Vietnams Norden

Alte Bauernregel:
„Droht Zuhause nachts der Frost,
flieht der Rentner nach Fernost“.
Ein Reisebericht über den Verkehr in Hanoi, eigenartige Essgewohnheiten und ungewöhnliche Felsformationen in der Ha Long Bucht.

Heute möchte ich über unsere Reise durch Vietnam aus dem Jahr 2014 berichten. Das ist zwar schon eine ganze Weile her und ich kann nicht garantieren, dass die Zustände heute noch so sind, wie wir sie erlebt haben. Aber dieses kleine Land mit seinen unendlich hilfsbereiten und freundlichen Menschen und seinen erstaunlichen Kulturschätzen hat einen Platz auf diesem Blog redlich verdient.

Anreise nach Hanoi

Die SinnlosReisende zog es nach Vietnam, aber nach einem traumatischen Erlebnis mit heftigen Turbulenzen hatte sich eine hartnäckige Abneigung gegen Flugreisen bei ihr festgesetzt. Da der Landweg nach Vietnam ziemlich beschwerlich ist, gab ich mein Bestes, um ihr Vertrauen in dieses Reisemittel zu stärken. Ich zitierte aus dem Internet, dass Vietnam Airlines eine der modernsten Flotten der Welt besitzt, lauter bewährte Modelle von Boeing und Airbus, und betete Statistiken herunter, nach denen Fliegen deutlich sicherer als Autofahren, Bügeln oder Zähneputzen ist.

Als ich zwei Wochen vor dem Abflug das Autoradio einschaltete, wurden all meine Bemühungen von einer Eilmeldung vernichtet: „Eine Boeing 777 der Malaysia-Airlines ist vor der vietnamesischen Küste spurlos verschwunden“. Die SinnlosReisende sagte nichts, aber ihr Gesichtsausdruck sagte trotzdem alles. Zum Glück waren die Buchungen nicht stornierbar.

Der Flug MH370 wird bis heute vermisst, aber unser Flug nach Hanoi verlief zu meiner Erleichterung völlig problemlos. Wir nahmen ein Taxi in die Innenstadt und beobachteten staunend den Verkehr, der durch die Straßen flutete. Es gab auffallend wenige Autos aber umso mehr Roller. Das Chaos war faszinierend, denn es gab weder Ampeln noch Fahrspuren und alles wuselte geschäftig durcheinander. Im Gegensatz zum Verkehr in Indien war die Stimmung dennoch immer rücksichtsvoll und entspannt. Ich hatte bereits an anderer Stelle berichtet, was alles auf einem Motorroller transportiert werden kann.

Roller in Hanoi
Straßenszene in Hanoi

Nach dem ersten Geldwechsel waren wir endlich Millionäre (leider nur in Dong, aber es ist trotzdem ein gutes Gefühl) und zogen zu einer ersten Erkundung los. Aus der Sicht des Fußgängers war die Sache mit dem Verkehr noch schwieriger: die Gehwege waren meist mit geparkten Rollern oder ausgelegten Waren zugestellt, und wo doch einmal Platz war, fuhren die Roller auch auf dem Gehweg. Der Verkehr hörte niemals auf und von alleine hielt niemand an, um Fußgänger auf die andere Straßenseite zu lassen.

Erst jetzt wurde mir klar, was die Reiseführer meinten, als sie die Regeln für das Verhalten als Fußgänger im Verkehr beschrieben: langsam in den strömenden Verkehr hineingleiten, nicht stehen bleiben, keine unvorhersehbaren Richtungsänderungen machen und niemals umdrehen! Das Ganze setzt natürlich voraus, dass man darauf vertraut, dass die Fahrzeuge rechtzeitig ausweichen. Eine gute Lebensversicherung und ein fester Glaube sind hilfreich, man sollte aber zumindest seine persönlichen Angelegenheiten geregelt haben.

Panta Rhei – Alles fließt

In den Auslagen am Straßenrand waren die wunderlichsten Dinge zu bestaunen. Meist wurde nicht klar, ob es essbar oder als Deko gedacht war. Auch die Art der Lebensmittel blieb oft unklar – tierisch oder pflanzlich, süß oder scharf, es ließ sich einfach nicht erkennen.

