Die Klinik – Teil 1

Willst du wissen, wie es in einer Reha-Klinik wirklich zugeht? Hier erfährst du die schonungslose Wahrheit. Die schrägsten fünf Wochen meines Lebens.

Vorwort

Ich habe allergrößten Respekt vor all den Menschen, die mit teilweise dramatischen Lebensläufen, nach schweren Schicksalsschlägen oder nach einer langen Zeit des Leidens ihre Probleme in einer Reha-Klinik bearbeiten. Und ich bewundere die Therapeuten und die zahlreichen unsichtbaren Helfer, die mit unendlicher Geduld und viel Engagement helfen. Es liegt mir fern, mich über diese Menschen lustig zu machen.

Allerdings habe ich in meiner Reha so viele schräge Situationen erlebt, dass ich an einem Bericht einfach nicht vorbei komme. Ich kann nicht anders, sonst würde mein Kopf vor lauter Unsinn platzen. Alle Namen wurden von mir geändert. Einiges habe ich übertrieben. Aber Vieles ist erstaunlich nahe an der Wahrheit, wie ich sie erlebt habe. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind daher durchaus möglich.

Humor ist ein nicht zu unterschätzendes Therapiemittel, wie hier immer wieder betont wird. In diesem Sinne: Wer lacht, bleibt gesund!

Der Einstieg

Nach einer quälend langsamen Autofahrt mit nervtötenden Schleichfahrern auf kurvenreichen Landstraßen kommt endlich die Ansage: „Sie haben ihr Ziel erreicht!“

Zumindest behauptet das die Dame in meinem Navi. Ich hoffe, dass sie sich dieses Mal irrt, denn das Gebäude, vor dem ich stehe, hat so gar keine Ähnlichkeit mit einer Reha-Einrichtung. Es erinnert mich eher an einen Schauplatz aus einer Horrorgeschichte von Stephen King. Im Erdgeschoss sind alle Fenster mit Brettern vernagelt, in den oberen Stockwerken sind zahlreiche Fensterscheiben zerbrochen. Überall bröckelt der Putz von den Wänden und um das Gebäude herum wuchert das Unkraut. Als ich um das verfallende Bauwerk herum laufe, meine ich ein gequältes Stöhnen aus dem Keller zu hören, es könnte aber auch der Wind gewesen sein.

Direkt nebenan finde ich dann doch noch die Rezeption der Klinik und etliche moderne Gebäude. Ich bin so erleichtert, dass ich sogar den Krankenhausduft des Desinfektionsmittels ignoriere, der durch die Flure wabert. Dann checke ich ein und beziehe mein Zimmer.

Mein Hausarzt hatte mir diese Reha als Prophylaxe verschrieben, denn meine Beschwerden würden darauf hindeuten, dass ein Burnout um die nächste Ecke auf mich lauert. Also gönne ich mir fünf Wochen Seelenmassage mit Vollpension im Schwarzwald.

Der erste Tag in meiner Reha verläuft recht kurzweilig. Ich werde von einem Arzt untersucht, der im Wesentlichen wissen will, wie viel ich wiege und ob ich schon mal an Selbstmord gedacht habe. Er notiert beide Antworten. Danach geht es zur Stationsleitung, die mich fragt, wie viel ich wiege und ob ich schon mal daran gedacht habe, mir etwas anzutun. Sie notiert ebenfalls meine Antworten. Dann ist da noch ein Termin mit meiner „Bezugstherapeutin“, wobei unklar bleibt, was ich von ihr beziehen könnte. Essensgutscheine? Eine Tracht Prügel? Sie will ausführlich wissen, warum ich hier bin und ob ich schon mal Gedanken an Suizid gehabt hätte, was ich immer noch verneinen muss. Und ach ja, wie viel ich denn wiege, fragt sie noch.

Am nächsten Tag liegt mein Therapieplan in meinem Postfach. Die erste Aktivität noch vor dem Frühstück lautet: „Wiegen“. Ich beginne zu zweifeln, ob ich mich klar genug ausgedrückt hatte, denn mit dem Gewicht habe ich nun wirklich kein Problem.

Der zweite Punkt auf meinem Plan lautet „Pflegevisite auf Ihrem Zimmer“. Das klingt irgendwie nach Drogenrazzia. Ich verstecke sicherheitshalber meine Süßigkeiten und das Nutellaglas im Safe und erwarte die Visite im aufgeräumten Zimmer bei geöffnetem Fenster. Herein kommt eine stämmige Frau unbestimmbaren Alters mit militärisch kurzen Haaren mit einem Klemmbrett unter dem Arm. Sie erinnert mich stark an Oberschwester Ratched aus dem Film „Einer flog über das Kuckucksnest“, die mit eiserner Hand ein menschenverachtendes Regiment in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt führte.

Sie schließt mein Fenster und bemerkt: „Sie wissen sicherlich, dass in unserer Klinik nicht geraucht werden darf, auch nicht am offenen Fenster?“

Dabei bläht sie ihre Nüstern, als ob sie eine Witterung aufnehmen will. Ich beteure, dass ich Nichtraucher sei und nicht vorhabe, ausgerechnet hier mit dem Rauchen anzufangen. Als sie darauf nichts erwidert, versuche ich das Gespräch abzukürzen.

