Ein spottbilliger Direktflug von Friedrichshafen nach Belgrad löste bei den SinnlosReisenden einen spontanen Städtetrip in die serbische Hauptstadt und einige unbequeme Fragen aus:
Gibt es dort außer Serbischem Reisfleisch und Cevapcici auch vegetarisches Essen? Wie war das nochmal genau mit den Massakern von Srebrenica gewesen? Hatte nicht sogar ein serbischer Nationalist mit dem Attentat von Sarajevo den ersten Weltkrieg ausgelöst?
Das sind Assoziationen, die den Sympathiefaktor nicht gerade ins Unendliche wachsen lassen. Und dann verwenden die Serben auch noch diese eigenartige Schrift.

Das beste Mittel gegen Vorurteile ist immer ein persönlicher Besuch vor Ort. Der erste Eindruck war eine positive Überraschung: der ÖPNV ist in Belgrad komplett kostenlos. Böse Zungen behaupten, der öffentliche Nahverkehr sei eh so kaputt, dass man dafür kein Geld mehr verlangen könne. Aber wer das behauptet, ist noch nie mit der Deutschen Bahn gefahren. In Belgrad erkennt man wenigstens einen Wandel zum Besseren.

Damit steht einer entspannten Stadtbesichtigung nichts mehr im Weg.
Ein kleiner Stadtrundgang
In Belgrad liegt Altes und Modernes oft nah beinander.


Zur Donau hin ist die Stadt durch eine stabile Festung geschützt. Hinter den dicken Mauern ist man bis auf die Zähne bewaffnet, um sich verteidigen zu können. Gegen wen auch immer.



Vor der Kirche des heiligen Markus zeigt eine Skulptur, dass fortgeschrittene Meditationstechniken nicht nur in Indien oder Asien üblich waren.

In der Markuskirche bekommt der Gläubige ein faires Angebot: wenn ihm der Gottesdienst zu langweilig wird, kann er für die Beendigung der Kirche spenden. Amen, aus, wir gehn nach Haus.

Im Inneren der Kirche fällt ein massiver Sarkophag auf, dessen kyrillische Inschrift ich nicht entziffern konnte. Das Todesjahr 1355 führte mich aber auf die Spur: es handelt sich um den berühmten Zar Dusan.

Ich kannte den Herrn zuvor auch nicht; er hat ja auch deutlich vor meiner Zeit gelebt. Zar Dusan ist sowas wie der Nationalheld Serbiens. Unter seiner Herrschaft im 14. Jahrhundert erlebte Serbien seine goldenen Jahre. Das damalige Staatsgebiet umfasste Albanien, Montenegro, Kosovo, Nordmazedonien, große Teile des heutigen Griechenlands sowie Teile von Rumänien, Bulgarien und Kroatien.
Rechtsnationale Kreise träumen bis heute von einem Groß-Serbien inklusive Meerzugang, deshalb sollten sich vielleicht eher die Nachbarn verteidigungsbereit machen. Da kann man nur hoffen, dass im Nationalparlament keine dunklen Wolken aufziehen.

Im Künstlerviertel um die Skadarska-Straße ging es ziemlich entspannt zu. Vielleicht lag es auch an der Uhrzeit am frühen Nachmittag.


Wegen fehlendem künstlerischem Angebot machten wir uns auf den Weg zur Einkaufs- und Flaniermeile Belgrads, die Kneza Mihaila.

In der Fußgängerzone wird kostenlos Basiswissen vermittelt. Wer immer schon Probleme hatte, sich den Wert für die Erdbeschleunigung zu merken, dem wird hier geholfen.

Die Erdbeschleunigung braucht man, um auszurechnen, wie lange das Handy benötigt, bis es von der Aussichtsplattform des Gardos-Turms auf dem Boden zerschellt. Beispielsweise. Das dauert etwa 2 Sekunden, gerade genug Zeit für einen kräftigen Fluch.


Nach etlichen Laufkilometern machte ich abends noch einen Besuch im Puff. Hier gab es alles, was ein Mann nach einem anstrengenden Tag braucht.


Dom des Heiligen Sava
Ein Highlight in Belgrad ist der Dom des Heiligen Sava, eine der größten Kirchen der Welt. Ihr Bau begann im Jahr 1935, wurde mehrmals unterbrochen und erst 2016 beendet. Die Kirche im serbisch-byzantinischen Stil erinnert an die Hagia Sophia, nur etwas größer.


Im Innenraum wurde ein gigantisches Gold-Mosaik verlegt, das die Baukosten in schwindelerregende Höhen trieb.



Die Mosaike an den Wänden illustrieren Szenen aus dem Alltag der orthodoxen Christen.




Größte Sponsoren beim Bau des Doms waren die Firma Gazprom und ein gewisser W. Putin. Die haben größere Millionenbeträge gespendet, ganz ohne Hintergedanken oder Gegenleistungen. Diese großherzigen, uneigennützigen Spenden haben auch rein gar nichts mit den in Serbien dominanten Gazprom-Tankstellen zu tun. Oder damit, dass in bester Citylage das Hotel Moskau steht.

Nikola Tesla lebte nie in Belgrad
Tesla war ein Erfinder mit etlichen genialen Ideen, die sich leider nicht durchsetzten. Beispielsweise forschte er an einem Motor, der durch kosmische Strahlung angetrieben wird oder an der kostenlosen Versorgung der ganzen Welt mit elektrischer Energie durch eine riesige Antenne.
Die Belgrader scheinen Tesla als einen Sohn ihrer Stadt zu betrachten, denn es gibt hier den Nikola-Tesla-Airport, das Tesla-Museum und eine Statue.