Undefinierbare Speisen an einem Straßenstand in Hanoi
Eigenartige Speisen

Schon bald wurde klar, dass wir vor einer Entscheidung standen: entweder den ganzen Urlaub ängstlich vor unbekannten Dingen stehen, oder ein Risiko eingehen. Wir wählten Team Risiko und aßen Pho Bo, die vietnamesische Nudelsuppe, auf Kinderstühlchen sitzend an einer Garküche am Straßenrand. Außerdem kauften wir in Öl eingelegte Früchte, aßen Ananas, gegrillte Maiskolben und frittierte Teigtäschchen mit Irgendwas. Und manchmal auch Speisen, von denen wir bis heute nicht herausfanden, aus was sie bestanden. Lecker war es immer.

Street Food auf Ministuhl in Hanoi
Street Food auf Kinderstühlchen

Das erste vietnamesische Frühstück gestaltete sich etwas mühsam, bis das Personal Mitleid bekam und uns Messer und Gabel brachte.

Vietnamesisches Frühstück
Frühstück

Bald entdeckten wir den vietnamesischen Kaffee mit seinem auffallend aromatischen Geschmack.

Vietnamesischer Kaffee
Vietnamesischer Kaffee

Vietnam ist nach Brasilien der zweitgrößte Kaffeeproduzent der Welt. Etwas Besonderes ist die Zubereitungsart. Eine Kellnerin bemerkte unsere hilflosen Blicke und erklärte uns, wie das mit dem Ca Phe Sua funktioniert: in ein Glas wird gezuckerte Kondensmilch gegeben. Auf dem Glas steht ein metallischer Filterbehälter mit dem fein gemahlenen Kaffee, in den heißes Wasser gegossen wird, das dann durch winzige Löcher in die Tasse tropft. Man braucht ein wenig Geduld, denn das kann ganz schön dauern, aber das Resultat schmeckt kräftig und sehr überzeugend, auch als Variante mit Eiswürfeln.

Von einem lieben Kollegen aus Vietnam bekamen wir einen Tip, woran man gute Restaurants erkennen kann. Da auch die Tische winzig sind, wird der Müll einfach unter den Tisch geworfen. Das Essen ist daher umso besser, je höher der Abfallberg ist, denn das ist ein Zeichen dafür, dass viel konsumiert wurde.

Vietnamesisches Straßenrestaurant
Ein Spitzenrestaurant

Die Ha Long Bucht

Vietnam gehört zu den wenigen Ländern, in denen wir nicht selbst fahren wollten. Aber auch ohne eigenes Fahrzeug ist in Vietnam die Mobilität völlig unproblematisch. Wir fragten im Hotel nach einem Ausflug in die Ha Long Bucht und eine halbe Stunde später war der Trip mit Übernachtung auf einem Boot gebucht, inklusive Abholung vom Hotel.

Die Anfahrt mit einem Kleinbus dauerte nur knappe drei Stunden, fühlte sich aber doppelt so lange an. Der Fahrer trainierte offensichtlich für die Formel 1 und verließ die Gegenfahrbahn erst Sekundenbruchteile vor dem Zusammenprall. Mehrmals erblickte ich das Weiße in den weit aufgerissenen Augen eines entgegenkommenden Fahrers. Irgendwann lernte ich, das Leben loszulassen und dann wurden wir vor unserem Schiff abgesetzt, der Classic Sail. Was ein irreführender Name war, denn das Boot hatte alles, aber keine Segel.

Boot in der Halong Bucht
Classic Sail
Auf dem Deck des Bootes in der Halong Bucht
Nicht der schlechteste Ort der Welt

Da die Felseninseln in der Ha-Long-Bucht ziemlich steil aus dem Meer ragen, gibt es kaum Platz zum Leben. Die Menschen hielt das nicht von einer Besiedelung ab. Seit Jahrhunderten leben sie auf schwimmenden Dörfern.

