The Hungry Hundred – Hungrige Wanderer

Im Gegensatz zu Urlaubsreisen ist Schule sinnvoll. Meistens. Manchmal. Gelegentlich führt sie aber zu erstklassigen häuslichen Katastrophen

Ich war vierzehn Jahre alt, als ich meiner Mutter einen ausgewachsenen Nervenzusammenbruch verschaffte. Schuld daran war die Schule; um genau zu sein: der Biologieunterricht.

Die Siebzigerjahre neigten sich langsam ihrem Ende zu. Im Kino liefen Rocky und Star Wars, ganz ohne Nummer oder Episode, denn damals ahnte noch niemand, wieviele Folgen, Episoden, Sequels und Prequels noch folgen sollten, bis diese Geldkühe fertig gemolken waren. In Friedrichshafen fand zum ersten Mal ein Umsonst&Draußen-Festival am Bodenseeufer statt – kostenlose Open Air Konzerte für Alle. Die Joints waren nicht kostenlos und ein Hauch von Woodstock wirbelte viel Staub in den erzkonservativen oberschwäbischen Amtsstuben auf.

Genesis und Pink Floyd waren auf dem Höhepunkt ihrer Kreativität, während Elvis Presley seinem tragischen Ende entgegen rauschte. Die Mädchen hörten überwiegend ABBA und Bee Gees, die Jungs standen eher auf AC/ DC, Bob Marley oder Rolling Stones. Auch sonst gab es wenig Gemeinsamkeiten zwischen Mädchen und Jungs, man fand sich gegenseitig eher eigenartig. 

In unserer Klasse 8B des Karl-Maybach-Gymnasiums saßen die Mädchen auf der linken Seite des Klassenzimmers und die Jungs auf der Rechten, fein säuberlich getrennt durch den Mittelgang. Die Schulnoten waren auch säuberlich getrennt – die Jungs hatten gute Noten in Mathe, die Mädchen eher schlechte. In allen anderen Fächern war es genau umgekehrt. Deshalb waren es auch vier Jungs, die sich ihre miese Biologienote durch einen ganz besonderen Sklavendienst aufbesserten.

Eingangstreppe zum KMG
Eingang zum KMG

Unser Biologielehrer wurde wegen seinem grauen Vollbart Knecht Ruprecht genannt. Er hatte seine Klasse jederzeit im Griff. Beim geringsten Anzeichen von Unaufmerksamkeit warf er nämlich zielsicher ein Kreidestückchen an den Kopf des jungen Träumers, was ganz schön schmerzhaft sein konnte. Trotz dieser pädagodisch wertvollen Vorgehensweise fielen einige Halbjahresnoten auf der Jungenseite ziemlich unterirdisch aus. Hoffnung auf Rettung versprach dann ein Angebot: zwei Nachmittage Mitarbeit bei der Präparation von Insekten gegen eine Schulnote Verbesserung. Wenige Tage später radelten vier Freiwillige zur Wohnung des Tierpräparators.

Knecht Ruprecht hatte die Sommerferien auf Borneo und Sumatra verbracht. Heute findet man dort vor allem Palmölplantagen, aber damals war der Regenwald noch brechend voll mit allerlei Getier. Man musste nur nachts ein weißes Leintuch mit einer Lampe anstrahlen und dann die Insekten mit der Schaufel einsammeln. Unsere Aufgabe war es, die in Äther konservierten Tierchen zu präparieren. Zwischen Faszination und Gruseln verarbeiteten wir Riesentausendfüßler, Vogelspinnen, Nashornkäfer, Skorpione und Schmetterlinge, die größer waren als hierzulande die Tauben.

Präparierte Insekten
Präparierte Insekten

Die Insekten hatten in Knecht Ruprecht einen leidenschaftlichen Freund, der zwar ohne Skrupel die Regenwälder plünderte, aber gleichzeitig die heimische Fauna zu schützen versuchte. Er lobte eine weitere Verbesserung um eine Schulnote für denjenigen aus, der eine heimische Schmetterlingsart vom Ei bis zum fertigen Schmetterling sicher über die Runden brachte. Ich konnte eine weitere Runde Pimp-deine-Schulnote gut gebrauchen und nahm die Challenge an. Da mein Originalbericht in den Wirren der Jahrzehnte verloren ging, folgt hier mein Gedächtnis-Protokoll:

Tag 1: Habe auf der Unterseite eines Brennnesselblattes ein Eigelege entdeckt. Die etwa hundert Eier sind so klein, dass ich nicht feststellen kann, zu welcher Tierart sie gehören. Es muss auf jeden Fall eine schmerzunempfindliche Art sein, denn meine Hände brennen wie Feuer.

Eigelege eines Schmetterlings
Eigelege unter einem Brennneselblatt. Photo by Wolfgang Schlegel

Tag 2: Habe die Brennnessel mit den Eiern in ein Wasserglas gestellt. Meine Eltern wundern sich über die nerdige Blumenwahl, aber immerhin sehen sie es als positives Zeichen, dass ihr pubertierender Sohn überhaupt eine Blumenvase aufstellt. Sie wissen weder vom bedenklichen Stand meiner Biologienote, noch ahnen sie etwas von diesem etwas speziellen Biologiepraktikum.