„Ich wiege übrigens siebzig Kilo und nein, ich habe noch nie daran gedacht mich umzubringen. Falls ich jemals Jemanden umbringe, dann höchstens mal einen dieser schleichenden Sonntagsfahrer“, versuche ich die Stimmung etwas aufzulockern.

Oberschwester Ratched scheint von Humor eine andere Vorstellung zu haben, als ich. Sie verzieht keine Miene.

„Nun gut, die Regeln unserer Klinik können Sie in diesem Faltblatt nachlesen. Zum Wohl unserer Patienten legen wir größten Wert auf Einhaltung der Regeln und auf einen geordneten Ablauf. Beachten Sie insbesondere das Verbot von Suchtmitteln. Das schließt auch ein striktes Alkoholverbot mit ein. Bei Fragen wenden Sie sich einfach vertrauensvoll an mich. Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Aufenthalt.“ Sprachs und entschwindet aus meinem Zimmer. Ich nehme mir vor, dieser Person keinen Anlass zu Beanstandungen zu geben.

Die Tischgesellschaft

Im Speisesaal der Klinik gelten ebenfalls klare Regeln: Um 07:15 Uhr gibt es Frühstück. Nicht ab 07:15 Uhr, wie man das aus dem Hotel kennt, sondern um 07:15 Uhr. Um 12:15 Uhr ist Mittagessen, um 18:15 Uhr Abendessen. Wenn Jemand zu einer Mahlzeit nicht erscheint, wird die Klinikleitung informiert, die sofort eine Suchaktion in die Wege leitet. Am Sonntag ist das Frühstück nur unwesentlich später angesetzt, nämlich um 07:30 Uhr. Der orientierungslose Patient benötigt angeblich eine klare, regelmäßige Tagesstruktur, damit die Reha ihre Wirkung entfalten kann. Am Wochenende kann man sich auf einer Liste von einzelnen Mahlzeiten befreien lassen. Ich streiche sofort das Frühstück am Wochenende. Diese Struktursingularität wird meinen Tagesablauf belasten, das leuchtet mir ein, aber ich bin optimistisch, dass ich damit klar kommen werde.

Die Sitzordnung im Speisesaal wird vom Küchenpersonal festgelegt und mit gedruckten Namensschildchen auf durchnumerierten Tischen dokumentiert. Mit mir an Tisch 14 sitzen die Protagonisten für zahlreiche spannende Tischgespräche, die ich in den nächsten Wochen erleben darf:

Horst: 59 Jahre, promovierter Physiker, der seit 30 Jahren nicht mehr gearbeitet hat, weil er am Aspergersyndrom leidet. Er drückt sich immer fehlerfrei in Hochdeutsch aus, hat den obersten Knopf seines karierten Hemdes (Singular, denn er trägt immer das gleiche Hemd) stets geschlossen und trägt den Seitenscheitel immer korrekt nach rechts über seine Halbglatze gekämmt.

Pokerface: 51 Jahre, Beamter aus Franken, der autistische Züge aufweist und unter depressiver Stimmung leidet, kaum spricht und nur selten den Blick vom Teller hebt. Seine Mimik ist meist starr und undurchdringlich, ein echtes Pokerface eben. Gefühle zeigt er eher nicht.

Infra: Eine gläubige Muslimin unbestimmbaren Alters, die noch nie gearbeitet hat und nur deshalb hier ist, weil das Arbeitsamt ihr andernfalls die Streichung von Hartz4 angedroht hat. Sie hat nach eigener Aussage überhaupt keine Probleme (Null komma nix!) und weiß nicht, was sie hier in der Klinik soll. Allerdings wird schnell klar, dass sie zumindest eine massive Essstörung und die eine oder andere Verhaltensauffälligkeit hat. Infra wird sie genannt, weil sie ihr Gesicht regelmäßig mit Essensresten einschmiert, dass es glänzt wie auf einem Infrarot-Wärmebild.

Tischgespräche (1) – Das erste Abendessen

Pokerface nagt an einem Vollkornbrot. Infra erobert das Buffet und walzt ihre Gegner in Grund und Boden. Schlange stehen ist nicht ihr Ding. Horst kommt als letzter an den Tisch.

Horst: „Einen wunderschönen Abend und ein herzliches Willkommen in der Irrenanstalt!“

Pokerface (ohne den Blick vom Teller zu heben): „Abend.“

Ich: „Hallo.“

Infra (kommt mit zwei randvollen Tellern vom Buffet zurück): „Müsst ihr schnell mache, bevor die alles wegesse, da hinte gibt Hähnchenbrust.“

Horst: „Wenn Hühner Säugetiere wären, würden wir jetzt Hähnchentitten essen.“

Pokerface: „-“

Ich: „?!“

Infra (mit vollem Mund): „Häh?“

Horst (steht auf und geht zum Buffet): „Na, dann werde ich mal schauen, was die Anstaltsküche uns heute für Leckereien kredenzt.“

Pokerface: „-“

Ich: „-“

Infra (kippt die Brokkolicremesuppe über den Teller mit Kartoffelgratin und Hähnchenbrust, drückt zwei Scheiben Toastbrot in die grüne Masse und schiebt sich mit den Händen die Pampe in den Mund): „Da musch du disch echt beeile, sonscht fresse die alles weg. Wie die Tiere sind die.“

