Nun war es also endlich so weit. Die vier Reisegrüppchen aus Deutschland trafen nach unterschiedlichen Erlebnissen bei der Anreise in Surat ein. Alle Magen-Darm-Probleme waren überwunden und die Feierlichkeiten konnten beginnen.

Einkaufsbummel
Am Vorabend der Feier stand Shopping auf dem Programm. Bhargesh und Yesha führten uns in die Fachgeschäfte und berieten uns mit engelsgleicher Geduld zum passenden traditionellen Outfit für die einzelnen Anlässe. Während man in deutschen Bekleidungsgeschäften oft das Gefühl hat, man wäre dem Verkaufspersonal lästig, wird man in Indien mit Service geradezu überschüttet. Die Berater zogen geduldig hunderte von Kleidern aus den Regalen, sobald unsere Blicke auch nur darüber streiften. Sondergrößen in Länge und Umfang waren kein Problem – bis zum nächsten Mittag wurden die auf Maß geänderten Kurtas ins Hotel geliefert. Praktisches Detail: Für Männer gab es Einheits-Pluderhosen, die man mit einem Band auf beliebige Bauchumfänge einstellen konnte.




Die Haldi-Zeremonie
Die dreitägige Hochzeitsfeier begann mit der Haldi-Zeremonie. Früher war es üblich, die Haut zum großen Ereignis mit Kurkumapaste zu reinigen. Daraus entwickelte sich eine Tradition, bei der die Familien das Brautpaar nach bestimmten Ritualen bemalen. Da indische Familien sehr groß sind, kann das eine ganz schöne Schmiererei werden.


Pre Wedding Dinner
Da die Feier im Bundesstaat Gujarat stattfand, erwartete uns beim Pre Wedding Dinner ein 100% vegetarisches Essen ohne Alkohol. Manche mögen sich fragen, was denn dann noch übrig bleibt, aber für uns Vegetarier waren das natürlich geniale Startbedingungen, denn es ersparte uns die ständigen Fragen bei der Essensauswahl.
Indische Hochzeiten werden in speziellen Veranstaltungsorten „ausgetragen“, die in Vielfache von K klassifiziert werden. Ein Wedding-Venue der Kategorie 1K fasst bis zu 1.000 Gäste, 2K erlaubt 2.000 Gäste, usw. Wir feierten in einer Arena, deren Eingang nicht zu übersehen war.


Wir waren vorab gewarnt worden, dass die Zeitangaben auf der Einladung in Indien nicht ganz so ernst zu nehmen sind, wie man das aus Deutschland kennt. Aber in unserer Reisegruppe bildete sich nach einigen Diskussionen eine demokratische Mehrheit, die auf keinen Fall verspätet mitten in eine laufende Feier hineinplatzen wollte. Also trafen wir zur Sicherheit genau zu der angegebenen Uhrzeit ein. Deutsche Pünktlichkeit erobert die Welt.
Mit gespannter Vorfreude durchschritten wir den Rosenpavillion, ein gewinnendes Lächeln auf den Lippen, die Schals korrekt um die Kurta drapiert. Im Inneren erwartete uns ein Partygelände von der Größe eines Fußballfeldes. Unser Lächeln konnten wir wieder einpacken, denn wir waren die einzigen Gäste. Nur ein paar Kellner langweilten sich auf dem Rasen und blickten überrascht zu uns herüber. In Indien gehört es wohl zum guten Ton, später zu kommen. Deutlich später.

Als dann die anderen Gäste allmählich eintrudelten, fiel mir auf, dass wir als Einzige diese traditionellen Schuhe anhatten. Alle Inder trugen ganz normale Sneakers oder Turnschuhe. Egal, wenigstens hatten die Kinder etwas zum Lachen.
Das Buffet erstreckte sich über 150 Meter und war bestückt mit erlesenen Köstlichkeiten. Alleine für das Mango Delight in gerösteter Cashewnuss-Creme hätte ich die indische Staatsbürgerschaft angenommen.



