Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 2

Ein unmotivierter Mitarbeiter einer Mietwagenfirma bringt einen Stein ins Rollen.

Um die Geschichte zu verstehen, macht es Sinn, vorher den ersten Teil zu lesen.

Ausflug ins antike Rom

Am ersten Tag unseres Aufenthalts in Rom hatten wir uns im Vatikan eine mittelschwere Kulturvergiftung zugezogen. Heute tauchten wir zur Entspannung in das antike Rom ab. Im Forum Romanum wurde vor zweitausend Jahren ein Weltreich regiert. Heute zeugen nur noch ein paar Ruinen von der einstigen Macht.

Ruinen im Forum Romanum
Ruinen im einstigen Machtzentrum des römischen Imperiums
Ruinen im Forum Romanum
Die Überreste einer Weltmacht
Blühende Wiese im Forum Romanum
Blühende Geschichte

Im Kolosseum hatten 50.000 Zuschauer Platz. Etwa zehnmal so viele Menschen starben darin bei Gladiatorenkämpfen oder Hinrichtungen. Die Architektur erfüllte auch damals schon heutige Ansprüche an moderne Fußballstadien: Die Zuschauer konnten innerhalb weniger Minuten evakuiert werden, das komplette Bauwerk konnte mit Sonnensegeln beschattet werden und es gab bereits damals VIP-Lounges für Kaiser, Senatoren und betuchte Sponsoren.

Ein russischer Tourist wurde 2014 dabei ertappt, wie er seinen Namen in einen Stein des Kolosseums ritzte. Er wurde zu 20.000 € Bußgeld und vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Da versteht der Römer keinen Spaß.

Kolosseum
Das Kolosseum. Der Name spricht für sich.
Colosseum von innen
Innenansicht
Triumphbogen
Triumphbogen – Wer viel erobert, muss das auch feiern

Wir schlenderten durch die Gassen von Rom und entdeckten an jeder Ecke neue historische Kostbarkeiten. Das Pantheon beeindruckt durch seine kugelförmige Bauweise mit der kreisrunden Öffnung in der Decke. Ein ausgeklügeltes Entwässerungssystem sorgt bei Regen dafür, dass es keine Überschwemmung gibt.

Draußen vor dem Eingang stellten sich die Touristen sehr diszipliniert in einer langen Schlange an. Nur ein glatzköpfiger Amerikaner drängte sich an allen Wartenden vorbei. Als ihn der Aufseher zurückweisen wollte, reichten wenige Worte und der Wärter ließ ihn verängstigt durch. Eigenartig.

Blick auf das Loch in der Decke des Pantheons
Pantheon – Decke mit Loch
Monumento nazionale a Vittorio Emanuele II
Nationaldenkmal aus dem 20. Jahrhundert – Roms Versuch, an die Geschichte anzuknüpfen

Schließlich wurde es Zeit, die italienische Hauptstadt zu verlassen. Um Zeit zu sparen, hatte ich schon Zuhause einen Mietwagen bei einem Onlineportal reserviert. Die Webseite hatte mich nach der Buchung zu Funny Cars weiter vermittelt. Die mich wiederum an den Verleiher Sicilia Rent weiterreichten. Eine Firma mit Sitz in Palermo, was bei mir Assoziationen mit der Mafia hervorrief. Aber die Bewertungen waren genau so schlecht wie bei den etablierten Verleihern und der Preis unschlagbar.

Am Schalter von Sicilia Rent im Bahnhof Termini zog ich eine Nummer am Automat und wir gesellten uns zu den Wartenden. Es dauerte geschlagene drei Stunden, bis wir endlich an der Reihe waren. Als der Sachbearbeiter gerade die Kreditkarte mit Bleistift und Pauspapier durchrubbelte, wollte sich Jemand vordrängeln. Es war der Glatzkopf, der schon beim Pantheon so ungeduldig war. Als der Mitarbeiter ihn unbeeindruckt zurückwies, kaufte er einem anderen Wartenden seine Nummer ab. Geld regiert die Welt.

Im Parkhaus schaute ein unmotivierter Mitarbeiter den Mietvertrag nur flüchtig an, warf eine Kopie auf einen unordentlichen Stapel und fischte nach längerer Suche einen Schlüssel aus einer Schublade. Als wir das Auto fanden, war ich positiv überrascht, denn obwohl ich einen Fiat 500 reserviert hatte, passte der Schlüssel zu einem Golf. Es gab also doch noch Wunder.

Als ich unser Gepäck im Kofferraum verstauen wollte, war ein kleines Päckchen im Weg. Ich steckte das Päckchen in meinen Rucksack, damit der Koffer Platz hatte. Beim Ausfahren aus dem Parkhaus kam gerade der glatzköpfige Mann herein, der es vorhin so eilig gehabt hatte. Dann stürzten wir uns in den römischen Verkehr und nahmen Kurs auf die Adriaküste.