Schwimmendes Dorf in der Ha Long Bucht
Schwimmende Dörfer in der Ha Long Bucht

Nach zwei Stunden entspanntem Tuckern brach plötzlich hektische Betriebsamkeit aus. Mehrere Schiffe drängelten sich um die beste Position für einen freien Blick auf das Wahrzeichen der Ha-Long-Bucht: die Zwillingsfelsen.

Schiffe drängeln sich um das Wahrzeichen der Ha Long Bucht
Drängelei
Die Zwillingsfelsen als Wahrzeichen der Ha Long Bucht
Das Wahrzeichen

Dann hatten wir unser Tagesziel erreicht und ankerten in einer Bucht für die Nacht. Wir besuchten eine Tropfsteinhöhle mit eigenartigen Felsformationen und herrlichen Ausblicken.

Tropfsteinhöhle in der Ha Long Bucht
Tropfsteinhöhle
Blick aus einer höhle auf die Ha Long Bucht
Blick aus der Höhle
Der sitzende Fels in der Ha Long Bucht
Der Sitzende Fels (rechts oben sieht man seine Füße baumeln)

Während unsere Bootsmannschaft einige Tintenfische für das Abendessen fing, paddelten wir mit dem Kajak zu einem der wenigen Sandstrände. Die SinnlosReisende ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen und schwamm mit einigen kräftigen Zügen direkt in eine Ha-Long-Qualle, was ihr ein kostenloses Tattoo am Unterarm verschaffte. So nimmt halt Jeder seine ganz speziellen Erinnerungen an den Urlaub mit nach Hause.

Paddeln mit dem Kayak in der Ha Long Bucht
Paddeln in den Sonnenuntergang

Nach unserer Rückkehr in die Hauptstadt machten wir uns auf den Weg an die Ostküste von Vietnam. Aber davon werde ich im nächsten Beitrag berichten.

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Autor: sinnlosreisen

Geschichten über die lustige Seite des Urlaubs

21 Kommentare zu „Vietnams Norden“

  1. Wunderbarer Bericht!
    Wir waren zwei Jahre vorher dort und hatten ähnliche Erlebnisse. Halongbucht leider im Nebel, was sehr mystisch war. Das essen der Suppe auf den kleinen Stühlen hatte was😄 – Kaffee mit der dicken Kondensmilch, hmmm!
    Ich empfand damals Unterschied zwischen Nord-Südvietnam wie Ost und West früher. In Saigon beeindruckte mich das Museum über den Krieg, auch deshalb weil beide Seiten dargestellt wurden.
    Es war eine der beeindruckendsten Reisen, die wir unternommen haben.
    Frühlingshafte Grüße aus dem Norden☀️
    Jutta

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    1. Dankeschön.
      Oh, dann muss ich meine Einschätzung gegenüber viewinghood revidieren bezüglich der Stühle. Ich hatte gehört, dass sich das inzwischen geändert habe.
      Es war übrigens auch für uns eine der schönsten Erfahrungen.

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    1. Also, offiziell ist Rechtsverkehr. Aber praktisch nimmt man das in den Städten nicht so genau. Gerade in Hanoi fährt alles durcheinander, wo halt gerade Platz ist. Das macht es für Außenstehende so spannend, weil man nie weiß, von welcher Seite der Verkehr gerade kommt. In Ho Chi Minh City ist das etwas anders; da gibt es getrennte Fahrspuren (und sogar Ampeln!) und es läuft etwas geordneter ab.

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  2. Kann bzgl. Hanoi alle Erfahrungen teilen!! Leider war ich nicht in der Ha Long-Bucht, was ich angesichts Deines Berichts bedaure (ich bin ein Fan tropischer Kegelkarstlandschaften). Aus meiner Jugend ist mir der „Norden Vietnams“ immer eher als „Nordvietnam“ in Erinnerung, ich habe daher in Hanoi viel Zeit damit zugebracht, die Spuren des unsäglichen Krieges aufzusuchen – z.B. das Hualong Gefängnis („Hanoi Hilton“ bei den Amis), in dem z.B. John McCain gefangen war. Danke, Marco, für das Teilen Deiner Reise-Erlebnisse, schönen Sonntag in den Süden!