Ich: „Kann ich mal bitte die Teekanne haben?“

Horst: „Diesen Krankenhaustee würde ich an deiner Stelle nicht trinken.“

Pokerface (schaut mich vielsagend an und senkt dann seinen Blick wieder auf den Teller): „-“

Infra: „-“

Ich (gieße mir von dem roten Früchtetee in meine Tasse): „Warum nicht?“

Horst (zeigt auf eine Dame vom Küchenpersonal): „Der Tee schmeckt, als hätten die Küchenschaben ihre benutzten Tampons darin ausgekocht.“

Ich: „Uaaah!!!???“

Pokerface (mit leicht zuckendem Mundwinkel): „-“

Infra (kaut schmatzend): „Häh? Brauchsch du Tampons? Ich kann dir welche geben.“

Horst: „Ich brauche natürlich keine Tampons. Ich kann ja gar keine Menstruation bekommen. Als Mann geht das ja nicht. Bei dir ist das etwas anderes. Du kannst eine Menstruation bekommen. Du bist ja eine Frau.“

Ich (lasse den Tee stehen und schenke mir ein Wasser ein): „Können wir vielleicht das Thema wechseln?“

Pokerface (blickt starr auf seinen Teller, jetzt mit beiden Mundwinkeln zuckend): „-“

Infra: „Hab ich im Fernsehe gesehe, dass die ganze Regierunge sind von Reptilien beherrscht. Merkel, Putin, der Trump, des sind alles Reptilien, die wo aus dem Weltall komme und die ham die Gestalt von Mensche angenomme.“

Pokerface: „-“

Ich: „???“

Horst: „Also, das halte ich für extrem unwahrscheinlich. Reptilien haben ein viel zu kleines Gehirn, als dass sie die Technologie für Weltraumreisen beherrschen könnten.“

Infra: „Doch, die ham des im Fernsehe gezeigt. Und damit die Mensche nix merke, tun die so Medikamente ins Trinkwasser. Die mache einen so schläfrig und schwummerig. Ich bin oft schwummerig im Kopf.“

Pokerface (Abgang): „Schönen Abend noch.“

Horst (Abgang): „Tschüssikowski.“

Ich (Abgang): „Ich wünsch euch was.“

Infra: „Jetzt geht ihr alle? Ihr könnt des bloß nicht ertrage, dass ich so viel esse kann. Ihr müsst auch mehr esse!“

Einzelgespräch (1)

Im Einzelgespräch geht es 1:1 in den seelischen Nahkampf, Mann gegen Therapeut, ohne Helm und ohne Rüstung, alleine in der Arena ohne Publikum und ohne Sanitäter. Ich erkenne in der ersten Sekunde, dass meine Therapeutin natürlich viel zu jung ist, um mir auch nur ansatzweise einen Tipp geben zu können. Diese Einschätzung muss ich allerdings rasch revidieren, denn schon nach wenigen Minuten liegt meine Seele nackt und schutzlos auf ihrem Seziertisch ausgebreitet. Und dann löst sie mit ihrem Fragen-Skalpell Schicht für Schicht die Zwiebelschalen von meinen Problemen, bis der wahre Kern zum Vorschein kommt.

Schnell stellt sich heraus, dass meine innere Anspannung auf einen Mangel an Linzertorte in meiner frühen Kindheit zurück zu führen ist. Aus dieser ungestillten Sehnsucht heraus rutschte ich im Lauf der Jahre in eine Nutellasucht, aber das ist eine andere Geschichte. Nutella gehört zu der besonders gefährlichen Kategorie der gesellschaftlich tolerierten stofflichen Suchtmittel, die keine körperliche Abhängigkeit erzeugen, von denen man aber trotzdem kaum wieder los kommt, wenn man ihnen einmal verfallen ist.

Außerdem entwickelte ich eine ungesunde Leistungsorientierung und einen unerfüllbaren Anspruch an mich selbst. Das ganze Problem manifestiert sich dann beispielsweise in einem übertriebenen Drang zur Pünktlichkeit. Ich will mir sozusagen die imaginäre Linzertorte verdienen, indem ich genau pünktlich komme. Da das im beruflichen Alltag nicht immer möglich ist, gerate ich in den schmerzhaften Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Und schon beginnt der Teufelskreis aus immer schnellerem Strampeln ohne wirkliche Aussicht auf Erfolg.

Mein erster therapeutischer Auftrag lautet folgerichtig, mit Absicht eine Viertelstunde zu spät zum Chefarztvortrag zu kommen und dabei auf meine Gefühle zu achten. Ich laufe also pünktlich auf die Sekunde genau eine Viertelstunde zu spät im berstend vollen Plenarsaal ein, wo mich der Oberpsychiater zur Belohnung gleich nach vorne winkt. Irgendwelche Gefühle entdecke ich keine, denn ich war ja in offiziellem Auftrag verspätet unterwegs.

Der Vortrag dreht sich um Persönlichkeitsstile und ihre typischen Probleme. Der Korrekte reibt sich bis zur Erschöpfung auf, weil er alles richtig und termingerecht erledigen will. Der Sensible nimmt alles Leid der Welt auf seine Schultern. Der Kumpeltyp kann nicht nein sagen, der Entertainer will immer im Mittelpunkt stehen, der Hysterische produziert im Akkord aus Mücken Elefanten, der Abenteurer verzweifelt an Routine und der Narzist kennt nur sich selbst. Ich mache mir schon Sorgen, weil ich mich in mindestens fünf Typen wiedererkenne, aber meine Therapeutin beruhigt mich. Sie nennt mich facettenreich – das ist der kleine Bruder der multiplen Persönlichkeitsstörung. Und sie rät mir, manchmal mehr Kante zu zeigen und nicht immer nur zu funktionieren.

