Nutella

Für alle, die den Unterschied zwischen Nuss-Nougat-Creme und Nutella kennen.

Eigentlich glaube ich nicht an Schicksal.

Eigentlich.

Allerdings kann es manchmal auch kein Zufall sein.

Zum Beispiel neulich. Ich gehe normalerweise nie in diesen Supermarkt zum Einkaufen. Aber an diesem Tag gab es dort (zufällig?) 75 g Nutella gratis. Kann der Schwabe einem solchen Angebot widerstehen? Nein, kann er nicht!

Die Schwabenfalle

Normalerweise ignoriere ich im Supermarkt das schwarze Brett, das mit gebrauchten Kinderwagen und hoffnungslosen Wohnungsgesuchen voll gepflastert ist. Aber an diesem Tag fiel mein Blick (zufällig?) auf einen Aushang:

Das waren für meinen Geschmack ein bisschen viele Zufälle. Also ist es vielleicht manchmal doch Schicksal. Dieser Zettel ließ mir jedenfalls keine Ruhe mehr. Natürlich ist ein Leben ohne Nutella vorstellbar. Aber nicht sinnvoll. Wusstest du, dass du schon mit 500 Gramm Nutella pro Tag deinen Magnesiumbedarf decken kannst?

Neugierig geworden beschloss ich, zu einem dieser Treffen bei Anna zu gehen. Vielleicht gab es dort tolle Nutella-Rezepte oder Tipps zu aktuellen Sonderangeboten. In meinem Kopf formte sich das Bild einer älteren, rundlichen Anna, die mit Schürze in der Küche stand und köstlich duftende Nutella-Brownies und Nuss-Nougat-Desserts aus dem Backofen zauberte.

Ich war ein bisschen knapp dran und als ich am Donnerstag das Nebenzimmer im Vereinsheim betrat, saßen schon mehrere Teilnehmer in einem Stuhlkreis. Ein bärtiger Mann mit kräftiger Statur begrüßte mich.

„Herzlich willkommen, setz dich doch zu uns“, zeigte er auf einen freien Stuhl neben sich. „Ich heiße Jürgen. Magst du uns sagen, wie wir dich nennen sollen?“

„Ähm, klar, also ich bin Marco. Hallo zusammen“, nickte ich in die Runde.

„Hallo Marco“, murmelte die Gruppe im vielstimmigen Chor zurück. „Willkommen in unserer Mitte“.

Jürgen schien so eine Art Anführer zu sein. Er ergriff wieder das Wort.

„Entspann dich einfach und höre erstmal zu. Einige von uns brauchen sehr lange, bis sie sich öffnen. Andere sind eher bereit, ihre Erfahrungen zu teilen. Manche können sich nie überwinden, aber auch das ist völlig ok. Man kann auch Kraft daraus schöpfen, dass man nicht allein ist.“

Mir kam das für einen Nutella-Fanclub etwas geschwollen vor, aber was soll‘s, dachte ich und setzte mich. Ich suchte den Raum unauffällig nach dem Nutellagebäck ab, konnte aber nichts finden. Das war natürlich eine herbe Enttäuschung, aber vielleicht wurden die süßen Häppchen erst zur Pause gereicht.

„Bevor wir beginnen, möchte ich nochmal an unsere Regeln erinnern“, begann Jürgen. „Die wichtigste Regel besagt, dass alles was in diesem Raum passiert oder gesprochen wird, in diesem Raum bleibt“, meinte er in meine Richtung.

„Geht klar“, gab ich mein Einverständnis. Dieses Prinzip war mir von einer USA-Reise vertraut. „What happens in Vegas, stays in Las Vegas“, lautete das Motto dort. Ich hatte eh nicht vor, die Nutellarezepte weiter zu geben.