Tag 3: Die Brennnessel bekommt braune Stellen.

Tag 4: Die Brennnessel wird welk.

Tag 5: Ich hole die verwelkte Brennnessel wieder aus dem Kompost, wohin sie meine Mutter entsorgt hatte, während ich in der Schule war. Die Eier scheinen den Ausflug unbeschadet überstanden zu haben.

Tag 6: Aus einem der Eier ist etwas Winziges geschlüpft. Ich besorge eine frische Brennnessel, die bald von zahlreichen zwei Millimeter langen Würmchen besetzt wird.

Tag 7: Um die empfindlichen Zwergraupen vor allgegenwärtigen Gefahren des Haushalts wie Staubsaugern und kleinen Brüdern zu schützen, stecke ich die Brennnessel samt Bewohnern in ein Einmachglas, das ich mit einem Stück Gazestoff und einem Gummiband verschließe.

Tag 8: Das erste Blatt der Brennnessel besteht nur noch aus einem Gerippe, alles Grüne ist abgenagt. Meine Mini-Hundertschaft wandert zum nächsten Blatt.

Tag 9: Die Raupen fressen.

Tag 10: Die Raupen fressen. 

Tag 11: Die Raupen hören auf zu fressen. Ich bin beunruhigt. Dann passiert etwas Eigenartiges. Vom vielen Fressen scheint die Haut der Raupen zu eng geworden zu sein. Jedenfalls platzt eine Naht am Rücken auf und heraus kommen deutlich größere Raupen, die sich sofort wieder ans Fressen machen.

sehr viele Raupen auf einer Brennessel
Raupennest auf einer Brennnessel

Tag 12: Die Raupen fressen.

Tag 13: Die Raupen fressen.

Tag 14: Christian, mein Lieblingsfeind stellt mich auf der Straße, als ich in einer Plastiktüte einen Strauß frischer Brennnesseln nach Hause bringe. Christian ist zwei Jahre älter als ich und ein richtiger Straßenköter. Er macht Bodybuilding, wittert Schwäche auf zehn Kilometer und hat keine Skrupel. Neulich hat er mir die Hälfte der Frigeo Brausebonbons weggenommen, die ich für 10 Pfennig von meinem Taschengeld am Kiosk gekauft hatte.

Christian will wissen, was in meiner Tüte sei. Meine Antwort, dass nichts in der Tüte sei, was ihn angehe, überzeugt ihn nicht. Mit seinem Schraubstockgriff hält er meinen Arm fest und lacht mir arrogant ins Gesicht. Er greift beherzt in die Tüte und zieht dann sehr schnell seine Hand wieder heraus. Während Christian versucht, seine Gesichtszüge in den Griff zu bekommen, bringe ich mich und das sehnlichst erwartete Raupenfutter in Sicherheit.

Tag 15: Die Raupen fressen.

Tag 16: Über Nacht fand die zweite Häutung statt.

Tag 17: Die Raupen sind wahre Fressmaschinen: ein Darm auf Beinen, der vorne einen Mund und hinten einen Po hat.

Tag 18: Fressen.

Tag 19: Fressen.

Tag 20: Nach der dritten Häutung sind die Raupen so groß, dass ich sie auf fünf Einmachgläser verteilen muss. Ich verstecke die Gläser unter meinem Bett, denn der Anblick der wimmelnden Masse würde meine Mutter nicht mit Begeisterung erfüllen, soviel ist mir intuitiv klar.

Tag 21: Fressen. Meine Mutter streitet mit meinem Vater, weil er die Einmachgläser für die Kirschen im Keller nicht mehr findet. Nicht gut.

Tag 22: Fressen. Ich habe mir Handschuhe besorgt. Inzwischen muss ich jeden Tag neue Brennnesseln holen, um den Hunger der Bande zu stillen. Eine dunkle Ahnung befällt mich. Lange werde ich das blühende Leben unter meinem Bett nicht mehr geheim halten können.

Tag 23: Die Raupen sind inzwischen so groß wie mein kleiner Finger. Ihr schwarzer schlauchartiger Körper ist dicht mit Stacheln übersäht. Aus einem Insektenbuch identifiziere ich meine Schützlinge als Tagpfauenauge.

Tag 24: Fressen.

Tag 25: Als ich heute aus dem Nachmittagsunterricht nach Hause komme, höre ich hysterische Schreie aus unserem Treppenhaus. Es ist meine Mutter, die vor der Eingangstür steht. Mit Panik im Blick zeigt sie auf den Flur unserer Wohnung und gibt zusammenhanglose Satzfetzen von sich. Ich verstehe nur Fragmente: „Überall!“ und „Mach die weg!“ oder „Mein Gott, sind die gruselig“. Dazwischen schüttelt sie sich vor Ekel und bekommt Weinkrämpfe.

