Ich war eigentlich selber schuld. Denn ich hatte die goldene Regel gebrochen: Erst denken, dann reden!
Es passierte in unserer wöchentlichen Teamrunde, als ich fragte, ob denn wohl Jemand eine Idee für unser diesjähriges Teamevent habe. Ich dachte dabei an einen gemütlichen Grillabend oder einen Museumsbesuch mit anschließendem Essen. Etwas Kultur mit gepflegter Unterhaltung. So in der Art.
Aber Morten überraschte mich mit dem Vorschlag, mit der ganzen Abteilung beim Firmenlauf mitzumachen. Ein Event zur Stärkung des Teamspirits, mit gemeinsamen Trikots und allem Drum und Dran. Ich hatte zwar kein klares Bild von diesem Firmenlauf, aber der Zustand meiner Kondition war mir sehr wohl bewusst. Ich laufe nämlich seit Jahren regelmäßig meine Hausstrecke von zwölf Kilometer Länge. Das mag etwas großspurig klingen, aber ohne klare Prinzipien kommt man im Sport nicht weit. Daher halte ich mich diszipliniert an den eisernen Vorsatz, an jedem Wochentag, der kein „g“ im Namen hat, zu laufen. Also immer Mittwochs.
Außer im Winter, da ist es immer schon dunkel, wenn ich nach Hause komme. Und kalt. Aber von März bis Oktober bin ich unnachgiebig. Konsequent. Eisern.
Wenn wir in Urlaub sind laufe ich natürlich nicht, also Ostern, Pfingsten, Sommerferien und Herbstferien. Und im Juli und August ist es meistens zu heiß; das wäre ja völlig ungesund.
Nun gut, das letzte Mal bin ich vor drei Jahren gelaufen. Allerdings keine zwölf Kilometer, sondern zwei. Mit einer Pause auf halber Strecke weil das Knie gezwickt hat. Was ich sagen will – meine Kondition war unterirdisch, praktisch nicht mehr existent. Daher gab ich vorsichtig zu bedenken, dass so ein Sportevent nicht für Jeden geeignet sei und wir vielleicht besser nach einer geselligen Alternative suchen sollten.
Wer nicht laufen kann, wird in die Fangruppe eingeordnet, wurde ich aber schnell eines Besseren belehrt. Die Fans werden ebenfalls mit Trikots ausgestattet und feuern dann die Läufer an. Bevor ich meine Präferenz für die Fangruppe äußern konnte, meinte Annika schnippisch in meine Richtung: „Aber du kannst ja laufen. Du willst ja sicher ein Vorbild sein.“
Und genau da passierte es. Bevor ich richtig nachgedacht hatte, murmelte ich halbherzig meine Zustimmung.
Schon eine Stunde später waren wir angemeldet und es gab kein zurück. Wir vereinbarten noch, dass wir in der Startaufstellung ganz zum Schluss bei den Hobbysportlern auflaufen würden. Es ging uns ja nicht ums Ergebnis, sondern ums Mitmachen. Olympischer Gedanke in Reinform. Als ob Männer schon jemals bei einem Sportereignis damit zufrieden waren, einfach nur dabei zu sein. Ha!
Der 19. Juli 2018 begann mit einem klaren, wolkenlosen Morgen. Die Sonne brannte seit Tagen erbarmungslos und schon lange vor der Mittagszeit stieg das Thermometer auf 30 Grad im Schatten. Es war der Tag des Friedrichshafener Firmenlaufs.
Um 18:00 Uhr sollte der Startschuss erfolgen und so machte ich mich eine Stunde vorher auf den Weg zum Messegelände, ausgerüstet mit meinen ausgelatschten Joggingschuhen und einem viel zu engen Laufshirt mit meiner Startnummer und einem elektronischen Chip für die Zeitmessung. Fünf Kilometer mussten ja wohl irgendwie zu schaffen sein, machte ich mir selbst Mut. So viele Leute würden bei dieser Hitze an einem Betriebssportfestchen wohl nicht mitmachen, und ich wollte unerkannt ohne Stress die Strecke abjoggen. So der Plan.
Als an der Messe die Parkplätze West und Ost komplett wegen Überfüllung geschlossen waren, dämmerte mir, dass hier doch etwas mehr Leute mitmachten, als ich gedacht hatte. Ich parkte bei Ost 2 und schlenderte hinüber in das Messegelände. Das Freigelände war so voll mit Menschen, dass kaum Luft zum Atmen blieb. Ein Moderator sprach von 3.800 Teilnehmern und eine Band heizte den Teilnehmern ein. Die Temperaturen waren inzwischen auf 36 Grad geklettert und machten das Warten unerträglich. Überall waren Kollegen aus der Firma zu sehen und die meisten sahen deutlich sportlicher aus als ich. Langsam machte ich mir Sorgen, wie ich aus dieser Sache ohne Blamage herauskommen sollte.
