Es ist der Bodensee, das ist eindeutig am Säntis aus Toblerone zu erkennen, der am gegenüberliegenden Schweizer Ufer thront. Ich frage mich kurz, wie groß wohl das Budget der Klinik sein mag, dass sie so tolle Angebote machen können, aber ich halte mich nicht länger mit solchen Kleinigkeiten auf und versuche zu genießen.

Am Ufer erkenne ich plötzlich meine Mutter, die mit einer Linzertorte auf mich wartet, meinem Lieblingsgebäck. Seit vielen Jahren bäckt sie diese Torte für alle möglichen Leute, nur nicht für mich. Ich trete in die Pedale, aber kurz bevor ich das Ufer erreiche, taucht mein Bruder auf und meine Mutter überreicht ihm die Torte.

Aus dem Off ertönt eine Stimme, die meiner Bezugstherapeutin verdächtig ähnelt: „Da können Sie strampeln so viel sie wollen, das wird sich niemals ändern. Was brauchen Sie, um sich besser zu fühlen?“

Ich höre auf zu treten und lasse mich von der Strömung abtreiben. Als mein Tretboot im Rheinfall zerschellt, schrecke ich aus meinem Tagtraum auf. Ich habe wieder Herzrasen.

Nach der Genussgruppe gehe ich direkt in die Cafeteria und kaufe mir ein Stück Linzertorte.

Chi Gong

Mit sanften Bewegungen wird im Chi Gong der Energiefluss über die Meridiane angeregt. Meine Meridiane sind noch von der Linzertorte verstopft, aber ich genieße trotzdem die ruhige Musik und die sanften Bewegungen. Wir üben das stille Chi Gong, bei dem im Stehen alle Muskeln entspannt sind, ausgenommen diejenigen, die man braucht, um nicht auf die Fresse zu fallen.

Dann üben wir einige Positionen: das Herz, den schreitenden Kranich und den fliegenden Kranich. Alle sind tief versunken in ihr innerstes Selbst und spüren den Energieströmen nach. Leise Musik mit sphärischen Klängen erzeugt eine Atmosphäre absoluter Ruhe und Entspannung. Plötzlich knallt die Eingangstür der Turnhalle gegen die Wand und herein wälzt sich Infra, meine geschätzte ehemalige Tischnachbarin.

„Schulligung, ich hab den Raum nich gefunde!“, ruft sie in die meditative Stille. Mehrere Kraniche machen eine Bruchlandung.

„Huhu!“, winkt Infra mir zu. „Bisch du auch hier?“

Ja, bin ich.

Beobachtungen (6)

Die Cafeteria hat den Charme eines Wartesaals im Bahnhof einer verlassenen Kleinstadt. Weiß geflieste Böden, kalt flackerndes Neonlicht, harte Stühle und zugige Türen vernichten zuverlässig jeden Gedanken an Gemütlichkeit. Feng Shui im Minusbereich. Dass trotzdem etliche Personen ihre freie Zeit in der Cafeteria verbringen, liegt daran, dass hier einer der wenigen Orte mit WLAN-Empfang ist. Zumindest gelegentlich und an manchen Tischen.

Hier versuchen die Digital-Junkies verzweifelt ins Netz zu gelangen, was mitunter viel Geduld erfordert. Ab und zu erschallt dann der überrascht-freudige Ausruf „Ich bin drin!“, worauf alle zu dem Glückspilz stürzen und voller Neid das Wunder bestaunen. Das Ganze erinnert an die Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts, als die Deutsche Telekom in den Kindertagen des Internets mit genau diesem Spruch für ihren Internetzugang warb.

Einzelgespräch (2)

Heute schlägt der Gong für die zweite Runde im Einzeltermin mit meiner Zwiebelschalen-Bezugstherapeutin. Wie es mir denn so gehe, eröffnet sie das Gespräch.

„Gut, alles bestens“, fasse ich meine Stimmungslage knapp zusammen.

„Aber?“, fragt sie ganz harmlos. Nur ein Wort, aber das hat es in sich.

„Kein Aber“, wehre ich mich tapfer. „Ich bin nur etwas angespannt, weil ich heute morgen erfahren habe, dass mein Sohn sein Staatsexamen versemmelt hat.“

„Aha! Und was haben Sie dabei gefühlt?“ Jetzt geht es schon wieder los mit Gefühlen.

„Keine Gefühle“, stelle ich klar. ,,Ich könnte nur im Strahl kotzen.“

Nach einer Viertelstunde liegt eine ganze Reihe von Gefühlen auf dem Seziertisch. Mitgefühl für den armen Burschen, der ja selber am meisten darunter leidet, Sorge, wie der Junge das wegsteckt, ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn vielleicht nicht gut genug auf das Leben vorbereitet habe. Ein bisschen Ärger, weil der Herr Student monatelang gechillt war und nun ein Jahr länger für sein Studium braucht, und noch ein paar andere.

Wir beschließen, zuerst einmal den Ärger anzugehen. Was ich denn brauche, um mich besser zu fühlen, werde ich gefragt.

„Haben Sie eine Axt?“ will ich wissen.

