Special zur US-Wahl: Der alte Indianer

Eine Wanderung in der Gluthitze der Canyonlands kann ganz schön anstrengend sein. Wer da nicht ausreichend Flüssigkeit zu sich nimmt, kann schnell dehydrieren. Und hinterher weiß man nicht mehr, ob man wirklich den Präsidenten mit der komischen Frisur gesehen hat, oder ob das bloß Visionen waren.

In Monticello, Utah gibt es genau drei Dinge: Nichts, gar nichts und überhaupt nichts. Doch, etwas gibt es: eine vierspurige Straße, auf der Nachts die Trucks so nah an unserem Motelzimmer vorbeidonnern, dass ich meinen Arm instinktiv unter die Decke ziehe, damit keiner versehentlich drüber fährt.

Am nächsten Morgen gönnen wir uns ein kräftiges Tortilla-Frühstück im Peace Tree Cafe, denn es steht Großes auf dem Programm. Dann fahren wir durch eine monumentale Felslandschaft zum Visitor Center des Canyonlands Nationalparks.

needles in canyonlands
Felsnadeln im Needles District der Canyonlands

Durch den Zusammenfluss des Green River mit dem Colorado wird dieser Nationalpark in drei Distrikte aufgeteilt. The Maze (das Labyrinth) erhielt seinen Namen, weil im Lauf der Jahre mehr Wanderer hineingingen, als wieder herausfanden. Also ein Tummelplatz für echte Survivalfreaks mit Aktivkohle-Wasserfilter. Der zweite Distrikt, Island in the Sky, liegt tatsächlich wie eine Insel im Himmel zwischen den beiden Flüssen eingeschlossen.

Panorama Island in the Sky
Weite Ausblicke vom Island in the Sky

Von dort oben hat man atemberaubende Blicke auf den Dritten im Bunde, den Needles-District. Und dort befindet sich der „Chesler Park and Joint Loop Trail“, einer der schönsten Wanderwege der Welt. Sechzehn Kilometer Rundweg durch Wild-West-Kulissen.

Hoodoos in Canyonlands
Hoodoos

Dann geht es los, vorbei an Hoodoos, den roten Felsen mit weißer Mütze, durch Felsformationen, die sich ein Mensch nicht ausdenken könnte. Wir durchqueren enge Schluchten und marschieren über sandige Ebenen mit Kakteen. Der Weg führt vorbei an „Devils Kitchen“ zum „Furnace of Hell“. Die Temperaturen passen zu den Namen der Orte; es ist erstaunlich, wie viel Hitze Felsen speichern können.

Felsspalte
Manchmal wird es ziemlich eng

Kurz vor dem Chesler Viewpoint verweigert meine Squaw den weiteren Aufstieg und ich lege die letzten Höhenmeter alleine zurück. Oben am menschenleeren Ausguck angekommen, bin ich ebenfalls am Ende meiner Kräfte, aber ich werde mit einer überwältigenden Aussicht belohnt. Grüne Gräser sprenkeln eine sandige gelbe Hochebene, die auf allen Seiten von roten spitzen Felsen, den Needles eingerahmt ist.

needles felsen
Der Chesler Park

Es ist totenstill, nur hinter mir raschelt etwas. Als ich mich umdrehe, sitzt da plötzlich ein steinalter Indianer. Er spricht mich mit einer eigenartig gutturalen Stimme an, aber ich verstehe nicht einmal die Andeutung eines Wortes. Wahrscheinlich spricht er Navajo, die komplexeste Sprache aus der Apachenfamilie.

Furnace of hell
Felsformation „Furnace of Hell“ – Der Hochofen der Hölle

Ich zucke mit den Achseln, um dem Alten zu zeigen, dass ich ihn nicht verstehe. Er kramt in seinem Umhang und reicht mir ein getrocknetes Pflanzenblatt. Mit den Händen zeigt er mir, ich solle das Blatt in den Mund stecken. Eigentlich widerstrebt es mir, unbekannte Sachen von Fremden in den Mund zu stecken, aber dass Indianer sich perfekt mit Kräutern auskennen, weiß ich aus zahlreichen Karl May Büchern. Also lege ich das Blatt auf meine Zunge und mein Gegenüber nickt zufrieden.

