Photo by Ellie Burgin
Als wir fünfzehn Jahre alt waren, bekam die Schwester eines Freundes zwei männliche Hamster zum Geburtstag geschenkt. Der Verkäufer im Zoofachgeschäft meinte, dass Hamster ungern alleine sind und dass zwei Tiere mit dem gleichen Geschlecht eine ungewollte Vermehrung zuverlässig verhindern.
Einige Wochen später bekam eines der beiden Männchen acht Junge. Das war etwas überraschend für alle, die im Biologieunterricht aufgepasst hatten, aber bei so kleinen Tieren ist es wohl nicht so einfach, das Geschlecht zu bestimmen. Wir Jungs schlugen für die Neugeborenen zur Feier des Tages ein gemeinsames Abendessen mit der Python von Andi vor, was zu einem Shitstorm bei den Mädchen führte. Nur hieß es damals noch nicht Shitstorm; es gab einfach nur gewaltig Ärger.
Also wurden die hilflosen, blinden Babyhamster mit Hilfe einer Pipette solange aufgepäppelt, bis sie aus dem Gröbsten heraus waren und dann im Freundeskreis zur weiteren Aufzucht verteilt. Meine Mutter war nach der unglücklichen Episode mit den Raupen zwar ziemlich skeptisch, aber mein Vater meinte, es würde wohl nichts schaden, wenn der Junge endlich Verantwortung lernen würde. Außerdem, was kann mit einem niedlichen Hamster schon schief gehen? Also kaufte ich einen Käfig mit Laufrad und Holzhäuschen sowie einen Sack mit Kleintierstreu und taufte meinen Adoptivnager auf den Namen Marzipan.
Marzipan schien sich schnell wohl zu fühlen, denn er hamsterte sofort so viele Nüsse in seinen Backen, dass er nicht mehr durch die Tür seines Häuschens passte. Dann baute er sich aus der Streu ein Nest und legte sich zum Schlafen. Läuft, dachte ich. Ziemlich pflegeleicht, so ein Haustierchen.
Gegen ein Uhr nachts wurde ich von einem ungewohnten Geräusch geweckt. Ich knipste das Licht auf meinem Nachttisch an und das Geräusch verstummte sofort. Als ich zum Käfig schaute, starrte mich Marzipan aus seinem Laufrad heraus mit großen Knopfaugen an. Dann zog er sich in sein Häuschen zurück. Ich machte das Licht wieder aus und drehte mich um. Nach drei Minuten begann der Krach von Neuem. Marzipan rannte auf seinem Laufrad, als ob er für einen Marathon trainieren würde. Wie ich später erfuhr, sind Hamster nachtaktiv und laufen in freier Natur durchschnittlich fünf Kilometer pro Nacht.
So ging das nicht weiter, also stellte ich den Käfig kurzerhand ins Badezimmer in die Dusche. Kurz hörte ich noch das Surren des Laufrades aus der Ferne, dann schlief ich zufrieden ein.
Am nächsten Morgen wurde ich von einem Schrei geweckt. In der Badezimmertür stand meine Mutter und schaute mich mit diesem todbringenden vorwurfsvollen Blick an, den Mütter so perfekt beherrschen. Ich hatte den Käfig wohl einen Tick zu nahe an den Duschvorhang gestellt. Marzipan hatte einen Zipfel zu fassen bekommen und aus dem geblümten Vorhang ein kuscheliges Nest gebaut. Hamster haben scharfe Zähne und erstaunlich viel Kraft.
Aus dem Freundeskreis bekam ich den Rat, den Lauftrieb meines Hamsters durch mehr Auslauf zu befriedigen. So ein Käfig ist halt für ein Steppentier schon etwas klein. Am nächsten Abend setzte ich Marzipan mitten im Zimmer auf den Teppich. Ich hatte einige Nüsse in den Zimmerecken verteilt, um ihn zum Laufen zu motivieren. Schnitzeljagd für Nagetiere. Das hätte ich mir aber sparen können, denn der Steppenflitzer schoss blitzschnell quer durch das Zimmer und verschwand in dem Spalt hinter dem Einbauschrank.
Ich fand das ziemlich clever von ihm und nahm die Herausforderung an. Schließlich war ich der Herr über die Nahrung und irgendwann würde ihn der Hunger schon wieder aus seinem Versteck treiben. Dachte ich zumindest. Zunächst drangen aber energische nagende Geräusche hinter dem Schrank hervor und die Glastür der Vitrine begann zu klirren. Es klang, wie wenn man mit einer groben Holzfeile ein Loch in eine Sperrholzplatte fräst.
Ich versuchte alles, um den Ausbrecher aus seinem Versteck zu locken. Ich legte lecker duftende Rosinen vor den Schrank und lauerte stundenlang davor. Ohne Erfolg. Ich zündelte mit einem Feuerzeug vor dem anderen Ende der Schrankwand, weil alle Tiere Angst vor Feuer haben. Ich schlug mit der Faust gegen den Schrank, um ihn in Panik zu versetzen. Alles was ich erreichte, war eine Ansage von meinem Vater. Jetzt sei aber mal gut mit dem Radau. Was ich denn da für einen Lärm veranstalten würde? Und warum es in meinem Zimmer nach Rauch rieche? Ich behielt mein kleines Problem für mich und legte mich auf mein Bett um meine Strategie zu überdenken.