„Leider nein, aus naheliegenden Gründen gehören Äxte nicht zur therapeutischen Grundausrüstung“, erfahre ich.

Meine Therapeutin ermuntert mich, eine Art Urschrei-Therapie in Eigenregie zu probieren. Also mache ich mich auf den Weg in den nahen Wald. Abseits des Weges finde ich eine kleine Lichtung, auf der ich mein Vorhaben durchführen kann.

Zuerst fällt es mir schwer, meinen Gefühlen ihren Lauf zu lassen, aber je länger es geht, desto mehr gerate ich in Rage. Nach mehreren Versuchen kommt auch so etwas wie ein Schrei über meine Lippen, eigentlich ist es eher ein wütendes Grunzen. Über eine Viertelstunde lang tobe ich wie ein Berserker im Wald – das Ergebnis kann sich sehen lassen, mehrere Bäume fallen mir zum Opfer. Nun verstehe ich auch, warum es keine Therapieaxt gibt – Der Schaden ist auch so schon beträchtlich.

Nach der Therapie

Nachdem ich mich durch das dichte Unterholz wieder zurück auf den Waldweg gekämpft habe, wische ich mir die Spinnweben aus dem Haar und schüttle die Reste des Laubs ab. Dann erstarre ich. Mir steht eine Nordic-Walking-Gruppe aus der Nachbarklinik gegenüber. Zwanzig Stöcke sind mit der Spitze auf mich gerichtet, die Gesichter drücken Entschlossenheit und eine gewisse Aggressivität aus. Dann sagt der Leiter der Gruppe: „Sie können die Stöcke wieder runter nehmen. Es war doch keine Wildschweinrotte, sondern nur ein Patient aus unserer geschätzten Nachbarklinik. Aber der Unterschied ist manchmal auch recht klein.“

Auf dem Heimweg ruhe ich mich auf einem Bänkchen in der Sonne aus und reflektiere meine neu gewonnenen Einsichten. Eine ältere Frau fragt mich freundlich, ob sie sich zu mir setzen darf. Reflexartig beginne ich zu lächeln, und will schon zustimmen. Aber dann fällt mir ein, dass ich mehr Kante zeigen soll.

„Nein, besetzt!“, knurre ich in ihre Richtung. „Und ich bin gar nicht nett!“

Die Frau schaut etwas irritiert, dann setzt sie sich auf eine andere Bank. Läuft.

Beobachtungen (7)

Ich glaube, ich muss bald Socken kaufen. Waschen ist keine Option, denn der Waschraum liegt im Revier von Oberschwester Ratched im Keller. Dort, wo die Neonröhren nachts so unruhig flackern und es in den Heizungsrohren diese komischen schabenden Geräusche gibt.

Gesundheitsseminar

Da das Wetter sich heute mit grauem Nieselregen auf den November vorbereitet und mir der Abschied von einigen lieb gewonnenen Gesprächspartnern auf das Gemüt schlägt, wende ich meine neue Strategie zur Selbstfürsorge an. Ich identifiziere das Gefühl „Melancholie“ und frage mich, was ich brauche, um mich besser zu fühlen. Die Antwort ist schnell gefunden. Ich hole mir in der Cafeteria ein Stück Linzertorte und mache mich auf den Weg ins Gesundheitsseminar.

Es geht dieses Mal um Ernährung. Die Referentin wirft einen kritischen Blick auf meine Torte und stellt uns die Ernährungspyramide vor. Ich bin hervorragend aufgestellt, denn Nutella und Linzertorte drängeln sich genau wie Schokolade in der obersten Spitze der Pyramide. Dort, wo sich in unserer Firmenhierarchie die Vorstandsmitglieder und Geschäftsführer tummeln. Ich lehne mich entspannt zurück. Alles richtig gemacht. Nur der kritische Blick der Referentin stört ein wenig. Wahrscheinlich spürt sie das Gefühl „Neid“.

Beobachtungen (8)

Heute treffe ich zufällig Infra im Speisesaal. Sie hat sich gerade an der Warteschlange vorbei die letzten vier Desserts unter den Nagel gerissen und bringt ihre Beute in Sicherheit.

Infra: „Schnuckel, komm doch zurück an meine Tisch! Die rede hier alle schlecht über mich. Ich merk des, vor allem die Fraue rede hinter meine Rücke über mich.“

Ich: „Bestimmt sind die nur neidisch auf dich, weil du so viel essen kannst.“

Infra: „Meinsch du? Des könnte schon sein.“

Ich: „Oder hast du eine andere Erklärung? An deinem Verhalten kann es nicht liegen, oder?“

Infra: „Da hasch du recht! Ich bin einzige Normale hier. Die komme alle in Hölle!“

Erkenntnisse

Burnout kann auch den größten Kasper treffen! Auf Körpersprache achten!

ein deprimierter Narr
Körpersprache

Aber jetzt mal ausnahmsweise ernsthaft. Falls du über längere Zeit immer wieder Symptome wie Herzrasen, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen oder Spannungen verspürst, dann geh zum Hausarzt und lass das abchecken. Es ist tausendmal besser, eine Prophylaxe zu machen, als von einem Burnout viele Monate lang umgehauen zu werden. Wenn du regelmässig zum Zahnarzt zur Vorsorge gehst, dann beantworte dir doch mal selber die Frage, was dir wichtiger ist: ein verlorener Zahn oder deine seelische Gesundheit und damit deine Arbeitsfähigkeit?