Nach einigen Sekunden wird mir ganz leicht, ich spüre meinen Körper kaum noch.

„Aber nicht schlucken, mein weißer Bruder“, sagt der Indianer. „Sonst fliegst du wie ein Rabe in den Himmel.“

„Ok“, antworte ich verwundert. Nun verstehe ich ihn doch, aber man spricht halt mehr Sprachen, als man denkt. „Wer bist du?“, will ich wissen.

„Man nennt mich Avaschi njo Hruitja, aber meine Freunde nennen mich Ava.“

„Und was bedeutet das?“ Jetzt werde ich neugierig.

„Namen sind wie der Wind – sie kommen und gehen“, antwortet er ausweichend.

„Was ist das für ein Kraut?“, frage ich. „Ich fühle mich auf einmal so ausgeruht und frisch.“

„Das ist ein Blatt vom Baum des zweiten Atems“, meint er und zwinkert mir geheimnisvoll zu. „Es gibt dir verlorene Kräfte zurück und öffnet Fenster in die Vergangenheit.“

Er gießt aus einer Wasserflasche heraus eine kleine Pfütze in eine Vertiefung im Fels und winkt mich näher heran. „Schau selbst, wie es hier früher einmal aussah.“

Ich starre skeptisch in die Pfütze, in der nur die Sonne zu sehen ist, die sich auf der Wasseroberfläche spiegelt. Ich will schon aufgeben, als sich plötzlich eine Wolke vor die Sonne schiebt und ich im Wasser eine Bewegung wahrnehme.

Ich sehe das Tal des Chesler Parks. Die Felsen sind unverändert, aber das ganze Tal ist voll mit riesigen Büffelherden, die in der Nachmittagssonne grasen. Auf den Hängen springen Rehe und am Himmel kreisen Vögel. Es ist still und friedlich wie im Paradies.

Bis ein Schuss die Stille zerreißt. Und dann noch einer. Und noch einer. Drei Büffel brechen zusammen und die Herde gerät in Panik. Weitere Schüsse fallen und weitere Büffel stürzen zu Boden.

„Das ist Alfred Trumpf mit seinem Sohn Ronald“, erklärt mir der alte Indianer. „Aus seiner Familie stammt der Häuptling der Bleichgesichter ab.“

Ich beuge mich weiter vor, um verstehen zu können, was Alfred zu seinem Sohn sagt.

„Siehst du, Ronald, das war ganz einfach!“, prahlt er. „Einfach drauf halten und jeder Schuss ist ein Treffer.“

„Warum hast du so viele Büffel abgeschossen?“, will Ronald wissen.

„Weil ich es kann“, entgegnet Alfred. „Merk dir eins: Man muss sich alles nehmen, bevor es sich ein Anderer nimmt. Wir nehmen uns jetzt dieses Tal und irgendwann gehört uns ganz Amerika!“

„Aber die Büffel sind jetzt tot“, beharrt der kleine Ronald und zeigt auf die Tiere, die leblos am Boden liegen.

„Blödsinn“, weist ihn sein Vater zurecht. „Die alternative Wahrheit ist, dass diese Büffel nur schlafen. Denen gefällt das, die sind ganz scharf darauf, abgeknallt zu werden.“

„Und was ist mit den Indianern, die von diesen Büffeln leben?“, will Klein-Ronald wissen.

„Die schießen wir ab wie die Büffel und dann stecken wir den Rest in ein Reservat. Dorthin wo eh nichts wächst.“

„Und wenn sie sich wehren und zurück kommen und Rache wollen?“ Der junge Bursche ist noch nicht überzeugt.

„Vielleicht sollten wir eine Mauer bauen“, überlegt Alfred laut. „Eine große Mauer, von hier bis Mexiko – das wäre doch ein tolles Familienprojekt. Und die Mexikaner bezahlen alles, die sind eh alle faul und kriminell. Eines Tages machen wir das. Das ist eine großartige Idee, mein Sohn! Great! Awesome!“

Die Sonne kommt wieder hinter der Wolke hervor und das Bild in der Wasserpfütze verschwindet.

„Beängstigend realistisch, wie machst du das?“, will ich von meinem Indianerkumpel Ava wissen.

Er grinst nur und ich sehe, dass ihm die meisten Zähne schon ausgefallen sind. Dann reicht er mir noch ein getrocknetes Blatt und winkt mir zum Abschied.