Beobachtungen (1)

Auf die harmlose Frage „Hallo, wie geht’s?“ gibt es vier Antwort-Typen:

a) die Verleugner antworten mit „Gut!“, „Super!“ oder „Bestens!“, obwohl selbst ich ihnen ansehe, dass es ihnen dreckig geht. Und das will etwas heißen!

b) die Energieräuber drücken mir ein halbstündiges Gespräch über die Ungerechtigkeiten der Welt rein, von dem ich mich nur mit Hilfe einer Ration Nutella erholen kann.

c) die tickenden Zeitbomben laufen spätestens nach fünf Sekunden weinend davon.

d) Die Tretminen berichten mir von einem derart grauenhaften Erlebnis, dass ich selber weinend davon laufen möchte.

Ich streiche diese Frage für die nächsten fünf Wochen aus meinem Wortschatz. Wenn ich selbst gefragt werde, wie es mir gehe, zeige ich Kante und verweigere jeden Kommentar.

Tischgespräche (2) – Das erste Frühstück

Am nächsten Morgen steht Blutabnehmen auf meinem Stundenplan. Das ist ja meine meist gehasste Lieblingsbeschäftigung. Ich habe schon die ganze Nacht überlegt, wie ich da dran vorbei komme. Aber schlußendlich habe ich entschieden, dass es vielleicht keine gute Idee ist, meine Spritzenphobie ausgerechnet hier zur Sprache zu bringen, wo es von Psychiatern, Psychologen und Psychotherapeuten nur so wimmelt. Wer weiß, was die mir für eine Therapie verordnen würden. Im Einführungsvortrag hatte der Oberpsychiater davon gesprochen, dass man Angststörungen durch Konfrontation mit dem Angstauslöser heilen würde. Das macht mir erst richtig Angst. Also ertrage ich mit zusammen gebissenen Zähnen mein Schicksal und lasse den jungen Assistenten sein blutiges Geschäft verrichten. Zu meiner Überraschung überlebe ich die Prozedur auch dieses Mal wieder. Anschließend schleppe ich mich zum Frühstück.

Horst: „Guten Morgen meine Damen und Herren, hier ist das erste deutsche Fernsehen mit der Tagesschau.“

Pokerface: „Morgen.“

Ich: „Mogn.“

Infra (schaut kritisch in meine Richtung): „Was isch mit dir, du bisch ja ganz blass? Hasch du von dem Trinkwasser getrunke? Ich hab euch doch gesagt, dass die da was rein tun.“

Ich: „Ich war eben beim Blutabnehmen. Ich hasse Blutabnehmen!“

Horst: „War wenigstens das Karbolmäuschen hübsch?“

Pokerface: „-“

Infra: „Hä?“

Ich (hole tief Luft. Ich will diesen Mist nicht fünf Wochen lang hören und entscheide mich nach kurzer Überlegung für eine Ich-Botschaft mit eingebauter Brücke): „Sag mal Horst, auf mich wirken deine Äußerungen etwas frauenfeindlich, aber das meinst du ja sicher nicht so, oder?“

Pokerface (mit hochgezogenen Augenbrauen): „!!!“

Infra (kaut schmatzend): „-“

Horst: „Wieso denn frauenfeindlich? Der Begriff kommt eben daher, weil die früher mit Karbol gearbeitet haben. Das ist eine Bezeichnung aus dem 19. Jahrhundert für Phenol, das damals hoch verdünnt zur Wundbehandlung eingesetzt wurde.“

Ich: „Es geht doch nicht um das Karbol, sondern um das Mäuschen und darum, dass du gefragt hast, ob die hübsch war.“

Pokerface: „-“

Infra (kippt sich zwei Schälchen Honig, zwei Päckchen Butter und zwei halbierte Tomaten auf ein Käsebrötchen und zerquetscht das Ganze): „Mhm. Lecker. Müsst ihr probiere!“

Horst: „Was ist denn daran frauenfeindlich? Das ist doch ein Kompliment, wenn man einer Frau unterstellt, dass sie hübsch sein könnte. Ein kleines Scherzchen wird doch mal erlaubt sein.“

Ich: „Also ich finde das nicht witzig und ich hab auch keine Lust, mir fünf Wochen lang bei jedem Essen sexistische Sprüche anzuhören.“

Pokerface: „-“

Infra: „-“

Horst: „Mein Stammtisch in Halle findet meine Äußerungen immer ganz witzig. Das findet doch jeder lustig, außer man ist völlig humorbefreit. Frauen stehen auf humorvolle Männer, außer die Emanzen bei den Grünen, die gehen zum Lachen in den Keller. Aber bei denen kriegt ja eh kein Mann einen hoch. Da muss man sich ja nur die Claudia Roth anschauen, dann weiß man Bescheid.“

Ich: „Siehste, das meine ich mit sexistisch. Aber du kannst ja nach dem Essen einfach mal rüber in die medizinische Ambulanz gehen und die Damen fragen, ob sie das als Kompliment auffassen, was du hier von dir gibst.“