Die Speisen übertrafen sich gegenseitig in ihrem Geschmack und ich bereute, dass ich nur einen Magen hatte. Ich musste mehrmals meine Pluderhose am Bauch etwas lockerer schnüren. Nur der Nachtisch ganz am Ende schmeckte etwas widerlich. Es gab Kulfi, eine Art indisches Eis. Daneben standen im Halbdunkel einige Schüsseln mit Streuseln; das kannte ich schon vom Frozen Yoghurt in Ravensburg. Als ich die Brösel großzügig über mein Eis schaufelte, wackelte der Angestellte hinter dem Tresen in einer eigenartig schwabbeligen Bewegung wild mit dem Kopf. Ich ahnte, dass das irgendetwas bedeuten musste, aber auf meine Fragen bekam ich keine klaren Antworten.
Der Geschmack erinnerte mich an eine Mischung aus bitterem Kräuterlikör und süßen Lakritzbonbons mit einer leicht seifigen Note im Abgang. Ich ließ den halbvollen Becher unauffällig auf einem Tischchen stehen. Später fand ich heraus, dass diese Streusel Mukhwas waren, eine Art Mundwasser zum Kauen aus Kümmel, Lakritze und einigen Kräutern als Verdauungshilfe. Man lernt auf Reisen eben immer wieder Neues.
Der zweite Tag- Sangeet
Am zweiten Tag verlor ich allmählich den Überblick über Abfolge und Bedeutung der einzelnen Events, die an wechselnden Orten und zu flexiblen Uhrzeiten stattfanden. Allein die unglaublich aufwändige Bemalung der Braut mit Henna dauert so lange, wie in anderen Ländern eine komplette Hochzeit inklusive Trennung und Scheidungsprozess.

Jedenfalls fand am Abend das Sangeet statt, eine bombastische Feier mit Musik und Showeinlagen. Als Deutscher leidet man körperliche Schmerzen, wenn man zu spät kommt. Aber wir hatten vom Vorabend gelernt und kamen nach Überwindung heftiger innerer Widerstände absichtlich 45 Minuten später als auf der Einladung angegeben. Und waren wieder alleine auf dem Festgelände.


Am Himmel türmten sich dunkle Wolken, aber am Vortag hatten wir einen Einheimischen gefragt, wie groß denn die Wahrscheinlichkeit für Regen sei. Immerhin fand die Feier unter freiem Himmel statt, die Frage ist also durchaus berechtigt. Die Antwort war eindeutig: In Gujarat regnet es im Dezember nicht! Niemals!
Um 19:30 Uhr begann ein tropischer Platzregen, der die Papierdekoration von den Tischen spülte und meine Pappschuhe auflöste.

Kaum war der Regenschauer vorüber, ging es Schlag auf Schlag. Tische und Stühle wurden trocken gewischt, durchgeweichte Papierdeko wurde entsorgt, wie aus dem Nichts tauchte eine Armee von Köchen auf und plötzlich füllte sich die Location mit den indischen Gästen, die den Regenguss im Trockenen abgewartet hatten. Clever!
Der weitere Verlauf des Abends: schon wieder leckeres Essen bis die Kurta kurz vor dem Zerreissen stand, beeindruckende Tanzvorführungen, herrlich bunte Kleider, lustige Spieleinlagen und Tanzen zu unglaublich lauter Musik mit einem Rhythmus, der für europäische Ohren schwer durchschaubar war.


Der dritte Tag – Baarat
Am dritten Tag der Feierlichkeiten trafen wir uns mit dem Bräutigam und machten eine Prozession zur 200 Meter entfernten Festwiese, wo die Braut wartete. Wir kamen absichtlich eine Stunde zu spät und waren wieder die Ersten am Treffpunkt.
So konnten wir in aller Ruhe der Kapelle beim Warmspielen zuhören. Die Band bestand aus Trommlern und einem Keyborder, der aus einer fahrbaren Orgel unglaublich schräge Melodien in einem irrsinnigen Tempo herausprügelte. Zwei Lautsprecher verstärkten den völlig übersteuerten Sound zu einem Geräuschpegel irgendwo in der Region von 10.000 Dezibel. Ich war froh, dass wir nur zweihundert Meter auf diese Weise tanzend zurücklegen mussten, denn mein Trommelfell schmerzte schon nach fünf Minuten.



Nach einer Stunde hatten wir fünfzig Meter hinter uns gebracht. Ich versuchte hinter einem Lkw meine klingelnden Ohren zu beruhigen. Denn der SinnlosReisende war mal wieder unermüdlich und völlig selbstlos im Dienst der Menschheit unterwegs und hatte unbemerkt von den Mitreisenden eine wichtige Position bei der Security übernommen.




Nach über zwei Stunden kamen wir auf dem Festgelände an, wo die eigentliche Trauungszeremonie stattfand. Ich kann dazu leider keine Details berichten, denn mir war die Sicht von fünf Fotografen, einem Kameramann und einem Drohnenpiloten verstellt. Aber irgendwann waren die Beiden dann einfach verheiratet.




Während das Brautpaar sich langsam auf den Weg in die Flitterwochen machte, wurden in der Frauensitzgruppe die Highlights der vergangenen drei Tage durchgesprochen.

