Fuerteventura für Singles

Eine Reise in die Vergangenheit, denn dies ist mein allererster Reisebericht. Und mein erster Urlaub alleine.

Als ich meiner besten Freundin von meinen Bedenken erzählte, ob so eine Singlereise nicht zu einsam und langweilig sei, meinte sie, ich könne ihr ja regelmäßig von meinen Erlebnissen schreiben. Frontberichte täglich aktuell. So kam es, dass meine allererste Reisegeschichte entstand. Quasi der Zeugungsakt dieses Blogs, auch wenn es bis zur Geburt noch ein paar Jahre dauern sollte.

Tag 1 – Packen und Anreise

07:00 Uhr. Als meine Augen sich an diesem Apriltag im Jahr 2013 widerwillig öffnen, fällt mir die ungewöhnliche Helligkeit auf, die von draußen ins Schlafzimmer des angehenden Singlereisenden drängt. Die Sonne kann das eigentlich nicht sein, denn die wurde hier in diesem Teil Deutschlands schon lange nicht mehr gesehen. Ein Blick aus dem Fenster genügt, um mich wieder ins Koma zu versetzen – geschlossene Schneedecke im Garten! Armes Land.

08:00 Uhr. Beim zweiten Versuch geht es besser. Mir wird bewusst, dass ich dieses Mistwetter nur noch wenige Stunden aushalten muss. Laptop anschalten, zur Sicherheit noch mal die Wetterprognose überprüfen. Tatsache, Fuerteventura 28 Grad, wolkenlos. Also ein letztes Mal frühstücken, Proviant für die Reise einkaufen und noch zwei Folgen „24“ gucken: „I’m Federal Agent Jack Bauer and today – is the longest day of my life!“. Genau!

Der mieseste Frühling aller Zeiten hatte mich in die Buchung dieser Not-Reise getrieben. Nach drei Wochen Regenwetter bei einstelligen Temperaturen war mir eines Morgens klar geworden: ein Leben unter diesen klimatischen Bedingungen ist ziemlich sinnlos. Eine Lebensweisheit fiel mir ein, die ich irgendwo gelesen hatte:

Wenn du erkennst,

dass dein Leben sinnlos ist,

bring dich um

oder mache eine Reise.

Die erste Variante erschien mir doch etwas zu endgültig, also entschied ich mich für den Urlaub. Da so kurzfristig keine Begleitung aufzutreiben war, geht es eben alleine los. Zum ersten Mal in meinem Leben. Schon etwas ungewohnt, aber warum auch nicht?

Bei der Buchung war mir eigentlich alles egal, ich hatte nur zwei Bedingungen: am Zielort muss es mindestens fünfundzwanzig Grad warm sein und aus Zeitgründen soll es ein Direktflug ab Friedrichshafen sein. Nach kurzer Recherche fällt meine Wahl auf Fuerteventura mit Halbpension und Sonnengarantie. Abflug vormittags im Schneetreiben, mittags im Meer baden. Ein fast perfekter Plan.

Drei Tage vor dem geplanten Abflug erhielt ich dann eine Info vom Reiseveranstalter, dass der Abflug aus organisatorischen Gründen auf den Nachmittag verschoben werden musste. Das kostete mich einen halben Tag meines Urlaubs, aber wer wird denn schon so kleinlich sein und sich davon die Urlaubsstimmung vermiesen lassen?

10:30 Uhr. Einer der Vorteile am Alleinereisen zeigt sich schon jetzt: Packen ist in einer knappen halben Stunde erledigt. Zumindest für alleinreisende Männer geht das völlig entspannt vonstatten. Für jeden Tag ein T-Shirt, Unterwäsche, Badesachen, Lesestoff, Kreditkarte und fertig ist die Laube. Ach ja, Sommerschuhe – ist schon so lange her, dass ich mich kaum erinnern kann, wo die verstaut sind.

11:30 Uhr. Schnell noch eine Tiefkühlpizza in den Ofen geschoben und eine letzte Folge „24“ geschaut, dann kann es losgehen. Jack Bauer steckt gerade schwer in Schwierigkeiten; um genau zu sein wird er gerade von den bösen Terroristen zu Tode gefoltert. Ich bin schon gespannt, wie er da wieder heil rauskommt, aber das muss jetzt warten.