Plötzlich sah ich Marzipan, der mich aus dem obersten Regal der Schrankwand herab beobachtete. Sein Pelz war etwas ramponiert und mit Spinnweben verklebt und er hatte Holzspäne im Gesicht. Als ich aufsprang, verschwand er durch das von ihm genagte Loch wieder hinter den Schrank. Ich fluchte und stellte unauffällig ein Buch vor das hässliche Loch.
Über eine Woche lang spielten wir Tom und Jerry, und meine Verzweiflung stieg von Tag zu Tag. Ich wollte mir die Sanktionen nicht ausmalen, die mich erwarteten, wenn meine Eltern herausfanden, dass ein Nagetier frei in der Wohnung herumstreifte und die Möbel in Sägespäne verwandelte. Dann nahm die Episode Marzipan eines Abends ein tragisches Ende.
Aus meinem Kassettenrekorder röhrte Tina Turner, während der Anarcho-Hamster hinter der Schrankwand werkelte. Dann passierten drei Dinge: von der Schrankwand her kam ein britzelndes Geräusch und ein kurzes schrilles Quieken. Gleichzeitig ging das Licht aus und Tina Turner verstummte schlagartig. Und dann kam mein Vater mit einer Taschenlampe zur Tür herein.
Ob ich schon wieder irgendwelchen Unsinn anstellen würde, wollte er wissen. Das konnte ich ausnahmsweise mit reinem Gewissen verneinen, denn ich saß unschuldig auf meinem Sitzsack. Mein Vater zog mit misstrauischer Miene ab und drehte die Sicherung für die komplette linke Wohnungshälfte wieder rein.
Am nächsten Tag tauschte ich das durchgenagte Stromkabel aus und verschaffte Marzipan eine würdevolle Beerdigung auf dem Bahndamm hinter dem Haus. Den Entschluss, mich von Haustieren fernzuhalten, halte ich bis heute durch.
Oh, der arme Marzipan! RIP! Toll geschrieben, war sehr amüsant zu lesen.
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Der arme Hamster… 😦
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Ja, dabei hatte ich es gut gemeint. Die Hamster meiner Freunde wurden übrigens auch nicht viel älter. Fünfzehnjährige Jungs – was soll ich sagen…
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Was, deine Freunde hatten auch Hamster? Vermutlich noch die Kinder des männlichen Hamsterpärchens (moderne Welt…). Die Geschichten musst du auch noch verbloggen 😉
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Ja, wir hatten den ganzen Wurf im Freundeskreis verteilt.
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Ich wollte auch immer einen Hamster. Ich durfte nicht… *schnief*
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Es gibt einen Trick.
Nein, nicht den, keine Haustiere zuzulassen. Viel einfacher.
Wir hatten schließlich schon viele Kostgänger, einschließlich Willi Winzig, das Wiesel, die Dohle, diverse Enten, Mäuse, Ratten, Hamster, Meerschweinchen, Kaninchen, Schildkröten (Wasser-, Land-), Katzen, Hunde… Nein, bisher war noch kein Elefant dabei wie in Heinrich Bölls diesbezüglicher Geschichte. Auch kein Löwe. Obwohl die Katzen mörderisch genug waren und u.a. die Ursache für das schwerverletzte Wiesel und diverse Mäusewaisen waren.
Ach ja, der Hamstertrick: Hamster lieben Verstecklöcher. Und kommen da freiwillig nicht mehr raus. Aber sie sind ansonsten, anders als Menschen, ganz normale Säugetiere. Worauf der Trick beruht.
Im Bad war ein doofes Designer – Waschbecken mit völlig unmotivierten Öffnungen. Die nichts mit den vorgesehenen Wasserströmungen zu tun hatten. Eine Tochte ließ den Hamster dort seine Runden drehen, während sie für die nächsten Stunden das Bad zu belegen gedachte.
Wie zu erwarten: ein Schrei um Hilfe.
Der Hamster ist weg. Wegen Futter kommt er nicht raus, gewiß nicht.
Erst auch erschrocken nahm ich mit ruhigem, souveränem Blick und Griff eine Sprühflasche vom Brett unter dem Spiegel. Ja, das teure – alle sind sie teuer – Parfüm, nicht das Eau de Toilette. Ein Sprühstoß in die Öffnung und ein wütender, laut keifender und fauchender Nager kam herausgeschossen! Und hörte gar nicht mehr auf, sich zu putzen.
Fast alle Säugetiere verfügen über einen feinen Geruchssinn, der z.B. Hunde dazu veranlaßt, sich in Jauche oder sehr lange toten Tieren zu wälzen. So etwas wie Parfüm können sie alle nicht leiden.
Also die Lebensformen, die halbwegs normal sind und riechen können.
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Danke für den Tipp! Werd ich mir merken fürs nächste Mal.
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