Südafrika – Land der tausend Tode

Die SinnlosReisende meinte, die Zeit sei reif für einen Urlaub in Südafrika. Warum auch nicht, dachte ich mir. Ich war noch nie in Afrika gewesen und hatte auch schlichtweg keinen Bezug dazu, aber Bilder von der Fussball-WM und von Safaris erschienen vor meinem inneren Auge. Die Flüge waren fix gebucht: Zürich – Johannesburg nonstop. Keine Zeitverschiebung. Kein Jetlag. Ein Kinderspiel. Könnte man meinen.

Als ich Tage später die Reisehinweise im Internet recherchierte, wurde mir eines schnell klar: Die Chancen waren eher klein, diesen Urlaub lebend zu überstehen. Da wären erstmal die Big Five:

Ein Löwe frisst etwa 35 kg Fleisch pro Mahlzeit. Ein normalgewichtiger Erwachsener reicht damit gerade mal für ein Löwendinner for two mit Nachtisch. Gerade in Südostafrika gehören unvorsichtige Touristen zum Speiseplan bei älteren Löwen, die nicht mehr schnell genug für Wildtiere sind. Löwen können übrigens doppelt so schnell laufen wie der Weltrekordhalter im 100-Meterlauf.

Das afrikanische Spitzmaul-Nashorn ist kurzsichtig und daher notorisch übellaunig. Die Kälber sind durchaus süß und harmlos, man sollte ihnen trotzdem nicht zu nahe kommen. Wenn sie sich bedroht fühlen, stoßen sie nämlich ein hohes Pfeifen aus, um ihr Muttertier zu rufen. Und Mami stellt keine Fragen und ist logischen Argumenten gegenüber sehr verschlossen. Nashörner schleudern ihre Feinde bis zu fünf Meter in die Luft. Wer diese erste Phase des Angriffs bei vollem Bewusstsein übersteht – was relativ selten vorkommt – sollte schleunigst das Weite suchen. Denn wütende Nashörner machen keine halben Sachen. Eine schnelle Wende und beim zweiten Angriff wird das Opfer nieder getrampelt. Was dann folgt, ist ziemlich unappetitlich. Die Ranger kehren die Überreste mit dem Besen zusammen.

Der Elefant besticht durch seine Größe und sein Gewicht. Ein gereizter Elefant kann ohne Anstrengung ein Auto umkippen und die Insassen wie in einer Sardinendose zerquetschen.

Der Leopard ist der kleinste und schnellste unter den Big Five. Menschen frisst er nur, wenn er krankheitsbedingt oder wegen Altersteilzeit keine besser schmeckenden Tiere erwischt. Wegen seinem gefleckten Fell kann man sich nie sicher sein, ob man einen Busch sieht oder ob es ein getarnter Leopard ist.

Der afrikanische Büffel ist eigentlich ein harmloser Vegetarier. Zum Problem werden nur die Bullen, die keinen Spaß verstehen und ziemlich aggressiv werden können. Gelegentlich geraten Wanderer unverschuldet in eine von Raubtieren ausgelöste Stampede. In diesem Fall ist Überleben reine Glückssache.

Nilpferde wiegen zwar über vier Tonnen, trotzdem gehören sie nicht zu den Big Five. Sie sind nicht mit den Pferden verwandt, sondern mit den Walen. Sie sind erstaunlich schlechte Schwimmer und laufen lieber auf dem Boden des Flusses. Trotz ihres gemütlichen Aussehens können Flusspferde sehr aggressiv sein, insbesondere Mütter mit Jungtieren. Immer wieder bringen sie vorbeifahrende Boote zum Kentern und attackieren Menschen. Hippos verursachen mehr Todesfälle als Krokodile oder Löwen.

Obwohl Krokodile stundenlang regungslos herumliegen können, sind sie extrem schnell, wenn sie etwas zum essen entdecken. Sie sind dabei nicht wählerisch und fressen alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Dies und die Tatsache, dass sie im ufernahen Gebüsch leicht zu übersehen sind, macht sie zu recht unangenehmen Zeitgenossen. Auch die Sandkünstler am Strand nehmen mit ihren Motiven Bezug zur lokalen Gefahrenlage.

Sandburg mit Krokodil
Sandburg im lokalen Stil

Kilometerlange Sandstrände vergammeln ungenutzt, weil vor Südafrikas Küsten die weltweit meisten Angriffe von weißen Haien registriert werden. Und die Dunkelziffer ist hoch, weil ein Haiangriff meistens so endet, dass man sich nicht mehr bei der Wasserschutzpolizei melden kann.

Wem das noch nicht reicht, der kann sich mit den Little Five beschäftigen: Cape Cobra, Puffotter, südafrikanische Baumschlange, schwarze und grüne Mamba haben eines gemeinsam: man stirbt schnell und schmerzhaft. Von den Tiny Five wollen wir gar nicht reden: Malaria, Dengue-Fieber, AIDS, Ebola und Cholera.

Infotafeln sind hilfreich. Man weiß dann wenigstens, woran man stirbt…

Und in den Städten wütet das mit Abstand heimtückischste Lebewesen des Planeten – der Mensch. Johannesburg kämpft laut Kriminalstatistik erbittert mit Bogota um den Spitzenplatz für die gefährlichste Stadt der Welt. Hier gilt eine einfache Regel: Geh als Weißer nicht zu Fuß im Dunkeln durch Wohngebiete der Schwarzen! Unter keinen Umständen. Niemals!