Otto

Seit drei Wochen versuchte Otto Panini sich in Rom einzuleben. Außer ein paar harmlosen Schutzgelderpressungen war hier allerdings nicht viel los. Nachmittags schlenderte er meist durch die Altstadt von Rom. So wie gestern, als er dieses Pantheon anschaute. Als ihn der Platzanweiser ans Ende der Warteschlange schicken wollte, zischte er ihm nur zu, dass es für seine Gesundheit besser sei, wenn er sich nicht mit einer ehrenwerten Familie anlegen würde. Dieser kleine Hinweis bewirkte Wunder und schon war Otto in dieser eigenartigen Kirche mit dem Loch im Dach.

Otto war schon ganz träge geworden, als gestern der Anruf aus Chicago kam. Sie machten es ganz wichtig, der Auftrag käme von ganz oben. Er solle einen Wagen aus dem Parkhaus am Bahnhof Termini von der familieneigenen Mietwagenfirma abholen und nach Sizilien bringen. Auf direktem Weg und ohne aufzufallen. Das Gespräch endete mit dem fürsorglichen Hinweis, dass er in Sizilien als Fischfutter enden würde, wenn er den Wagen nicht am nächsten Tag wohlbehalten abliefern würde.

Als Otto den Schalter von Sicilia Rent im Bahnhof von Rom fand, war er wieder einmal entsetzt, wie unglaublich schlecht dieses Land organisiert war. Zwanzig Leute warteten vor ihm auf ihre Autos. Der Mann am Schalter ließ sich partout nicht überreden, ihn vorzulassen. Gewalt schied bei so vielen Augenzeugen aus, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als einem Touristen seine Wartenummer für 200 € abzukaufen. Jede Stunde zählte, wenn er rechtzeitig in Palermo sein wollte.

Zuerst hatte er darauf getippt, dass er einen gestohlenen Luxuswagen überführen solle, aber es ging wohl um einen unspektakulären VW Golf. Wie auch immer, er war jedenfalls fest entschlossen, nicht als Fischfutter zu enden, auch wenn das Wasser in Sizilien sicher angenehmer war als im eisigen Lake Michigan.

Otto durchsuchte das komplette Parkdeck, aber zum Teufel – da stand definitiv kein Golf. Das war wieder mal typisch für Italien. Warum konnte hier nichts laufen, wie es geplant war. Eigentlich wollte er nicht persönlich in Erscheinung treten, aber nun musste er wohl oder übel den Typen am Schalter fragen.

Als Otto sein Anliegen in mühsamem Italienisch vorbrachte, wühlte der Mitarbeiter lustlos in den Papieren, die überall auf seinem Schreibtisch verstreut lagen. Dann fluchte er. Den für Otto deponierten Golf hatte er gerade vor fünf Minuten versehentlich zwei deutschen Touristen gegeben, die eigentlich einen Fiat 500 reserviert hatten. Mit einem Grinsen bot er ihm den Fiat an, der ja nun übrig sei.

Otto bezweifelte, dass Palermo sich mit einem Fiat 500 zufrieden geben würde und rief vorsichtshalber in Chicago an. So wütend hatte er seinen Kontaktmann noch nie erlebt. Es dauerte fünf Minuten, bis er zwischen den ganzen Flüchen und Beschimpfungen einzelne Worte verstehen konnte. Das beschissene Auto sei ja wohl egal, es ginge um die Atombombe im Kofferraum. Er solle den bekifften Versager im Parkhaus eliminieren und dann die bekackte Bombe zurückholen. Und dass die Fische in Sizilien bestimmt Durchfall von so einem Volldeppen wie ihm bekommen würden.

Otto erkannte den Ernst der Lage und fackelte nicht lange. Er pustete dem Armleuchter an der Mietwagenausgabe die Lichter aus – wie gut, dass er immer seinen Schalldämpfer zur Arbeit mitnahm – und steckte den Schlüssel des Fiat 500 ein. Dann prägte er sich den Namen des deutschen Touristen und den Rückgabetermin in Venedig ein. Er quetschte sich laut fluchend in die Sardinenbüchse und schob den Sitz bis zum Anschlag nach hinten. Was für eine Vollkatastrophe von Auto war das denn! Zuhause in den Staaten würde man mit so einem Winzling nicht mal bis zum Briefkasten fahren. Dann fädelte er sich in den dichten Verkehr von Rom ein.

Hier geht’s zum dritten Teil

Avatar von Unbekannt

Autor: sinnlosreisen

Geschichten über die lustige Seite des Urlaubs

36 Kommentare zu „Rom, die Mafia und eine zickige Atombombe – Teil 2“

  1. Palermo wollte ich mir auch anschauen, als ich vor Jahren mal auf Sizilien war. Doch die Einheimischen selbst haben davon abgeraten, weil „zu gefährlich“. Und wir bekamen unter vorgehaltener Hand den geflüsterten Hinweis, dass… „über die Mafia spricht man nicht.“ Palermo steht heute noch aus…