Eine kurze Inspektion offenbart das wahre Ausmaß der Katastrophe. Die Raupen sind inzwischen so hungrig, dass sie schon gegen Mittag alle Brennnesseln in ihren Gläsern vollständig vertilgt hatten. Ihrem Instinkt folgend kletterten sie nach oben und zogen durch ihr Eigengewicht den Gazestoff vom Glas. Dann machten sich hundert Raupen in unserer Wohnung auf die Suche nach Nahrung.

Raupe des Tagpfauenauges
Hungrige Wanderer: eine Raupe des Tagpfauenauges

Mein Zimmer liegt am Ende eines zehn Meter langen Flurs, von dem links und rechts die anderen Zimmer abgehen: Schlafzimmer meiner Eltern, Badezimmer, Küche, Wohnzimmer, Esszimmer. Die hungrige Hundertschaft folgte dem Licht und marschierte durch den Flur. Dann schwärmten Grüppchen in jedes Zimmer unserer Wohnung aus.

Ich beeile mich, die Ausbrecher wieder einzusammeln. In einer ersten Bestandsaufnahme zähle ich achtzig Raupen, also sind noch weitere Zwanzig irgendwo unterwegs. Der Hausarzt verschreibt meiner Mutter ein Beruhigungsmittel.

Tag 26: Zehn weitere Ausbrecher werden jeweils durch Schreie meiner Mutter lokalisiert: In der Garderobe, im Vorratsschrank, hinter dem Sofa. Gestern abend hatte ich ein ernstes Gespräch mit meinem Vater. Er klärt mich über die Bedeutung des Wortes „Ultimatum“ auf. Die Raupenaufzucht wird im Geräteschuppen im Garten unter strengen Auflagen fortgesetzt.

Tag 27: Im Schlafzimmer meiner Eltern finden sich drei weitere Raupen hinter der Gardine. Meine Mutter erhöht die Dosis ihres Beruhigungsmittels.

Tag 28: Die Raupen werden unruhig und hören auf zu fressen. Sie häuten sich ein letztes Mal, diesmal aber kopfüber an einem Zweig hängend. Heraus kommt eine Puppe, die über eine Woche lang bewegungslos verharrt.

Puppen Tagpfauenauge
Puppen des Tagpfauenauges. Photo by Wolfgang Schlegel

Tag 29-40: Keine Änderungen. Einige Puppen zucken gelegentlich.

Tag 41: Es ist soweit: aus den Puppen schlüpfen die Schmetterlinge. Einer nach dem anderen schält sich aus der engen Haut und entfaltet seine wunderschönen Flügel. Dann flattern sie aus dem Geräteschuppen davon in ein neues Leben voller Abenteuer.

Tagpfauenauge
Tagpfauenauge. Photo by Wolfgang Schlegel

Ich verstehe, warum ein Schmetterling Hunderte von Eiern legt. Das erste Abenteuer endet nämlich für die meisten von ihnen tödlich. Denn auf dem Dach unseres Geräteschuppens hat sich ein Vogelpärchen in Position gebracht. Sie freuen sich über die eiweißreiche Fütterung und pflücken die frisch geschlüpften Schmetterlinge elegant aus der Luft.

Am 10. Mai ist übrigens Muttertag.

Auf der Webseite von Wolfgang Schlegel findet man ausführliche Beschreibungen und viele Fotos und Videos zum Lebenszyklus des Tagpfauenauges. Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass es Jemand genau wissen will…

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Autor: sinnlosreisen

Geschichten über die lustige Seite des Urlaubs

15 Kommentare zu „The Hungry Hundred – Hungrige Wanderer“

  1. Die Geschichte hast du mir erzählt, als ich ein Glas Raupen auf meinem Tisch in der Schule hab liegen lassen. Da hatte ich auch ganz schön Angst, dass mir das selbe passiert… 😀

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  2. Was für eine großartige Geschichte – und ich hoffe, die Frau Mutter hat sich bald wieder erholt. Aber die Wissenschaft ist nun mal eine ernste Angelegenheit und nicht immer was für schwache Nerven.

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      1. Das ist wunderbar, wenn man miteinander lachen kann. Die Geschichte erinnert mich ein bisschen an den Michel von Lönneberga, der auch nie was Böses wollte, nur manche haben es nicht so einfach verkraftet.

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  3. Jep. Jugend forscht. Der schulische Auftrag, der Bildungsauftrag, die altergemäße Annäherung an Natur, Fortpflanzung… Alles gut gemacht, ich muß den Lehrer und auch den Schüler loben. Die Mutter hatte wohl keine gute Beziehung zu den sogenannten niederen Lebewesen? Nachdem uns inzwischen schon Insekten als Nahrungsmittel angepiesen werden brechen schlechte Zeiten für die Krabblerphobiker an!
    Mir sind mal Heimchen ausgekommen. Waren als Schildkröten- und Eidechsenfutter (letztere ein Wildfang. D.h., die Katze fing sie und ich rette die Schwanzlose. Und päppelte sie einige Zeit auf.) . Das war auch nicht schlecht, bis ich die alle hatte – überall zirpte es!

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