Pokerface: „-“

Infra: „-“

Horst: „-“

Ich: „Das Karbolmäuschen war übrigens ein junger Mann.“

Horst: „Na, das war dann eben Pech.“

Pokerface: „-“

Infra: „ Habe wir jetzt Streit am Tisch? Holt euch doch noch was zum esse!“

Volleyball

Beim Abendessen verbreitet sich die Info, dass um 19:30 Uhr ein Grüppchen sportbegeisterter Menschen zum Volleyball spielen in die klinikeigene Sporthalle geht. Ich halte das für eine gute Idee, zumal der Tag nicht gerade anstrengend war. Also finde ich mich pünktlich um 19:30 Uhr in der Sporthalle ein, wo alle anderen bereits seit einer halben Stunde spielen. Aber kein Problem, ich schlucke meine aufkommende Zu-Spät-Panik runter. Ich darf sofort aufs Feld und dann geht es auch schon los. Ich habe seit etwa 35 Jahren keinen Volleyball mehr berührt, aber Fahrradfahren verlernt man ja auch nicht.

In meiner Mannschaft sind wir sechs mehr oder weniger sportliche Männer, auf der anderen Seite stehen drei zierliche Frauen und drei Männer auf dem Feld. Ich nehme mir vor, nicht so hart zu spielen, damit alle ihren Spaß haben. Außerdem kann man ja die Mannschaften durchmischen, wenn es zu einseitig wird. Denke ich still vor mich hin.

Auf der anderen Seite macht sich ein schlankes, unscheinbares Mädchen zum Aufschlag bereit. Sie schlenzt den Ball lässig aus dem Handgelenk nach oben und im nächsten Moment schlägt rechts neben meinen Füßen der Ball mit einem lauten Klatschen auf dem Boden ein. 1:0 verkündet ein selbst ernannter Schiedsrichter von der Bank. Ich blinzle und schaue irritiert zu meinem Nachbarn. Der zuckt nur die Schultern. Die nächste Bombe schlägt links neben mir ein. 2:0. „Das war dein Ball“, flüstert neben mir ein Mitspieler und markiert mit seinen Händen den Bereich, den ich abdecken soll.

So geht das aber nicht, denke ich mir und mache mich innerlich zur Höchstleistung bereit. Ich gehe leicht in die Knie und tänzle von einem Bein auf das andere, um meine Position zu verschleiern. Der nächste Aufschlag kommt direkt auf mich zu. „Den hab ich!“, rufe ich laut, denn Kommunikation ist im Sport die halbe Miete. Danach sage ich fünf Minuten lang nichts mehr, denn der Ball bohrt sich mit einem dumpfen Whump in meinen Solar Plexus und bleibt dort stecken. Meine Mitspieler stöhnen mitfühlend auf. 3:0. Wir nehmen einen Time out.

Danach schießt das Mädchen meinem Mitspieler die Brille vom Kopf und dann räumt sie das halbe Spielfeld wie beim Kegeln leer. Wie ich später erfahre, spielt die junge Dame in der Regionalliga und ist hier wegen einem Aggressionsproblem in Behandlung. Wir spielen noch weitere zwei Stunden und ich versuche, möglichst in der gleichen Mannschaft wie die Bomberlady zu spielen. Als ich mich am nächsten Morgen zum Frühstück in den Speisesaal schleppe, werde ich gefragt, ob ich von der Treppe gestürzt sei. Ich bedecke meine Schürfwunden und versuche, nicht mehr so stark zu humpeln.

Beobachtungen (2)

Hier trifft man jede Menge Leute mit extremen Persönlichkeitsstilen, aber heute habe ich Jemanden kennen gelernt, das glaubt mir keiner. Hier gibt es eine Frau, die keine Schokolade mag! Und der absolute Oberhammer ist: die glaubt, sie wäre ganz normal. Pervers!

Tischgespräche (3) – ungekürzter Mitschrieb vom Frühstück

Ich komme als Letzter an den inzwischen berüchtigten Tisch 14. Ich wurde schon mehrmals von Anderen angesprochen, was denn das für komische Vögel an meinem Tisch seien. Pokerface nagt in sich gekehrt an einem Vollkornbrot. Horst rührt versonnen lächelnd in seinem Kaffee. Gestern Abend wurde er von mehreren Frauen dabei beobachtet, wie er ganz ungeniert am öffentlichen PC in der Cafeteria pornografische Nacktfotos angeschaut hat. Dabei soll er ständig vor sich hin gemurmelt haben: „Aha, wie Gott sie erschaffen hat“, und „Oha, die ist auch nicht von schlechten Eltern“, oder „Hui hui, die würde ich aber auch nicht von der Bettkante schubsen“. Es bestehen erhebliche Zweifel, dass sich überhaupt schon jemals eine Frau auf die Bettkante von Horst verirrt haben könnte.

Infra hat vier Brötchen, fünf Packungen Butter, zwei Schälchen Honig, zwei Schälchen Marmelade, acht Scheiben Käse und acht Scheiben Frischwurstaufschnitt, sowie vier Tomatenhälften auf ihrem Teller aufgestapelt und vermengt alles zu einem matschigen Brei.