Für die SinnlosReisenden war diese großartige Hochzeit ein unvergessliches Erlebnis. Dankbar, dass wir dabei sein durften und vollgestopft mit Eindrücken machten wir uns auf den Weg nach Mumbai, der letzten Station unserer Indienreise.
Donnerwetter, das muss ein Erlebnis gewesen sein. ich werde es morgen nochmals in Ruhe lesen. Danke für diese Reportage und Glückwunsch, dass Du so etwas erleben durftest. Pssst, uns steht das hoffentlich auch bald bevor 🙂
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Ja, das war schon ein sehr schönes Erlebnis. Freut mich, wenn ihr auch bei einer Hochzeit dabei sein dürft. Auf jeden Fall wahrnehmen, ihr werdet es bestimmt auch geniessen.
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Der Kommentar oben ist von mir (hatte mich nicht eingeloggt).
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Anonymous, so so. Hatte mich schon gewundert.
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Wenn dir sowas gutes wird beschert das ist schon eine Reise wert. wenn die Deutschen mehr Curry essen wuerden waeren Sie vielleicht auch so braun wie die Inder. Seine koenigliche Hoheit der Prinz ist ein schoener Mann. Da kann der Harry aus Britanien nicht mithalten, aber der regiert auch nur Sussex.
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Karotten essen hilft auch schon für den Teint.
Ja, das Brautpaar war wirklich wunderschön anzusehen. Um die Privatsphäre der Beiden zu schützen, habe ich die schönsten Fotos gar nicht veröffentlicht.
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Oh, jetzt sind wir aber auf die schönsten Fotos des Paparazzo neugierig! – Ich muß meiner Bewunderung Ausdruck geben. Fernreisen sind an und für sich anstrengend, sich auf die Eindrücke fremder Länder und Kulturen einzulassen, nochmal (einfacher ist es, in Strandnähe in einer Hotelanlage zu verschwinden oder gar in vollklimatisierten Energieschleuder – Kunstbauten mitten in der Wüste so zu tun als sei man verreist, obwohl man genau dasselbe macht, wie daheim…). Aber eine mehrtägige Hochzeit… Puh! Das gehört sicher in die höchste Leistungsklasse!
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Nun ja, eine indische Hochzeit zu besuchen, ist sicher nicht die geschickteste Wahl für den klassischen Mallorca-Pauschaltouristen. Wir fanden es wunderschön und inspirierend. Die Inder, die auf deutschen Hochzeiten eingeladen sind, wundern sich bestimmt auch über manchen Brauch…
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Oh Mann, was für eine Show! Sowas miterleben zu dürfen ist ein großes Geschenk, das man sicher nie vergisst. Der Hammer! Das Essen, die Deko, die Klamotten, und vor allem die geniale Henna-Bemalung der Braut!
Ich hatte vor ein paar Jahren das Vergnügen, als zufälliger Zaungast ein paar flüchtige Eindrücke einer solchen Hochzeit erhaschen zu dürfen. Einfach, weil die Party in unserem Hotel in Khajuraho stattfand und offensichtlich auch ein Großteil der Gästeschar dort logierte. Schon das fand ich beeindruckend, aber das war natürlich nichts im Vergleich zu eurem Erlebnis.
Das landestypische Outfit, ob nun regentauglich oder nicht, steht dir übrigens hervorragend. Ich kann nur für dich und dein Umfeld hoffen, dass du es nun auch hierzulande trägst. Es vermittelt soviel Würde und Autorität! Wer weiß, vielleicht stünde dir damit sogar ein völlig neuer Karrierewege offen! In Sachen Pünktlichkeit müsstest du allerdings wieder von der in Indien mühsam antrainierten Gewohnheit ablassen, bis zu einer Stunde „zu spät“ irgendwo hinzukommen.
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Ich weiß nicht welche Karriere dir konkret vorschwebt, vielleicht als Kuriosum im indischen Restaurant? Bei meinem bisherigen Arbeitgeber würde dieses Outfit für extreme Irritationen sorgen, vermutlich inklusive Termin beim Werks-Psychologen.
Die Pünktlichkeit haben wir beim Abflug schnell wieder eingeübt, denn der Flieger wartet nicht.
Und ja, ich bin wirklich dankbar, dass ich dabei sein durfte. Die Braut musste übrigens morgens um 4 aufstehen, damit das alles fertig wird mit dem Henna und dem Kleid.
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Ich dachte da eher an die Position eines Security-Chefs, denn da kannste ja immerhin schon einschlägige Erfahrungen vorweisen, inklusive souveränem Umgang mit exklusiver Kundschaft. Aufstehen mitten in der Nacht? Wie hat sie bloß die mehrtägige Party überstanden?