Die wogende Menge trennte mich von meinem Team und drückte mich gegen eine Hallenwand. Zum Glück entdeckte ich in der Wand eine Tür, die nur angelehnt war und ich schlüpfte hinein. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss und ließ sich nicht mehr öffnen. Die Halle hatte nur ganz oben kleine Fensterchen und meine Augen brauchten eine Weile, sich an die schummrige Umgebung zu gewöhnen.
Ich traute meinen Augen kaum. Vor mir spielte sich eine Szene ab, die mich an eine Olympiade der Tiere erinnerte, nur dass die Tiere von Menschen gespielt wurden. Ich befand mich offensichtlich in einer Art Arena, in der sich die ehrgeizigen Profisportler vor dem Wettbewerb aufwärmten und mit isotonischen Drinks versorgten.
Da sprangen langbeinige Frauen im Airbus-Trikot wie Gazellen mit federnden Sprüngen mühelos im Kreis, jeder Sprung so weit, wie bei mir fünf Schritte. Ich sah athletische Männer mit Vaude-Logo, die wie muskelbepackte Geparden kurze Sprints an der Längsseite der Arena absolvierten. Und an der Stirnseite sah ich einen sehnigen Mann, der sich wie ein Tiger dehnte und streckte – mit einer Elastizität, die ich in meinen kühnsten Träumen nicht erhoffen konnte. Ich fühlte mich eindeutig am falschen Ort.




Plötzlich hörte ich hinter mir ein rasch näher kommendes grollendes Geräusch, wie von einer Stampede. Als ich mich umdrehte, sah ich eine Herde stämmiger Nashörner im Stahlbau-Meier-Trikot auf mich zustampfen. Ich schaute, dass ich weg kam und ordnete mich unauffällig in die Reihe der Spitzensportler ein. Bei nächster Gelegenheit scherte ich aus der Runde aus und tat so, als ob ich mich dehnen würde. Ein Sanitäter, der wie ein Geier aussah, schaute mir skeptisch bei meinen uneleganten Verrenkungen zu. Sein Gesichtsausdruck schien zu sagen „Wir sehen uns wieder, mein Freundchen“.
Ein Gong ertönte und plötzlich drängten alle auf den Ausgang zu, vor dem ich stand. Ich konnte nicht ausweichen und wurde von der Menge mit nach draußen gespült. Wir bewegten uns eng aneinander gedrängt in Richtung Startlinie. Ich kämpfte gegen den Strom an, aber ich hatte keine Chance. Es war ein Gedränge wie beim Feuerwerk am Seehasenfest, jeder wollte den besten Startplatz, nur ich wollte einen Sitzplatz. Ich war schon vom Aufwärmen müde und sehnte mich nach einem kühlen Bierchen.
Plötzlich ertönte ein lauter Knall und die Menge setzte sich in Bewegung. Hinter mir sah ich schon wieder die Nashörner heranstürmen und so blieb mir nichts anderes übrig, als in der Spitzengruppe mitzulaufen. Wir stürmten an den jubelnden Zuschauern an der Startlinie vorbei, an den Kameras von Presse und Fernsehen und an einer Samba-Gruppe, die mit Trommeln den Takt angaben. Wir drängten wie die Antilopen in der Serengeti durch den eng abgesperrten Kurs.

Nach hundert Metern hatte ich eigentlich schon genug, aber die von hinten drückende Menge riss nicht ab und ich wurde gnadenlos weiter voran getrieben. Wenn ich angehalten hätte oder auch nur langsamer gelaufen wäre, hätte mich die Stampede niedergetrampelt. Die Serengeti kennt keine Gnade – die Schwachen werden konsequent ausgemerzt.
Nach einem Kilometer war ich am Ende meiner Kräfte, mir taten die Füße und der Rücken weh und mein Atem brannte heiß in der Lunge. Aber immer noch fühlte ich mich wie ein Stück Treibholz in einem reißenden Fluss. Als ich in meiner Hosentasche nach einem Taschentuch suchte, fand ich ein etwas lädiertes getrocknetes Blatt vom Baum des zweiten Atems. Ein alter Indianer hatte es mir in Amerika geschenkt, aber das ist eine andere Geschichte. Da ich nichts zu verlieren hatte, steckte ich es in den Mund. Ich erinnerte mich noch an die Warnung des Alten, das Kraut auf keinen Fall zu schlucken. In diesem Moment rempelte mich ein stämmiger Bulle aus der Nashorngruppe von der Seite an und ich verschluckte das Blatt.

