Die karibische Sonne wärmt meine Haut. Ich genieße den Anblick des glitzernden türkisfarbenen Wassers mit den Palmen an diesem herrlich weißen Sandstrand. Es riecht nach Kokosnuss und Sonnenbrand. Leise Reggaemusik weht von einer Strandbar herüber. Im Liegestuhl neben mir liegt die SinnlosReisende mit einem Longdrink in der Hand. Nicht mehr ganz taufrisch mit ihren hundertvierzig Jahren, aber immer noch unternehmungslustig.
Wir hatten uns vor etwa neunzig Jahren kennen gelernt. Damals bezahlte man noch mit echtem Geld, das die Menschen mit Arbeit verdienten, lange bevor künstliche Intelligenz und Roboter menschliche Arbeit überflüssig machten. Es gab noch verschiedene Staaten und viele Länder hatten eine eigene Währung, obwohl es auch damals schon Bemühungen zur Vereinheitlichung gab. Wenn ich mich richtig erinnere, war das die Zeit, in der viele Länder Europas mit dem Euro bezahlten, der ein paar Jahre später von der griechischen Drachme als Weltwährung abgelöst wurde.
Die gewieften Griechen hatten jahrzehntelang EU-Hilfen in Billionenhöhe erhalten, die sie unbemerkt von der Weltöffentlichkeit in Olivenöl investierten. Beim Versiegen der Erdölquellen kam die Stunde der Griechen. Sie waren die Einzigen, die den Hunger der Welt nach Öl stillen konnten und sie ließen sich ihre Vorräte vergolden. Die Griechen kauften alle Staatsbanken mit einem Schlag auf und wurden die neue Weltmacht.
Ich beende die Jamaica-Simulation, steige aus meinem 7D-Virtual-Reality-Ganzkörperanzug und kehre in die nicht ganz so glitzernde Wirklichkeit zurück. Das Display auf der Wand unseres Appartements zeigt bescheidene zwölf Grad Celsius, die mein Karibikfeeling rasch herunterkühlen. Da die staatliche Rente beim Finanzkollaps durch eine monatliche Ration griechischer Schafskäse ersetzt wurde, reicht unser Geld gerade noch für ein paar virtuelle Urlaubsreisen. Immerhin schickt die Firma, in der ich dreißig Jahre lang gearbeitet hatte, jedes Jahr einen Brennstoffzellen-Ersatzantrieb für unsere Flug-Rollstühle.
Aus dem 3D-Drucker lasse ich mir ein Stück Linzertorte und einen Kaffee raus. Dann denke ich „Neue Geschichte erfassen!“ und die Textverarbeitungs-App fährt aus der Private Cloud der Altenwohnsiedlung hoch. Nebenbei hatte ich uns ein kleines Zusatzeinkommen als Geschichtenerzähler erschlossen. Heute möchte ich über unsere Reise nach Rhodos im Jahr 2018 berichten. Damals musste man Texte noch auf Tastaturen mit den Fingern eintippen. Kaum vorstellbar, wie mühsam und umständlich das war. Heute ist die Brain-2-Blog-Schnittstelle direkt mit meinem Gehirn verknüpft, was die Sache sehr viel einfacher macht. Der einzige Nachteil dieser Methode ist, dass tatsächlich jeder Gedanke aus dem Gehirn kopiert wird. Da muss man als Autor schon sehr aufpassen, dass man nicht an die falschen Dinge denkt.
In der ersten Version enthielt diese Software noch eine kostenlose Brain-2-Brain-Schnittstelle. Damit konnte man seine Gedanken ohne Worte direkt austauschen, quasi wie Telepathie. Als einen Monat nach der Einführung über neunzig Prozent der Frauen ihre Männer verlassen hatten, brachte die Softwarefirma rasch ein Update. Man konnte dann zwischen verschiedenen vorgegebenen Antworten wählen, die auf die gefährlichste aller Frauenfragen passen: „Schatz, woran denkst du?“
Aber ich schweife ab. Hier ist die Geschichte. „Textaufzeichnung starten!“
Der Koloss von Rhodos
Der Koloss von Rhodos war eine dreißig Meter hohe Bronzestatue des Sonnengottes Helios. Er wurde dreihundert Jahre vor Christus gebaut und war das kurzlebigste der sieben antiken Weltwunder. Denn schon nach sechzig Jahren legte er den Grundstein für den bis heute zweifelhaften Ruf der griechischen Bauindustrie und stürzte bei einem Erdbeben ein. Und wie ein griechisches Sprichwort sagt: „Ein Übel, das gut liegt, soll man nicht bewegen“. Daher gammelte das Weltwunder lange vor sich hin, bis arabische Altmetall-Händler den Schrott nach Ägypten verschifften. Da es damals noch keine Smartphones gab, streiten die Historiker bis heute über den Standort der Statue. Sicher ist nur, dass der Koloss nicht über der Hafeneinfahrt von Rhodos stand. Bei der Entstehung dieser Legende spielte wohl der griechische Wein eine Rolle.