07:15 Uhr

Ich: „Morgen.“

Infra (kaut mit vollem Mund): „Hmpff.“

Pokerface: „Morgen.“

Horst: „Morgen … hat die DDR siebzigsten Geburtstag.“

07:16 Uhr

Ich: „-“

Infra: „-“

Pokerface: „-“

Horst: „-“

07:17 Uhr

Horst: „Hätte siebzigsten Geburtstag, muss man korrekterweise sagen.“

Ich: „-“

Pokerface: „-“

Infra: „-“

07:18 Uhr

Ich: „-“

Infra: „Huaa“ (Ein Stück Frischwurstaufschnitt mit Honig fällt aus ihrem Mund und verschwindet in den unergründlichen Tiefen ihres Dekolletees)

Pokerface: „-“

Horst: „-“

07:20 Uhr

Horst: „Die wurde nämlich am siebten Oktober 1949 gegründet…“

Pokerface: „-“

Ich: „-“

Infra: (sucht verbissen nach dem flüchtigen Wurststück und wühlt sich durch mehrere Kleiderschichten) „Wo bisch du, komm raus!?“

07:21 Uhr

Horst: „… die DDR.“

Infra: „Was?“

Pokerface: „-“

Ich: „-“

07:22 Uhr

Ich: „-“

Infra: „-“

Pokerface: „-“

Horst: „-“

7:23 Uhr

Horst: „Also im gleichen Jahr, wie Tante Erna in Halle geboren wurde.“

Ich: „-“

Infra: „-“

Pokerface: „-“

07:24 Uhr

Horst: „Aber so alt wie Tante Erna wurde die DDR dann doch nicht.“

Pokerface: „-“

Ich: „-“

Infra: „Ha, hab ich dich, du Würschtchen!“ (hält triumphierend das abtrünnige Wurststückchen in die Höhe und lässt es in ihren Mund fallen)

07:25 Uhr

Ich: „-“

Infra: „-“

Pokerface: „-

Horst: „-“

07:27 Uhr

Ich: „Also dann, ich muss los. War wieder nett mit euch. Ich wünsche euch einen schönen Tag!“

Pokerface: „Gleichfalls!“

Horst: „Die Tante Erna starb nämlich am 03. Mai 2009 mit 60 Jahren an Herzversagen.“

Infra: „Was gibt heute zu Mittag?“

07:28 Uhr

Horst: „Und die DDR gab ja bekanntlich schon mit vierzig Jahren den Geist auf.“

Pokerface (Abgang): „-“

Ich (Abgang): „-“

Infra: „Hoffentlich nich wieder Fisch!“

TKS

Am Nachmittag steht TKS auf dem Programm. Ich frage in die wartende Runde, ob mir Jemand erklären könne, was denn diese Abkürzung bedeute.

„Oh, Ich glaube, das steht für Therapie gegen Konzentrations-Störungen“, meint eine aus der Runde, die schon länger dabei ist.

„Nee, das war was länger“, widerspricht eine ältere Frau. „Irgendwas mit Sozial.“

„TKS bedeutet Training für kompetentes Sozialverhalten“, wirft wieder eine Andere ein.

„Nee, nee, da war sicher was mit Kommunikation dabei“, insistiert die Nächste.

So geht es eine Weile weiter, bis wir uns einig sind, dass keiner genau weiß, um was es eigentlich geht. Als der Therapeut herein kommt, ist seine erste Frage:

„Wer kann denn den beiden Neuankömmlingen erklären, was TKS bedeutet?“

Schallendes Gelächter. Es stellt sich heraus, dass es bei TKS um „Training für Kommunikation und Sozialkompetenz“ geht. Also mein Spezialgebiet, sozusagen.

In TKS gelten drei einfache Regeln. Alles was in diesem Raum gesagt wird, bleibt in diesem Raum. Diese Regel ist mir schon von einem USA-Urlaub vertraut. „What happens in Vegas, stays in Las Vegas“, hieß es dort nicht ohne Grund. Damit kein Außenstehender das Gesprochene von den Lippen ablesen kann, werden die Vorhänge zugezogen.

Die zweite Regel betrifft den respektvollen Umgang miteinander, also nicht beißen, spucken, kratzen, schlagen, lügen, fluchen oder an den Haaren ziehen und vorzugsweise in Ich-Botschaften kommunizieren. Also nicht „Du Vollpfosten!“, sondern „Ich persönlich finde, dass du ein Vollpfosten bist!“.

Die dritte Regel beschreibt die Selbstfürsorge: Wem zu warm ist, der öffnet das Fenster, wem zu kalt ist, der macht es sofort wieder zu, wer pinkeln muss, geht aufs Klo, wer nicht reden will, der muss nichts sagen, wem es emotional zu anstrengend wird, der geht raus, wer Hunger hat, packt sein Vesper aus. Solche Dinge eben.

Die erste Stunde vergeht damit, dass wir beiden Neuen vorgestellt werden und eine Teilnehmerin verabschiedet wird. Dann ist noch Zeit für eine Abschlussrunde, bei der Jeder seine momentane Stimmung auf einer Skala zwischen 1 und 10 einordnen darf. Null gibt es auf dieser Skala nicht, denn mit Null wären wir ja nicht mehr hier. Also Suizid, vermutlich. Eine 10 riecht nach vorzeitiger Entlassung, daher wähle ich eine optimistische 8 mit Potential für 9, was bei meiner Nebensitzerin einen spontanen Weinkrampf auslöst.