15:15 Uhr. Das Gate am Friedrichshafener Großflughafen ist schnell gefunden; es ist der einzige Flug an diesem Nachmittag. Der Flieger startet pünktlich und ein Anflug von Urlaubs-Euphorie überkommt mich. Und der Tipp aus Timmerbergs Reise-ABC bewährt sich: Anfänger wählen einen Fensterplatz, Reiseprofis wählen Gang. Man hat viel mehr Freiraum für die Beine, zumindest für das Eine, das auf den Gang hinausragt. Und man kann immer wieder aufstehen, um sich zu strecken, ohne die ganze Sitzreihe zum Aufstehen und Auseinanderfalten zu bewegen. Das werde ich auch brauchen.

18:00 Uhr. Wir sind wieder in Friedrichshafen. Nicht am Boden, nein, aber in zehntausend Metern Höhe überfliegen wir den Bodensee! Es handelt sich um eine kurzfristige Flugplanänderung, die keiner so richtig versteht. Selbst die Flugbegleiter sehen etwas ratlos aus. Nach dem Start flogen wir erst mal nach Norden, machten eine Zwischenlandung in Dresden, tankten das Flugzeug auf und sammelten ein paar wartende Sachsen auf. Mein sorgfältig ausgewählter Direktflug ist damit Makulatur, aber ich weigere mich standhaft, meine Urlaubslaune davon ruinieren zu lassen. Dresden liegt nicht gerade auf dem Weg zu den Kanarischen Inseln, aber vielleicht ist der Sprit in Dresden billig?

20:00 Uhr. Die Stewardess rammt mein in den Gang ragendes Bein mit dem Getränkewagen. Nächstes Mal nehme ich mir doch lieber wieder einen Fensterplatz. Immerhin, ihr Lächeln war die Schmerzen wert. Andererseits, ein bisschen aufgesetzt wirkte das Lächeln im Nachhinein. Je länger ich drüber nachdenke, desto mehr bekomme ich das Gefühl, dass sie es insgeheim doch ein klein wenig genossen hat, so einem lästigen Passagier mal unauffällig zu zeigen, wer hier die Lufthoheit hat.

22:00 Uhr. Endlich landet der Flieger in Fuerteventura. Wieviel Grad mag die Luft wohl haben, wenn sie sich wärmer anfühlt als die eigene Haut? Bingo! Die einstündige Busfahrt zum Hotel vergeht wie im Flug. Außer mir fährt ein Dresdner und sonst lauter Engländer in der Altersklasse Ü75 in Richtung Costa Calma. Neben mir sitzt ein 81-jähriger, der mich mit Geschichten aus dem Krieg unterhält. Ich glaube, er meinte den Zweiten Weltkrieg, aber sicher bin ich mir im Nachhinein nicht mehr. Er kämpfte unter anderem in Kenia. Ich darf seinen Medikamentenkoffer tragen, weil er am Krückstock keine Hand mehr frei hat. Scheint ein ruhiger Urlaub zu werden.

23:30 Uhr. Endlich eingecheckt im Hotel Melia Gorriones. Ein erster Orientierungsgang ergibt grünes Licht in fast allen Bereichen. Poollandschaft im Palmenwald, Zimmer mit Balkon zum Meer, Doppelbett zur Alleinbenutzung. Einziges Manko: es gibt kein WLAN in den Zimmern. Für 30€ die Woche kann man in der Hotellobby online gehen. Mist, „24“ will ich nicht in der Lobby fertig schauen. Egal, um dieses Problem kümmere ich mich morgen.

Hotel Melia Gorrones in Fuerteventura
Abendlicher Blick vom Balkon auf die Hotelanlage

Tag 2 – Am Rande der Depression

06:30 Uhr. Ich werde wie immer zu früh wach, aber was soll’s – Schnell aus der Not eine Tugend gemacht und runter zum Strand. Endlose Weiten tun sich auf – und kein Mensch in Sicht, nur ein paar verschlafene Möwen überprüfen, was das Meer über Nacht angespült hat.

07:30 Uhr. Sonnenaufgang. Ich bin seit einer Stunde in Richtung Süden unterwegs und habe keinen Menschen getroffen. Hier offenbart sich eine neue Deutung des Wortes Singlereise – Ich bin hier tatsächlich ganz alleine.