„Die zweite Regel beschreibt das Prinzip der Selbstfürsorge. Jeder ist für sein eigenes Wohlbefinden selbst verantwortlich. Wem es warm wird, der kann das Fenster öffnen, wer aufstehen will, soll das tun.“ Ich nickte. Und wer Hunger hat, bekommt hoffentlich ein Nutellabrot, ergänzte ich im Stillen.

„Und die dritte Regel: Wem es in dieser Runde emotional zu viel wird, der kann jederzeit den Raum verlassen“, schloss Jürgen seine Einführung. Das fand ich etwas eigenartig, aber ich stimmte auch dieser Regel zu.

„Also gut“, ergriff Jürgen wieder das Wort. „Ich denke wir sind vollständig. Wer möchte heute von seinen Erfahrungen berichten?“

Eine unangenehme Stille breitete sich aus. Die Art Stille, die ich von der Schule aus dem Englischunterricht kannte. Auf solche Fragen meldete sich meistens niemand, weil man nur zwei Möglichkeiten hatte: entweder man wusste die richtige Antwort, dann stand man vor den Mitschülern als Streber da. Oder man wusste die richtige Antwort nicht, dann bekam man eine schlechte Note. Beides nicht gerade motivierend.

Ich überlegte kurz, ob ich einen Witz zum Besten geben sollte:

Wie macht man eigentlich Nutella? Ganz einfach: Man stellt Mamatella und Papatella in den Küchenschrank, wartet ein paar Tage – und raus kommen die Babytellas.

Nutellafamilie

Doch das schien mir jetzt doch etwas zu plump, also wartete ich erstmal ab.

„Nun, wer traut sich?“, versuchte Jürgen es noch einmal. Alle schauten betreten zu Boden oder beobachteten intensiv die Flecken an der Holzdecke.

Ich gab mir einen Ruck. „Na ja, ich könnte ein kleines Gedicht zur Auflockerung vortragen“, bot ich an. Mir war neulich etwas Lustiges beim Frühstück eingefallen, und hier konnte etwas humorige Leichtigkeit vielleicht das Eis brechen. So zum Einstieg, dachte ich.

Jürgen war begeistert. „Also das ist ja toll, gleich beim ersten Mal so mutig, dann mal raus damit!“, ermunterte er mich.

Ich räusperte mich. Dann begann ich mit meinem Vortrag:

Matt glänzt auf dem Bauernbrot
ne dicke Schicht Nutella.
Lacht und lockt veführerisch
von meinem Frühstücksteller.

Doch schon beim ersten zarten Biss
das Biest sich wehrt und windet;
aus meiner Hand den schnellen Weg
zum Teppichboden findet.

Ich weiß nicht, welche Reaktion ich erwartet hatte, aber diese ganz bestimmt nicht. Einige lange Sekunden war es totenstill im Raum. Dann schluchzte mir gegenüber ein Rollstuhlfahrer auf.

„Oh ja, verdammt richtig“, schniefte er. „Mich hat dein verführerisches Biest beide Beine gekostet, bevor ich es auf den Boden werfen konnte!“ Dann rollte er aus dem Raum.

Ich schaute wohl etwas konsterniert, denn Jürgen beugte sich zu mir und flüsterte: „Reinhard hatte wegen seiner Nutellasucht jahrelang starke Diabetes. Erst als die Ärzte ihm beide Beine amputieren mussten, schaffte er den Entzug. Dein Gedicht hat ihn wohl etwas aufgewühlt.“

Ich war schockiert.

Neben mir saß ein dünner nervöser Typ. Er schaute mich provozierend an: „Und wie kommst du selber so mit deinem Nutellaproblem zurecht?“

„Ich? Ich hab kein Problem mit Nutella“, erwiderte ich. „Das einzige Problem ist, dass die Gläser immer so schnell leer sind. Und selbst das ist besser geworden, seit ich von einem ganz lieben Menschen diesen Nutellaglas-Ausschaber geschenkt bekommen habe. Den kann ich wirklich empfehlen, man kommt damit in jede Ecke.“

Die Lösung des Resteproblems

Der Dünne zog die Augenbrauen hoch, lächelte wissend und sagte nichts.

