Venedig

Eine Stadt versinkt im Meer – und die Chinesen sind mal wieder schuld. Das ist praktisch, denn mit so einem Sündenbock in einem fernen Land kann man ganz gut von eigenen Fehlern ablenken.

Venedig kämpft mit zwei Luxusproblemen: zu viel Wasser und zu viele Touristen. Hier zahlt man in bester Lage 25 € pro Nacht – für das WLAN! Das Zimmer kostet über 1.000 €. Angesichts dieser Preise entschieden wir uns spontan für eine Pension auf dem Festland und nahmen die Straßenbahn.

Ohne Schiff kommt man in Venedig nicht weit. Wassertaxis, Wasserbusse und Gondeln für die Touristen bestimmen das Bild. Sogar der Notarzt kommt mit dem Boot.

Notarztboote
Notarzt und Sanitätsboote

Schon lange vor Corona hat man in Venedig Gesichtsmasken zur Kunstform erhoben.

Schaufenster mit Masken in Venedig
Fachgeschäft für medizinische Gesichtsmasken

Die Hauptattraktionen Venedigs werden tagsüber von Touristen überschwemmt. Geduld beim Schlange stehen ist hier eine gefragte Tugend.

Der Dogenpalast umringt von Touristen

Auf der Piazza San Marco sind die Touristen trotzdem in der Minderheit; hier dominieren Milliarden von Tauben. Die Basilica di San Marco wirkt von außen wie eine normale Kirche.

Basilika di San Marco
Markusdom mit Touristen und Tauben

Drinnen wird allerdings schnell klar, dass es sich in Wirklichkeit um die Musterausstellung eines Fliesenfachgeschäfts handelt.

Mosaik im Markusdom
Fliesenmosaike in der Basilica di San Marco

Einheimische sieht man in Venedig kaum. Sie sind nahezu unsichtbar. Auf diesem seltenen Schnappschuss sind drei Gruppen unsichtbarer Frauen zu erahnen – ihre Handtaschen verraten sie.

Unsichtbare Frauengruppen auf dem Nachhauseweg

Der Canal Grande ist die Hauptstraße Venedigs, nur dass sich das Leben in den Hinterhöfen abspielt.

Canal Grande
Canal Grande

Auch die meisten Nebenstraßen sind nur mit Booten zu erreichen.

Wasserstraße in Venedig
In den Straßen von Venedig

Wenn man sein Haus verlässt, sollte immer ein Boot vor der Tür stehen.

Enger Kanal in Venedig
Ohne Boot kommt man in Venedig nicht weit.

Venedig hat eine einzigartige Berufsgruppe hervorgebracht: den Gondoliere. Die Gondellizenzen sind streng limitiert, wie bei Taxis in anderen Städten. Die Berufskleidung der Gondolieri stammt vom selben Modedesigner, der auch schon erfolgreiche Kollektionen für so beliebte Institutionen wie Alcatraz, Sing Sing und das Folsom Prison entworfen hat.

Gondoliere
Gondoliere

Der Beruf des Gondoliere bietet nur sehr begrenzte Alternativen auf dem globalen Stellenmarkt, aber in der Saison geht die Arbeit in Venedig nicht aus.

Stau im Kanal
Verkehrsstau im Kanal

Wenn du zum ersten Mal in Venedig bist und dein anfängliches Staunen über die vielen Kanäle, Brücken und Paläste überwunden hast, fragst du dich bestimmt, wie man so bescheuert sein kann, eine ganze Stadt mitten ins Meer und dazu noch auf sandigen Untergrund zu bauen. Du wirst es mir nicht glauben, aber schuld daran sind mal wieder die Chinesen.

So ein ausgemachter Quatsch, wirst du jetzt denken, die Chinesen waren doch noch gar nicht in Europa bekannt, als im 5. Jahrhundert Venedig gegründet wurde. Klar, da hast du recht, aber warte! So einfach ist das nicht. Ich versuche mal, den Kern der ganzen Geschichte zusammenzufassen.

Die Hunnen waren damals als nomadisches Reitervolk in den Steppen Zentralasiens unterwegs. Irgendwann hatten sie die Schnauze voll davon, ihre Ziegenherden von einer kargen Weide zur nächsten zu treiben und sich von Ziegenmilch und Hammelfleisch zu ernähren. Das kannst du sicher gut verstehen, deine Laune wäre wahrscheinlich auch nicht die Beste bei dieser Speisekarte. Sie kamen auf die originelle Idee, zur Abwechslung das eine oder andere Dorf zu überfallen und so ihren Speiseplan zu bereichern. Blöderweise hatten die Hunnen noch keinen Begriff von Nachhaltigkeit, und so metzelten sie die Dorfbewohner einfach nieder und brannten die Dörfer ab.

