Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 4

Wie ein unfähiger Energieversorger einen friedliebenden Mann zur Weißglut bringt

Es macht Sinn, beim ersten Teil zu beginnen, wenn du die Geschichte verstehen willst. Das ist aber wie immer deine Entscheidung. Wir leben in einem freien Land…

Einige Monate nach unserer Italienreise hatte ich bei einem Vergleichsportal (einfach – schnell – sicher, in fünf Minuten online wechseln und sofort sparen) einen Stromanbieter für unsere neue Bleibe gesucht. Die Daten waren tatsächlich schnell eingegeben und mit einem Klick auf „Jetzt bestellen“, war die Sache abgeschlossen. Zwei Sekunden später kam auch schon eine Bestätigungsmail, in der mir zu meiner Entscheidung gratuliert wurde. Alles weitere werde mein neuer Stromanbieter, die natur.grün GmbH, ein Unternehmen der 123 AG, erledigen. Das war aber einfach, dachte ich und lehnte mich entspannt zurück. Zu früh, wie sich bald herausstellte.

Zwei Wochen später kam eine Mail von natur.grün mit dem Betreff „Störung im Wechselprozess“. Der Grundversorger EnBB hätte die Kündigung abgelehnt, weil unter der angegebenen Adresse kein Kunde mit meinem Namen existiere. Was zwar in der Sache nicht hilfreich aber korrekt war, da wir ja noch gar nicht dort wohnten.

Zwei Tage später fand ich im Briefkasten unseres leerstehenden zukünftigen Hauses ein Willkommenspaket von der EnBB. Das fand ich verblüffend, da doch angeblich unter dieser Adresse kein Kunde mit meinem Namen gemeldet war. Um ganz sicher zu gehen, kündigte ich nun den Vertrag selbst. Zwei Wochen später kam die Kündigungsbestätigung von EnBB mit der Bitte, den Endzählerstand an unseren Netzbetreiber zu übermitteln. Also übermittelte ich den Zählerstand von 33.200 kWh und alles schien seinen geordneten Verlauf zu nehmen.

Bis die Schlussabrechnung von EnBB kam. Wir sollten für die zwei Monate im leerstehenden Haus eine Stromrechnung von 5.031 € bezahlen. Bei solchen Sachen fackelt die SinnlosReisende nicht lange und nimmt den Telefonhörer in die Hand. Auf die Frage, ob das nicht ein wenig übertrieben sei, stimmte der Mitarbeiter der Service-Hotline zu, dass da wohl etwas nicht stimmen könne. Er nahm den korrekten Endzählerstand auf und sagte eine sofortige Korrektur der Rechnung zu. Die falsche Rechnung sollten wir einfach ignorieren, was wir beruhigt taten.

Zwei Wochen später kam das versprochene Schreiben von EnBB. Es enthielt aber keine Rechnungskorrektur, sondern eine Zahlungserinnerung. Bestimmt hätten wir vergessen, den Betrag von 5.031 € zu begleichen, aber wenn wir das schnell nachholen würden, wäre das ja alles kein Problem. Da ich schnell merkte, dass es nicht gut für den Servicemitarbeiter enden würde, wenn die SinnlosReisende noch einmal dort anruft, übernahm ich das Gespräch.

Nach zwanzig Minuten Warteschleifengedudel erreichte ich einen menschlichen Mitarbeiter, der sofort das Problem erkannte. Da wäre doch schon vor zwei Wochen eine Zählerstandskorrektur durchgegeben worden. Er verstehe gar nicht, wieso die Rechnungsstelle das noch nicht korrigiert hätte, aber er würde das höchstpersönlich sofort veranlassen. Ich würde in zwei Tagen eine korrekte Schlussrechnung erhalten und müsste mir keine Sorgen machen.

Es folgte eine vergleichsweise entspannte Phase, in der nur fünf unverfängliche Schreiben eintrafen. Eine Aufforderung des Netzbetreibers, unseren Zählerstand zu melden. Eine weitere Kündigungsbestätigung von EnBB, diesmal an unsere alte Adresse. Eine Bestätigung des Stromlieferanten Energix aus der bisherigen Wohnung, dass unser alter Vertrag auch an der neuen Abnahmestelle weiter gelte. Eine Bestätigung von natur.grün, dass sie uns ab heute mit günstigem Strom beliefern würden. Und ein weiteres Schreiben des Netzbetreibers mit dem Hinweis, dass der von uns angegebene Zählerstand unplausibel sei.