Menschenleerer Sandstrand
Einsamkeit in seiner schönsten Form

08:00 Uhr. Bin zurück im Hotel und habe ein paar Runden in einem der unberührten Becken gedreht. Ich habe den ganzen Pool für mich alleine – geil! Wo sind die bloß alle? Als ich den Pool verlasse, fällt mir ein Schild auf: „Die Pools werden von 20 Uhr abends bis 9 Uhr morgens gechlort – Benutzung streng verboten!“ Wer lesen kann, ist eindeutig im Vorteil.

Menschenleerer Pool am Morgen
Frühmorgens – der ganze Pool für mich alleine

09:00 Uhr. Frühstücksbuffet. Ich bekomme einen Tisch für mich alleine, was mir ganz recht ist. Vor der zweiten Tasse Kaffee bin ich sowieso kein guter Gesprächspartner. Meine Hand riecht auffällig nach Chlor, obwohl ich zur Dekontaminierung ewig geduscht habe.

10:00 Uhr. Gammeln, Lesen, Siesta, Dösen – Herrlich. Die einzige Störung ist die Blase, die alle paar Stunden geleert werden muss.

20:00 Uhr. Abendessen am Buffet. Die meisten Speisen halten nicht das, was ihr Aussehen verspricht. Ich halte mich an den Fisch, frisch vom Koch zubereitet: Show-Cooking. Mein erstes Wort an diesem Tag lautet „Gracias“, ist an die Bedienung gerichtet und kommt um 21:00 Uhr über meine Lippen. Eigenartig, seine eigene Stimme nach so langer Zeit wieder zu hören.

Im Speisesaal erkenne ich eine klare Ordnung. Ganz oben in der Hierarchie stehen die Großfamilien, die mit drei Generationen an runden Tischen sitzen. Dort geht es lustig zu, alle reden durcheinander und die Laune ist permanent überschäumend gut.

Dann gibt es die klassische Kleinfamilie am Vierertisch, bei Bedarf mit zusätzlichem Kinderstuhl: Zwei Eltern mit ein bis drei Kindern, alle noch nicht im schulfähigen Alter. Hier ist die Stimmung ganz anders – die Eltern wirken meist genervt, die Zwerge sind je nach Alter mehr oder weniger anstrengend. Die Mundwinkel zeigen eher nach unten, die Gesprächsthemen drehen sich ums Organisieren und darum, wie man anständig das Abendessen übersteht, ohne allzu viel Aufsehen zu erregen.

Dann gibt es noch die Pärchentische. Einige wenige scheinen verliebt zu sein, vor allem die Jüngeren, Händchen haltend, zwischen jedem Bissen ein Küsschen. Und dann gibt es viele Senioren, die ihren Frieden mit dem Partner gemacht haben und nicht mehr reden müssen. Man scheint sich schon alles gesagt zu haben.

Tja, und ganz unten in der Hackordnung stehen wir Singles. Allein am Tisch und daher zwangsläufig stumm. Das Essen schmeckt mir alleine nicht und ich habe das Gefühl, ich bin im falschen Film. Wie zum Teufel konnte ich glauben, dass ein Urlaub alleine irgendeinen Sinn haben könnte? Eine Flasche spanischer Wein landet gerade rechtzeitig an meinem Tisch, um mich vor einer tiefen Sinnkrise zu retten. Der Kellner scheint eine gute Menschenkenntnis zu haben.

21:30 Uhr. Es ist zwar schon dunkel, aber ich mache einen Strandspaziergang im Mondlicht, diesmal in die andere Richtung. Nach einer Stunde treffe ich immer noch keine Menschenseele und da ist absolut nichts, obwohl da laut Google Maps eigentlich ein anderes Hotel sein müsste. Ich lege mich auf eine vergessene Strandliege und frage den Mond, was der Sinn des Lebens ist. Er antwortet nicht.