„Benutze es mit Weisheit und schlucke es auf keinen Fall runter“, rät er mir und springt vom Felsen in die Tiefe. Als ich mich über die Felskante beuge, sehe ich unten nur einen Raben davon schweben. Ich stecke das Pflanzenblatt in meine Hosentasche und steige wieder hinab zu meiner Squaw. Wir rasten noch eine Weile und beobachten einen Raben, der mir vertraulich zuzwinkert.

Rabe
The Raven

Auf der Rückfahrt halten wir am Newspaper Rock, auf dem versteinerte indianische Zeichnungen zu sehen sind. Die Sprache kommt mir seltsam vertraut vor, aber immer wenn ich einen Begriff fast verstehe, entgleitet mir die Bedeutung. Offenbar lässt die Wirkung des Blattes bereits nach.

Newspaper Rock Canyonlands
Der Newspaper Rock

Im Motel recherchiere ich den Namen des alten Apachen. „Avaschi njo Hruitja“ bedeutet soviel wie: „Der Geist des verwirrten alten Kriegers im Körper eines Raben, der die sinnlos reisenden Bleichgesichter veräppelt“.

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Autor: sinnlosreisen

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11 Kommentare zu „Special zur US-Wahl: Der alte Indianer“

  1. Ach je, ich wieder. Erst neulich habe ich einen Indianergeschichten schreibenden alten weißen Mann zurechtgewiesen… (die den Bären stört und Folgebände, Amazon, H. Lanzinger). Er verpflanzte doch glatt einen der wenigen Trughirsche, die in der neuen Welt entstanden sind, Capreolus capreolus, das Reh, nach Amerika! Als wenn da nicht genug dieser tatsächlichen Neuwelthirsche herumspringen würden, wie etwa der Virginia – Weißwedelhirsch oder der Maultierhirsch. (Was ja ganz witzig in Bezug auf Bambi, diese Geschichte von Salten, die im Wiener Stadtwald spielt, ist – Disney hat aus dem Trughirsch Reh einen Trughirsch Weißwedelhirsch gemacht).
    Aber was weiß ich schon, was man alles sieht, wenn man fremder Leute Blätter kaut?
    Dass der weiße Mann aber nicht nur die Büffel und Indianer abknallte und ersatzweise, wieder mal ohne zu fragen, Afrikaner anschleppte, das finden all zu viele heute noch gut.

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      1. Das täuscht. Einmal wird doch dort, bei den sinnlos Reisenden, auch etwas gesagt, oder? Und ich meine sehr wohl, dass man etwas sagen darf, sogar (ha!) als weißer Mann. Und ja, wir werden zur Zeit zu sehr dazu angehalten, ein Blatt vor den Mund zu nehmen, diese oder jene Worte und Begriffe nicht zu verwenden, alles, was einmal war, zu redigieren, auszuradieren, zu beschönigen – wohin wird das führen? Eines Tages wird keiner mehr wissen, wie die vielen Leute aus Afrika nach Amerika kamen. Eines Tages wird keiner mehr daran denken, dass man in Zeiten des Wirtschaftsbooms Italiener, Griechen, Türken nach Deutschland lockte – so wie heute, mit anderen Mitteln, beispielsweise Rumänen, ohne die vermutlich keine Erdbeere im Supermarkt läge und der Billigschnitzelkäufer seine Sau selbst zerhacken müßte. Man wird’s doch noch sagen dürfen? Nicht diese Pestilenzatem verbreitende „wird man doch noch sagen dürfen“ – Hetze gegen praktisch jeden, sondern das wohlbedachte Finger in die Wunde legen. Die es nun mal gibt. Denn:
        Was wäre das für eine Gesundheitspolitik, die in Pandemiezeiten Krankenhausbetten kürzt, was für ein Wirtschaften, das keine Lagerhaltung, keine Sicherheiten für schlechte Zeiten kennt – oh, hoppla. Bin schon wieder dabei.
        Ja, ich kann die Klappe nicht halten. Stimmt. Einfach zu allem. Oh, halt, nein. Ich habe noch nichts zu, und davon versteh ich auch nichts, zu, wie war das noch mal? Ach, es fällt mir halt grade nicht ein, aber da gibt es bestimmt was!

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