Weitere zwei Wochen später kam ein Schreiben von EnBB mit dem Betreff „Schade, dass es so weit kommen musste“. Darin wurde bedauert, dass wir die offene Rechnung über 5.031 € zuzüglich Mahngebühren trotz mehrfacher Aufforderung immer noch nicht bezahlt hatten. Dann wurde noch die Beauftragung eines Inkassounternehmens angekündigt, sollte das Geld nicht innerhalb einer Woche eintreffen.

Als sich mein Puls wieder normalisiert hatte, griff ich zum Telefon. Diesmal wurde ich mit einer freundlichen Frau verbunden, die wieder bestätigte, dass alles in bester Ordnung sei. Der von uns genannte Endzählerstand müsse nur noch vom Netzbetreiber bestätigt werden. Und solange die Klärung nicht abgeschlossen sei, könne die Endrechnung leider nicht korrigiert werden. Ich müsse mir aber absolut keine Sorgen deswegen machen, sie würde den Vorgang jetzt auf Eis legen.

Ich machte mir trotzdem Sorgen und schickte einen Widerspruch gegen die Schlussrechnung wegen offensichtlich falschem Zählerstand. Schon nach einer Woche kam die Antwort von der Rechnungsstelle. Ich hätte einen Endzählerstand von 55.555 kWh gemeldet. Ob der denn richtig sei. Die Mail war unterzeichnet mit dem Slogan der EnBB „15.000 Mitarbeiter – ein Versprechen: Wir machen das schon!“. Es bleibt zwar unklar, was genau hier versprochen wird, aber die Rechnungsstelle erfüllt das Versprechen jedenfalls nicht.

Eine Woche später wurde ich von der Leiterin des Serviceteams der EnBB angerufen. Sie wolle diese unangenehme Geschichte mit der offenen Schlussrechnung nun endgültig zu einem versöhnlichen Ende bringen. Das klang für mich fast zu schön um wahr zu sein, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Dann wollte sie wissen, welchen Endstand der Stromzähler denn zum Vertragsende gehabt hätte. Ich war kurz sprachlos.

„Das meinen Sie jetzt nicht im Ernst?“, brachte ich dann heraus. „Raten Sie doch einfach mal“, fügte ich leicht säuerlich hinzu.

„Na ja“, meinte die Chef-Servicekraft. „Sie haben uns ja mehrfach einen Zählerstand von 33.200 kWh angegeben“.

„Richtig. Und wo ist das Problem, dass sie das so schwer verstehen?“

„Das Problem ist, dass Sie uns vor einigen Wochen einen Stand von 55.555 durchgegeben haben. Und das passt nicht zusammen“.

„Das habe ich sicher nicht getan“, gab ich empört zurück.

„Hier steht das aber genau so im System. Und unser System lügt nicht.“

„Dann lüge also ich, oder was?“, brachte ich sie in Bedrängnis.

„Nun, das wollte ich damit nicht sagen“, machte sie einen Rückzieher.

„Dann liegt vielleicht doch ein Systemfehler vor?“

„Wie auch immer, haben Sie denn dafür eine Erklärung?“

Nein, das hatte ich nicht. Letztendlich einigten wir uns darauf, dass es jetzt nicht mehr nachvollziehbar sei, was da schief gelaufen war. Zwei Tage später kam endlich eine Schlussrechnung mit dem korrekten Betrag von 32,19 €. Ich überwies die Summe, machte drei Kreuze und heftete die Unterlagen ab.

Zwei Wochen später klingelte das Telefon. Ein Inkassounternehmen aus Hamburg stellte sich vor. Sein Mandant EnBB hätte Forderungen über 5.051 € an ihn abgetreten, dazu käme eine Unkostenpauschale des Inkassobüros von 2.000 €. Wenn die fällige Summe von 7.051 € innerhalb von fünf Tagen auf ihrem Konto einginge, könne man die Angelegenheit zu den Akten legen. Andernfalls sähen sie sich gezwungen, einen Außendienst-Mitarbeiter vorbei zu schicken, um die Sache persönlich vor Ort zu klären. Solche Gespräche seinen in der Regel sehr unangenehm für den säumigen Schuldner. Ob das denn in meinem Interesse sei?

