Thailand

Von Tempeln, Ruinen, Elefanten und dem Überlebenskampf im Straßenverkehr

Von Bangkok nach Rayong

Die Aussicht auf grauen Nieselregen bei einstelligen Temperaturen löste bei uns auch diesen Winter einen Fluchtreflex aus. Wir hatten einen Direktflug nach Thailand mit Eurowings gebucht, einer Fluglinie, die sich durch Streiks und Überbuchungen einen durchwachsenen Ruf in den Internetforen hart erarbeitet hat. Die Ansage des Flugkapitäns stärkt unser Vertrauen auch nicht: „Sehr geehrte Fluggäste, hier spricht ihr Kapitän. Wir sind jetzt bereit zum Start. Heute fliegt uns Frau Krause nach Bangkok“.

Nicht die Copilotin Krause, nicht die erste Offizierin Krause. Einfach nur Frau Krause. Das klingt, als ob man spontan Jemanden vom Reinigungspersonal verpflichtet hätte, weil der Copilot wegen Pilzvergiftung ausfiel. „Ach, Frau Krause, ob Sie uns wohl aushelfen können? Sind Sie schon mal in einem Airbus-Cockpit gesessen? Nein? Das macht nichts. Sie fahren doch jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit, das ist auch nicht so viel anders als Fliegen“. Und wieder wird mir bewusst, wie ausgeliefert man in einem Flugzeug ist. Eine zehnstündige Übung in Demut.

Blick aus dem Flugzeug
Über den Wolken, muss die Demut wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen, sind hier richtig gemein. (frei nach Reinhard Mey)

Frau Krause überfliegt dann aber routiniert so friedliebende Länder wie Irak, Iran, Pakistan und Afghanistan und Krisenregionen wie die Krim und Kashmir ohne dass uns eine versehentlich abgefeuerte Rakete trifft. Die Taxifahrt vom Flughafen zum Hotel in Bangkok ist da schon spannender.

Auf dem abendlichen Straßenmarkt in Bangkok schlemmen wir uns unter Missachtung aller Hygieneregeln durch die Stände. In Deutschland streitet man darüber, ab wann eine Kühlkette bei empfindlichen Lebensmitteln als unterbrochen gilt. Im thailändischen Wortschatz gibt es keinen Begriff für „Kühlkette“. Hier liegen die rohen Fleischstücke und Sushis ohne Kühlung bei 35 Grad an den Ständen solange aus, bis sie Jemand isst – entweder Menschen oder die Fliegen.

Stand auf dem Nachtmarkt
Das Buffet ist geöffnet

Manchmal erfährt man nicht, was man isst, aber lecker ist es allemal. Das hier sind Babycrepes mit Kokosraspeln und diversen Leckereien gefüllt.

Crepes
Variationen vom Baby-Crepe

Nur der gegrillte Tofu schmeckte eher wie gepresste Holzabfälle. Der Preis hätte uns stutzig machen sollen. Ein Spieß mit Okraschoten, einer mit Pilzen und einer mit Tofu für insgesamt 80 Cent – das ist selbst in Thailand verdächtig wenig.

Am nächsten Morgen gibt es zum Frühstück gebratenen Reis und leckere Spaghetti. Die Chillischoten sind nach thailändischem Maßstab „little spicy“. Für den mitteleuropäischen Magen sind sie ein Todesurteil, an Ort und Stelle vollstreckt. Im Preis inbegriffen sind 7% Steuer und eine Feuerbestattung.

Frühstück
Breakfast für Feuerwehrleute

Nach dem Frühstück holen wir den Mietwagen ab und stürzen uns in die Straßen von Bangkok. Linksverkehr ist gar nicht so schwierig. Man muss nur auf der falschen Seite des Autos einsteigen und alles anders machen als gewohnt. Rechts überholen zum Beispiel, was durchaus Überwindung kostet. Also lasse ich den Motor an und setze den Blinker. Dann schalte ich den Scheibenwischer wieder aus und setze den Blinker. Dann schaue ich sorgfältig, ob alles frei ist und biege rechts ab. Und sehe das Weiße im Auge eines wild hupenden Minivanfahrers, in den ich beinahe frontal reingefahren wäre.