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Ach so, ja klar.
Nun, nach 3 Tagen konnte sie im stehen schlafen. Das ist auch für das Brautpaar anstrengend…
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Das war sie, die große, märchenhafte Hochzeit voller Eindrücke. Bei mir würde sich auch alles sträuben, zu spät irgendwo zu erscheinen, aber andere Länder und so… Ich glaube, dass das mit der Pünktlichkeit wohl nur bei uns mit einem solchen Todesernst durchexerziert wird. Man ist da, wenn man da ist 😉 Eure Kleider für die Feier finde ich scharf. Die stehen euch ziemlich gut. Und ich kann nicht verstehen, was an Eis mit Mundspüllösung zum Kauen falsch sein sollte *lach* Jedenfalls, ein schöner Bericht.
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Ja, gell, Pünktlichkeit diffundiert wohl in die Gene, wenn man lange genug in Deutschland lebt. 😉
Die Klamotten waren erstaunlich bequem und trotzdem elegant.
Und wegen dem Nachtisch: Du kannst ja mal in den indischen Laden gehen und Mukhwas kaufen und über dein Vanilleeis kippen. Bin auf deine Rückmeldung gespannt 😃
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Zur Pünktlichkeit bin ich in Deutschland hin erzogen worden. Ich meine damit: zur ABSOLUTEN Pünktlichkeit. Ich, Ostblock, dachte früher, zehn Minuten später sei noch pünktlich. Meine deutsche Freundin, wenn der Zeiger von 14:59 zu 15:00 wechselte und ich noch nicht da war, via SMS zu mir: „Ich bin hier (=am Treffpunkt), wer noch…?“ Tja, da lernt man es schnell *lach*
Mukhwa heißt das Zeug? Ähm, nee, danke, du hast es ja für mich getestet und für nicht gut befunden 😉
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Wenn der Zeiger auf 15:00 springt, folgen noch genau 59 Sekunden geduldete Überziehung. Danach öffnet sich die Schublade „unzuverlässig/subversiv“
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Na das hätte ich ihr mal sagen sollen… Ich bin irgendwann dazu übergegangen, zu antworten: „Niemand ist da, du bist allein ALLEIN…!“ Wir kennen uns schon 20 Jahre, ich bin inzwischen pünktlicher und sie ist nicht mehr so streng 🙂
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Was für ein Erlebnis oder? Und diese Schuhe… Wow.
😉
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Ja, die Schuhe waren die Krönung. Hab mich gefühlt wie Sultan 2.0
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Aus der Erfahrung als Familienrechtler kann ich berichten, dass mit der Pompösität der Hochzeit die Wahrscheinlichkeit einer Trennung/Scheidung steigt.
Aber da sich meine Erfahrungen auf den europäischen und amerikanischen Raum beschränken, muss das deine Freunde in Indien nicht unbedingt beunruhigen.
Ich selbst würde mir für das Geld, was die Sause gekostet hat, doch lieber zwei Jahre Flitterurlaub nehmen. (Davon bleiben auch bessere Erinnerungen, selbst wenn man sich wieder trennt.)
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Du alter Romantiker! 😂😂😂
Ich kenne keine Scheidungsraten in Indien, aber bei den beiden bin ich sehr zuversichtlich.
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Ich hatte bisher nur wenige Fälle mit Bezug zu Indien, aber was den Außenseiter erstaunt: In Indien gibt es verschiedene Scheidungs- und Familienrechte, je nach Religionszugehörigkeit der Parteien.
(Was mit gemischten oder gar atheistischen Paaren passiert, habe ich noch nicht herausgefunden.)
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Noch komplizierter wird es, wenn die beiden in Deutschland leben, Steuern zahlen und ihre Heirat anerkennen lassen
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Wegen dieser romantischen Überlegungen werde ich schon lange nicht mehr zu Hochzeiten eingeladen.
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Das wundert mich nicht 😂😂
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Indische Hochzeiten sind bekannt für ihre lebendige Atmosphäre, traditionelle Rituale und die große Gastfreundschaft. Es ist interessant zu sehen, wie verschiedene kulturelle Eigenschaften auf solchen Veranstaltungen zusammenkommen
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Ja, das habe ich auch so erlebt. Mich hat die Kombination aus Tradition und lockerer Freude sehr beeindruckt. In Deutschland sind viele Menschen da etwas verbissen. Man kann gegenseitig viel profitieren, wenn man offen für andere Kultur ist.
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