Auf dem Rückweg ist der Mond hinter einer Wolke verschwunden und es ist verdammt finster. Die Felsen, die auf dem Hinweg ganz harmlos aussahen, sind auf einmal unberechenbar scharfkantig und irgendwie viel steiler. Ich frage mich, ob es hier Skorpione gibt. Und nennt man die nicht „Jäger der Nacht“? Mir ist mehrmals, als ob ich huschende Geräusche hören würde, aber es ist mir letztlich egal. Vermissen würde mich hier sowieso niemand.

Tag 3 – Kontaktaufnahme

08:00 Uhr. Ich wache mit dickem Kopf auf – mit dem Wein muss ich wohl zukünftig etwas vorsichtiger sein. Ich hatte mich bis in die frühen Morgenstunden mit Lucy und ihrer Freundin auf meinem Zimmer vergnügt. Wie die beiden in mein Schlafzimmer kamen, ist mir im Nachhinein nicht mehr ganz klar, vielleicht hat mich der Wein unvorsichtig gemacht.

War das eine Nacht – kaum war ich mit Lucy nach mehreren Runden fertig, machte sich ihre Freundin an mich ran. Licht an, Licht aus, Licht an, Licht aus. Die Moskitos hier sind wirklich clever – sobald das Licht angeht, sieht man keine Spur mehr von ihnen. Heute muss ich unbedingt die Gesellschaft von Menschen suchen. Den Stechmücken Frauennamen zu geben, ist ein ernstes Anzeichen für beginnenden Realitätsverlust. Lucy fand ich als Namen ganz passend, weil die Mücke genauso fies war, wie ihre Namensvetterin in der Zeichentrickserie „Peanuts“.

Heute Abend bin ich mit Torsten zum Abendessen verabredet. Torsten ist diesmal kein Insekt, sondern der Dresdner, der mit mir im Bus angereist war. Ebenfalls Singlereisender, von daher können wir uns vielleicht gegenseitig aus der Patsche helfen.

12:00 Uhr. Inzwischen hat der Wind gedreht. Aus den fast vierzig Grad Saharaluft wurde dreiundzwanzig Grad Atlantikwind. Und schon macht die Insel ihrem Namen alle Ehre: der Wind ist so stark, dass man sein Handtuch festknoten muss. Und jetzt kriechen auch die Sportler aus ihren Löchern: Am bislang menschenleeren Strand kämpfen an die fünfzig Kite-Surfer um den ultimativen Sprung. Dazwischen Windsurfer und Wellenreiter aller Arten.

Kitesurfer am Strand von Fuerteventura
Der einsame Strand bevölkert sich

20:00 Uhr. Das Abendessen mit Torsten beruhigt mich wieder. Er macht schon immer alle Urlaube allein und findet das lustig. Beruflich ist er Nachtportier, wahrscheinlich ist er da an Einsamkeit gewöhnt. Stolz präsentiert mir Torsten die drei Bananen, die er am Nachtischbuffet im harten Nahkampf gegen andere Sachsen erbeuten konnte. Ich dachte eigentlich, diese Zeiten hätten wir hinter uns, aber ein Changeprozess ist eben ein Marathon und kein Sprint.

Tag 4 – Routine stellt sich ein

Uhrzeiten spielen keine Rolle mehr, hier verschwimmt alles im süßen Nichtstun. Ich habe aufgehört, mich zu rasieren und der Putzfrau gesagt, dass sie bis zu meiner Abreise nicht mehr in mein Zimmer kommen soll. Braucht man im Hotelzimmer überhaupt Kleidung, wenn man alleine ist?

Heute steht wieder Strandspaziergang auf dem Programm. Ich stelle fest, dass ich neulich nachts nur um einen weiteren Felsvorsprung hätte gehen müssen, um zu dem anderen Hotel zu kommen. Mir wird auch klar, warum der Rückweg dann so beschwerlich war. Ebbe und Flut, das ist die Lösung. Am späten Abend wird hier einiges unter Wasser gesetzt, was am frühen Nachmittag bequem und trockenen Fusses erreichbar ist. Moses lässt grüßen.