Wir checkten für die erste Nacht in einer Lodge in Johannesburg ein. Eine Stunde später spazierten wir in der Abenddämmerung durch das umliegende Viertel, eindeutig eine Gegend, in der ausschließlich Schwarze lebten. Einige junge Männer beobachteten uns aus den Schatten heraus und konnten ihr Glück kaum fassen, dass sich zwei Touristen direkt vor ihre Haustür verirrt hatten. Aber ich hatte noch einen Trumpf im Ärmel – mentale Selbstverteidigung.

Während meiner Pflichtwehrdienstzeit heckten wir Kameraden jede Menge Albernheiten aus, um der lähmenden Langeweile zu entkommen. Eines Abends bot Jupp, der während seines Dienstes im Offiziers-Casino ein besonders inniges Verhältnis zum Alkohol entwickelt hatte, eine skurile Wette an: Er behauptete, dass er alleine mit der Kraft seiner Gedanken ein Tier töten könne. Das war ziemlich absurd aber es versprach einen kurzweiligen Abend. Eine Flasche Jägermeister war der Einsatz und schon ging es los. Jupp fischte heimlich aus dem Aquarium des Casinos einen Guppy und brachte ihn in einem Wasserglas in unsere Stube. Dann setzte er sich an einen Tisch und die Hände wurden ihm auf dem Rücken gefesselt. Der Fisch wurde auf den Tisch geschüttet und der Kampf begann unter lauten Anfeuerungsrufen. Anfangs zappelte der Guppy und versuchte sich zu wehren, aber Jupp hatte ihn mental voll im Würgegriff. Nach zehn Minuten verlor der Fisch das Duell und starb ohne eine einzige Berührung. Jupp leerte die Jägermeisterflasche in drei Zügen und murmelte: „Mann, bin ich prall“. Dann kippte er vornüber und platschte mit dem Gesicht auf den toten Fisch, der ein hässliches Geräusch von sich gab.

Als das Verteidigungsministerium die Gerüchte über eine neue Kampftechnik hörte, wurden größere Budgets freigegeben. Wir konnten unseren Erfolg leider nur noch einmal wiederholen, als wir eine Eintagsfliege innerhalb vierundzwanzig Stunden niederrangen. Als der verantwortliche General ausrechnete, wie lange die Ausschaltung eines russischen Panzers dauern würde, wenn wir schon für ein unbewaffnetes Insekt einen ganzen Tag brauchten, wurde unsere Spezialeinheit wieder aufgelöst. Die Bundeswehr konzentrierte sich danach auf flugunfähige Kampfjets und Gewehre, die bei Hitze nicht mehr treffen.

Ob es an meiner mentalen Kampftechnik lag, oder ob wir einfach Glück hatten – jedenfalls überstanden wir den Spaziergang unbeschadet. Am nächsten Tag machten wir uns auf den Weg zur Panoramaroute. Unser Mietwagen hatte das Beschleunigungsvermögen einer Schildkröte und sechs Gänge: für jedes PS einen. Außerdem war alles an der falschen Stelle: Blinker und Scheibenwischer waren vertauscht und das Lenkrad befand sich auf der Beifahrerseite. Ich betätigte den Scheibenwischer nach rechts und reihte mich in das Gewimmel aus Geisterfahrern ein. Unterwegs hatte ich eine erstaunlich hohe Trefferquote im Schlaglochsammeln. Kunststück – das war keine Straße mit Löchern, das waren Löcher mit etwas Straße drumherum.

Bourckes Lucky Potholes

Wir bewunderten die eigenartigen Gesteinsformationen in Bourckes Lucky Potholes, die der Blyde River in Jahrmillionen aus dem Fels geschnitzt hatte. Dann besuchten wir unzählige Wasserfälle und genossen den Ausblick auf die Three Rondavels im warmen Abendlicht.

Die Three Rondavels – Eine Gesteinsformation, die an die typischen afrikanischen Rundhütten erinnert.

Die Heimfahrt im Dunkeln war noch deutlich spannender als bei Tageslicht. Schlaglöcher von der Größe eines Fiat Panda, Menschen schwärzer als die Nacht, Tiere hinter jedem Busch und Scheinwerfer des Gegenverkehrs, bei dem man nie sicher sein konnte, auf welcher Seite er fuhr.

Blick auf den Blyde River an der Grenze zwischen Limpopo und Mpumalanga

In Mtubatuba wohnten wir in einem abgezäunten, bewachten Gelände mit Countryclub und luxuriösen Häusern mit gepflegtem Rasen, Grillplatz und Swimmingpool. Auf der anderen Straßenseite befand sich ein Township mit Wellblechhütten und unvorstellbarer Armut. Die Apartheid wurde erst vor gerade mal einem Vierteljahrhundert abgeschafft, und schon werden im Countryclub die Schwarzen mit offenen Armen empfangen. Als Küchenhilfe oder Gärtner. Manche Änderungen dauern lange.

Wir machten einen Ausflug in den iSimangaliso Wetland Park. Die Nilpferde sahen vom Deck eines großen Ausflugsbootes ziemlich harmlos aus, aber der Kapitän hielt trotzdem einen respektvollen Abstand. In einem Fluss entdeckten wir einen Süßwasser-Hai, was ein extrem beunruhigender Gedanke für einen Bodenseeanrainer ist.

Nilpferde planschen im eigenen Whirlpool

Vor der Heimfahrt gingen wir noch an den menschenleeren Strand von St. Lucia. Warum er menschenleer war, wurde mir bald klar: hier sind nicht nur die Tiere gefährlich, auch die Wellen sind furchterregend. Aber dazu mehr, wenn ich von unseren Erlebnissen aus Ballito erzähle.

Flucht vor den Wellen
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Autor: sinnlosreisen

Geschichten über die lustige Seite des Urlaubs

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