Klar, dass sie im Lauf der Jahre immer weitere Beutezüge unternehmen mussten, denn mit dieser Methode konnten sie jedes Dorf nur einmal besuchen. Keine Ahnung, ob es den hunnischen Reitern klar war, mit wem sie sich da anlegten, als sie Jahr für Jahr immer ein bißchen weiter nach Osten zogen, aber irgendwann bekam der chinesische Kaiser mit, dass da Jemand an der Außengrenze seines Reiches zündelte. Nun hatten die chinesischen Herrscher schon früher reichlich schlechte Erfahrungen mit aufsässigen Reitervölkern gemacht, weshalb sie ja auch die chinesische Mauer erbaut hatten. Du wirst dich also nicht wundern, dass der Chinese keinen Wert auf diplomatische Feinheiten legte und postwendend eine Armee schickte. Spaßfaktor praktisch gleich null.

Die Hunnen begriffen recht schnell, woher der Wind wehte und verlegten ihre Aktivitäten ruckzuck nach Westen. Dort vertrieben sie die Goten, die ihrerseits die Vandalen in die Flucht schlugen, die wiederum Richtung römisches Reich drängten. Insgesamt führte dieser Dominoeffekt zu einer gewaltigen Völkerwanderung. Alle suchten eine neue Heimat, und alles nur, weil die Chinesen so humorlos auf ein paar gebrandschatzte Dörfer reagierten.

Attila, der Hunnenkönig erwarb sich damals mit seinem Reiterheer einen derart schlechten Ruf in Europa, dass sich die wohlhabenden Römer vor Angst in die Hose machten. Um ihre Reichtümer in Sicherheit zu bringen, wussten sich einige Adelsfamilien nicht anders zu helfen, als auf das Wasser umzuziehen. Die unangreifbare und vor allem pferdesichere Lage in einer Lagune war nebenbei noch für den Handel mit Schiffen so günstig, dass die Venezianer bald den gesamten Mittelmeerhandel beherrschten. Mit ihren Gewinnen konnten sie aufwändige Brücken bauen und großartige Paläste auf unzählige Holzpfähle stellen.

Dogenpalast und Campanile
Dogenpalast und Campanile vom Wassertaxi aus gesehen

Sie hatten dabei nur eine alte Baumeisterregel missachtet: Baue nie auf Sand! Das ging schon beim Turmbau in Pisa schief (im wahrsten Sinn des Wortes) und führt dazu, dass Venedig jedes Jahr um zwei Millimeter tiefer in den Schlamm der Lagune versinkt.

Campanile
Der schiefe Turm von Venedig? Nein. Der schräge Fotograf vom Bodensee!

Viele Gebäude haben deshalb schon unbewohnbare Erdgeschosse. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie sich der Anstieg des Meeresspiegels durch die Erderwärmung auswirken wird. Vielleicht sollte man ein Tauchzubehörgeschäft in Venedig eröffnen.

Häuserfront in Venedig
Nasse Wände wohin man schaut

Du siehst also, die Chinesen hatten vielleicht keine Schuld im moralischen Sinne, aber sie waren zumindest indirekt der Auslöser für die Erbauung Venedigs. Heute sorgen die chinesischen Touristen wenigstens für etwas ausgleichende Gerechtigkeit: sie finanzieren die italienischen Designerläden, indem sie scharenweise überteuerte Handtaschen kaufen. Tagsüber kommt man in den verstopften Gässchen kaum voran, aber wenn die Touristenbusse wieder abgezogen sind, findet man selbst in Venedig Zeit für ein Nickerchen:

Hund entspannt sich auf Stuhl
Wenn die Touristen abziehen, erobern sich die Einheimischen den Platz zurück

Übrigens, Geschichte wiederholt sich: auch die Hunnen merkten irgendwann, dass Reisen sinnlos ist und wurden in der ungarischen Tiefebene seßhaft. Attila heißt jetzt Viktor Orban und erwirbt sich gerade erneut einen ziemlich schlechten Ruf in Europa. Und wieder versinkt etwas im trüben Morast. Nur ist es diesmal keine Stadt, sondern Pressefreiheit und Demokratie.

Avatar von Unbekannt

Autor: sinnlosreisen

Geschichten über die lustige Seite des Urlaubs

8 Kommentare zu „Venedig“

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