In einer der Sandbuchten entdecke ich eine Kolonie FKK-ler. Einige sind so hemmungslos, dass mir fast die gerösteten Erdnüsse wieder hochkommen. Man sollte eine Bekleidungspflicht ab einer gewissen Gewichtsgrenze einführen. Ich überlege, ob ich Greenpeace informieren soll, damit die eine Rettungsaktion für gestrandete Wale ankurbeln! Andererseits – ein paar knackige Mädels waren auch dabei, aber da hab ich natürlich nicht hingeschaut. Habs praktisch nur aus dem Augenwinkel erahnt. Ähm, Themawechsel…

Beim abendlichen Buffet gibt es Spanferkel, das mich vom Aussehen doch sehr an die Nacktbader erinnert. Mir vergeht der Appetit. Wieder bewahrt mich der Rotwein vor einer Sinnkrise. Der Kellner wird mein bester Freund. Er hat so einen verständnisvollen, wissenden Blick.

Nach dem Essen schaue ich das Championsleague Halbfinale Bayern gegen Barcelona im spanischen Fernsehen an. Das Spiel endet 4:0 für Bayern. Der spanische Kommentator steht offensichtlich kurz vor dem Herzstillstand, obwohl ich kein Wort verstehe. Aber Manches muss man auch nicht verstehen, und versteht es trotzdem.

Tag 5 – Die süße Rettung

Ich bin wieder früh wach und gehe an den Strand zum Joggen. Ich habe das Gefühl, ich könnte ewig weiter laufen, ohne Jemanden zu treffen. Doch, eine Möwe habe ich gesehen.

Diese Momente allein am Strand kann ich echt genießen. Das ist genau das, was ich früher in der Haupturlaubszeit an überlaufenen Hotelstränden vermisst hatte. Allerdings sind es dann insgesamt doch ein bisschen viele Momente auf einmal. Da wünsche ich mir manchmal schon Jemanden, mit dem ich mal ein paar Gedanken austauschen könnte. Selbstgespräche sind auf Dauer keine gesunde Lösung.

Menschenleerer Sandstrand
Allein am Strand

Nachmittags entdecke ich Renees Kite Center, versteckt in einem Palmenwäldchen direkt am Strand. Es gibt kostenloses WLAN unter der Voraussetzung, dass man sich während dem Surfen im Internet mit Drinks an der Bar bedient. Das klingt nach einem fairen Deal und ich lasse mir einen Caipirinha mixen. Als ich mir einen Strohhalm aus dem Spender nehme, zwinkert der Barkeeper mir vertraulich zu, als ob wir beide ein Geheimnis hätten. Komisch. Ob es daran liegt, dass ich einen rosaroten Strohhalm erwischt hatte? Später fand ich heraus, dass es auf den Kanaren eine große Gay Community gibt.

Am Strand
Süßes Nichtstun

Egal, nach dem dritten Drink ist mir eh alles wurscht. Als ich zurück zum Hotel gehe, fällt mir auf, dass der Sand viel, viel tiefer geworden ist, als beim Hinweg. Alles ist so anstrengend hier, man kann kaum geradeaus gehen, ohne zu stolpern. Irgendwas war wohl mit den Caipis nicht in Ordnung, meine Zunge und die Gesichtsmuskeln sind jedenfalls nicht mehr unter meiner Kontrolle. Ich habe dauernd ein dämliches Grinsen im Gesicht. Morgen steige ich um auf Mojitos.

Am Pool tritt ein stolzer Animateur mit braungebrannter, gockelhaft geschwellter Brust auf. Wassergymnastik für alle Altersklassen! Ich trete den Rückzug an.

Wassergymnastik am Pool
Wassergymnastik

Abends demütigt dann Borussia Dortmund im zweiten Halbfinale mit 4:1 die königsblauen Kicker von Real Madrid. Der Fernsehkommentator ist fassungslos Die stolze Seele des Spaniers liegt in Scherben am Boden.

Tag 6 – Ein Ausflug

Langsam gewöhne ich mich an das Alleinsein. Gestern Nachmittag unter den Palmen mit cooler Musik in Renees Kite-Center, das hatte schon eine gewisse Lebensqualität. Insbesondere in Verbindung mit den eisgekühlten Longdrinks lässt sich das ganz gut aushalten. Ich glaube, das wird mein Lieblingsplatz. Bin heute schon wieder dort und tue so, als ob ich wichtige Mails checken müsste. Im Hintergrund sülzt Lana del Ray ihr bittersüßes „Summertime Sadness“. Passt in diesem Fall genau. „Kiss me before you go“, seufzt sie verführerisch, aber hier ist Niemand zum Küssen da. Außer dem Barkeeper, aber das geht dann doch zu weit.