„Was denn? Ich hab wirklich kein Problem mit Nutella! Ich liebe Nutella“, bekräftigte ich nochmal meinen Standpunkt.

Jürgen ergriff das Wort. „Marco, du musst dich nicht verteidigen. Die meisten kommen mitten in der Verleugnungsphase zu uns. Man braucht eine Weile, bis man sich sein Problem eingestehen kann. Genau deshalb treffen wir uns hier bei ANNA regelmäßig.“

„Wo ist eigentlich diese Anna?“, nutzte ich die Chance auf einen Themenwechsel.

„Anna? welche Anna? Ja weißt du denn nicht, dass wir die Anonymen Nuss-Nougat Abhängigen sind?“, wunderte sich Jürgen. „Oder dachtest du etwa, wir wären hier so ne Art Fanclub mit Nutellarezepten?“

Ich antwortete nicht. Mir war auf einmal ziemlich heiß.

Jürgen versuchte, die Situation zu retten. „Hermann, willst du uns nicht deine Geschichte erzählen? Du bist so ein motivierendes Beispiel für uns alle.“

Hermann zögerte nur kurz. „Also gut“, raffte er sich dann auf. „Ich bin Hermann und ich bin seit 427 Tagen trocken.“

„Hallo Hermann“, murmelte die Gruppe halblaut. „Wir eifern deinem Vorbild nach.“

Neben Hermann lachte ein fettleibiger Typ mit ungepflegtem Äußeren spöttisch auf.

„Bilde dir nur nicht zu viel darauf ein“, maulte er. „Ich war über drei Jahre lang trocken und dann brachte Ferrero die Nutella-Edition mit den Fünf-Kilo-Eimern heraus. Sei dir niemals zu sicher, sonst hast du schneller einen Rückfall als du „Palmöl“ sagen kannst!“

Hermann ignorierte den Einwand und erzählte uns seine Geschichte. Er war angesehener Filialleiter einer lokalen Bank, seine Frau leitete den Kirchengemeinderat, die beiden Kinder gediehen prächtig. Einfamilienhaus mit Garten in der Vorstadt und Doppelgarage mit Mercedes. Jeden Sommer Urlaub an der Cote d‘Azur, im Winter Skifahren in Davos.

Niemand ahnte von seinem Doppelleben, denn er hatte seine Sucht perfekt kaschiert. Er hatte ohne Wissen seiner Frau ein eigenes Konto bei seiner Bank eröffnet, von dem er heimlich seinen Stoff bezahlte. Den hatte er in mehreren anonym angemieteten Schließfächern deponiert, und jedesmal, wenn er im Tresorraum etwas zu erledigen hatte, zog er sich einige Löffel Nutella pur rein. Ich dachte kurz an meinen Nutella-to-go-Vorrat im Büro, verdrängte diesen Gedanken aber schnell wieder.

Jahrelang war alles gut gegangen. Bis Hermann eines Tages von einer Angestellten auf dem Boden des Tresorraums gefunden wurde, bewusstlos, Gesicht und Anzug verschmiert mit braunen Flecken. Zuckerkoma.

Die Presse überschlug sich mit Sensationsmeldungen:

„Nutella-Orgien im Tresorraum – die heimlichen Laster einer Bankiersfamilie“, titelte Bild der Frau. Und Bild am Sonntag legte noch eine Schippe drauf:

„Koma-Banker frisst den Tresor leer. Wo ist unser Geld?“

Als Hermann nach sechs Wochen aus der Klinik entlassen wurde, hatte seine Frau bereits die Scheidung eingereicht. Das Haus war aus steuerlichen Gründen auf sie eingetragen und damit genau so weg, wie sein Job. Wenn es mal bergab geht, ist man sehr schnell ganz unten.