    Gefällt 1 Person

      1. Ich hatte mir ausgemalt, dass uns, sobald der Flieger auf der Insel landet, die Mitglieder der ehrenwerten Familien in Empfang nehmen und sowas sagen wie: „Hallo. Wir sind von der Mafia. Kommen Sie, wir zeigen Ihnen die Insel.“ Tja, was soll ich sagen, die haben sich nicht blicken lassen…

        Gefällt 1 Person

          1. In Malta schon, wobei ich auch länger dort war (6 Monate). Aber man kriegt mehr mit, weil man die Zeitungen auf Englisch lesen kann (jeden Tag neue Skandale), weil man in der WG die dubiosen Geschäfte der Mitbewohner verfolgen kann (von Umsatzsteuerbetrug über kleine Drogengeschäfte bis zur Vermietung eines Antonov-Transportflugzeugs aus Beständen der Roten Armee, um Waffen nach Afrika zu schmuggeln) und weil vor dem Haus Autobomben explodieren bzw. Drohanrufe eingehen, wenn man ein bisschen über die Insel bloggt: https://andreasmoser.blog/2012/03/16/welcome-to-malta/

            Gefällt 2 Personen

        1. Sagen wir mal so: Für eine englischsprachige Insel, auf der ich sechs Monate gelebt habe, habe ich dort sehr, sehr wenige Freunde gefunden. :/

          Aber architektonisch ist es echt schön!
          Also für eine oder zwei Wochen kann es schon interessant sein.

          Gefällt 1 Person

      1. Ich finde das eine tolle Idee, vor allem mit so krassen Cliffhangern. Wie beim Da-Vinci-Code, um thematisch in Rom zu bleiben.

        Nachdem sich manche Leserinnen und Leser über die Länge meiner Artikel beschwert haben, habe ich auch schon manchmal Mehrteiler daraus gemacht.

        Gefällt 1 Person

  2. Hat ein wenig gedauert, bis ich hier wieder am Start bin. Doch nun ist es geschafft … Die mittelschwere Kulturvergiftung hat mir ja schon ein breites Grinsen aufs Gesicht gezaubert. Doch die Otto-Story schlägt dem Humor-Fass echt den Boden aus 😂! Dann mache ich mich bald mal an den dritten Teil. Danke für diese Lektüre!

    Gefällt 1 Person

  3. In Rom: „Heute zeugen nur noch ein paar Ruinen von der einstigen Macht…“

    „O Rom, mein Vaterland! Stadt meiner Seele!
    Die Herzenswaisen wenden sich zu dir,
    Ihr kleines Elend weicht in seine Pfähle,
    Schaut’s dich, einsame Weltenmutter hier.
    Wie ärmlich unser Leid in dem Revier;
    Schaut die Cypresse! Horcht dem Schrei der Eulen,
    Palast und Tempelschutt ihr Nachtquartier,
    Wollt ihr ob eines Tages Uebel heulen?
    So bresthaft wie ihr selbst, sind dieses Weltreichs Säulen.

    Der Völker Niobe! da seht die Arme
    In stummem Schmerze Kinder-, Kronenleer,
    Die leere Urne in dem welken Arme,
    Den heil’gen Staub verstreuet rings umher!
    Des Scipio Grab hat keine Asche mehr
    Die Grüfte selbst sind ledig ihrer Sassen,
    Die Heldenleichen Raub des Ungefähr!
    Du strömst, o Tiber, nur durch Trümmermassen,
    Nimm lieber deine Flut und deck‘ die öden Gassen…“

    Gefällt 1 Person

  4. Langsam wird’s spannend. Wobei ich nicht mit einer Atombombe rechne. Davon hätte man gehört und normalerweise passen die nicht in Mietwagen, sondern werden beispielsweise vor Spaniens Küste von amerikansichen Flugzeugen verloren (ach, erinnert sich mal wieder keiner! Großer Einsatz der Aluminaut 1966. Für bestimmte Einsätze dürfen Rettungsfahrten sogar unter Wasser getätigt werden, wegen irgendwelcher Flöße hält man doch nicht extra an…). Aber es gibt ja noch mehr interessantes Gepäck. Mich hat zum Beispiel mal ein Spürhund am Flughafenzoll beschnüffelt. War aber Fake, die hatten mich vorher gefragt, ob ich mitspiele… Trotzdem war mir nicht ganz wohl, ob die wohl hinterher noch wissen, dass das ein abgekartetes Spiel ist? Oder ob die nur ihre Sollzahl vollkriegen wollen?

    Gefällt 1 Person

    1. Obwohl, so eine handliche Taschenatombombe fände bestimmt Abnehmer. Abhilfe bei Ärger im Straßenverkehr, bei Nachbarschaftskonflikten, Erbstreitigkeiten, Beziehungskrisen,. ..

      Like

      1. Ja. Die alte Militärtheorie von der Beendigung aller Konflikte, aller Kriege. Alle tot – kein Streit. Aber das wäre so unitalienisch (vielleicht eher deutsch gedacht?)! Man stelle sich nur mal die, nun ja, himmlische Stille vor…

        Gefällt 1 Person

Hinterlasse eine Antwort zu Andreas Moser Antwort abbrechen