Es dauerte nur wenige Schritte und ich spürte, wie die Schwere aus meinen Beinen wich. Ein Indianer kennt keinen Schmerz, dachte ich und beschleunigte meine Schritte. Als ich den Führenden bei Kilometer 2,5 überholte, schaute er verdutzt auf meine Startnummer. Offensichtlich konnte er nicht abschätzen, ob ich ein ernsthafter Konkurrent oder ein Spinner war. Ich lächelte ihm zu und zog das Tempo an. Meine Füße wirbelten über den Asphalt, aber ich spürte keine Anstrengung. Es war, als ob ich über dem Boden schwebte.
Die Wasserstation bei Kilometer 3,5 ließ ich aus, denn der Geist eines Indianers hat die volle Kontrolle über seinen Körper. Bei Kilometer 4 spürte ich, dass mein Geist sich von meinem Körper trennte. Ich schwebte einige Meter über dem Boden und sah mich selbst unten laufen. Bei Kilometer 4,5 hatte ich einen Vorsprung von hundert Metern vor dem Feld, denn die schwächlichen Bleichgesichter hatten viel zu viel Zeit bei der Wasserstation verloren.
Ich schwebte inzwischen in fünf Meter Höhe und sah, dass mein Körper eben um die letzte Kurve auf die Zielgerade lief. Und dann passierten zwei Dinge gleichzeitig. Ich flog in luftiger Höhe gegen einen Laternenpfahl. Und unten brach mein Körper 100 Meter vor dem Ziel zusammen. Beides tat sehr weh.
Während ich langsam an der Laterne nach unten rutschte, sah ich einen Notarzt und den Geier-Sanitäter aus der Aufwärmhalle zu meinem Körper eilen. Der Arzt machte eine schnelle Untersuchung, während die Spitzengruppe an uns vorbei ins Ziel lief. „Kein Puls, keine Atmung, keine Pupillenreflexe“, konstatierte er und versuchte eine Herzmassage – ohne Erfolg. Die Sanitäter hoben meinen Körper auf die Bahre und legten eine Decke darüber.
„Der ist hinüber, Todeszeitpunkt 18:17 Uhr“, konstatierte der Notarzt mit einem kurzen Blick auf seine Uhr. „He, Moment mal! So schnell geht das aber nicht“, rief ich von der Laterne, aber unten schien mich niemand zu hören. Die Beiden trugen meinen Körper zum Sanitätszelt, das im hinteren Teil des Zielbereichs stand. Als die Trage die Ziellinie überquerte, piepste der Sender in meinem Trikot. Kurz bevor alles um mich herum schwarz wurde, sah ich auf einer Anzeigetafel meine Platzierung erscheinen. Postmortaler Zieleinlauf auf Platz 1.928 – eigentlich nicht schlecht für eine Leiche.
Als ich wieder zu mir kam, war es dunkel und stickig. Ich zog die Decke von mir und stieg mit brummendem Schädel von der Bahre. Dann verließ ich das Zelt durch den Hintereingang, holte mir ein Bier und gesellte mich unauffällig zum Rest des Teams.

Am nächsten Tag sprach mein Chef mich an. „Sag mal, ich stand die ganze Zeit an der Ziellinie, und habe jeden Einzelnen angefeuert, aber dich hab ich gar nicht gesehen?“
„Oh, ach ja?“, meinte ich. “Ich könnte dir das erklären, aber du würdest mir das wahrscheinlich nicht glauben“.
Es war der erste und definitiv der letzte Firmenlauf meines Lebens.
Habe mich beim Lesen bestens amüsiert! Danke🙏
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Sehr schön! Dann hat sich das Schreiben gelohnt. Viele Grüße nach Indien.
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Tolle Geschichte, schöner Spannungsbogen und witzig noch dazu!
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Und fast wahr.😏
Danke für die Blumen!
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Na hätte ich das gewusst, dann wäre der GüRi auch mit gelaufen… 😉
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👍Na dann vielleicht nächstes Mal. Du bekommst auch von mir ein getrocknetes Blatt.😏
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Sowas trennt mich vom Seehasen-, Oktober-, Schützen-, Rutenfest, vom Wasen: meine ständige Sorge, von den Rhinozerossen zertrampelt zu werden. Oder schon vorher einfach von den Massen oft recht massiver Gestalten zerquetscht erst als Attraktion in der Geisterbahn wieder zu mir zu kommen.
Und Massensportveranstaltungen, Fasching, Karveval, Fasnet? Alles eins. Selbst die willigen Teilnehmer schaffen es doch nur mit reichlich Drogenkonsum/Doping!
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Ja, das ist manchmal schon viel zu viel Mensch auf kleinem Raum. Bist du etwa auch aus der Region Bodensee-Oberschwaben, dass du Seehasenfest und Rutenfest kennst? Wobei man ja nur eines von beiden besuchen darf, ohne die Lokalpatrioten gegen sich aufzubringen…
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Der Geburt nach bin i Allgeia. Aufgewachsen an verschiedenen Orten in Süddeutschland, bei Schwaben und Bayern. Ja, ich kenn die Region wie meine Handtasche… äh. Ja, so ungefähr.
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