In dieser Ecke Afrikas ticken die Uhren langsamer als im Rest der Welt. Wir verbrachten drei Tage im Hlane Nationalpark, in dem es genau fünf Hütten und keinen Strom gab. Und damit auch keinen Fernseher, keine Klimaanlage, keinen Lichtschalter und keine Möglichkeit, unsere Handys aufzuladen. In der ohrenbetäubenden Stille war das Summen der Fliegen überdeutlich zu hören.

Als die Akkus unserer Geräte leer waren, wurde die Zeit zäh wie Honig. Zum Glück lag direkt neben unserer Hütte ein Wasserloch, in dem eine Familie Nilpferde planschte. Am Ufer tummelten sich Giraffen, Nashörner und Elefanten.

Das herausstechende Merkmal von Elefanten ist ihr gutes Gedächtnis. Da ich diese Eigenschaft mit ihnen teile, sind mir diese Tiere sehr sympathisch. Ich erinnere mich beispielsweise noch ganz genau an eine Jugendsünde im Zoo aus meiner Schulzeit: ein junger Elefantenbulle hatte auf einem Ohr eine Narbe, die an eine Zielscheibe erinnerte. Das brachte uns Jungspunde auf die Idee, mit den herumliegenden Hasenkotbollen auf sein Ohr zu werfen. Der Elefant fand das nicht so lustig wie wir, aber uns trennte ja ein stabiler Zaun und ein tiefer Wassergraben.

Eines der Nashörner starrte mich mit einem Blick an, der mir Gänsehaut machte. Der Bulle schien zu überlegen, ob sich bei dieser Hitze ein kleiner Sprint lohnte. Ich blickte prüfend den Zaun an, der die Tiere draußen halten sollte und fand ihn erschreckend dünn. Als eine kleine Brise aufkam, wackelte der Pfosten bedenklich. Zum Glück haben Nashörner ein zu kleines Gehirn, um solche Überlegungen zu Ende zu führen.


Ich weckte an der Rezeption eine Angestellte, die in der brütenden Mittagshitze in einer schattigen Ecke gedöst hatte und fragte, ob wir denn mit unserem Mietwagen eine Self-drive-Safari ins Gehege nebenan wagen könnten. Der Kleinwagen hatte zwar schon bei dem einen oder anderen Schlagloch auf asphaltierten Straßen Probleme mit der Bodenfreiheit gehabt, aber die junge Dame hauchte nur ein gelangweiltes „Yes, you can“. Als ich nach Sicherheitsregeln fragte, meinte sie lapidar: „Don’t leave your car – You are food“.

So quälten wir unseren unschuldigen Stadtflitzer über einen Feldweg, der offensichtlich für erwachsene Geländewagen konzipiert war und verkratzten Unterboden und Metallic-Lackierung.

Die Nashörner musterten uns mit mißtrauischen Blicken und ignorierten uns ansonsten.

Als wir beinahe in Bergen von Elefantenmist stecken blieben, entschieden wir uns für einen geordneten Rückzug und beschlossen, auf die geführte Safari am nächsten Tag zu warten.