Erstaunlicherweise hatte Nikola Tesla mit Belgrad nicht viel zu tun. Eigentlich überhaupt nichts. Er wurde in Kroatien geboren, studierte in Graz und arbeitete in den USA unter Thomas Alfa Edison (Der mit der Glühbirne). Dort entwickelte er den Wechselstrommotor zu einer Zeit, als Edison verbissen auf Gleichstrom setzte. Damit zählt Nikola Tesla heute als einer der Wegbereiter der Elektromobilität.
Um seine Verdienste zu würdigen, wurde die SI-Einheit Tesla (Abkürzung: T) für die magnetische Flussdichte nach ihm benannt. Bei aller Bescheidenheit wünsche ich mir für mein Lebenswerk ebenfalls eine SI-Einheit: 1 Sinnlos (Abkürzung: S) ist die geistige Arbeit, die verrichtet wird, wenn man 1000 Wörter schreibt, die insgesamt keinerlei Sinn oder Nutzen für die Menschheit ergeben.
Ein Dilettanten-Wettbewerb löst den 1. Weltkrieg aus
Ach, übrigens ging mir beim Schreiben dieses Beitrags die Frage nicht mehr aus dem Kopf, wie denn eigentlich ein serbischer Attentäter den 1. Weltkrieg auslösen konnte. Ist es nicht beunruhigend, dass ein einzelner Mensch die ganze Welt in Schutt und Asche legen kann? Meine Recherche ergab in etwa folgenden Ablauf, der an Dilettantismus kaum zu überbieten ist:
Der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz-Ferdinand kündigte seinen Besuch im besetzten Sarajevo so rechtzeitig an, dass eine Verschwörergruppe sich wochenlang perfekt vorbereiten konnte. Die Fahrtroute war im Vorfeld minutiös genau bekannt gegeben worden, um möglichst viele Schaulustige anzuziehen. Sieben Attentäter verteilten sich an der Strecke, was kein gutes Bild auf ihr Selbstvertrauen wirft.
Die serbische Regierung bekam von der Sache Wind und schickte eine Warnung nach Wien. Die dortigen Bürokraten gaben die Information gar nicht erst weiter, denn Anschläge seien bisher immer erfolglos gewesen und man könne auf Gott vertrauen. Na dann.
Die Leibwache des Thronfolgers wurde dann während der Fahrt durch Sarajevo am Bahnhof zurückgelassen, um den Schmuck seiner Frau zu bewachen. Man muss schließlich Prioritäten setzen. Das Militär war gerade im Manöver und die Gendarmerie konnte wegen Personalmangel nicht die komplette Strecke absichern.
Die Verschwörer stellten sich ihrerseits ziemlich stümperhaft an und hatten trotz dieser idealen Voraussetzungen erstaunliche Schwierigkeiten. Die ersten beiden Attentäter erkannten den Thronfolger in der vorbeifahrenden Kolonne nicht und unternahmen nichts. Der Dritte fragte daraufhin einen Polizisten, der bereitwillig Auskunft gab. Der Spitzbube bewarf das Fahrzeug des Thronfolgers mit seiner selbst gebastelten Bombe, die aber von Franz-Ferdinand lässig mit der Hand abgewehrt wurde und eine Person in einem nachfolgenden Fahrzeug leicht verletzte. Zu wenig Sprengstoff.
Der Thronfolger sah sich in seinem Gottvertrauen bestätigt und ließ die Fahrt fortsetzen. Der vierte Attentäter bekam Angst vor den Konsequenzen und kniff, der Fünfte bekam Mitleid mit der Frau des Thronfolgers und unternahm ebenfalls nichts. Dann bog die Wagenkolonne falsch ab und hielt zwei Meter vor Gavrillo Princip, dem sechsten Attentäter.
Gavrillo war zwar erst etwas verblüfft über sein unverschämtes Glück, aber dann feuerte er die tödlichen Schüsse ab und schluckte sein Zyankali. Er hatte wohl ein Fläschchen mit abgelaufenem Verfallsdatum erwischt und erlitt nur ein mildes Erbrechen. Als er daraufhin versuchte, sich mit der Pistole in den Kopf zu schießen, überwältigte ihn der Mob, um ihn zu lynchen. Das verhinderte die inzwischen aufmerksam gewordene Polizei und verhaftete ihn, um ihn ins Gefängnis zu stecken, wo er dann nach wenigen Jahren starb. Das hätte man auch einfacher haben können.

Aber wie entwickelte sich nun der 1. Weltkrieg aus diesem Dilettanten-Wettbewerb?
Österreich-Ungarn kam der Anlass gerade recht, denn sie hatten ein Auge auf ganz Serbien geworfen. Deshalb stellten sie den Serben ein unerfüllbares Ultimatum und sicherten sich die Unterstützung Deutschlands. Die Serben hatten sich allerdings schon die Unterstützung von Russland gesichert, die wiederum mit Frankreich einen Pakt hatten und so weiter. Und so eskalierte dieses Ereignis von einer Fußnote der Geschichte zu einer der größten weltweiten Katastrophen.
Fazit
Unabhängig von allen historischen und politischen Verirrungen ist Belgrad eine quirlige, sympathische Stadt, die auf dem Weg in die Zukunft ist und ihre sozialistische Vergangenheit noch nicht ganz abgelegt hat. Der kostenlose, gut ausgebaute Nahverkehr macht das Reisen sehr unkompliziert. Die warme Jahreszeit eignet sich am Besten für einen Besuch, denn dann tobt draußen das Leben. Und um zur Eingangsfrage zurückzukommen: ja, es gibt genügend leckere vegetarische und vegane Restaurants.