Die Händler am Hafen von Rhodos tun alles, um die Legende am Leben zu erhalten, denn mit einer guten Geschichte kann man die original griechischen Souvenirs aus chinesischer Produktion leichter unter die Touristen bringen.



Dass die Griechen ein geschäftstüchtiges Völkchen sind, ist ja allseits bekannt. Aber wie gewieft sie wirklich sind, kann man im Bergland von Rhodos sehen. In anderen Ländern würde man von einer Insektenplage sprechen und versuchen, mit Pestiziden das Problem einzudämmen. Aber die Griechen ziehen einfach einen Zaun um das befallene Gebiet, nennen es werbewirksam „Tal der Schmetterlinge“ und verlangen Eintritt. Clever!

Wie auf den meisten Mittelmeer-Inseln spielt sich das Leben auf Rhodos überwiegend in Küstennähe ab. In der Nebensaison findet man hier trotzdem problemlos einsame Strände.

In den Bergen findet man dagegen wenig. Ein paar malerische Klöster und ein Geisterdorf aus der italienischen Besatzungszeit. Wegen irgendwelchen unklaren Zuständigkeiten verfallen die Gebäude seit Jahrzehnten.




Die weißen Häuser von Lindos kleben an einem Hang unter der Akropolis. Der Ort wäre eigentlich wunderschön, wenn nicht der Massentourismus wäre. Jeden Abend ertrinkt das Dorf in den Fluten der Touristen, die sich in die engen Gässchen ergießen, in denen jeder Winkel für eine Boutique, ein Restaurant oder einen Souvenirladen genutzt wurde. Da die Gassen zu eng für Autos sind, werden lauffaule Touristen mit Eseltaxis befördert. Damit die störrischen Tiere etwas umgänglicher werden, bekommen sie statt Wasser Coronabier verabreicht.



Die Tsambika-Kapelle liegt auf einem Hügel über dem gleichnamigen Strand und wirkt angeblich Wunder. Die dortige Madonna erfüllt Frauen ihren Kinderwunsch, allerdings nur, wenn sie die dreihundert Stufen auf den Knien nach oben rutschen. Dann aber mit Garantie. Die Legende berichtet von einer absolut unfruchtbaren Frau, die eine Woche lang in der Kapelle auf dem Hügel geschlafen hatte und als Schwangere wieder ins Tal hinabstieg. Wer sich mit der menschlichen Fortpflanzung etwas auskennt, kommt rasch auf den Gedanken, dass der benachbarte Mönch irgendwie auch eine Rolle gespielt haben könnte.





Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber trotzdem sorge ich dafür, dass die SinnlosReisende vor Einbruch der Nacht diesen Ort verlässt. Nur zur Sicherheit. Andererseits könnte man die romantische Umgebung nutzen, um ein bisschen Pepp ins Liebesleben zu bringen. Man könnte zum Beispiel…
„Ähm, Text-Aufzeichnung beenden! Geschichte speichern!“
Lach, kommt der Mönch dann auf einem fliegenden Rollator? 🙂 Herrliche Geschichte. Die Einleitung gefällt mir. Das Problem mit Overtourism werden die Griechen ja jetzt nicht mehr haben, und für den Corona-Esel gibt es nur noch die Gnadenschlachtung 😉
Liebe Grüße
Kasia
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😂😂😂 Tja, die Bedeutung des Wortes „Corona“ hat sich im letzten Jahr spürbar zum Schlechten geändert. Wäre interessant zu beobachten, ob die Eseltaxibetreiber immer noch so offen mit Coronabier umgehen.
Die Rolle des Mönches ist natürlich rein spekulativ; ich will da Niemanden in Verruf bringen. Mir widerstrebt es einfach nur, eine Schwangerschaft ohne weiteres Zutun alleine durch Beten und Wunderwirken zu akzeptieren. Aber das kann ja Jede so handhaben wie sie mag…😉
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Bildungsmangel kann da durchaus ein Segen sein. Mann kommt vom Pilgern nach Hause, sie dann: ähm, Schaatz, hör mal… da war dieser Erzengel… *lach*
Im Sommer 2020 habe ich mit Stefan genüsslich mit Corona angestoßen. Weil es uns leid getan hat, dass die Umsätze in den Keller gehen. Das Bier kann doch nichts dafür… und lecker ist es auch noch. Das Bier. Nicht das Virus…
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Deshalb besser nicht zu lange alleine pilgern 😬
Das Bier kann wirklich nichts dafür. Obwohl ja ganz phantasievolle Zeitgenossen schon die Vermutung aufgestellt hatten, der Virus wäre von der Brauerei als gigantische Marketingmaßnahme auf den (Fisch)-Markt gebracht worden. Bekloppt!
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Leben dort heute noch Mönche? Sehen sie gut aus? Ich habe den Sommerurlaub noch nicht geplant! 😉
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😂😂😂 Au weia, da hab ich was angezettelt.
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Es ist jedenfalls ein interessantes Detail in deinem auch sonst lesenswerten Beitrag! 🙂
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Danke. Freut mich, wenn es dir gefallen hat. Rhodos ist auf jeden Fall eine Reise wert, mit oder ohne Mönch…
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Im Moment ist es noch nicht möglich, unkompliziertnach Griechenland zu reisen. Ich warte, bis ich meine 2. Impfung habe, dann gehts los. Es wird aber Samos sein, da kenn ich nette Leute. Keine Mönche zwar, aber man kann nicht alles haben. 😉
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Dann drücke ich die Daumen und hoffe auf deinen Bericht.
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Brain-2-Blog-Schnittstelle! Die will ich! Und nehme alle Gefahren, die damit einhergehen, in Kauf. Tolle Geschichte 😃!
Unfassbar, welche Mühe man in grauer Vorzeit hatte. Selber tippen – heute kaum noch vorstellbar. Danke, dass du uns dieses frühere Elend noch mal ins Gedächtnis gerufen hast. Umso dankbarer bin ich jetzt für jeden Fortschritt, der mir mehr Bequemlichkeit beschert.
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😂😂😂 Leider wird die Brain-2-Blog-Schnittstelle erst in etwa 50 Jahren erfunden. Das ist das Blöde an Berichten aus der Zukunft. Aber wenn du den Bedarf erkannt hast, kannst du ja schon mal ein Start-Up gründen 😏
Das manuelle Tippen ist ja das Eine. Aber was richtig nervt, ist diese Autokorrektur, die mit Gewalt immer alles besser weißen
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..obwohl, so ein Mönch, das wäre doch mal was besonderes. Der hat doch Keuschheit geschworen und leidet schwer an seiner „Fleischesnot.“ (sorry, hab ich gerade bei Thomas Mann gelesen und mich über das Wort schlappgelacht) -Da ist schwer was zu holen. Aber sag mal, haben die da auch Nonnen?
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😂😂😂Mit Nonnen kenn ich mich nicht aus😇, zumal die SinnlosReisende hier auch mitliest. Das müsstest du mal im Selbstversuch rausfinden. Christliche Bildungsreise. Ich weiß nur, dass dort in der Gegend auffallend viele Kinder auf den Namen Tsambika getauft werden, wie die Kapelle.
Was hab ich hier bloß losgetreten…
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Du hast eine sinnlose aber erfreuliche Reise ins Reich der Phantasie losgetreten. Was will man mehr?
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Oh ha, ja so eine Brain-2-Blog Schnittstelle wäre vielleicht etwas gefährlich. Vielleicht kann man aber noch einen Filter dazwischenschalten oder so? Danke für die Impressionen von Rhodos
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Meinst du so einen Filter (oder eine Filterin), der/die alle N-Worte, Z-Worte, I-Worte, X-Worte automatisch korrigiert und nebenbei noch alles korrekt gendert? Das wäre echt praktisch…
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Ja genau so in der Art. Ein Filter der gewisse Gedanken besser gar nicht zu Papier bringt und schwierige Worte über eine Rechtschreibkorrektur korrigiert. Je nach dem was so gerade „en vogue“ ist. Die Rechtschreibkorrektur wird dann aktuell mit dem aktuellen Sprachgebrauch gefüttert. Ich werde da auch mal was zu schreiben
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Gute Idee. Aber Vorsicht, das ist ein Minenfeld!
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Ich weiß, aber es kribbelt in meinen Fingern, ich bin auch ganz vorsichtig …
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👍😂😂
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So sinnarme und schönheitslose Steingefängnisse gibt es bei uns auch zuhauf. Hier gerne als Grenze, Mauer aufgeführt, um die neuzeitliche Bauwut (siehe auch Berlin, Trumpland usw.) zu feiern.
Und auch bei der Mönchsgeschichte ist es wohl sinnlos, nach der ursprünglichen zu fahnden, die gibt es auch zuhauf. Seltsam, immer nur so herum, nie: ein unfruchtbarer Mann kommt zur Nonne. Und schon wieder ein Wunder!
Warum das so ist?
Ja, Rhodos. Da waren wir auch vor Kurzem – siehe auch die entsprechenden Beiträge, Tag 1 bis 9. Hauptsächlich wegen der alten Mauern, von denen ein Teil auf die nachmaligen Malteser, die damals noch nichts von diesem späteren Namen wußten, zurückzuführen sind. Schließlich waren wir auch schon mal auf Malta und die Geschichte muß – oje, jetzt muß ich noch nach Zypern, Akkon und Jerusalem! Und, nochmal schließlich, bin ich oft genug unter dem zackigen Kreuz einsatzmäßig unterwegs gewesen, bläulich irrlichterndes Fahrzeug unter mir. Aber das faszinierende an den alten Mauern ist: es gibt immer noch eine alte Mauer, die jünger ist. Und sowieso eine, die älter ist!
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😀😀😀
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