Heute steht mir wieder ein anstrengender Tag bevor: Nach dem Frühstück relaxen, Zeitung lesen, an den Strand, relaxen, Mittagsschlaf, an den Pool, relaxen. Ach, süße Langeweile, nimm mich in deine warmen Arme und lass mich nie wieder los!

Während ich auf dem Balkon meines Hotelzimmers lesend vor mich hin gammle, steht plötzlich unangemeldet die Hotelmanagerin neben mir und fragt, ob alles ok sei. Und das, obwohl ich demonstrativ mein „Do not disturb“-Schildchen an die Tür gehängt hatte! Ich glaube, die kontrollieren ab und zu, ob nicht Jemand in seinem Zimmer Schimmel ansetzt. Herzkasper wegen Altersschwäche, beispielsweise. Gut, dass ich mich doch dafür entschieden habe, meine Kleidung auch im Zimmer anzubehalten.

Nachmittags nehme ich den Bus ins Zentrum von Costa Calma. Zentrum? Welches Zentrum? Das Shopping Center entpuppt sich als Ansammlung von Straßenhändlern, die ihre Ware aus „regionaler Produktion“ zu überhöhten Preisen an gelangweilte Touristen verhökern wollen. Mit „regional“ sind wohl die Regionen in China gemeint, in denen die Wegwerfartikel und Markenkopien hergestellt werden.

Direkt daneben eine Arztstation, mit kostenlosem Blutdruckmessen im Angebot. Ideal für die hier vorherrschende Altersgruppe. Eine Apotheke wirbt damit, rezeptfrei günstiges Viagra und andere Wundermittel zu verkaufen; ein echtes Schnäppchen für den Mann im fortgeschrittenen Alter.

Auf dem Rückweg nehme ich einen kostenlosen Drink in irgendeiner All-Inclusive-Hotelbar am Strand – ich tue einfach so, als ob ich hier hergehöre und es funktioniert. Den Trick habe ich aus dem Roman, den ich gerade lese. Nicht fragen, einfach handeln.

Gesprächsfetzen vom Nachbartisch beim Abendessen: Sie: „Gell, Schatzi, heute kommt nicht schon wieder Fußball im Fernsehen?“ Er: „Nö, leider nicht“. Sie verdreht die Augen, als er sich grummelnd auf den Weg zum Buffet macht. Schön, wenn man sich so gut versteht.

Tag 7 – Die Wiederauferstehung

Heute hatte ich wieder eine lustige Nacht mit einer Freundin von Lucy. 200 Stiche an Armen und Beinen, ich sehe aus als hätte ich in einem Ameisenhaufen übernachtet. Um fünf Uhr erwische ich sie endlich, wie sie zufrieden, satt und schläfrig am Kopfende meines Bettes an der Wand hängt. Jetzt ist dort ein hässlicher Blutfleck.

Schlafen ist jetzt nicht mehr drin. Ich zieh im Dunkeln los und mache eine Strandwanderung. Und dann erlebe ich den schönsten Moment dieses Urlaubs: Auf der einen Seite geht der riesige bleiche Vollmond majestätisch hinter den Bergen unter – und auf der anderen Seite erhebt sich gleichzeitig die feuerrote Sonne am Horizont. Und dazwischen nur das Meer, der Strand und ich.

In diesen Minuten zwischen dem Ende der Nacht und dem Anfang des Tages wird mir klar, wie unbedeutend die ganzen Sorgen und Problemchen sind, die mich in letzter Zeit so gequält hatten. Und ich spüre plötzlich, wie die Energie durch meine Adern schießt. Ich spüre, dass ich stark und unbesiegbar bin, dass mich nichts aufhalten kann. Ich fühle mich wie eine Mischung aus Odysseus und Achilles (nur jünger) und jogge die ganze Strecke barfuss zurück zum Hotel, ohne einen Schweißtropfen zu vergießen. Welcome good times – I’m back!