Der Therapeut erkundigt sich, welche Gefühle meine Äußerung ausgelöst haben.

„Der ist schon in der ersten Stunde über 8, und ich bin nach vier Wochen immer noch nicht über 4 raus gekommen“, schluchzt sie, während der Therapeut routiniert die Schachtel mit den Papiertaschentüchern herüber reicht. In den nächsten Feedbackrunden wähle ich eine bescheidene 6 und ziehe meine Mundwinkel absichtlich etwas nach unten. Sozialkompetenz hat ja auch etwas mit Anpassung an die Gruppe zu tun.

Beim nächsten Termin geht es um Gefühle. Mir wird etwas mulmig, denn als einziger Mann in dieser Runde bin ich eindeutig benachteiligt. Immerhin fühle ich mich beim theoretischen Teil einigermaßen sattelfest, denn ich kenne beide Arten von Gefühlen, die es gibt, nämlich positive und negative Gefühle. Und ich kann sie eindeutig unterscheiden. Die negativen Gefühle sind die, die man nicht zeigt, sondern in sich hinein frisst.

Dann spielen wir uns gegenseitig Gefühle pantomimisch vor und reden hinterher darüber.

Ein Albtraum!

Ich bin dann ganz erstaunt, wie viele Emotionen es gibt, von denen ich keine Ahnung hatte. Die Frauen zählen problemlos eine ganze Reihe von Gefühlen auf: Freude, Ärger, Trauer, Überraschung, Wut, Ekel, Angst. Und das sind nur die Grundgefühle. Dazu kommen noch etwa zwei Millionen Nebengefühle. Man lernt als Mann nie aus.

Zum Schluss kommt die Frage auf, ob Männer auch weinen dürfen. Das ist natürlich eine rhetorische Frage, denn die Antwort liegt auf der Hand: Selbstverständlich dürfen Männer weinen. Jeden Samstag, wenn der Lieblingsclub in der Fußball-Bundesliga verliert.

Waldlauf

Das Wochenende zieht sich ohne Programm endlos dahin. Ich fühle mich wie ein Porsche, den man auf der Autobahn bei Tempo 200 in den Leerlauf schaltet. Der Motor dreht hoch, aber es tut sich nichts. Und genau wie der Sportwagen brauche ich ziemlich lange, bis ich von meinem gewohnten Tempo auf die hier vorherrschende Super Slow Motion ausrolle. Das Fachwort dafür lautet Entschleunigung.

Am Sonntag raffe ich mich vor dem Mittagessen zu einem kleinen Waldlauf auf. Da ein Mann immer den Weg findet, nehme ich kein Handy mit und jogge friedlich durch den herbstlichen Wald. Nach fünfundvierzig Minuten reicht es mir und ich mache mich auf den Heimweg. Irgendwo muss ich dann wohl falsch abgebogen sein. Das spielt aber keine Rolle, denn es gibt hier mehr als genug Schilder.

Alle Schilder zeigen nach Bad Dürrheim
Schilderwald

Ich wähle eine der drei Richtungen, die nach Bad Dürrheim zurück führen und bin nach einer halben Stunde wieder an der selben Stelle. Auch der zweite Versuch bringt mich wieder an dieses verflixte Schild zurück. Inzwischen tun mir die Beine weh. Beim dritten Versuch lande ich schließlich am Ortseingang von Bad Dürrheim, allerdings kommt mir die Gegend völlig unbekannt vor.

Total verschwitzt und außer Atem stolpere ich aus dem Wald und frage ein älteres Ehepaar nach dem Weg in meine Klinik.

„Am besten warten Sie hier auf den Bus, der müsste in einer halben Stunde kommen“, meint der Mann mit einem skeptischen Blick auf meine zitternden Beine.

„Hermann, komm jetzt, wir müssen los“, wirft die Frau ein und versucht, ihn von mir weg zu ziehen.

„Auf den Bus kann ich nicht warten“, sage ich. „Wenn ich nicht pünktlich beim Essen erscheine, schicken die eine Suchmannschaft. Wie spät ist es eigentlich?“

„Hermann, nun komm schon, der junge Mann wird schon zurecht kommen“, nörgelt die Frau wieder mit einem ängstlichen Gesichtsausdruck.

Als ich weiter laufe, höre ich noch, wie die Frau zu ihrem Mann sagt: „Das ist wieder einer von denen, du weißt schon, Hermann. Die haben doch letzte Woche erst welche mit dem Hubschrauber gesucht. Bring dich doch nicht immer so in Gefahr!“

Unterwegs entdecke ich ein Schild mit dem Hinweis „Psych. Klinik“. Eine äußerst unglückliche Abkürzung für Psychosomatik, finde ich, denn auch Psychiatrie und Psychopath werden so abgekürzt.

Völlig am Ende erreiche ich schließlich mein Ziel. Nach einer Kurzdusche schleppe ich mich mit einer Viertelstunde Verspätung in den Speisesaal. Unterwegs kommt mir Oberschwester Ratched entgegen, die mit hochgezogenen Augenbrauen einen Blick auf ihre Uhr wirft.