In der Nacht wurde ich vom Stampfen der Nashörner geweckt, die etwa fünf Meter neben unserer Hütte vorbei liefen. Da ich nicht mehr schlafen konnte, ging ich leise auf die Terrasse. Ich lief ein paar Meter bis zum Zaun, in der Hoffnung, vielleicht am Wasserloch etwas Interessantes zu sehen. Man konnte aber seine eigene Hand nicht erkennen, da der Mond von einer Wolke verdeckt war. So stand ich eine Weile in Gedanken versunken, als die Wolken plötzlich den Mond freigaben. Neben mir stand eine Gruppe schwarzer Männer. Wir starrten uns eine Weile überrascht an. Um das Eis zu brechen, kramte ich ein paar Brocken aus meinem Zulu-Wortschatz hervor, den ich in Vorbereitung auf diese Reise gepaukt hatte.
„Sagabona – Kunjani wena“ sagte ich. Hallo, wie geht’s?
Die erhoffte Reaktion blieb aus. Im Gegenteil, die Männer rückten näher und schauten recht bedrohlich drein. Einer zog ein Messer, ein anderer hatte eine große Säge in der Hand. Blitzartig wurde mir klar, was hier lief. Ich hatte eine Bande Wilderer überrascht, die auf das Horn eines Rhinozeros scharf waren. Immer noch glauben zu viele reiche Voll-Honks, dass sich ihre Potenzprobleme durch Nashornpulver in Wohlgefallen auflösen. Ich erwog kurz meine Optionen, entschied mich spontan für den Rückzug und sprang über den Stacheldraht. Als die Männer sich anschickten, den Zaun zu übersteigen, rief ich ihnen den einzigen Satz zu, den ich auf Zulu auswendig gelernt hatte:
„Nafahamu vizuri sana kwamba baada ya kuondoka kwangu mbwa mwitu wakali watawavamieni, na hawatakuwa na huruma kwa kundi hilo!“
Dieses Bibelzitat aus Apostel 20,29 bedeutet auf Deutsch: „Denn das weiß ich, dass nach meinem Abschied werden unter euch kommen greuliche Wölfe, die die Herde nicht verschonen werden!“
Das war zwar in dieser Situation völlig schwachsinnig, aber zu meiner Überraschung schüchterte die Herren Wilderer dieser Spruch derart ein, dass sie respektvoll ein paar Schritte vom Zaun zurückwichen. Zwei Sekunden später wusste ich auch warum. Das Nashorn, das mich nachmittags so kritisch gemustert hatte, fand mein Eindringen in sein Revier alles andere als lustig und war im Anmarsch. Ich legte einen Sprint ein und konnte mich gerade noch rechtzeitig in das Wasserloch retten.
Allerdings war die Erleichterung nur von kurzer Dauer, denn hinter mir im dunklen Wasser hörte ich ein gurgelndes Geräusch. Mir fielen die Nilpferde ein, die nachmittags im Wasser geplanscht hatten. Vom Ufer aus starrte mich das Nashorn grinsend an, als ob es wüsste, in welcher Lage ich mich befand. Also watete ich leise zu einer schmalen Böschung, unerreichbar für Nashörner und Nilpferde. Ich seufzte laut und entspannte mich.
Plötzlich traf mich etwas weiches, übelriechendes am Kopf. Ich drehte mich um und sah einen Elefantenbullen, der mich genüsslich mit seinem Rüssel mit den Kotbollen der Antilopen bewarf, die hier in Bergen herumlagen. Ich wollte weder zurück ins Wasser, noch auf dem Landweg dem Nashorn vors Horn laufen, also musste ich wohl oder übel ausharren. Dem Elefanten ging die Munition nicht aus, und er fand sichtlich Spaß an seiner Beschäftigung. Im schwachen Mondlicht erkannte ich eine zielscheibenförmige Narbe in seinem Ohr, die mir irgendwie bekannt vorkam. Man trifft sich halt immer zweimal im Leben.
Als mich der Park-Ranger bei seiner morgendlichen Patrouille fand, stand ich bis zur Hüfte in der Scheiße. Meine Erzählung glaubte er mir nicht, aber er fand sie so originell, dass er mein Eindringen in das Wildtier-Reservat nicht als Wilderei auslegte. Gut so, denn darauf steht im Königreich eSwatini die Todesstrafe und das hätte ich dann doch bedauert.
Großartige Story 😂😂😂
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Danke! Manche sagen, ich hätte zuviel Fantasie…
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Man kann doch nie genug Fantasie haben 😎.
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Das sehe ich auch so; die Realität ist ja manchmal auch viel zu trübe.
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wer den Tiger reitet, muß sehen, wie er wieder herab kommt… das gilt wohl auch für sehr, sehr große Pflanzenfresser. Ich muß sagen, dass ich diese Kaliber immer mit gehörigem Respekt beäugt habe und der Überlegung, dass der Große es wohl gewohnt ist, dass da ein Auto auf seiner Straße steht. Und er deshalb nicht gerade jetzt auf die Idee kommen wird, Abschleppdienst zu spielen.
Was die Löwen im Gras angeht (siehe entsprechende Geschichten): ja, wenn wir einfach mal anhielten wegen einer Reifenpanne oder menschlichen Bedürfnissen äugte ich immer erst aufmerksam umher – allerdings nicht nur und nicht mal zuallererst wegen großer Katzen. Auch kleinere Tiere können ungemütlich sein, etwa lange, schlanke, schwarze Tiere, die trotz fehlender Beine verblüffend flink sind. Niemand setzt sich gern in so was. Glaube ich.
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Und ausgerechnet dort steht die Wiege der Menschheit! Kein Wunder, dass unsere Vorfahren so schnell wie möglich in andere Erdteile ausgewandert sind. Obwohl jeder Kontinent natürlich seine eigenen Herausforderungen bereit hielt.
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Hmja, gemäß den Rekonstruktionen, die natürlich immer Unsicherheiten bergen, ist das der Grund, warum die Großtiere anderswo in kürzester Zeit ausgerottet wurden: zu wenig Zeit, sich an den neuen Superräuber zu gewöhnen.
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Ähm, ja: 555., Der Löwe unter dem Dornbusch… (Kapitel 1). Und andere, klar!
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