Blick vom Balkon des Beach Appartements Hat Mae Ramphuong, wo wir einige herrliche Tage lang die Seele baumeln ließen:

Strandblick
Der Strand

Heute hatten wir eine Sprachstunde in Thailändisch bei unserer Wirtin Sunan. „Koorb kunn“ heißt „Danke“ und „Sawasdee“ bedeutet „guten Tag“. Eigentlich ganz einfach. Aber dann geht es erst richtig los. Männer hängen hinten ein „krabb“ an, Frauen ein „ka“. Und dann legt man die Handflächen zusammen und hebt sie auf die Höhe, die dem Status des Gegenübers entspricht. Also an die Stirn, wenn man einen Mönch begrüßt und an den Bauch, wenn man die Schwiegermutter ärgern will. Und dabei immer schön lächeln, sonst wirkt es beleidigend. Ganz schön kompliziert.

So überfüllt ist der Strand nur am Wochenende. Werktags ist man hier so alleine, dass man sich unwillkürlich fragt, ob der Strand wegen Quallen, Haifischen oder Atommüll gesperrt ist. Aber nein. Hier gibt es einfach viel mehr Strand als Touristen. Und der Thailänder geht eher nicht zum Baden.

Einsamer Strand
Ich kann mich gar nicht entscheiden, wo ich mein Handtuch hinlegen soll

An diesem Strand finde ich endlich die Antwort auf die Suche nach dem Sinn des Lebens: das Leben braucht gar keinen Sinn. Es reicht eine warme Mahlzeit am Tag und die coolste aller Frauen im Liegestuhl nebenan. Es gibt hier nur drei Probleme (an der Größe dieser Probleme kann man ablesen, wie gut es uns geht):

  1. wenn der Schatten wandert, muss man seinen Liegestuhl umsetzen.
  2. Wenn die Blase voll ist, muss man aufstehen.
  3. Das Rauschen der Wellen macht so schläfrig, dass man kaum schreiben kannnnnnnnnnn.

Das Abendessen in einem Straßenrestaurant ist so extrem spicy, dass es Löcher in meine Magenwand brennt. Hoffentlich kommt der Durchfall heute Nacht, denn morgen Mittag fliegen wir nach Chiang Mai.

Von Chiang Mai nach Lampang

Über Chiang Mai, die Perle im Norden Thailands, ist schon viel geschrieben worden. Deshalb hier nur in aller Kürze das Wichtigste: Tempel, Thaimassage, leckeres Essen, Tempel, Nachtmarkt, Tempel, Taxis, leckeres Essen, Tempel, leckeres Essen, Ausflüge zu Tempeln, leckeres Essen. Ein buddhistischer Mönch erklärt uns die drei wichtigsten Regeln des Buddhismus:

  1. Tu nichts Böses! Das fällt mir leicht, denn wer nichts tut, kann auch nichts Böses tun.
  2. Tu Gutes! Das ist schon schwieriger. Da muss ich mal nachdenken.
  3. Lebe im Jetzt! Das geht im Urlaub ganz gut, wenn nur nicht dieser Rückflug wäre.

Um in Thailand günstig telefonieren zu können, erwarb ich gestern für 5 Dollar ein vierwöchiges All-inclusive-Starter-Paket. Die Verkäuferin sprach zwar keine mir bekannte Sprache, aber wir haben uns auch so verstanden. Sie tippte minutenlang mit flinken Fingern auf meinem Handy herum, installierte mehrere Pakete und schaltete alles Mögliche frei. Seitdem sehen meine Kontakte so aus:

Kontakte

Dann geht es im Mietwagen nach Lampang. Im thailändischen Straßenverkehr gibt es nur eine einzige Regel: Might has right – der Stärkere hat Vorfahrt. Das können sich auch all die Autofahrer merken, die hier ohne Führerschein, ohne Fahrschulunterricht und ohne Versicherung fahren. Schilder und Ampeln werden eher als Empfehlung gesehen. Um unsere Überlebenschancen zu erhöhen, besorgen wir uns eine einheimische Gebetskette aus Blumen.