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  3. Oh, das klingt so schön, da würde ich unwahrscheinlich gern mal hin. Aber ich würde vermutlich den ganzen Urlaub wie angewurzelt und völlig fassungslos irgendwo an einer Straße stehen und dann verhungern, weil ich mich nicht trauen würde, „mich in den fließenden Verkehr gleiten zu lassen“.

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  4. So ähnlich erging es mir mit dem Verkehr in Kathmandu. Mein Vertrauen, dass sie schon noch langsamer machen werden, war verschwindend gering. Irgendwann heftete ich mich einfach an die Fersen von Einheimischen.

    Euer Busfahrer hatte ja die Ruhe weg. Natürlich habt ihr vor der Fahrt euren Nachlass geregelt und eure Liebsten nochmal angerufen…? Überlebt man aber das Ganze, dann wirkt die Halong Bucht vermutlich umso schöner.

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  5. Zuerst einmal ein großes Kompliment dafür, dass du dich nach so langer Zeit überhaupt noch daran erinnerst, da gewesen zu sein. Zehn Jahre sind ja eine Ewigkeit!

    Bzgl. Vietnam kann ich lediglich beim Thema Kaffee mithalten. Den trinke ich gerne und regelmäßig in den diversen einschlägigen Restaurants in Berlin. Aber das Land selbst steht schon länger auf meiner Liste. Irgendwann schaffe ich es dorthin, und dann werde ich mich an dich und deine Erlebnisse erinnern, an denen du uns hier netterweise teilhaben lässt. Die Tattoo-Session, der sich die Sinnlosreisende ausgesetzt hat, werde ich aber vermutlich nicht nachahmen. Ist sie das unfreiwillige Souvenir je losgeworden oder ist sie entstellt fürs Leben?

    Der Verkehr wirkt zwar chaotisch, aber, wie du schon schreibst, nicht ganz so halsbrecherisch wie in Indien. Da wiederum kann ich ja auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Die Halong-Bucht ist natürlich ein Muss auf so einer Tour. Scheint aber irgendwie normal zu sein, dass das Wetter dort eher grau in grau auftritt. Habe ich schon von vielen gehört und auf deinen Fotos so wahrgenommen. Schön isse natürlich trotzdem. Freue mich schon auf die Fortsetzung!

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    1. Zum Glück hatte ich schon damals eine Rohfassung unserer Erlebnisse notiert, aber irgendwie nie die Kurve gekriegt, das zu überarbeiten. Manches braucht halt länger.

      Das Tattoo ist im Lauf der Zeit verblasst, aber es ist immer noch zu ahnen. Also besser nicht nachmachen 😀.

      Ha Long war tatsächlich ziemlich trübe, aber das hat nicht gestört. Im Gegenteil, das hat diese mystische Stimmung noch verstärkt.

      Also, unbedingt einplanen! Der Verkehr ist nicht so schlimm, da kommt man schon klar. Vor allem wegen der asiatischen Zurückhaltung.

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  6. Ich erinnere mich an einen Riesengorilla (Gorilla gorilla giganticaricatura oder so) herumsaß statt eines angemessen hierherpassenden Giganthopichecus. Und dass der Profifotograf seine Kamera dort liegen ließ und so der Bus nochmals umkehren mußte. Auch ein Andenken an die Ha Long Bucht.
    Der Versuch, die Reisratte mit dem Fahrrad zu überfahren, fand weiter im Süden statt.
    Und ja, die vietnamesischen Suppen halten den Reisenden aufrecht. Nach entsprechenden Verkehrserlebnissen kann man so etwas schon vertragen.

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    1. Reisratten? Riesengorillas? Sowas haben wir nicht gesehen. Wir waren aber auch nicht in den Bergen im Norden.

      Zu den Suppen hatte ich auch ein Erlebnis, über das ich nächstes Mal berichten werde.

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      1. Oh doch. Gut, der Gorilla war künstlich. Sollte in irgendeinem Film mitspielen, der so wenig Sinn ergab, wie seine Vorläufer. Aber die Reisratte war echt und das Ausweichen der touristisch gesteuerten Fahrräder führte zu ihrem Überleben und dafür einem Fahrradunfall.

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