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Autor: sinnlosreisen

Geschichten über die lustige Seite des Urlaubs

26 Kommentare zu „Die Klinik – Teil 2“

  1. Als eher arbeitsscheuer Typ würde ich sagen, dass es sogar noch bessere Gründe als die Arbeitskraft gibt, um auf die seelische Gesundheit zu achten. 😉

    Aber jedenfalls vielen Dank, dass du dich einweisen hast lassen, dass du an dem kompletten Kurs- und Selbsterfahrungsangebot teilgenommen hast und dass du bei jedem Essen so genau hingehört und alles memoriert hast. Das war wirklich ein fantastisches Lesevergnügen!

    So ein paar Wochen in der relativen Abgeschiedenheit scheinen gut für die Kreativität zu sein.

    Und deinem Sohn wünsche ich viel Erfolg beim zweiten Staatsexamensversuch! (Fürs Lernen darauf ist eine Umgebung ohne Fernseher und WLAN übrigens auch super. Ich weiß gar nicht, wie ich das heute noch bestehen könnte, wo man ständig auf Twitter und Facebook und so ist und sich kaum mal ein paar Stunden ohne Ablenkung in den schweren Stoff vertiefen kann.)

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    1. Danke, gern geschehen.

      Es war dort im Schwarzwald tatsächlich so abgeschieden, und abends so wenig los (also nichts), dass ich gar nicht anders konnte, als meiner Aufgabe als Chronist nachzukommen. Wenn ich nicht jeden Abend die Gespräche notiert hätte, würde ich mir wahrscheinlich im Nachhinein selber nicht mehr glauben.

      Und mein Sohn hat inzwischen die Prüfung bestanden, also am Ende alles gut gegangen. Nur der Wald hat sich nicht so schnell erholt…

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      1. Man kann nicht alles haben. Lieber ein kaputter Schwarzwald, aber dafür die Prüfung bestanden, als umgekehrt.

        Ich habe auch immer am meisten/kreativsten geschrieben, wenn ich an so absolut langweiligen Orten ohne jede Ablenkung war. Bergdörfer oder baltische Inseln außerhalb der Saison eignen sich perfekt.

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  2. Ich habe Tränen gelacht, vielen Dank dafür! Ich bin absoluter Infra-Fan! 😉 😀

    Die Szene mitden Nordic Walkern stand auch sehr bildhaft vor meinen Augen „keine Wildschweinrotte“, köstlich!

    Die Therapeuten müssen wohl für so Einiges Modell stehen, auch für Manipulation von Seiten der Klienten. 😉

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  3. Eigentlich kannst du mit dem Ergebnis deines Töpferkurses richtig stolz auf dich sein. Beim Brennen im Hochofen reicht es, wenn ein einziges Werkstück noch Luft enthält – das explodiert dann und reißt alle anderen mitfahrenden Kunstwerke mit sich in den Tod (ich spreche da aus Erfahrung). Du hast die anderen Teilnehmer somit nur vor einer exorbitanten Enttäuschung bewahrt!

    Vielleicht hättest du aus dem Klumpen aber auch ein Stück Linzer Torte formen sollen!?

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  4. Duschvorhänge sind tatsächlich weitgehend abgelöst. In Hotels z.B., natürlich ausschließlich im Namen der Menschenwürde, durch gläserne, oft sogar nur halbhohe Badtüren, so dass wer immer da duscht, auf dem Klo hockt oder sonst etwas tut, das mit dem Begriff intim umschrieben werden kann, etwas verzerrt aber doch recht gut betrachtet werden kann. Eine echte Verbesserung. Fast so gut wie die Toiletten in manchen Krankenhäusern, die von zwei Zimmern, zwei Seiten zugänglich sind. Man lernt dort ganz schnell, dass das Zuschließen wichtiger als alles andere ist.
    Was den Wald angeht – er hat sich gar nicht erholt. Dem Wald geht es schlecht, Besserung ist nicht in Sicht. Oh, wer es nicht glaubt, lese den Waldschadensbericht oder gehe mit einem Fachmann durch den Wald und lasse sich die Krankheitssymptome zeigen. Da hilft keine Bäume umarmende Therapiestehung – der Begriff Sitzung ist bei Bäumen eher verpönt.
    Bessere Nachrichten gibt es nicht. Bessere Therapeuten? Teilweise schon. Ich erlebte manche als durchaus souverän, als Leute, die auch Neues in ihr Repertoire aufnehmen konnten. Aber freilich nicht alle. Manche haben eigentlich nur genervt.

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    1. Ich musste gerade in Urlaub in USA mit Entsetzen feststellen, dass Duschvorhänge keineswegs ausgestorben sind. Die haben sich nur woanders hin verzogen.

      Den kompletten Waldschaden nehme ich aber nicht auf meine Kappe🤐.

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