Dann war Hermann ins Schweigekloster gegangen und dort hatte er die Kraft gefunden, seine Sucht zu bekämpfen. Und es war ein harter Kampf. Die Mönche im Kloster stellten ihn erst von Nutella auf Nutoka um, dann auf ein kalorienreduziertes Diät-Produkt und schließlich auf einen fettfreien veganen Gemüseaufstrich. Seine markzerfetzenden Schreie hallten nachts durch die Kellergewölbe des Klosters, aber die Mönche waren gnadenlos konsequent. Nach drei entbehrungsreichen Monaten in der Hölle war Hermann sauber.

Er beendete seine Erzählung mit den Worten: „ Wenn ihr es wirklich wollt, dann schafft ihr es auch“. Wir schwiegen lange und als das Treffen zu Ende ging, umarmten wir uns alle innig.

Mich hatten die Schicksale der Anonymen Nuss-Nougat-Abhängigen sehr nachdenklich gemacht. Am meisten beeindruckte es mich, wie offen sie über ihre Probleme sprechen konnten. Trotzdem dauerte es noch fünf weitere Treffen, bis ich den Mut fand, meine eigene Geschichte zu erzählen:

„Hallo, ich bin Marco“, begann ich meine Erzählung. „und ich bin übrigens immer noch nicht weg vom Nutellaglas.“

„Hallo Marco.“, murmelte die Gruppe im Chor. „Wir fühlen mit dir. Gemeinsam sind wir stark.“

„Einige von euch wissen, dass ich schon als Kind mit der Droge in Kontakt kam. Der Einstieg lief bei mir fast unmerklich über ganz normale Schokolade. Meine Oma, die bei uns im Haus wohnte, hatte ein ausgeklügeltes Belohnungssystem entwickelt: In ihrem Vorratsschrank hortete sie einen riesigen Stapel mit Schokoladentafeln verschiedener Sorten, je nachdem, was gerade im Sonderangebot war.

Für eine „normale“ Gefälligkeit, wie zum Beispiel Müll runter bringen, durfte man sich eine „einfache“ Sorte aus ihrem Stapel aussuchen. Als einfache Sorten galten Vollmilch, Zartbitter und Nuss. Für besondere Dienste, wie beispielsweise eine Stunde mit ihr spazieren zu gehen und sich ihre Monologe anzuhören, gab es freie Auswahl aus den „besseren“ Sorten.

Dieses System könnte heute ernährungsphysiologische Fragezeichen aufwerfen, aber wir reden hier über die Sechzigerjahre. Meine Oma wurde deutlich vor dem ersten Weltkrieg geboren und auch der zweite Weltkrieg war damals gerade mal schlappe zwanzig Jahre her. Man musste also in ihrem Weltbild jederzeit damit rechnen, dass „der Russe“ Probleme machte und mit seinen Panzern den dritten Weltkrieg anzettelte. Erst vor Kurzem hatte es dieser Chruschtschow auf Kuba wieder versucht und nur der gutaussehende Kennedy konnte ihn gerade noch in seine Schranken verweisen. Da war es doch sicher nicht verkehrt, einen Notvorrat an Schokolade anzulegen und die Enkelkinder teilhaben zu lassen.

Jede Oma hat einen Spleen. Meine hatte eine ganze Menge davon.

Ich werde beispielsweise nie vergessen, wie sie ihre Medikamente einnahm. Und sie hatte im Laufe ihres Lebens über zwanzig Pillenschachteln auf ihrer Anrichte angesammelt. Die Einnahme der Tabletten war eine Prozedur, die einer japanischen Teezeremonie in nichts nachstand. Akribisch richtete sie die Pillen her und spülte eine nach der anderen mit einem Schluck Wasser hinunter. Zum Schluss kam das Granulat gegen Verstopfung, das sie mit einem angewiderten Gesichtsausdruck in den Mund nahm. Dann legte sie den Kopf in den Nacken und schluckte während sie wie eine Besessene bei der Teufelsaustreibung mit dem ganzen Körper zuckte.