Später beim Frühstück begrüßt mich ein hochgradig nervöser Torsten mit der Nachricht, dass unser Rückflug gecancelt wurde. Ihm wurden als Alternativen Berlin oder Leipzig angeboten. Odysseus lässt grüßen. Torsten scheint eh etwas vom Pech verfolgt zu werden. Er war damals gerade auf Mallorca, als der isländische Vulkanausbruch den ganzen Flugverkehr mit seinem Ascheregen lahm legte. Er musste dann mit Fähre, Bus und Zug auf dem Landweg zurück nach Dresden. Vielleicht liegt es am Musikgeschmack – er ist Fan der Blasmusikszene und geht auf Livekonzerte von Leuten, deren Name bei mir Gänsehaut auslöst.

Beim Aufstehen vom Frühstückstisch spüre ich die Nachwirkungen meines morgendlichen Laufes: meine Achillessehne schmerzt so stark, dass ich kaum die Stufen bis zur Toilette schaffe. Und dieses Andenken an meinen Singleurlaub werde ich für die nächsten sechs Wochen behalten. Man sollte sich eben nicht mit griechischen Halbgöttern vergleichen. Niemals.

Ich habe mich wieder in Renees Kitecenter niedergelassen. Diese letzten Zeilen schreibe ich unter Palmen bei einem Mojito. Mein Flug scheint doch planmäßig zu gehen, zumindest behaupten das alle Quellen, die ich im Internet finde. Anscheinend wurde nur der Abstecher nach Dresden storniert. Auch recht, ist vielleicht besser, nicht mit dem Pechvogel Torsten in einem Flieger zu sitzen. Mir bleibt noch Zeit, die Staffel „24“ zu Ende zu schauen. Jack Bauer hat mal wieder in letzter Sekunde die Welt gerettet. Ich bleibe noch ein wenig liegen, zähle die Palmenblätter über mir und schaue der Flut zu, wie sie langsam steigt. Seufz…

Unter Palmen
Unter Palmen

Tag 8 – die Rückreise

Am Flughafen von Fuerteventura treffe ich Torsten wieder. Er steigt gerade mit verzweifeltem Gesicht in den Flieger nach Leipzig, während ich mich am Nachbargate niederlasse. Beim Boarding stellt sich heraus, dass mein Flug doch wieder über Dresden geht, aber wegen Überbuchung mussten einige Passagiere umgebucht werden. Armer Torsten, manche Menschen haben einfach kein Glück.

P.S.: Meine beste Freundin hat mich damals zum Schreiben animiert. Inzwischen ist sie die SinnlosReisende, die meine schlimmsten Seiten kennt und mich trotzdem aushält. Danke.

Avatar von Unbekannt

Autor: sinnlosreisen

Geschichten über die lustige Seite des Urlaubs

15 Kommentare zu „Fuerteventura für Singles“

  1. Auch dieser historische Beitrag ist ein Lese-Leckerbissen vom Feinsten 😁. Ich kannte ihn noch nicht und bin dir dankbar, dass du aufgeräumt und hin und her geschoben hast. Gab es denn nach dieser denkwürdigen Reise noch weitere Versuche des Alleinereisens? Oder hat die Sinnlosreisende dieses und deine weitere Verwahrlosung rechtzeitig verhindern können?

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    1. Na, dann hat sich das Aufräumen doppelt gelohnt. Abgesehen von Geschäftsreisen und ein paar Städtetrips blieb es bei diesem Singleurlaub. Wenn man die SinnlosReisende fragen würde, hat sie meine Verwahrlosung trotzdem allenfalls verlangsamen können, wie ich zerknirscht gestehen muss.

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  2. Es soll sie geben, diese Menschen, die nur schwer mit sich alleine unterwegs sein können. Doch so alleine warst du ja nicht, die Nächte schienen mir sehr gesellig 🙂 Zum Glück kannst du jetzt zu zweit sinnlos umherstreunen… 😉

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  3. Ich denke die gesunde Mischung machts. Alleine reisen eine Qualität, die es zu Zweit oder mit der Familie und Freunde nicht gibt.
    Ich finde es am schönsten, allein und doch im Kreise von Menschen zu reisen zu sein. Z.B. auf einer Ayurveda Kur, oder Wandergruppen, Pilgern, Besichtigungen gehen auch etc……Urlaub mit Interesse Gleichgesinnter verbinden ohne Familie und Freunde im Schlepptau.

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