Man weiß nicht, ob es hilft, aber schaden kann es ja nicht

Im allgemeinen gilt Linksverkehr. Ausgenommen sind Radfahrer, Roller, Tuk-Tuks und alle Fahrzeuge, die nachts ohne Licht fahren. Die dürfen auch rechts fahren oder in der Mitte oder wo auch immer man sie am wenigsten erwartet. Ach ja, und kurze Strecken von weniger als 100 Meter darf man auch auf der Autobahn gegen die Fahrtrichtung fahren – um unnötige Umwege zu vermeiden. So bleibt jede Fahrt ein spannendes Erlebnis.

Abends gibt es dann unaussprechliche Köstlichkeiten auf dem Nachtmarkt. Dieses mal versuchen wir dampfgegarte, gummiartige blaue Geleeteigtaschen mit einer unbeschreiblichen Füllung. Das Ganze verhält sich im Mund, als ob es leben würde und auf keinen Fall geschluckt werden will. Aber lecker.

Köstlichkeiten auf dem Nachtmarkt
Namenlose Süßspeisen auf dem Nachtmarkt

Eigentlich ist vegetarische Ernährung in Thailand kein Problem,  wenn da nur die Sprache nicht wäre. Der ratlose Vegetarier steht dann vor den Töpfen mit lecker duftenden Curries und rätselt über den Inhalt. Auf die Frage „Only vegetables?“ nickt der Koch stolz, zeigt auf einen Topf und antwortet „Only vegetables!“. Zeigt man auf den gleichen Topf und fragt „Chicken?“, dann nickt er ebenfalls und antwortet mit strahlendem Lächeln „Chicken!“. Man kann dann noch den ultimativen Gegen-Check machen und den Koch fragen „Can I  eat your mother?“. Es gibt dann zwei Möglichkeiten: Wenn er stolz nickt und „Mother!“ antwortet, sucht man sich lieber ein anderes Restaurant mit besseren Englischkenntnissen. Im zweiten Fall muss man sich ebenfalls ein anderes Restaurant suchen, dann aber mit blauem Auge.

Meine thailändische Simkarte ist toll. Ich habe an einem Tag 23 solche Nachrichten bekommen, unter anderem von true money, true girls und true love:

SMS Nachrichten

Lampang ist touristisch eher unbekannt, bietet aber etliche wunderschöne Tempel, wie diesen massiven Elefantenschrein aus etwa zehn Milliarden Karat Gold:

Goldener Tempel mit Elefant
Der goldene Elefant

Nachhaltigkeit geht im Buddhismus so: der Pilger kauft am Eingang des Tempels Blumen, opfert sie am Altar und fühlt sich gut. Der Blumenverkäufer räumt alle zehn Minuten den Altar auf, verkauft die eingesammelten Blumen an den nächsten Pilger und fühlt sich ebenfalls gut. Ein geschlossener Kreislauf, bei dem sich auch die Natur gut fühlt.

Von Lampang aus machen wir einen Tagesausflug zum Wat Chaloem Phra Kiat Phrachomklao Rachanusorn (auf Deutsch: Pagoda in the sky). Mitten in den Bergen haben Mönche auf die unmöglichsten Felsen kleine Tempelchen gebaut. Denn je anstrengender der Bau, desto größer die Ehrerbietung gegenüber Buddha.

Pagoda in the sky
Fast in den Himmel gebaut

Anstrengend ist auch der Aufstieg über unzählige Treppen über fünfhundert Höhenmeter bei 35 Grad im Schatten. Aber alle Mühe ist vergessen, wenn man vor den Tempeln in der Stille der Bergwelt steht und die heilige Glocke der Erleuchtung anschlagen darf, bis der Fels wackelt.