Nach dem Mittagessen machte meine Oma immer ein Nickerchen auf ihrem Sofa. Sie lag auf dem Rücken, die Hände über dem Bauch gefaltet unter einer dünnen Decke. Während ich im Fernseher endlose Tennisspiele mit Steffi Graf und Boris Becker anschaute, lag sie wie eine Leiche aufgebahrt auf dem Totenbett. Manchmal setzte ihre Atmung für ein paar Sekunden aus und ich war schon beunruhigt, aber dann holte sie tief Luft und atmete weiter, als ob nichts gewesen wäre.

Heutzutage hätte meine Oma mit ihren Sparkünsten eine berühmte Youtuberin werden können. „Wie du mit 7 Mark Fuffzig einen Monat überleben kannst“, so wäre der Titel ihres Kanals gewesen. Darin hätte sie Haushaltstipps geben können, wie man beispielsweise Geschenkpapier vom Beschenkten zurückfordert und bügelt, um es mehrmals wieder zu verwenden. Oder was man alles aus sauer gewordener Milch kochen kann. Oder dass Duschen total überschätzt wird und man mit einem Waschlappen ganz gut zurecht kommt, natürlich mit kaltem Wasser. Dafür umgab sie aber auch immer ein etwas strenger Geruch. Wie Mottenpulver, das nass geworden war.

Ihren Freundinnen, die sie zu meiner Verwunderung siezte, schenkte meine Oma immer Pralinen mit abgelaufenem Verfallsdatum aus dem Wühltisch mit reduzierten Artikeln. Immerhin spielte sie mit offenen Karten, denn bei der Geschenkübergabe klärte sie das Geburtstagskind auf: „Die müssen Sie aber bald essen, die sind nämlich schon abgelaufen.“

Aber ich schweife ab, zurück zum Thema: mit Dreizehn konsumierte ich drei Tafeln Schokolade am Tag, aber ich war trotzdem unzufrieden. Schokolade hat einfach zu wenig Fett.“

Ich machte eine kurze Pause. Einige Veteranen in der Runde nickten verständnisvoll.

„Also suchte ich nach anderen Sorten, die mir mehr Befriedigung verschafften. Ich entdeckte grauenhafte Billigware mit unsäglich schlecht schmeckenden künstlichen Zuckerfüllungen, die den Namen Schokolade durch ihre bloße Existenz beschmutzten. Und köstliche Kreationen, vorwiegend von Schweizer Maitres de Chocolatier, die in Handarbeit erlesene Kakaobohnen zu kleinen Köstlichkeiten verarbeiteten.“

Einige meiner Zuhörer hatten glänzende Augen bekommen. Ein Neuling in unserer Runde biss sich mit flackerndem Blick in die Hand. Ich achtete nicht weiter darauf und fuhr fort.

„Irgendwann stieg ich auf Pralinen um. Vor allem Trüffel gaben mir den Kick, den ich so dringend brauchte. Mit Fünfzehn war ich Stammkunde bei der Konditorei Weber&Weiß, Ehrenmitglied im Verband der Schweizer Chocolatiers. Der Stoff von Weber&Weiß war hochwertig, aber leider auch sehr teuer. Mein Taschengeld reichte schon lange nicht mehr aus und ich verdiente mir ein paar Kröten dazu, indem ich Prospekte austrug.

Ich versuchte, meine Rationen zu reduzieren, aber der Drang war einfach übermächtig. Irgendwann war ich kurz vor dem Abrutschen in die Beschaffungskriminalität. Meine Eltern merkten nichts von meinem allmählichen Abstieg. Ich ging ganz normal zur Schule, hatte Freunde und war nach außen ein normaler Junge, der Schokolade mochte.