Das sei ganz und gar nicht in meinem Interesse, entgegnete ich. Zumal alle offenen Forderungen inzwischen beglichen seien. Ich wünschte einen schönen Tag in der Hölle und legte auf.

Nun war ich nicht dafür bekannt, leicht aus meiner Haut zu fahren. Aber nun hatte mein Blutdruck ein solches Level erreicht, dass ich mich abreagieren musste. Ich ging in den Keller und trat mit dem Fuß gegen ein Regal. Richtig böse. Das tat gut und ich trat ein zweites Mal dagegen, diesmal noch etwas fester. Das Regal wackelte und ein Paket, das ich nach unserer Italienreise in meinem Gepäck gefunden hatte, fiel mir in die Hand. Das hatte ich ja total vergessen.

Neugierig öffnete ich das Päckchen. Unter mehreren Lagen Schaumstoff fand ich ein kleines Gerät mit einem Display und einer Tastatur. In der beiliegenden Anleitung wurde mir erklärt, dass diese Mini-Atombombe sehr gut geeignet sei, um politische Widersacher, unangenehme Konkurrenten oder sonstige hartnäckige Probleme zu beseitigen. Eine praktische Zeitschaltung sei inklusive und die entsprechenden Aktivierungs-Codes waren beigelegt.

Eine Atombombe! Was zum Teufel? Ganz kurz blitzte in meinem Kopf der Gedanke auf, dass ich schon wüsste, welches hartnäckige Problem ich am liebsten beseitigen würde, aber ich verwarf ihn sofort wieder. Aber dieser fiese kleine Gedanke fand immer wieder ein Türchen in meinen Kopf und nach einigen Tagen des Grübelns saß ich nun also hier und beschriftete ein Paket mit der Adresse von EnBB.

Hier geht’s zum fünften und letzten Teil

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Autor: sinnlosreisen

Geschichten über die lustige Seite des Urlaubs

10 Kommentare zu „Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 4“

  1. 🤣
    Wie beruhigend ist es doch für mich, mit solchen Problemen offensichtlich nicht allein zu sein.
    Sollte die Bombe zwischenzeitlich noch nicht explodiert sein…ich könnte eine brauchen ….

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  2. Manchmal ist Geduld und das Vertrauen auf Wahrheit & Vernunft fehl am Platz. Nach der zweiten falschen Rechnung wäre es an der Zeit gewesen, die Angelegenheit einem Rechtsvertreter zu übergeben. Ich ärgere mich mit solchen Idioten nicht mehr persönlich herum.

    Nettes Souvenir übrigens 🙂
    Liebe Grüße!

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    1. Ein Rechtsanwalt wäre sicher die vernünftige Alternative gewesen. Aber in meiner Fantasie schien mir die Atombombe wesentlich passender 😏.
      Und ja, man wundert sich Zuhause manchmal über völlig sinnlose Souvenirs aus dem Urlaub. Da ist doch so ein Atombömbchen schon mal was Nützliches…

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  3. Du liebe Zeit… was für ein Hin und Her! Das erinnert mich an eine ganz ähnliche Geschichte, nur nicht mit dem Stromanbieter, sondern mit einem bekannten Buchhandel und einer Rechnung für ein nicht geliefertes Buch… Ach, glücklicherweise hat sich alles klären lassen. Für meinen Teil bin ich der Meinung, du hättest da eher Otto gebraucht. Konntest du dich mit ihm inzwischen gut stellen? 😉

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  4. Guter Gedanke. So ein Päckchen hätte eines meiner Kinder kürzlich auch gebraucht. Um sich auf relativ gutartige und vor allem endgültige Weise von ihrem seltsamen Stromanbieter zu trennen, gegen den wohl zahlreiche Verfahren laufen. Der deregulierte Markt läßt wirklich allen Gaunern freie Hand. Sofern sie sich eine ausreichend qualifizierte Rechtsberatung leisten können.

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