Beobachtungen (3)

Am Buffet macht die Depression Pause. Egal wie groß die Antriebslosigkeit tagsüber ist, am abendlichen Buffet werden beide Ellbogen ausgefahren und es geht zu, wie an den Schnäppchen-Tischen im Mittelgang bei Aldi. Da wird man als höflicher Mensch schnell mal in der Schlange nach hinten durchgereicht und muss mit den Resten vorlieb nehmen.

Tischgespräche (4)

Infra: „Glaubsch du an Gott?“

Horst: „Nein, das tue ich sicher nicht.“

Pokerface: „-“

Ich: „-“

Infra: „Isch aber bewiese, dass es Gott gibt.“

Horst: „Ach tatsächlich? Ich war der Meinung, dass Stephen Hawking die Nichtexistenz von gottähnlichen Wesen bereits 1998 bewiesen hätte.“

Pokerface (löffelt stoisch seine Suppe): „-“

Ich: „-“

Infra: „Steht aber in so nem Buch, dass es Gott gibt.“

Horst: „Ja, das kann ja Jeder schreiben. Dadurch wird es aber nicht wahrer.“

Pokerface: „-“

Ich: „-“

Infra: „Gugsch du mal des ganze Sonnesystem! Da dreht sich alles um Erde. Die ganze Planete, Jupiter, Poseidon, der Mond und so. Die würden doch alle runter falle, ohne einen Gott, der wo sie festhält.“

Horst: „Das sind wohl eher die Gravitationskräfte, die die Planeten auf ihren Bahnen halten. Poseidon ist übrigens kein Planet, sondern eine Figur aus der griechischen Mythologie. Und die Planeten drehen sich um die Sonne, nicht um die Erde. Und der Mond… ach, das ist doch zwecklos.“

Pokerface: „-“

Ich: „Kann ich mal den Zucker haben?“

Infra: „Aber des dreht sich alles so schnell, des isch eine irrsinnige Geschwindigkeit, da wird’s dir ganz schwindelig, wenn du nur dran denksch. Des könne deine Gravierungskräfte gar net halte, des würde doch alles auseinander fliege und sich überall im Weltraum verteile. Des gäb ein heilloses Durcheinander ohne ein Gott, die würden alle ineinander rein krache, dass es nur so scheppern tut. Des isch doch der Beweis, dass es einen Gott geben muss, ohne geht gar nicht.“

Horst: „Also, da fällt mir jetzt auch nichts mehr ein.“

Pokerface (blickt mich über seinen Suppenlöffel hinweg an. Ein winziges Zucken in seinem Mundwinkel ist zu sehen): „-“

Ich: „-“

Infra (wendet sich an mich): „Du glaubsch aber an Gott?“

Horst (atmet tief aus): „-“

Pokerface (verschluckt sich an seiner Suppe und hustet): „-“

Ich: „Ich gehe nochmal zum Salatbuffet.“

Hier geht es zum zweiten Teil

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Autor: sinnlosreisen

Geschichten über die lustige Seite des Urlaubs

45 Kommentare zu „Die Klinik – Teil 1“

  1. Super, sehr amüsant beschrieben! Hoffentlich haben dir die fünf Wochen in der Reha Klinik auch gut getan.
    Wenn ich das so lese, bin ich froh, dass ich mich im letzten Jahr für eine ambulante Reha ( nachmittags ging es nach Hause) entschieden habe.

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    1. Danke, ich musste mir beim Erleben auch häufig auf die Zunge beißen, um nicht laut zu lachen. Die Auszeit hat aber tatsächlich sehr gut getan und langfristig einiges in meinem Leben zum positiven bewegt.

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  2. Infra mit ihren Dialekt find ich total klasse! Insgeheim hoffe ich, dass man deine Kur verlängern wird und damit auch mein Lesevergnügen ;-)))

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  3. Köstlich, köstlich! Selten so gelacht! Fünf Wochen davon sollten ausreichen, um jemanden von 10 auf 3 runterzubringen 😉 Ich hoffe aber, dass du auch positive Resultate mit nach Hause genommen hast, also ausser den Erkenntnissen über den Zustand der Menschheit. 🙂

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  4. Wenn man vor Lachen – welches durch das Lesen deines brillanten Kurhorrortheaterstücks unvermutet ausgelöst wurde – fast am Marmeladenbrot erstickt, dann hast du einen guten Job gemacht! Alles Liebe dir👍🏻👍🏻👍🏻

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  5. Es gab diesen einen Moment, da habe ich mich nicht mehr eingekriegt vor Lachen. Sicher, dass du in der richtigen Klinik warst? 😉 Da ist der verlockende Gedanke, mal ein paar Wochen in der Reha zu entspannend, plötzlich nicht mehr so verlockend…

    Die Dialoge, herrlich.

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  6. Also beim Titel dachte ich noch, es wird ein John Grisham Roman, aber nun habe ich einen guten Einblick in den Alltag dort und Lach-Tränen in den Augen.
    Habe auch mal überlegt, ob ich mir ne schicke Kur verschreiben lasse, wäre sicher nötig … aber ich schiebe das jetzt mal noch etwas auf die lange Bank.
    Großartiger Text, ich sehe das quasi vor mir!

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  7. Tja, was man in Kliniken nicht alles so erleben kann.
    Ich hoffe Du weißt jetzt wie normal Du bist.
    Schöne Gespräche fur einen der Asperger hat redet det Kerl fast zu viel.😂

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