Mit Siebzehn wendete sich das Blatt. Auf dem Wohnzimmertisch lag die Weihnachtsausgabe einer Illustrierten mit der Titelgeschichte „Leckere Pralinen selbst gemacht – das perfekte Geschenk“. Ich las die Rezepte und mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Die Rohmaterialien kosteten nur ein Zehntel von dem Stoff aus der Konditorei. Heureka!

Ich beschaffte mir noch in der selben Woche ein Lebensmittel-Thermometer und Pralinengabeln und machte mich ans Werk. Vordergründig machte ich Pralinen, um sie zu Weihnachten an liebe Freunde und die Familie zu verschenken. Aber den größten Teil des Materials verwendete ich für den Eigengebrauch. Mein Beschaffungsproblem war damit gelöst.

Pralinenproduktion

Später stieg ich auf Nutella um, denn das war nicht so aufwändig. Seit Jahrzehnten sorge ich dafür, dass mir der Vorrat nie ausgeht. Meine Frau ahnt nichts davon, aber neben den harmlosen Mengen, die ich Zuhause zu mir nehme, vertilge ich im Büro ein Vielfaches davon. Mit graut schon vor der Rente. Da muss ich mir noch etwas einfallen lassen. Das bleibt aber unter uns“, blickte ich flehend in die Runde.

Die versammelte Gruppe schaute verschwörerisch. Einer drehte mit der Hand vor seinem Mund einen imaginären Schlüssel um und warf ihn mit einer Geste hinter sich.

Als ich geendet hatte, ergriff Jürgen als Erster das Wort. „Und wie lange willst du so noch weiter machen?“, stellte er die verhängnisvolle Frage.

„Also, ich weiß, ihr seid hier alle auf der Flucht vor Nutella“, entgegnete ich. „Aber bei mir ist das alles anders. Meine Zuckerwerte sind einwandfrei, mein Gewicht ist stabil und ich sehe keinen Grund etwas zu ändern. Ich könnte jederzeit aufhören, wenn ich wollte, aber ich will es einfach nicht.“

„Hm, so so“, murmelte Jürgen nachdenklich. „Heute warst du sehr mutig“, wandte er sich an mich. „Deshalb werde ich jetzt nicht weiter in dich dringen. Aber nächstes Mal müssen wir uns das schon noch genauer anschauen. Das wird etwas ungemütlich werden, aber die Wahrheit über sich selbst zu erkennen, ist kein Zuckerschlecken.“

Ich ging ab diesem Tag nicht mehr zu den ANNA-Treffen. Schließlich musste ich mich auf den 05. Februar vorbereiten. Dann ist nämlich wieder Welt-Nutella-Tag. Ein Mann muss eben Prioritäten setzen.

Teilnehmer am Welt-Nutella-Tag-Treffen reisen an

Nachtrag 2024: Dieser Bericht ist schon ein paar Jahre alt. Inzwischen musste ich auf meinen Reisen feststellen, welche verheerenden Folgen Palmöl-Plantagen für den Regenwald haben. Da Palmöl neben Zucker der Hauptbestandteil von Nutella ist, habe ich wohl einige Hektar Regenwald auf dem Gewissen.

Brandrodung für Palmölplantagen

Deshalb bin ich nun auf palmölfreie Nutella-Alternativen umgestiegen. Die sind genau so lecker. Sorry, Ferrero.

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Autor: sinnlosreisen

Geschichten über die lustige Seite des Urlaubs

30 Kommentare zu „Nutella“

  1. Klasse, dass Du die Story nochmal nach Vorne geholt hast – umwerfend! Du könntest sie der Mathias Richling Show als Sketch anbieten. Zum Glück war ich nie Nutella Fan, eher schon Erdnussbutter (aber die steht versteckt in den Regalen). Was Palmöl angeht, da geb ich dir recht und das lässt sich in Malaysia leicht studieren. Der größte Gegner des Regenwaldes in Pahang erschienen mir zur Zeit dort aber die Erdbeeren.