Die Glocke schlagen
Gleich sind alle wach…

Auf dem Rückweg besuchen wir noch ein besonderes Highlight: Die versteinerten Fußabdrücke Buddhas. Ich habe allerdings Zweifel an der Echtheit, denn erstens lebte Buddha nicht in der Steinzeit und zweitens hatte er nicht Schuhgröße 250. Aber andere Religionen rühmen sich ja auch mit allerlei zweifelhaften Reliquien, da sollte man vielleicht nicht zu kleinlich sein.

Buddhas footsteps
Die Fußstapfen des Erleuchteten

Von Lampang nach Sukhothai

Von Lampang führt unser Weg nach Süden, vorbei am einzigen Elefantenhospital Thailands. Hier werden kranke Wildelefanten mit riesigen entzündeten Hämorrhoiden operiert und ausgediente Arbeitselefanten versorgt.

Elefanten beim Baden
Badetag im Elefantenhospital

Überhaupt scheinen Elefanten hier in der Gegend einen hohen Stellenwert zu haben, wie dieses Tempelbildnis zeigt:

Skulptur einer göttlichen Elefantenfamilie
Göttliche Elefanten

Unterwegs kann man Weisheit und Erleuchtung direkt ins Hirn tanken:

Tempelfigur
Tankstelle für Weisheit

In der ehemaligen Königsstadt Sukhothai sind weitläufige Tempelruinen zu bestaunen, die man am Besten mit dem Fahrrad erkundet.

Ruinen von Sukhothai
Die Ruinen von Sukhothai

Besonders schön sind die Ruinen bei Nacht:

Stupa in Sukhothai bei Nacht
Pagoda by night

Vor allem, wenn man die Silvesternacht in so einer wunderschönen Umgebung erleben darf. Die Vorführungen der traditionellen Tanz- und Musikgruppen aus allen Regionen Thailands waren zwar interessant, aber für europäische Ohren auf Dauer etwas anstrengend.

Silvester in Sukhothai

Bangkok hat etwa 10 Millionen Einwohner. Die meisten davon waren heute mit uns zusammen auf der A1 im Neujahrs-Rückreisestau. Wir haben dabei unsere Position im unteren Drittel der Hackordnung im Straßenverkehr gefunden: Busse, Trucks, Minibusse, SUV und Vans stehen unangreifbar über unserem Mittelklasse-Honda und werden von uns respektvoll gemieden, egal wieviel Vorfahrt wir theoretisch haben. Am anderen Ende der Nahrungskette kämpfen Fußgänger, Radfahrer, Handkarren, Rollerfahrer und Tuk-Tuks um ihr Überleben.

Am Ende eines langen Tages erreichen wir dann das schmucklose Sing Buri (das Bielefeld Thailands) als letzten Zwischenstop vor dem Flug nach Kambodscha, aber das ist eine andere Geschichte.

Sonnenuntergang in Sukhothai
Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon so spät…




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Autor: sinnlosreisen

Geschichten über die lustige Seite des Urlaubs

6 Kommentare zu „Thailand“

  1. Benötige Nachhilfe: der zahlreich vorhandene kleine, vielarmige Elefantengott ist mir bisher nur aus dem Hinduismus als Beseitiger der Hindernisse bekannt. Hat er sich verlaufen? Oder was hat es mit ihm auf sich?
    Bezüglich der Schuhgröße von Heiligen (man könnte auch, gesetzt, Wiedergeburten kommen in Frage, Mehrfachtritte annehmen) sollte man tatsächlich Zurückhaltung üben. Erstens gibt es da unter Umständen Leute mit wenig Toleranz, außer eben bei der Schuhgröße. Und dann, ganz recht: man bräuchte in keine einzige Kirche oder Kapelle in unseren Breiten mehr zu gehen. Jede hat da was zu bieten, was nur mit viel religiöser Inbrunst oder halt einer gewissen Weitherzigkeit in Hinsicht auf die Annahmen und Möglichkeiten der Leute und der Welt akzeptabel erscheint.

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