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  2. Erst dachte ich Du wärst im falschen Kurs, dann bezweifelte ich, dass Deine Oma so viel Pharmamist überleben würde, aber am Ende habe ich wieder herzlich geschmunzelt, ohne den Ernst Deines Anteils an den Brandrodungen jemals vergessen zu können … Amen.

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    1. … und drei Ave Marias. 😉

      Interessantes Detail: Als es mit meiner Oma zu Ende ging, setzte der Arzt alle Medikamente ab. Ab diesem Zeitpunkt wurde sie wieder klar und vital. Allerdings nur für 3 Wochen.

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  3. Hach, die Süßigkeitenschublade bei Omi – mir scheint, als hätten alle Großmütter per Naturgesetz große Ähnlichkeit mit der Hexe bei Hänsel und Gretel.

    Ich hatte nie ein Problem mit Nutella, nur ohne. Wenn die Schokolade leer war, ging es mit einem großen Löffel an das Glas mit dem cremig fettigen Inhalt. Als das leer war, war der Kakao dran. Und es kam, wie es kommen musste. Ich nahm mit einem großen Atemzug den Löffel des süßen Pulvers in den Mund, verschluckte mich und hustete die gesamte Küche in eine große schokoladige Wolke. Beim anschließenden Großputz habe ich mir geschworen, dass weder Schoki noch Nuss-Nougat-Creme je wieder ausgehen dürfen!

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  4. Ich hab mich schlapp gelacht über diese Geschichte! Ich habe in Flensburg im Citti-Markt mal ein Glas mit 5 Kilo Nutella gesehen als Reklamegag.

    Es gibt übrigens auf Facebook eine französische Gruppe, die dafür plädiert, dass Nutella als Medizin anerkannt wird und auf Rezept vom Arzt zu bekommen ist. 😉

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  5. Es gab mal im Internet einen Fortsetzungscomic von einer Kölner Zeichnerin, nach eigener Aussage nutellaberechtigt da Halbitalienerin, deren Escapaden, zumindest in der aufgezeichneten Version, nahe an diese Visionen kommen. Sie bildete sich dann ja auch ein, dass sie mit einem Elefanten, einem Pilz und noch weiteren WG – Exoten (aber sind das Pilze überhaupt?) zusammenlebt.

    Deshalb verzichte ich weitgehend auf vorgefertigte Cremes und verzehre lieber die beschriebene, gesunde Schokolade. Weniger geht freilich nicht, das Gehirn verlangt nach Zucker…

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      1. Cremes wie Comics. Selbstgemacht verdient seine Würdigung, aber gut muß’s noch nicht sein. Der Ponyhof hat mir aber überwiegend gefallen, konnte in manchen Szenen gut mitfühlen, obwohl ich hier keinen musizierenden Elefanten habe.
        Aber ein Nutellaglas. Von dem ich gar nicht weiß, ob es auf ist, da ich da nicht drangeh. Wie gesagt, Diät. Schokodiät.

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  6. Marco, mit diesem Beitrag hast du dich mal wieder selbst übertroffen. Genial! Ich habe schallend gelacht und so viele Parallelen zu meiner eigenen dunklen Nutella-Vergangenheit ziehen können, dass es schon fast unheimlich ist. Die Story in Anlehnung an die berühmten Gruppentreffen der AA aufzuziehen, ist ein klasse Schachzug gewesen. Und auch dein Exkurs zur Oma ist sehr unterhaltsam. Meine machte übrigens auch keinen Hehl daraus, das die Pralinensammlung gut zugänglich in der obersten Schublade ihre Nachttischchens lag. So begann schon früh meine Karriere als schokoabhängige Kleinkriminelle. Doch jetzt muss ich hier Schluss machen. Mein Zuckerpegel muss in die Höhe getrieben werden. Danke für die glänzende Unterhaltung! Made my day 😁.

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